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Nicole Burzan, Silke Kohrs u.a.: Die Mitte der Gesellschaft

Cover Nicole Burzan, Silke Kohrs, Ivonne Küsters: Die Mitte der Gesellschaft. Sicherer als erwartet? Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 204 Seiten. ISBN 978-3-7799-2954-3. 24,95 EUR.
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Thema

Die Mittelschicht gilt mittlerweile nicht mehr als immun gegenüber krisenhaften Tendenzen. Ganz im Gegenteil wird diskutiert, ob nicht in der Mittelschicht die eigentliche Krisenverliererin zu vermuten ist. Bislang hat es hierzu aber an empirischen Untersuchungen gemangelt, die diese These entweder bestätigen oder aber als unhaltbare Behauptung entlarven.

Mit der vorliegenden Studie wird mittels eines Methodenmixes aus quantitativen und qualitativen Verfahren versucht, hier stichhaltige Daten zu ermitteln, um eine differenzierte Diagnose zu ermöglichen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zwölf Kapiteln aufgebaut und ist mit einem Anhang versehen, in dem sich zusätzliche Informationen zu den Daten sowie der Interviewleitfaden findet.

In der Einleitung, die zugleich das erste Kapitel darstellt, werden die Forschungsfragestellungen der Studie erläutert, die zwischen den Jahren 2011 und 2014 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde. Dabei sind neben Fragen, die die Unsicherheitsempfindungen von Mittelschichtsangehörigen betreffen, auch grundsätzliche Fragen nach der Bedeutung von Unsicherheit im Allgemeinen relevant. Weiterhin wird in der Einleitung das methodische Vorgehen der Studie vorgestellt, das zum einen aus einer Sekundäranalyse des Sozioökonomischen Panels (SOEP) besteht und zum anderen aus einem qualitativen Teil. Hier wird mittels Leitfadeninterviews zweier Berufsgruppen (JournalistInnen und qualifizierte Angestellte) ermittelt, inwiefern Haltungen und Handlungsmuster bezüglich möglicher Unsicherheiten miteinander verknüpft sind.

Das zweite Kapitel erläutert grundlegende Begrifflichkeiten und Konzepte zur Thematik der Mittelschicht. Hierbei wird zunächst in Anknüpfung an soziologische Klassiker wie Bourdieu, Berger, Weber, Geiger und vor allem Schelsky der Stellenwert der gesellschaftlichen Mitte diskutiert. Hier wie auch in späteren Diskursen und Studien zur Ungleichheit, wie sie von Müller und Rehberg durchgeführt wurden, zeigt sich die relative Unbestimmtheit der Mittelschicht. Die Problematik der Operationalisierung zeigt sich sowohl bei der Wahl der Indikatoren, wie Einkommen, Beruf aber auch Werte und Normen als auch bei der Abgrenzung gegenüber unteren sowie oberen Statusgruppen. Im weiteren Verlauf dieses Kapitels wird auf jüngere Publikationen eingegangen, die unter Schlagwörtern wie „die erschöpfte Mitte“ oder die „Erosion der gesellschaftlichen Mitte“ die Kernfrage der vorliegenden Studie seit einigen Jahren thematisieren. Was bei diesen Krisendiagnosen fehlt, so die Autorinnen, ist zum einen die Frage nach Haltungen zur Statusunsicherheit bei Mittelschichtsangehörigen sowie die Frage nach Handlungsmustern, die sich aus einer erlebten Statusunsicherheit ergeben.

Ausgehend von diesen beiden Fragen wird im dritten Kapitel ein Konzept entwickelt und vorgestellt, das den Zusammenhang von sozialer Lage, Haltungen und Handlungsmustern erklären soll. Hier werden Makro- bzw. Mesobedingungen wie sozialstaatliche Rahmenbedingungen und Entwicklungen verknüpft mit Indikatoren der objektiven Lage (wie eben Schichtzugehörigkeit aber auch Alter etc.) sowie Indikatoren der subjektiven Lage (wie z.B. Sicherheitserwartungen oder Risikobereitschaft). Hieraus, so das Konzept, ergeben sich kohortenspezifische Handlungsmuster, die sich sowohl auf Handlungsweisen (z.B. proaktiv/reaktiv) als auch Handlungsinhalte (z.B. bezogen auf Konsum, Weiterbildung etc.) beziehen.

Die folgenden fünf Kapitel bilden gemeinsam Teil B des Buches, der sich quantitativen Analysen widmet.

In Kapitel 4 wird zunächst das Vorgehen geschildert, d.h. die spezifischen Fragestellungen, die Datenbasis, die Operationalisierung sowie die verwendeten Variablen zur sozialen Lage. Von besonderer Bedeutung sind hier natürlich die Indikatoren, die auf das Unsicherheitsempfinden und daraus folgende Handlungsweisen schließen lassen. Hierzu bietet das Sozioökonomische Panel einige Indikatoren, die die Autorinnen hier ausführlich vorstellen.

In Kapitel 5 wird auf die Unsicherheit im Schichtvergleich eingegangen, wobei hier drei Indikatoren untersucht werden. Zum einen wird auf den Indikator „Sorge um die eigene wirtschaftliche Situation“ eingegangen, Im Vergleich zur Unter- bzw. Oberschicht hat sich in den Jahren 2000 bis 2011 gezeigt, dass es keine Abweichungen der Mittelschicht hinsichtlich der Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation gibt. Was sich aber sehr wohl beobachten lässt, ist, dass es in allen drei Schichten jeweils zu einem Anstieg bzw. Rückgang dieses Indikators gekommen ist. Dies legt die Schlussfolgerung nahe, dass hier Makrotrends wie die allgemeine wirtschaftliche Lage eine große Rolle gespielt haben dürften. Weitere Indikatoren, die in diesem Kapitel untersucht werden, sind die Sorge um den Arbeitsplatzverlust sowie die Lebenszufriedenheit. Auch hier zeigen sich keine auffälligen Entwicklungen, die darauf schließen lassen, dass die Mittelschicht hier mehr als die Unter- oder Oberschicht betroffen sei.

Kapitel 6 widmet sich der Frage, inwieweit sich innerhalb der Mittelschicht Gruppen identifizieren lassen, die sich unsicher fühlen. Hierzu sind in einer multivariaten Analyse verschiedene „unsicherheitswirksame Effekte“ (S. 60) ermittelt worden, die in die Analyse einbezogen werden. So werden neben demographischen Merkmalen auch erwerbsbezogene Merkmale einbezogen. Dabei zeigt sich, dass die Binnenperspektive auf die Mittelschicht deutliche Unterschiede hinsichtlich des Unsicherheitsempfindens aufweist. So gibt es markante Ost-/West-Unterschiede, die verdeutlichen, dass sich Mittelschichtangehörige aus den neuen Bundesländern deutlich mehr Sorgen um ihre eigene wirtschaftliche Situation machen. Gleiches gilt für Mittelschichtangehörige mit Kindern im Haushalt sowie Personen mit Migrationshintergrund. Im weiteren Verlauf erfolgen in diesem Kapitel detaillierte Auswertungen die verdeutlichen, dass ein genauer Blick auf die jeweils individuelle Lebenslage unabdingbar ist – und nicht von einer allgemeinen Verunsicherung der Mittelschicht gesprochen werden kann.

Kapitel 7 wendet sich dann dem Zusammenhang zwischen Unsicherheitsempfinden und den daraus folgenden Handlungsweisen zu. Hier werden einige Annahmen zu unsicherheitswirksamen Handlungsweisen getroffen wie z.B. das Ableisten von Überstunden oder aber die zusätzliche, privat geleistete Vorsorge für Krankheit und Alter. Hier zeigt sich, dass die Aussagekraft der Ergebnisse aufgrund der Datengrundlage schwierig zu interpretieren sind – jedoch lässt sich erkennen, dass z.B. private Vorsorge mit einem geringeren Anteil sich Sorgender einhergeht.

In Kapitel 8 diskutieren Autorinnen in einem Zwischenfazit die Ergebnisse der quantitativen Teilstudie und kommen zu dem Schluss, dass es zwar Unsicherheitstendenzen in der Mittelschicht gibt, diese aber eher von der individuellen Situation (wie z.B. Familie) abhängen. Von einem „schichthomogenen Sorgenempfinden“ (S. 99) kann hier also nicht gesprochen werden.

Die folgenden drei Kapitel widmen sich der qualitativen Analyse.

Hierzu wird in Kapitel 9 zunächst das Vorgehen vorgestellt, d.h. die Fragestellungen, das Sampling und die Datengrundlage, die Leitfadenkonstruktion und Interviewführung sowie die Auswertung. Wie schon in der Einleitung erwähnt, werden hier zwei Berufsgruppen genauer untersucht, zum einen JournalistInnen und zum anderen qualifizierte Angestellte.

In Kapitel 10 werden dann die Ergebnisse vorgestellt, wobei hier zunächst eine „Typologie zur Unsicherheit im Erwerbsbereich“ (S. 110 f.) vorgestellt wird. Hier wird zunächst die Grundunterscheidung zwischen Personen vorgenommen, die kein bzw. die ein Unsicherheitsgefühl im Erwerbsbereich erleben. Sodann wird unterschieden, inwieweit diese Unsicherheit als Bedrohung wahrgenommen wird oder nicht. Im weiteren Verlauf werden zu jedem dieser Typen Fallbeschreibungen und -auswertungen vorgestellt. Diese werden mit ausführlichen Interviewsequenzen unterfüttert und dicht am Material interpretiert.

Als zusammenfassendes Ergebnis konstatieren die Autorinnen in Kapitel 11, dass eine allgemeine Verunsicherung bei berufstätigen Mittelschichtsangehörigen nicht bestätigt werden kann. Was aber sehr wohl deutlich wird, ist die Erkenntnis, dass eine differenzierte Untersuchung von Un-/Sicherheitslagen, wie sie mit der von den Autorinnen entwickelten Typologie möglich ist, eine sehr viel genauere Perspektive auf die Mittelschicht ermöglicht als bislang.

Als Fazit bleibt in Kapitel 12 festzuhalten, dass die Mitte der Gesellschaft in vielerlei Hinsicht „sicherer als erwartet“ (S. 178) einzuschätzen ist. Allerdings – und das hat die qualitative Teilstudie erbracht – ist das Unsicherheitsempfinden bei Teilen der Mittelschicht durchaus vorhanden.

Zielgruppen

Das Buch ist insbesondere für Lehrende und ForscherInnen mit den Schwerpunkten Sozialstrukturanalye und Sozialer Wandel interessant. Für Studierende im Masterbereich stellt es ein gelungenes Lehrstück in Sachen empirischer Forschung dar, denn es ist überaus gut strukturiert und bietet so Anregungen für die eigene Forschungspraxis, wie z.B. eine Masterarbeit.

Für die genannten Zielgruppen ist das Buch zu empfehlen, es ist gut aufgebaut und erlaubt es, den Gang der Studie nachzuvollziehen. Inhaltlich verdeutlicht es in präziser Weise, wie mittels einer methodisch anspruchsvollen Sozialstrukturanalyse gesellschaftliche Entwicklungen untersucht und interpretiert werden können.

Fazit

Deutlich wird mit diesem Buch, dass die empirische Überprüfung von plakativen Thesen zur Lage der Gesellschaft, wie sie sowohl in den Medien als auch in der Fachwissenschaft diskutiert werden, ein komplexes Forschungsdesign erfordern. Damit konnten die Autorinnen darlegen, dass die Behauptung von der verunsicherten Mittelschicht so nicht zu halten ist – es aber gleichzeitig sehr wohl Hinweise darauf gibt, dass diese Diagnose für einzelne Gruppen innerhalb der Mittelschicht zutrifft.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Möhle
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Marion Möhle. Rezension vom 20.09.2016 zu: Nicole Burzan, Silke Kohrs, Ivonne Küsters: Die Mitte der Gesellschaft. Sicherer als erwartet? Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2954-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17920.php, Datum des Zugriffs 21.09.2019.


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