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Frank Adloff (Hrsg.): Kultursoziologie

Cover Frank Adloff (Hrsg.): Kultursoziologie. Campus Verlag (Frankfurt) 2014. 528 Seiten. ISBN 978-3-593-50210-6. 24,90 EUR.
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Thema

„Ohne Kultur können wir uns keine menschliche Gesellschaft vorstellen“, ohne eine (Zivil-)Gesellschaft gibt es auch keine Kultur. Diese Tautologie bedarf keiner größeren Debatte! Der anthropos, der Mensch als zôon politikon, wie das in der anthropologischen Philosophie definiert ist, nimmt in der scala naturae eine Mittel- und Mittlerstellung zwischen theos und zôon ein, kraft seines Verstandes, seiner Fähigkeit, zwischen Gut und Böse unterscheiden und Allgemeinurteile bilden zu können (Aristoteles). In den sozial- und kulturwissenschaftlichen, praxistheoretischen Forschungen und Perspektiven wird das Soziale „nicht mehr von den Strukturen, dem bloß Diskursiven oder den Individuen ( ), sondern von diesen beiden Pole(n) vermittelnden sozialen Praktiken her (gedacht)“ (vgl. Stephan Moebius, Hg., Kultur. Von den Cultural Studies bis zu den Visual Studies, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14406.php). Die Feststellung: „Wie die Gesellschaft, so die Politik“ (Franz Walter, in: Alexander Hensel / Roland Hiemann / Daniela Kallinich / Robert Lorenz / Katharina Rahlf, Hrsg., Politische Kultur in der Krise, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/15086.php), verweist auf die Ambivalenz, die sich in der soziologischen Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff ergibt: „Von Anfang an steht der Kulturbegriff in der Soziologie zum Begriff der Gesellschaft in einem Ergänzungs-, zum Teil auch in einem Konkurrenzverhältnis“.

Herausgeberteam

Ein Reader ist ein Handwerkszeug für Studium und Lehre! Es werden für ein jeweiliges Fach oder eine wissenschaftliche Fragestellung relevante Quellenmaterialien zur Verfügung gestellt. Die Kultursoziologie als ein Wissenschaftsfeld, das insbesondere Kreativitäts- (Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14393.php) und gesellschaftliche Wandlungsprozesse im Blick hat, wird vielfach von den Lehrenden und Lernenden in seiner um- und ausgreifenden, disziplinären und interdisziplinären Umfänglichkeit als ein „großes und unübersichtliches Feld“ wahrgenommen. Aus systematischen wie wissenschaftstheoretischen Aspekten verlangt die Theorie- und Praxisdiskussion nach originalen, klassischen und exemplarischen Texten, aus denen die Vielfalt des wissenschaftlichen Diskurses deutlich wird und zugänglich gemacht werden kann.

Die Soziologen Frank Adloff von der Universität Erlangen-Nürnberg, sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Stephan M. Büttner, Stephan Moebius von der Universität Graz und Rainer Schützeichel von der Universität Bielefeld geben den Reader heraus. Bei der Auswahl der Texte in deutscher und englischer Sprache war es ihr Anliegen, Quellenmaterialien zum kultursoziologischen und interdisziplinären Diskurs aufzunehmen, mit denen die grundlegenden, kulturtheoretischen Prozesse des cultural turn in der Soziologie deutlicht gemacht werden können, und mit denen ein Anschluss des deutschsprachigen Diskurses an die internationalen Debatten hergestellt werden kann.

Aufbau

Die Texte im Reader werden in zwei Teile gegliedert.

  1. Der erste Teil umfasst Texte zu „Grundlegungen der Kultursoziologie,
  2. der zweite zeigt „aktuelle Tendenzen und Entwicklungen“ auf.

Zum 1. Teil

Bereits die Textanordnung vermittelt die differenten Zugangsweisen. Die jeweiligen Unterkapitel werden jeweils mit einer Einführung durch die Herausgeber eingeleitet. Zum Feld „Kultur versus Sozialstruktur“ werden Texte ausgewählt, die sowohl das „Unbehagen in der Kultur“, als auch gesellschafts-, kultur- und ideologiekritische Positionen artikulieren; etwa die 1845/46 von Karl Marx und Friedrich Engels formulierte Einlassung über „die deutsche Ideologie“, die als Grundlegung des „Historischen Materialismus“ angesehen werden kann und zum gesellschaftlichen Wandel aufrufen: „Solange die Arbeiter nicht über ihr eigenes Klassenbewusstsein verfügen, hängen sie der ‚Ideologie‘ der bürgerlichen Gesellschaft an und damit einem ‚falschen Bewusstsein‘. Was sich für die Beherrschten letztlich auch in einem Gefühl der Machtlosigkeit und der ‚Entfremdung‘ von der Gesellschaft äußert“.

Für den kultursoziologischen Diskurs ist das Werk von Max Weber richtungsweisend. Insbesondere seine religionssoziologischen Veröffentlichungen haben bis heute Auswirkungen auf die lokalen und globalen, gesellschaftlichen Analysen. Im Unterkapitel „Religion und Lebensführung“ bringen die Herausgeber Auszüge aus ausgewählten Schriften. „Die ‚Weltbilder‘, welche durch ‚Ideen‘ geschaffen wurden, haben sehr oft als Weichensteller die Bahnen bestimmt, in denen die Dynamik der Interessen das Handeln fortbewegt“.

Als ein Vertreter der klassischen Kulturtheorie hat Georg Simmel sein Augenmerk auf alltagssoziologische Phänomene und Entwicklungen gerichtet. Mit seiner „konsequent mikrosoziologisch fundierte(n), prozessual-interaktionistisch ansetzende(n) Forschungsperspektive“ ist für ihn „Geld in de modernen Kultur“ mehr als Zahlungsmittel, nämlich ein „Kulturmuster“, das es zu durchschauen gilt, um ihm nicht zu unterliegen (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, Ist Geld die Quelle allen Übels – oder hat Geld immer recht?, 22.11.2013, socialnet.de/materialien/168.php).

Der französische Soziologe Èmile Durkheim hat in seinem Werk „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ den Versuch unternommen, die sozialen, also nicht die metaphysischen Ursprünge von Religion und Kultur herauszuarbeiten und so einen Wertekanon zu verdeutlichen, der (möglicherweise) „einen innerweltlichen Ersatz für religiöse Glaubensvorstellungen und Riten …(und) einer neuen, der Moderne adäquaten individualistischen Moral“ die Wege öffnen kann. Er studierte diese Möglichkeiten an den primitiven und einfachen Religionen der australischen Ureinwohner und kommt zu der überraschenden und (heute!) aktuellen Erkenntnis: „Im religiösen Denken gilt der Teil für das Ganze“ (vgl. dazu auch: Hans Joas, Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12425.php).

Der Durkheimschüler Maurice Halbwachs bringt in den Soziologiediskurs die Frage nach der Bedeutung des subjektiv-individuellen und des kollektiv-gesellschaftlichen Gedächtnisses ein. Er gibt damit der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung im soziologischen und interdisziplinären Duktus neue Impulse. Mit der Frage – „Genügt es, die historische Kenntnis eines Ereignisses zu rekonstruieren, das sicher stattgefunden hat, von dem wir jedoch keinen Eindruck zurückbehalten haben, um aus dem Nichts eine Erinnerung herzustellen?“ – fordert er ganz neue, individuelle und kollektive, historische und gesellschaftliche Reflexionen heraus.

Der Harward-Soziologe Talcott Parsons und der Kulturanthropologe Alfred Kroeber haben 1958 einen Aufsatz über Kultur und Gesellschaft veröffentlicht, der in englischer Sprache als „The Concepts of Cultures and of Social System“ abgedruckt wird. Grundlage der kritischen Auseinandersetzung mit den utilitaristischen Theorien, wonach Individuen in ihren Handlungen rational ihrem Eigennutz folgen, stellt dabei die Überzeugung dar, dass kulturelle Systeme und stabile soziale Ordnungen nur dann human wirksam werden könnten, wenn soziales Handeln werte- und sozialbestimmt aufeinander bezogen sei: „We therefore propose a truce to quarreling over whether culture is best understood from the perspective of society from that of culture“.

Das zweite Teilkapitel des ersten Teils „Kultur versus Natur“ führt Stephan Moebius ein. Die Kontroverse verdeutlicht sich in den Annahmen, ob sich Geist von Materie trennen lasse (Descartes), oder ob der Mensch von Natur aus ein Kulturwesen sei (Plessner / Gehlen), oder ob es überhaupt möglich sei, Grenzen zwischen Natur und Kultur zu ziehen (Claude Lévi-Strauss). Der Anthropologe Helmuth Plessner hat mit seiner Philosophischen Anthropologie in der Soziologie Markierungen gesetzt. Mit seiner Auffassung von der „exzentrischen Positionalität“ des Menschen formuliert er eine Theorie, wonach „das spezifisch Menschliche … nicht Intelligenz oder Bewusstsein, sondern Reflexivität (sei)“, was den Menschen dazu bringe, in ein Verhältnis zu sich selbst treten zu können. Dies äußere sich insbesondere in Gefühlen, die sich (scheinbar und tatsächlich) als „eine unübersehbare Emanzipiertheit des körperlichen Geschehens von der Person“ zeigen, wie er dies in seiner 1941 erstmals veröffentlichten Untersuchung der Grenzen menschlichen Verhaltens: „Lachen und Weinen“ darstellt (vgl. dazu auch: August Nitschke / Justin Stagl / Dieter R. Bauer, Hrsg.,: Überraschendes Lachen, gefordertes Weinen. Gefühle und Prozesse, Kulturen und Epochen im Vergleich, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8331.php).

Der Neffe und enge Mitarbeiter Durkheims, Marcel Mauss, hat mit seiner Arbeit „Die Techniken des Körpers“ eine Verbindung zwischen den ethnologischen und soziologischen Forschungen hergestellt. Dabei benutzte er den Begriff „Technik“ aus dem Bewusstsein heraus, dass „der Körper ( ) das erste und natürlichste Instrument des Körpers (ist)“, was bedeutet, dass sich der Mensch seiner Körperhaftigkeit bewusst werden müsse, und „die grundlegende Erziehung zu all diesen Techniken darin besteht, den Körper seinem Gebrauch anzupassen“.

Vom Kultursoziologen Karl Mannheim stammen die Verbindungslinien zwischen Geist, Kultur und Gesellschaft, die sich ansiedeln und ausprägen im Wissen, also um die Frage, wie es überhaupt dazu kam, dass über Kultur nachgedacht wird. In seinem 1922 veröffentlichten Beitrag „Über die Eigenart kultursoziologischer Erkenntnis – Zur Soziologie der Soziologie“ arbeitet er die Charakteristiken des modernen Kulturbegriffs heraus und thematisiert die gesellschaftliche Bedingtheit der Kulturgebilde: „Ist doch in der Begriffsbildung sozusagen die ganze Methodik implizit enthalten“.

Der US-amerikanische Soziologe George Herbert Mead zählt zusammen mit John Dewey u. a. zu den Klassikern des Pragmatismus. Mit seinem Text „Eine behavioristische Erklärung des signifikanten Symbols“ von 1922 zeigt er die Unterschiede zwischen menschlichem und tierischem Verhalten auf und verdeutlicht und „denkt (menschliches JS) Handeln und Verhalten nicht vom Individuum und seinen Reizreaktionen,, sondern von der sozialen Einbettung jeglichen Verhaltens und von dem umfassenderen gesellschaftlichen Umfeld aus, in dem individuelles Handeln situiert ist“.

Zum 2. Teil

Der zweite Teil „Aktuelle Tendenzen und Entwicklungen“ wird in sieben Kapitel untergliedert.

Im ersten geht es um „Wissen und Kognition“, eingeführt von Rainer Schützeichel und herausdifferenziert mit den Texten von Peter Berger und Thomas Luckmann über „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ (1969 / 2012). Damit wird gewissermaßen ein neuer turn in der Wissenssoziologie eingebracht, der die Grundlagen des Wissens in der (aktuellen) Alltagswelt pragmatisch und konstruiert aufweist, dass Wissen das ist, was in der Gesellschaft als Wissen angesehen wird. Ein wichtiger Bestandteil meines Alltagswissens ist das Wissen um die Relevanzstrukturen von anderen“.

Die Bedeutsamkeit von Sprache in diesem Wissensprozess, die bereits bei Berger und Luckmann herausgearbeitet wird, gewinnt beim US-amerikanischen Soziologen Anselm L. Strauss weitere Konturen: „Sprache muss im Mittelpunkt jeder Diskussion über Identität stehen“. Benennungen und Begriffsbildungen von Dingen und Situationen stellen Klassifizierungen dar, die das Denken, Handeln und Bewerten beim Menschen bestimmen, jedoch niemals endgültig festlegen, sondern sich als Kontinuum zeigt, das „niemals wirklich erledigt und abgeschlossen“ ist.

Niklas Luhmann nimmt diesen Gedanken der Unabgeschlossenheit von Kultur auf, indem er zum Ausdruck bringt, dass der Versuch, Kultur inhaltlich bestimmen zu wollen, zum Scheitern verurteilt sei. Ihm kommt es darauf an zu untersuchen, wie das Konzept der Kultur in den jeweiligen gesellschaftlichen, weltanschaulichen, ästhetischen… Zusammenhängen verwendet wird. Die Differenzierung von kulturellem Denken und Handeln bewirkt zudem, dass die Auseinandersetzung mit dem Begriff „Kultur“ nur als Vergleichsmaßstab sinnvoll und aussagefähig wird. Sein Text „Kultur als historischer Begriff wurde erstmals 1985 veröffentlicht.

Im zweiten Kapitel des zweiten Teils geht es um Reflexionen über „Handlung, Praxis, Performanz“, also um die Frage: „Wo und wie ist ‚Kultur‘ verankert?“. Die amerikanische Soziologin Ann Swidler liefert dazu ihren Text „Culture in Action: Symbols and Strategies“, den sie 1986 publiziert hat. Ihr geht es vor allem darum herauszuarbeiten, wie kulturell Agierende kulturelle Bedeutungen konstruieren, sich aneignen und verändern. Damit stellt sich Kultur nicht als hehres Ordnungssystem dar, sondern als ein Werkzeugkasten, „mit dem sich Akteure in ihren Handlungssituationen orientieren und mit anderen Akteuren verständigen“.

Die britische Soziologin Margaret Scotford Archer zeigt in „The Myth of Cultural Integration“ (1985) auf, wie sich Kulturen wandeln. Sie wendet sich gegen den Mythos, dass Kultur eine homogene und kohärente Einheit von Ideen, Überzeugungen und Werten darstelle, und es deshalb ermögliche, Menschen zu integrieren und ein gemeinsames kulturelles Bewusstsein zu schaffen. Vielmehr sei Kultur „gegenüber dem Denken und Urteilen wie dem Handeln der Individuen emergent“. Sie führt einen Denkansatz ein, den sie „nonconflationary approach“ bezeichnet, also die „Sphäre der Kultur als ein( ) logische(s) System von Ideen und der Sphäre der Sozialstruktur als der kommunikativen Sphäre der Akteure“ zu betrachten.

Mit dem Text „Social Performance between Ritual and Stategy“ (2011) des US-amerikanischen Soziologen Jeffrey Charles Alexander wird auf die kultursoziologische Auffassung verwiesen, „dass wir mit sprachlichen Aussagen nicht immer deskriptiv auf Sachverhalte in der Welt Bezug nehmen“. Die Theorie der „Performanz“ oder „Performativität“ will darauf aufmerksam machen, dass sprachliche oder allgemein kulturelle Phänomene besondere Wirkungen entfalten und soziale Sachverhalten und Tatsachen konstruieren können: „Performative fusion does need to be unmasked, and rational deliberation provides the means“.

Das dritte Kapitel „Körper und Affekt“ wird von Frank Adloff eingeführt. Es geht um die Auseinandersetzung darüber, „ob soziales Handeln nicht über lange Zeit hinweg zu stark aus einer kognitivistischen Perspektive verstanden wurde“. Der französische Soziologe und Sozialphilosoph Pierre Bourdieu will mit seiner „Theorie der Praxis“ eine Brücke zwischen handlungs- und strukturtheoretischen Ansätzen in der Soziologie bauen. Es ist der „Habitus“, ein gewohnheitsmäßiger Verhaltensstil, der die Art des Sprechens, des körperlichen Agierens, Fühlens, von Einstellungen, Wahrnehmungen und Bewertungen subsumiert, der auf die körperlich-vorreflexiven und gewohnheitsmäßigen Dispositionen aufmerksam macht. Sein Text „Sozialer Sinn: Kritik der theoretischen Vernunft“ (1980/1987) kann als Korrektiv im traditionell soziologischen Diskurs betrachtet werden, denn „als Produkt der Geschichte produziert der Habitus individuelle und kollektive Praktiken, also Geschichte, nach den von der Geschichte erzeugten Schemata; er gewährleistet die aktive Präsenz früherer Erfahrungen, die sich in jedem Organismus in Gestalt von Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata niederschlagen“ (siehe dazu auch: Florian von Rosenberg, Bildung und Habitustransformation. Empirische Rekonstruktionen und bildungstheoretische Reflexionen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12015.php).

Die Bedeutung von Affekten und Emotionen beim sozialen Handeln werden von der in den 1970er Jahren von US-amerikanischen Soziologen entwickelten Emotionssoziologie betrachtet. Arlie Russel Hochschild fragt, „wie soziale Konstellationen typische körpergebundene Emotionen evozieren und umgekehrt, wie Emotionen soziale Konstellationen verändern können“. Ihr 1979 erschienener Text „Emotion Work, Feeling Rules, and Social Structure“. Am Beispiel der personenbezogenen Dienstleistungen von Flugbegleiterinnen untersucht sie das Gefühlsmanagement der Bediensteten, und sie verweist dabei darauf, dass Gefühle keine rein biologischen oder psychologischen Tatbestände sind, sondern kulturelle und soziale Konstruktionen (vgl. auch: Martha Craven Nussbaum, Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17720.php).

Das vierte Kapitel im zweiten Teil „Natur und Kultur“ wird von Sebastian M. Büttner eingeleitet. Die Kontroversen zwischen naturwissenschaftlichen und kulturalistischen Positionen haben immer auch zu Kooperations- und Verständigungsprozessen zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften geführt. Der US-amerikanische Verhaltensbiologe und Primatenforscher Michael Tomasello, Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, hat mit seinem 2003 veröffentlichten Buch „Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens“ gewissermaßen eine Bresche dafür geschlagen (vgl. auch: Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17614.php).

Die Theorie- und Forschungsrichtung „Science Studies“ wird vom französischen Soziologen und Philosophen Bruno Latour vertreten. Mit seiner Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) bringt er neue Aspekte, Zugangs- und Forschungsaspekte zum Verhältnis von Natur und Kultur in die interdisziplinäre Diskussion ein (siehe dazu: Bruno Latour, Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17792.php). Sein 1999 / 2002 veröffentlichter Text „Ein Kollektiv von Menschen und nichtmenschlichen Wesen“ verweist auf Zusammenhänge, die es im disziplinären und interdisziplinären Theorie- und Forschungsdiskurs zu beachten gilt.

Das fünfte Kapitel „Kulturelle Grenzziehungen“ wird von Büttner und Schützeichel eingeführt. Dabei geht es um die Erforschung von Gruppenbildung und damit einhergehende soziale und kulturelle Abgrenzungen, die sich im angelsächsischen Diskurs zum einen von der sogenannten „Hohen Kultur“ abgrenzen, andererseits gegen materialistische und marxistische Theorien Distanz entwickeln. In den als „Cultural Studies“ versammelnden Theorien kommt zum Ausdruck, dass Kultur sich nicht als segmentierter oder abgeschiedener Bereich gesellschaftlichen Lebens darstellt, sondern sich in allen Fasern des alltäglichen Lebens zeigt. Der britische Soziologe Raymond Williams zeigt mit seinem Text „The Analysis of Culture“ die verschiedenen Ausprägungen von kulturellen Sphären auf: Die dominante, hegemoniale Kultur, die Kultur des Widerstreits, und die „emergent culture“, in der sich kulturelle Variationen und Neuerungen artikulieren: „Culture as a whole way of life“.

Die Kultursoziologin von der Harward Universität, Michèle Lamont, untersucht in ihrem 1992 erschienenem, vergleichendem Buch „Money, Moral and Manners: The Culture of the French and the American Upper-Midde1Class“ und dem 1996 im Berliner Journal für Soziologie erschienenem Aufsatz „Das Wesen der Tugend: Symbolische Grenzen in der französischen und amerikanischen oberen Mittelklasse“, Formen, Einstellungs- und Verhaltensmuster von moralischen, kulturellen und sozialen Abgrenzungen. Sie zeigen sich in Frankreich eher durch kulturellem Ausschluss, während Amerikaner sich überwiegend auf der Grundlage beruflichen und sozialen Erfolges von anderen Personen abgrenzen; moralische Exklusion zeigt sich in beiden Gesellschaften in gleicher Weise.

Der Soziologe von der University of California, Rogers Brubaker und der Historiker von der New York University, Frederick Cooper, plädieren dafür, bei der aktuellen Forschung über Ethnizität und Nationalismus über den etablierten Begriff „kollektive Identität“ hinaus zu gehen und Strategien, Muster und Kategorien bei Gruppen- und Gemeinschaftsbildungen in den Blick zu nehmen. Der 2000 erschienene Aufsatz „Beyond Identity“ ist 2012 im Buch „Identität“ in deutscher Sprache erschienen. Im Text „Über Identität hinaus“ wird „Identität… sowohl (als) eine Kategorie der Praxis als auch eine Kategorie der Analyse“ thematisiert. An Beispielen werden starke und schwache Identitätskonzepte dargestellt, und dabei sowohl auf die Bedeutung der Sozialanalyse für allgemeingesellschaftliches, als auch politisches Denken und Handeln verwiesen.

Das sechste Kapitel „Moderne Subjekte“ wird von Stephan Moebius und Sebastian M. Büttner eingeführt. Die neueren kultursoziologischen Subjektforschungen werden von mehreren Grundannahmen bestimmt: Zum einen wird Subjekthaftigkeit in Abhängigkeit zu kulturellen Ordnungen und spezifischen Repräsentationssystemen verstanden; zum zweiten verweist die historische Perspektive darauf, wie und wann spezifische Subjektformen und -ordnungen entstehen und sich als alternativlose Subjektmodellierung darstellen; zum dritten bestimmen das tägliche „doing culture“ und „doing gender“ die Selbstformierungen und Reproduktionen der Subjektformen das Bild; viertens werden körperliche, affektive und psychische Dimensionen der Subjektivierung bedeutsamer; und fünftens wird wichtig(er), wie kulturelle (Wissens-)Ordnungen durch Macht- und Herrschaftsverhältnisse möglich, beeinflusst oder auch verhindert werden.

Da ist auch auf das Werk des Theoretikers der modernen Subjektkonstitution Michel Foucault, zu verweisen. Aus seinen umfangreichen Arbeiten wählen die Herausgeber zwei Texte aus 1982 aus, die sie mit dem Titel „Subjekt und Macht“ ausweisen. Foucault verweist darauf, dass wir heute „eine neue Ökonomie der Machtbeziehungen“ benötigen, die, um sie erkennbar und handhabbar zu machen, stärker empirisch ausgerichtet und unmittelbarer mit unserer gegenwärtigen Situation verbunden sein muss. Weil keine Gesellschaft ohne Machtbeziehungen besteht und auskommt, kommt es darauf an zu erkennen, dass „bei der Ausübung von Macht die einen das mögliche Handlungsfeld der anderen strukturieren“. Bei der Analyse von Machtbeziehungen bedarf es der Beachtung von mehreren Aspekten – der Differenzierung, der Zielsetzung, der Mittel, der Institutionalisierung und der Rationalisierung – und der Erkenntnis: „Die Machtbeziehungen wurzeln im gesamten gesellschaftlichen Geflecht“.

Die US-amerikanischen Soziologen John W. Meyer und Ronald L. Jepperson zeigen mit ihrem 2002 erschienenem und in dem Buch von John W. Meyer: Weltkultur. Wie die westlichen Prinzipien die Welt durchdringen (2005) abgedrucktem Text „Die ‚Akteure‘ der modernen Gesellschaft: Die kulturelle Konstruktion sozialer Agentschaft“ auf, dass die globale Verbreitung westlicher Institutionen und Strukturen keiner Zweckrationalität oder „Stimmigkeit“ folge; vielmehr von „Agenten“, anscheinend nicht interinteressengeleiteten Aktivitäten von unabhängigen Nichtregierungsorganisationen, Experten und Wissenschaftlern gepuscht würden. Die Entwicklung, Wirkungs- und Machtausweitung von Systemen sozialer Agentschaft gilt es zu erkennen und kritisch zu analysieren.

Wie bereits in anderen Zusammenhängen diskutiert, bedingen alltägliche, performative Praktiken bei der Produktion, Reproduktion und Naturalisierung von Subjektformen Wirklichkeiten. Die Soziologen von der University of California, Candace West und Don H. Zimmerman, diskutieren mit ihrem Text „Doing Gender“ (1987) die unterschiedlichen Entwicklungen und (Macht-)Positionen, wie sie sich aus den alltäglichen Praktiken ergeben, Geschlecht neu auszuhandeln. Die paradigmatische Feststellung – „In the beginning, there was sex and there was gender“ – wird vom Autorenteam analysiert, differenziert und kategorisiert: „Gender is a powerful ideological device, which produces, reporuduces, and legitimates the choises and limits that are predicated on sex category“.

Im siebten und letzten Unterkapitel des zweiten Teils des Readers geht es um „Kultur(en) der Moderne(n)“. Die folgenden Texte werden von Frank Adloff und Rainer Schützeichel annotiert. Der US-amerikanische Politologe von der University of Michigan, Ronald Inglehart, hat 1977 mit seinem Buch „The Silent Revolution“ darauf aufmerksam gemacht, dass sich in den westlichen Gesellschaften ein Wertewandel vollziehe. Die von ihm begründeten Wertewandeltheorie basiert auf der Erkenntnis, „dass die Werte eines Menschen davon abhängen, ob er im Wohlstand aufwächst“. Mit der „Mangelhypothese“ begründet er, dass Menschen die Güter begehren, die knapp sind. Bei den westlichen Gesellschaften zeige sich ein Übergang von materialistischen zu postmaterialistischen Werten, also ein „Wandel von der Orientierung an traditionellen, häufig religiös begründeten Autoritäten hin zu säkularen, rational-gesetzlichen Autoritäten“, und damit zu einem Perspektivenwechsel „von so genannten Überlebens- oder existentiellen Werten zu Selbstverwirklichung“. Der Text „Mapping Global Values“ ist seinem 2006 erschienenem Buch mit gleichem Titel entnommen.

Den Schlussbeitrag liefert der israelische Soziologe Shmuel N. Eisenstadt: „Die Vielfalt der Moderne aus einer weberianischen Perspektive“. Der Text ist der auf Deutsch erschienenen Essay-Sammlung „Theorie und Moderne“ (2006) entnommen. Die Modernisierungen von Kulturen und Gesellschaften vollziehen sich durch strukturell produzierte Prozesse und Widersprüche bei den sozialen Ordnungen; jedoch nicht linear, sondern pluralitisch. Es gibt also nicht die eine westliche Moderne, sondern „multiple Modernen, unterschiedliche Pfade, die sich wechselseitig beeinflussen und prägen“. Eisenstadt begründet diese These, indem er zum einen auf den „Verlust der Gewissheitszeichen“ verweist und nach Programmen Ausschau hält, wie „der Kampf um ihre Wiederaufrichtung“ sich vollziehen könne; zum anderen dadurch, dass er „die Antinomien und Spannungen in dem kulturellen und politischen Programm der Moderne“ verdeutlicht; um sich schließlich mit den „zerstörerischen Komponenten der Moderne“ auseinander zu setzen.

Fazit

Ein Reader ist ein Reader! Die gesammelten und präsentierten Quellenmaterialien sollen einen bestimmten Zweck dienen! Der Reader „Kultursoziologie“ will keine Bestandsaufnahme des wissenschaftlichen Diskurses über Kultur aus soziologischer Sicht sein! Er will aber auch keinen einseitigen Blick auf die Kultursoziologie lenken! Dieser Spagat ist nicht leicht zu leisten! Das Autorenteam hat dabei Bescheidenheit in den Ansprüchen mit wissenschaftlicher Herausforderung zu paaren gewusst! Der Anspruch der Herausgabe des Readers nämlich besteht darin, die ausgewählten Texte für die wissenschaftliche Lehre zur Verfügung zu stellen und „eine Sammlung von breit anerkannten und einschlägigen Texten aus unterschiedlichen Zeiten und Bereichen der kultursoziologischen Diskussion bereit(zu)stellen“. Dabei sind doch zwei „Bestandsaufnahmen“ relevant: Die eine besagt, dass der deutschsprachige Diskurs über kultursoziologische Theoriebildung, Lehr- und Praxisbezüge einer „nachholenden“ Aufmerksamkeit der weitgehend anglo- und frankophonen Aktivitäten bedarf; weshalb die Herausgeber auch darauf verzichteten, neuere Texte deutschsprachiger Autoren aufzunehmen; die andere, „vor allem den soziologischen Nachwuchs stärker an die internationalen Debatten heranzuführen“. Damit ist auch vornehmlich der Adressatenkreis genannt, für den der Reader gedacht ist!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.05.2015 zu: Frank Adloff (Hrsg.): Kultursoziologie. Campus Verlag (Frankfurt) 2014. ISBN 978-3-593-50210-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17923.php, Datum des Zugriffs 28.05.2017.


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