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Marco Tiesler: Jugenderwerbs­losigkeit im Schatten aktivierender Arbeitsmarktpolitiken

Cover Marco Tiesler: Jugenderwerbslosigkeit im Schatten aktivierender Arbeitsmarktpolitiken. Deutschland und Großbritannien im Vergleich. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2014. 302 Seiten. ISBN 978-3-8300-7830-2. D: 98,80 EUR, A: 101,60 EUR, CH: 129,00 sFr.
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Thema

Marco Tiesler geht mit seiner Studie den Auswirkungen aktivierender Arbeitsmarktpolitiken in Deutschland („Harz IV“) und Großbritannien („Jobseeker´s Allowance“) auf das Leben jugendlicher Erwerbsloser auf den Grund. Es gelingt ihm dabei die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen ein Stück weit nachzuzeichnen. Als ein Ergebnis stellt er die Bedeutung des individuellen und gesellschaftlichen Verständnisses von Arbeitslosigkeit neben den arbeitsmarktpolitischen Rahmen.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist die veröffentlichte Dissertationsschrift des Autors, die er im Dezember 2013 an der Universität Hamburg erfolgreich verteidigt hat. Prof. Birgit Pfau-Effinger, Direktorin des „Centre of Globalization and Governance (CGG) an der Fakultät für Wirtschafs- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg war Betreuerin und erste Gutachterin der Arbeit. Die Arbeit wurde mit einem Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung finanziell und ideell unterstützt.

Aufbau

Der Aufbau des Buches entspricht dem „klassischen Modell“ einer Dissertationsstudie. Zunächst erfolgen nach einer Einleitung (Kapitel I) theoretische Auseinandersetzungen mit vorhandener Literatur (Kapitel II. Politische Soziologie sozialer Ungleichheit und Kapitel III. Aktivierung als logos der Arbeitsmarktpolitiken). In Abschnitt IV. begründet und beschreibt Tiesler Methodologie und Forschungsdesign, um in Teil V die empirischen Ergebnisse ausführlich zu analysieren. In den letzten beiden Kapiteln nimmt er eine Interpretation der empirischen Ergebnisse (Kapitel VI.) sowie Schlussbetrachtungen (Kapitel VII.) vor. Gerahmt wird der Text (ca. 300 Seiten) zu Beginn von dem Inhaltsverzeichnis und einem Vorwort sowie zum Schluss mit dem Literaturverzeichnis.

Inhalt

Die zentralen Forschungsfragen der Studie sind (S 7):

  1. Wie unterscheiden sich die aktivierenden Arbeitsmarktpolitiken in Deutschland und Großbritannien in Bezug auf die Integration von jugendlichen Erwerbslosen?
  2. Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Unterschieden hinsichtlich der sozialen Integration dieser Erwerbslosen?
  3. Welche Faktoren sind hierfür verantwortlich und inwiefern tragen sie zur Erklärung der Unterschiede bei?

Auf Basis des Literaturstudiums werden folgende Arbeitshypothesen aufgestellt:

  1. Je niedriger die Transferleistungen sind, desto niedriger wird der Integrationsgrad der Erwerbslosen sein.
  2. Je restriktiver die Reaktion der Arbeitsmarktpolitik, desto geringer der Integrationsgrad.
  3. Je höher der Stellenwert von Förderprogrammen, desto höhere Integrationschancen.

Forschungsleitende Integrations- und Exklusionskonzepte (Kapitel II)

Die Studie folgt den Prämissen der Sozialstrukturanalyse. D.h. es liegt im Zentrum des Interesses den Einfluss der Wohlfahrtsstaaten (als gesellschaftliche Institution) auf die AdressatInnen ihres Handelns zu identifizieren. Mit einem Abschnitt zum „Sozialen Problem der Erwerbslosigkeit“ gibt der Autor einen kurzen historischen Überblick zur Erwerbslosenforschung und bringt diesen in Zusammenhang zu Ergebnissen über den erwerbsarbeitsorientierten Wohlfahrtsstaat. Entsprechend der Hauptzielgruppe der empirischen Forschung schließt der Autor anschließend bisherige Forschungsergebnisse zu jugendlichen Erwerbslosen zusammenfassend an. Durch fehlende Erwerbsarbeit werden für Jugendliche die Chancen verhindert durch Statuspassagen in die Welt der Erwachsenen überzugehen.

„Erwerbslosen Jugendlichen wird somit der Zugang zu relevanten systemischen und lebensweltlichen Kontexten versperrt, was ihre persönliche Entfaltung maßgeblich negativ beeinflussen kann.“ S 23

Als Forschungsgegenstand der Untersuchung legt Marco Tiesler sich mit dem Nachzeichnen von durch den Wohlfahrtsstaat verursachten Integrationsgefährdungen oder Exklusionsdynamiken erwerbsloser Jugendlicher fest. In der Definition von „gelungener sozialer Integration“ von Individuen folgt er Bernhard Peters (1993) und seinen drei Handlungsdimensionen: a) funktionale Koordination, b) expressive Gemeinschaft und c) moralische Integrität. Auf diese drei Dimensionen wird Tiesler in seiner Arbeit mit den qualitativen Daten immer wieder zurückkommen. Er ergänzt dieses Konzept noch mit anerkennungstheoretischen Ausführungen von Axel Honneth.

Dem Begriff der Inklusion stellt er ein Exklusionskonzept gegenüber. Wobei der Exklusionsbegriff nicht als klassische Kategorie der Sozialstrukturanalyse zu sehen ist. Vielmehr ergänzt er bestehende Dimensionen und Determinanten der sozialen Ungleichheit. Der Autor orientiert sich an einem Exklusionsbegriff, der es ermöglicht die Lebenssituation von jugendlichen Erwerbslosen komplex und mehrdimensional zu beleuchten. Dazu formt er die von Peters entwickelten Dimensionen gelungener sozialer Integration in Dimensionen von Exklusion um (Tabelle S 68f). Auf Basis dieser Dimensionen von Integration und Exklusion entwickelt Tiesler Operationalisierungen für die empirische Analyse.

Analyse der Sicherungssysteme und Arbeitsmarktpolitiken in den von der Studie betrachteten Ländern D und GB (Kapitel III)

In diesem Abschnitt werden allgemein die Wohlfahrtsstaatlichen Systeme grundsätzlich und in den Ländern Deutschland und Großbritannien diskutiert. Im Speziellen wird der Fokus dann auf die Arbeitsmarktpolitiken gelegt. Tiesler geht vom Wandel vom fördernden hin zu einem aktivierenden Wohlfahrtsstaat in beiden Ländern aus. Dies habe großen Einfluss auf die Arbeitsmarktpolitik. In seiner Studie interessieren den Autor besonders die Auswirkungen dieser Politikveränderungen auf die Lebenssituation der Betroffenen und ihre Integration oder Ausgrenzung. Er springt dabei auf Diskussionen wie der zur „Ökonomisierung des Sozialen“ S 78 oder zur Neoliberalismuskritik auf und identifiziert den „Wohlfahrtsstaat als Teil des Ungleichheitsarrangements“ (S 89). Deutschland beschreibt der Autor als konservatives Wohlfahrtssystem mit einem Grundverständnis von Schutzbedürftigkeit und Schutzwürdigkeit und dem Subsidiaritätsprinzip. Großbritannien wird als liberales Wohlfahrtssystem identifiziert. Aktive Eigenverantwortung der Individuen wird als Grundlage für Integration gesehen. Das Ideal der sozialen Gerechtigkeit orientiert sich am Leistungsprinzip. Sozialfürsorge erfolgt bedarfsgeprüft und entfaltet nur geringe dekommodifizierende Wirkung. Im 4. Teil dieses Abschnittes werden die Grundsicherungsprogramme für unter 25-jährige in Deutschland und Großbritannien übersichtlich gegenübergestellt (S 123 und S 132). Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal ist das Prinzip der Differenzierung von Kundengruppen in Deutschland im Vergleich zu egalitären Grundsätzen der britischen Arbeitsmarktpolitik.

Methodologisches Grundgerüst und methodisches Vorgehen (Kapitel IV)

Es handelt sich um eine Studie nach Kriterien der qualitativen Sozialforschung. Subjektive Meinungen und strukturelle Bedingungen werden kontrastiert und konfrontiert. In dem verstehenden Ansatz sollen die Sinngebungen der Befragten extrahiert werden. Qualitative Interviews (problemzentrierte Leitfadeninterviews) wurden mit erwerbslosen Jugendlichen in Deutschland und Großbritannien geführt. Dabei stammen die Jugendlichen aus Hamburg (12 Gespräche) und Liverpool (8 Gespräche), zwei Städte, die sich in Bezug auf ihre arbeitsmarktspezifische Situation gleichen. Mit den transkribierten Gesprächen wurde eine Inhaltsanalyse sowie eine computergestützte Daten- und Textanalyse mit MAX.QDA durchgeführt.

Empirische Analyse (Kapitel V)

In der empirischen Analyse lässt der Autor auf mehr als 50 Seiten seine InterviewpartnerInnen immer wieder zu Wort kommen. An den Aussagen der Jugendlichen untersucht er Integrationschancen und Exklusionstendenzen.

Zur Operationalisierung greift Tiesler auf die oben bereits genannten Dimensionen gelungener sozialer Integration zurück und ordnet ihnen folgende Kategorien zu:

  • Funktionale Koordination: SachbearbeiterInnen, Sanktionen, Fördern und Fordern, Wohnungsmarkt, Versicherungen, Teilhabemöglichkeiten
  • Expressive Gemeinschaft: Familie, soziales Netzwerk
  • Moralische Integrität: Anerkennungsverletzungen

Vor eine vergleichende Analyse wird jeweils die nationale Perspektive gestellt. Wobei es bei den interviewten deutschen Jugendlichen eine Teilung gibt: Zum einen gibt es eine Gruppe hochqualifizierter Jugendlicher, die trotz Erwerbslosigkeit sozial integriert sind. Zum anderen beschreibt der Autor eine Gruppe langzeiterwerbsloser Jugendlicher mit großen Integrationsgefährdungen. In Abschnitt 3.1 werden die Unterschiede zwischen den beiden Teilgruppen Deutschlands gesondert herausgearbeitet. Aber auch beim Ländervergleich werden diese Unterschiede besonders wichtig. Es können weniger Unterschiede zwischen den britischen und deutschen hochqualifizierten Jugendlichen gefunden werden, als zwischen den britischen und den deutschen langzeiterwerbslosen Jugendlichen.

Gemeinsamkeiten: Teilnahmemöglichkeiten der Jugendlichen sind in beiden Ländern durch niedrige Transferzahlungen stark beschnitten. Allen drei Gruppen von Jugendlichen wird es durch Unterdeckung des kulturellen Mindeststandards verwehrt kulturell oder materiell zu partizipieren. Somit bleibt allen Betroffenen eine gelungene soziale Integration verwehrt. Durch eine Orientierung der Jugendlichen an tradierten Leitbildern der Arbeitsgesellschaften erhöht sich der Druck auf sie selbst umso mehr. Den Arbeitsmarktpolitiken gelingt es nicht, Integrationswege für die Erwerbslosen zu öffnen.

Hochqualifizierte Jugendliche in Deutschland und britische Jugendliche werden durch Jobcenter nicht negativ beeinflusst. Sie werden durch die Arbeitsmarktpolitik zwar nicht speziell gefördert, aber auch nicht benachteiligend behandelt. Beide Gruppen sind familiär gut eingebunden und verfügen über soziale Kontakte.

Langzeitarbeitslose Jugendliche in Deutschland hingegen erfahren vielfältige Benachteiligungen durch die Jobcenter, z.B. durch Sanktionierungen oder Leistungskürzungen. Die finanziell sehr angespannte Lage verschlechtert Integrationschancen auf allen Ebenen. Gleichzeitig ziehen sich diese Jugendlichen in ihren Sozialkontakten mehr und mehr auf ein Erwerbslosenmilieu zurück.

Interpretation der Ergebnisse (Kapitel VI)

Der Impetus der Studie, nämlich die kritische Darstellung der Lebensbedingungen von arbeitslosen Jugendlichen in zwei Ländern und den Einfluss von Arbeitsmarktpolitik auf das Leben der Bedürftigen darzustellen konnte durch die gewählte Methodik gefolgt werden. Darüber hinaus gelingt es dem Autor gesellschaftliche Macht- und Herrschaftskonstellationen, welche soziale Ungleichheiten produzieren oder festigen zu identifizieren. Dabei wird eine Doppelrolle des Wohlfahrtsstaates deutlich, der einerseits mit dem Ziel antritt Ungleichheit zu minimieren und andererseits durch Arbeitsmarktpolitik bestehende Ungleichheitsverhältnisse weiter antreibt. Die Ausgangshypothese, dass sich zwischen den verschiedenen Wohlfahrtsarrangements Deutschlands und Großbritanniens Unterschiede in den Integrationschancen ableiten lassen, konnte nicht bestätigt werden.

Grundsätzlich sichern beide Systeme funktionell die Integration, jedoch nur auf einem Existenzminimum. Dies wurde in der Analyse normativ diskutiert. Der Gewinn der Studie ist ein Nachweis, dass das individuelle und gesellschaftliche Verständnis von Arbeitslosigkeit von großer Bedeutung für Integrationschancen und Exklusionsgefährdungen darstellt. Somit müssen dem arbeitsmarktpolitischen Rahmen immer auch kulturelle Einflussfaktoren zur Seite gestellt werden.

Diskussion

Die vorliegende Studie entspricht in ihren Details und ihrer Vielschichtigkeit dem Forschungsthema. Als soziologisch interessierte, dennoch semiprofessionelle Leserin (Sozialarbeiterin und keine Soziologin) fiel es mir jedoch sehr schwer der Herleitung der Operationalisierung und Dimensionalisierung zu folgen. Die zahlreichen Zitate im empirischen Teil bieten eine ansprechende Auflockerung der sehr hochwertigen Analyse und machen das Buch damit an diesen Stellen und im Interpretationsteil besonders interessant.

Fazit

Die Studie bietet einen guten Einblick in die Lebenswirklichkeiten arbeitsloser Jugendlicher und junger Erwachsener (U25). Gepaart mit den hohen theoretischen Anforderungen, die selbstverständlich dem Status einer Dissertationsschrift geschuldet sind, ist sie jedoch keine „einfache Kost“. Ich würde mir vor allem für PraktikerInnen aus der Arbeit mit der Zielgruppe der Forschung (z.B. FallmanagerInnen in Jobcenter oder U25-Maßnahmen) eine Art „Executive Summary“ wünschen. In der deutlich wird, dass das Handeln als VertreterIn der Arbeitsmarktpolitik Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen hat.

In der bestehenden Form empfehle ich das Buch eher nur VertreterInnen aus dem wissenschaftlichen Kontext.


Rezension von
Dr. Lea Putz-Erath
Geschäftsführerin femail, FrauenInformationszentrum Vorarlberg
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Zitiervorschlag
Lea Putz-Erath. Rezension vom 22.05.2015 zu: Marco Tiesler: Jugenderwerbslosigkeit im Schatten aktivierender Arbeitsmarktpolitiken. Deutschland und Großbritannien im Vergleich. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2014. ISBN 978-3-8300-7830-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17922.php, Datum des Zugriffs 08.08.2020.


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