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Jörn Lamla, Henning Laux u.a. (Hrsg.): Handbuch der Soziologie

Cover Jörn Lamla, Henning Laux, Hartmut Rosa, David Strecker (Hrsg.): Handbuch der Soziologie. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2014. 522 Seiten. ISBN 978-3-8252-8601-9. D: 49,99 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,40 sFr.
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Thema

Die Soziologie als Lehre von Menschen mit gemeinsamer Kultur ist seit der Globalisierung längst über eine Erklärerin eines spezifischen, einzel-kulturellen Aggregats hinaus gewachsen. Ihre Provenienz aus dem europäisch-staatswissenschaftlichen und dem abendländisch-geschichtsphilosophischen Rahmen hat sie zugunsten weltumspannender und kontingent-zufälliger, offener Horizonte aufgegeben. Insoweit sind soziologische Ortsbestimmungen immer wieder neu vorzunehmen. Jörn Lamla, Henning Laux, Hartmut Rosa und David Strecker legen daher beim Konstanzer Universitätsverlag ein neues Handbuch der Soziologie vor, das die Strömungen der Soziologie an der Schwelle vom 20. zum 21. Jahrhundert einbezieht. Methodologische und wissenschaftstheoretisch strukturierte Beiträge lassen darin die konkreten Untersuchungsgegenstände der Soziologie folgen wie die traditionellen Bindestrich-Soziologien, worauf aber auch auf die künftigen Probleme der Weltgesellschaft wie Ökologie, Gewalt, Demografie, Beschleunigung, Sinnverlust und kritisches Räsonnement hingewiesen wird.

Herausgeber

  • Professor Dr. Jörn Lamla lehrt an der Universität Kassel Soziologie des Politischen und Ökonomischen sowie Sozial- und Gesellschaftstheorie.
  • Dr. phil. Henning Laux arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter auf den Gebieten Wissenschafts- und Technikforschung am Institut für Soziologie der Universität Bremen.
  • Professor Dr. Hartmut Rosa ist Lehrstuhlinhaber für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs Erfurt.
  • Dr. phil. David Strecker nimmt eine Vertretungsprofessur für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Universität Jena wahr.

Inhalte

Das neue Handbuch der Soziologie rekurriert in fünf Abschnitten und in 29 Einzelbeiträgen auf wissenschaftsheoretische, methodologische und lebenssektorale Beiträge zur Soziologie. Wissenschaftsheoretisch wird gesehen, dass die Soziologie viele ihrer Anliegen und Gegenstände mit anderen Disziplinen teilt. So das Streben nach einer besseren Gesellschaft mit Philosophie, Politik- und Wirtschaftswissenschaften, die Frage nach der Notwendigkeit des Sozietalen und dessen Verneinung durch Ichlinge mit Ethik und Psychologie, die Notwendigkeit der Normsetzung mit Philosophie und Recht. Dadurch gibt es eine erhebliche Fülle an soziologischer Deskription bereits vor der Zeit der soziologischen Gründungsväter angefangen bei Aristoteles über Hobbes bis zu Kant und Hegel. Die Entstehung der Soziologie im 19. Jahrhundert in einer Krisenzeit allseitiger Beschleunigung hat Parallelen zu heutiger Akzeleration mit ihren ökologischen, sinnverlustigen und demografischen Problemen, wie Wolfgang Eßbach in seinem „Soziologischen Blick“ feststellt.

Das breite Feld soziologischen Interesses hat bewirkt, dass die Disziplin wie kaum eine andere, ja sogar stellvertretend für andere Wissensgebiete, von der Auseinandersetzung über wissenschaftsheoretische Positionen durchsetzt ist. Das Handbuch beschäftigt sich bei wissenschaftsdualistischen Gegensätzen besonders mit den Themen Normativität versus Voluntarismus, naturgesetzlich-kausalem Erklären versus verstehendem Interpretieren, Atomismus versus Holismus, Realismus versus Konstruktivismus und geplantem versus evolutionärem Wandel.

An soziologie-theoretischen Grundpositionen werden explizit die folgenden acht Interpretationsschemata erläutert: Der Strukturfunktionalismus von Talcott Parsons, die Theorie Sozialer Systeme von Niklas Luhmann, die Theorie des kommunikativen Handelns per Diskurs von Jürgen Habermas, der situativ definierende, de-ontoligisierende Poststrukturalismus von Michel Foucault, die den selbstinterpretativen, durch Aufklärung nicht überwindbaren Habitus einführende Praxistheorie von Pierre Bourdieu, die Theorie rationaler Wahlhandlungen von James S. Coleman und Hartmut Esser, die Theorie der Strukturierung in besser und schlechter Kontrollierbares von Anthony Giddens und die Soziologie der Anleitung spezifischer, akteurs-naher Existenzweisen von Bruno Latour.

Methodologisch umreißen Alexandra Krause und Henning Laux den Gegensatz zwischen quantitativ-zählender und qualitativ-explorierender empirischer Sozialforschung als zwei „legitimen Versionen“ soziologischer Forschungsmethoden. Gezeigt wird auch, wie positivistische oder verstehend-interpretative Paradigmen dahinter stehen. Der Wunsch nach Nutzung von beide Forschungswege vereinender Mixed-Methodes-Designs wird mit den dagegen stehenden Widerständen kund getan.

Die lebens-sektoralen Beiträge des Handbuchs bringen jeweils kurz gefasste Übersichten über soziologische Teilgebiete. Davon werden zunächst acht schon länger eingebürgerte, spezielle Soziologien quasi als Bindestrich-Soziologien resümiert. Es handelt sich dabei um folgende Gebiete: Um die Gender-Soziologie mit ihren zunehmenden Gestaltbarkeiten von Askriptivem, um eine sozialstrukturell kritische Familiensoziologie, um eine die Normsetzung kritisch hinterfragende Rechtssoziologie, um eine ihre Akteure in ständiger Dynamik sehende Wirtschaftssoziologie, die vom Staat die Rolle des Regulators einfordert, um eine den ethischen Wert von Technik reflektierende Kultursoziologie, um eine auf historische Zufälligkeiten rekurrierende Wissenssoziologie, um eine Solidarität einfordernde Politische Soziologie und um das Gebiet der Sozialstrukturanalyse mit Schwerpunkt auf Prekariat, zu dem sich die aktuelle Themenfindung in der Soziologie vielfach noch gegenläufig bewegt.

Im letzten Abschnitt richtet das Handbuch den Blick auf sechs soziale Entwicklungen, die die Gegenwart bereits bestimmen und die Zukunft noch stärker prägen mögen: Den vom Anthropozän-Prinzip verursachten Klimawandel, die aus Brüchigkeiten sozialer Ordnungen resultierenden terroristischen Bekriegungen, die angeblich belastenden demografischen Veränderungen, die weltweiten Reichweiten- und Beschleunigungszunahmen von eskalierenden Risiken, den aus Befreiung von Bindungen resultierenden Sinnverlust und die mögliche Einsetzung der Soziologie als Forum zur Verhandlung krisenhafter Lebensverhältnisse.

Diskussion

Das neue Handbuch der Soziologie stellt ein Opus summum für alle dar, die sich fundiert und aktuell über Wesen, Methoden und Themen der Soziologie informieren möchten. Ausgewiesene Forscherinnen und Forscher umreißen die soziologische Disziplingeschichte, die Methodik der Soziologie und ihr Erkenntnisinteresse in ihrem Werden und in der Gegenwart. Verästelungen der Theoreme werden in gründlich minutiöser Herleitung und Interpretation der Theoreme einzelner Schulen aufgezeigt. Dabei werden bereits bei der historischen Analyse Themenstränge zu den aktuellen Diskussionen gezogen, in den wissenschaftsheoretischen und methodologischen Erläuterungen Blicke auf Niederschläge und Anwendungen in den sektoralen Themenfeldern eröffnet.

Umgekehrt erstaunt es den an Soziologiegeschichte eher kursorisch Interessierten, wie nachhaltig die Soziologie bereits in ihrer Frühzeit im 19. Jahrhundert erst an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert virulent gewordene Themen wie Feminismus, Gender, Inklusion, Sinnverlust, Prekariat und Zerstörung der Lebensgrundlagen thematisiert hat.

Das versöhnt damit, dass das Handbuch der Vorstellung von der Dynamik der unterworfenen Klasse nach Karl Marx kein eigenes Kapitel widmet. Das Kapitel über die Wirtschafts- und Arbeitssoziologie im vierten Abschnitt begnügt sich da zu sehr mit der Regulierungsfunktion des Staates.

Von hoher Aktualität ist im Forschungskapitel der Hinweis auf die Internet-Präsentationen als Datenquellen-Material für qualitative soziologische Forschungsarbeiten.

Es erstaunt hingegen, wie wenig der Werturteilsstreit im Handbuch repräsentiert ist. Denn die Gefahr, dass wertende Vorannahmen subkutan in Forschungsvorhaben eingehen, ist nicht von der Hand zu weisen. Das hätte im Kapitel über quantitative und qualitative Forschung diskutiert werden können. Der Werturteilsstreit ist nur im Schlusskapitel über die soziologische Begegnung gegenüber den Kapitalismuskrisen angesprochen.

Bei den theoretischen Grundpositionen hätten die Herausgeber auf die reflexive Moderne mit ihrem utopischen Realismus nach Anthony Giddens und auf die wenig greifbaren Multiexistenzen mit ihren sonderlichen Aggregaten nach Bruno Latour zugunsten von Ulrich Becks diskursiver Risikoabwehr mittels Interessenbündelung und Subpolitik sowie von Amitai Etzionis Kommunitarismus verzichten können.

Manches Gebrachte liegt für den soziologischen Normal-Verbraucher doch weit weg wie die Mixed-Methods-Forschungsdesigns oder Udo Kelles doppelter Theoriebegriff. Ein Glossar wäre neben dem vorhandenen Personen- und Sachregister in einem solch vielschichtigen Sammelwerk als Definitions- und Lesehilfe doch wünschenswert.

Fazit

Ein gut informierendes, in leicht verdaulicher Dosierung verabreichtes lexikalisches Handbuch informiert über den gegenwärtigen Forschungs-Zustand und über grundlegende Aussagen der Soziologie im Weltmaßstab.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 01.12.2014 zu: Jörn Lamla, Henning Laux, Hartmut Rosa, David Strecker (Hrsg.): Handbuch der Soziologie. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2014. ISBN 978-3-8252-8601-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17921.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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