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Andrea Karsten: Schreiben im Blick

Cover Andrea Karsten: Schreiben im Blick. Schriftliche Formen der sprachlichen Tätigkeit aus dialogischer Perspektive. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2014. 572 Seiten. ISBN 978-3-86541-641-4. 29,95 EUR.
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Thema

Die Sprachwissenschaft als kultur-historische Humanwissenschaft erforscht nicht nur das gesprochene, sondern auch das geschriebene Wort. Andrea Karsten analysiert das Schreiben in ihrer Promotionsarbeit in Rückgriff auf das dialogische Paradigma der Sprachwissenschaften und Psycholinguistik, wie es Anfang des 20. Jahrhunderts etabliert wurde. Neben einer ausführlichen theoretischen Herleitung und Diskussion der geschriebenen Sprache als dialogischer Handlung, präsentiert die Autorin die Ergebnisse ihrer qualitativ-empirischen Einzelfallforschung und stellt sie in den Kontext ihrer konzeptuellen Annahmen.

Autorin

Andrea Karsten promovierte mit der vorliegenden Arbeit zwischen 2007 und 2012 an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Inzwischen ist sie seit 2014 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Schreiben der Universität Paderborn. Ihre Forschungsschwerpunkte ist die dialogische und kulturhistorische Konzeption von Sprache, das sie mit Mikroanalysen von Texten und Gesprächen empirisch erforscht.

Entstehungshintergrund

In der Reihe International Cultural-historical Human Sciences (ICHS) des Lehmanns Media Verlags erscheinen seit 1996 Monographien und Aufsatzsammlungen, die sich thematisch um den Ansatz der sog. kulturhistorischen Schule des UdSSR Psycholinguisten Lew Semjonowitsch Wygotskis gruppiert. Veröffentlicht werden gleichermaßen historisch-kritische Kommentare, wie zeitgenössische Beiträge zur Sprachwissenschaft und Psychologie, sowie Arbeiten zu praktischen Implikationen aus den kulturhistorischen Konzepten dieser Prägung.

Bei Karstens Arbeit handelt es sich um den 49. der bisher 50 veröffentlichten Bände. Sie wurde 2012 als Dissertation bei Wolfgang Schulze am Institut für Allgemeine und Typologische Sprachwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München angenommen.

Aufbau

Die Arbeit gliedert sich in drei Teile und 13 Kapitel

  1. Einleitung

    Erster Teil: Dialogische Perspektive

  2. Historische Situierung einer dialogischen Sprachauffassung
  3. Äußerung und sprachliche Tätigkeit
  4. Positionen im Dialog
  5. Formen und Bedeuten
  6. Inneres Sprechen – reflexive Zugewandtheit

    Zweiter Teil: Konzeptionen von Schreiben

  7. Perspektiven der Schreibforschung
  8. Schreiben aus dialogischer Perspektive

    Dritter Teil: Eine dialogische Studie

  9. Methodik und Methode
  10. Ergebnisse der Analyse: Signifikante Episoden in den Einzelfällen
  11. Ergebnisse der Analyse: Kernthematiken im Vergleich
  12. Reflexion der Analyse-Ergebnisse
  13. Resümee: Schreiben im Blick

Es lässt sich zu etwa gleichen Teilen eine theoretische Darstellung im ersten und zweiten Teil von einer empirischen Untersuchung im dritten Teil abgrenzen. Der erste Teil dient der Einführung in die historischen und konzeptionellen Grundlagen, der zweite Teil der Ausbreitung des thematischen Fokus der Schreibforschung und der letzte Teil der Vorstellung und Diskussion der Einzelfallstudien.

Zum ersten Teil

Der erste Teil stellt die sprachwissenschaftliche Grundlage der Arbeit dar. Bei dem sog. dialogischen Ansatz handelt es sich um ein Verständnis des sprachlichen Verhaltens und Handelns, das seinen Ausgang in der sozialen Interaktion nimmt. Die zentralen klassischen Autoren sind dabei Lev Jakubinskij, Lev Vygotskij, Valentin Volo?inov und Michail Bachtin, deren Leben und Werk die Autorin umreißt; jenseits dieses Paradigmas wird zudem auch wesentlich auf Konzepte z. B. Karl Bühlers zurückgegriffen.

Als Kernthemen der dialogischen Sprachwissenschaft werden Konzepte wie Position, nach der jeder „Hörer, wenn er die (sprachliche) Bedeutung der Rede wahrnimmt und versteht, gleichzeitig eine aktive Antwortposition“ (S. 89) einnimmt, Chronotopos, die raumzeitliche Verortung von Menschen in der Rede, oder Inszenierung, die „Herstellung symbolischer Welten“ (S. 146) durch die Sprache im Sinne einer Theatermetaphorik, eingeführt und als theoretische Rahmung etabliert.

Im Zentrum steht dabei die Profilierung des dialogischen Denkens in Abgrenzung von konkurrierenden sprachwissenschaftlichen Erklärungsmodellen, wie etwa der Kognitiven Linguistik (S. 152ff), und die Bezugnahme auf thematisch verbundene Disziplinen, insbesondere die Psycholinguistik (S. 175ff), mit der sich bereits die Klassiker, insbesondere Vygotskij auseinandergesetzt hatten, aber auch die Philosophie (S. 49ff), die Soziologie (S. S. 146ff) oder die Entwicklungspsychologie (S. 183ff).

Zum zweiten Teil

Im kürzeren zweiten Teil artikuliert Karsten ihre Überlegungen zur geschriebenen Sprache auf der Grundlage des dialogischen Denkens.

Nach einem Überblick über die bereits verfügbaren Analysen des Schreibens kommt sie zu dem Urteil, dass „keiner der Ansätze vollständig der in Teil I dieser Arbeit entwickelten dialogischen Sprachauffassung kompatibel ist“ (S. 235).

Daran anschließend offeriert sie ein genuin dialogisches Konzept zum Verständnis des Schreibens, das sie durch vier Folgerungen kennzeichnet:

  1. Erstens könne Schreiben in seinem „Vollzugscharakter und in seinen dialogischen Beziehungen“ (S. 246) zu anderen Äußerungen ins Verhältnis gesetzt werden, es handele sich also um einen Modus der Sprache im Allgemeinen.
  2. Zweitens müssen die Positionen der schriftlichen Äußerung hinsichtlich Qualität und Teilnahmestatus bestimmt werden (S. 247).
  3. Drittens unterscheide sich das Schreiben vom mündlichen Sprechen durch die Präsentationsweise (S. 250).
  4. Viertens sei zu untersuchen, wie die Typisierungsprozesse in schriftlichen Formen der sprachlichen Tätigkeit zu konzipieren sind (S. 251).

Insgesamt sei in diesen Folgerungen die „Kontinuität zwischen mündlichen und schriftlichen Äußerungen betont“ (S. 253), welche zu untersuchen das empirische Anliegen der Arbeit sei.

Zum dritten Teil

Der letzte Teil konzentriert sich auf die Vorstellung und Diskussion der Ergebnisse dreier Einzelfälle mit gleichem Studiendesign. Es handelte sich um die Videoaufzeichnung einer Schreibepisode in einem ersten Schritt, der frei kommentierten Autokonfrontation mit dieser Aufnahme in einem zweiten, welcher ebenfalls als Video festgehalten und später analysiert wurde.

Interpretativ greift die Autorin auf das Material der Videos, deren Transkripte sowie der Protokolle der Episoden für „eine Analyse im diskursanalytischen Stil“ (S. 258) zurück. Demgemäß besteht der Ergebnisbericht des dritten Teils maßgeblich aus einer Mikroanalyse und Diskussion von Transkripten. Im Fokus der Interpretation stehen dabei „typische Formen und Funktionen der inneren sprachlichen Tätigkeit beim Schreiben“ (S. 488), derer sie fünf Gruppen benennt:

  1. öffnende Fragen,
  2. Benennen von Inhalten,
  3. konkrete Fragen,
  4. Bewertungen und
  5. Imperative.

An ihnen werde die Dialogizität des Schreibens sichtbar: So handele es sich „[b]ei der Entstehung einer schriftlichen Äußerung […] um eine positionierte und adressierte Präsentation“ (S. 490) im Sinne der zuvor etablierten dialogischen Terminologie.

Karsten resümiert, dass sich die Funktionalität der schriftlichen Äußerung an ihrer sprachlichen Form zeige (S. 517), also die sprachliche Performanz der Probanden einen wesentlichen Einfluss auf ihr schriftliches Produkt ausübe. Zugleich bestehe eine „Spezifik des schriftlichen Modus“ (S. 518), der nach dialogischer Konzeption z. B. durch seine raumzeitliche Verfassung klar abgegrenzt, aber auch ins Verhältnis zu anderen Modi gesetzt werden könne.

Diskussion

Die theoretische Grundlage, von der Karstens sprachwissenschaftliche Diskussion des Sprechens ihren Ausgang nimmt, reicht weit über die Sprachwissenschaften hinaus in die Anthropologie und Psychologie. Sie bezieht sich auf Konzepte, wie Tätigkeit (S. 51ff), Denken (S. 38ff) und Bedeutung (S. 131ff), deren Kontext eine umfangreiche Begriffsgeschichte umspannt, und eine ausführliche Diskussion anbietet.

Die Autorin entwirft ihre Arbeit allerdings in stringenter Orientierung hin auf ihren empirischen Beitrag; stellt die theoretische Grundlage also bis auf Weiteres vornehmlich nur vor, oder grenzt sie extensiv von anrainenden Theorien ab, sucht den fundierenden Austausch jedoch nur vereinzelt. Hierin, so mag geurteilt werden, hätte bisweilen nur eine optionale Ergänzung bestanden, doch es gilt hervorzuheben, dass diese theoretischen Kontexte die Methodologie des empirischen Teils selbst betroffen hätten.

Insbesondere die psychologische Introspektionsdebatte stellt eine wesentliche Voraussetzung für die Beurteilung der Validität des gewählten Selbstbeobachtungsexperiments dar. Die Frage, ob die Selbstbeschreibung des eigenen Verhaltens akkurat sein kann, oder nicht vielmehr wesentliche Verzerrungen bestehen, die die Selbstbeschreibung vom Erlebnis entkoppeln, betrifft gleichermaßen die von Karten diskutierte (S. 200ff), ebenfalls bei ICHS erschienene psycholinguistische Arbeit von Werani über die Relevanz des Inneren Sprechens für das Problemlösen. Die hier verwendeten sog. think aloud protocols, eine in Grundzügen zur vorliegenden Arbeit analoge empirische Methode, werden seit den 1970er Jahren systematisch in der Debatte der allgemeinen Psychologie infrage gestellt (Vgl. z. B. Nisbett & Wilson, 1977). Deswegen gilt es hervorzuheben, dass die Arbeit dort, wo sie psycholinguistisch argumentiert, diesen Anspruch in erster Linie von sprachwissenschaftlicher Seite einholt.

Diese Tendenz setzt sich im empirischen Teil selbst fort, weil die gewählte Methode der qualitativen Mikroanalyse als inhaltliche Untersuchung ausführlicher Transkripte bei geringem Stichprobenumfang die reliable Ableitung der typischen Formen und Funktionen der inneren sprachlichen Tätigkeit beim Schreiben nach psychologisch etablierten Gütekriterien nicht gewährleistet. Diesen Unterschied hinsichtlich der Gütekriterien quantitativer und qualitativer Forschung diskutiert die Autorin kurz (S. 296ff) und stellt heraus, dass die „kommunikative Validierung“ (S. 298) im Vordergrund stehe. Es handelt sich also in erster Linie um qualitative empirische Sprachwissenschaft, die sich durch eine detaillierte und konzeptuell fundierte Analyse von Textbeständen auszeichnet. Inwiefern diese Methodik adäquat für einen humanwissenschaftlichen Anspruch, nach dem insbesondere die Verallgemeinerung durch Abstraktion vom Einzelfall im Zentrum steht, ist, bleibt fraglich, insofern als schwer zu leugnen ist, dass die vorliegende empirische Untersuchung den hoch komplexen Vorgang schriftsprachlicher Äußerung eher individuenspezifisch für die drei Einzelfälle diskutiert, denn auf die Gesamtpopulation zu generalisieren vermag. In dieser Hinsicht, sollte die Arbeit also als explorative Analyse verstanden werden.

Jenseits des psycholinguistischen Anspruchs, der sich aus der Themenwahl und den Hypothesen ableitet, sollte die Arbeit als sprachwissenschaftliche in erster Linie als Beitrag zur Etablierung und Aktualisierung des dialogischen Paradigmas der Kulturwissenschaften verstanden werden. Die ausführliche Darstellung der historischen Grundlagen in ihren Kernbegriffen sowie deren Referentialisierung zu zeitgenössischen Konzepten bleibt der theoretische Fokus des ersten Teils, und bleibt in der Diskussion der empirischen Ergebnisse maßgeblich erhalten. In diesem Sinne ist die Arbeit ein gelungener Beitrag zur Anregung sprachwissenschaftlicher Kontroverse, indem eine klare Position artikuliert wird. Überdies vermag Karsten in Ansätzen die interdisziplinäre Auseinandersetzung anregen, wo sie Bezüge zu thematisch verbundenen Perspektiven anderer Disziplinen sucht. Diese Interaktionsangebote gilt es von anderer Seite zu erwidern.

Fazit

Schreiben als dialogische Tätigkeit zu begreifen, scheint kontraintuitiv. Auf Grundlage des dialogischen Paradigmas der Kulturwissenschaften argumentiert Andrea Karsten jedoch für diesen kontroversen Entwurf und sucht ihre Hypothese mit einer empirischen Mikroanalyse sprachproduktiver Einzelfälle zu stützen. Als Beitrag zur Psycholinguistik liefert sie somit eine innovative Position, die zur Kontroverse anregt. Dabei bleibt sie allerdings in erster Linie Sprachwissenschaftlerin, ohne die methodologischen Diskussionen der Psychologie oder die zugrunde liegenden anthropologischen Fragestellungen in vollem Umfang einzuholen. In der Arbeit steht die Darstellung und zeitgenössisch aktualisierte Diskussion des dialogischen Paradigmas einerseits, die mikroanalytische Einzelfallforschung andererseits im Zentrum.

Summary

To understand writing as a dialogical activity appears to be counterintuitive. Yet, Andrea Karsten argues for this controversial concept on basis of the cultural-historical dialogical paradigm and tries to support her hypothesis by the empirical micro-analysis of a single case study. As a contribution to psycholinguistics, she provides an innovative position that supports controversies. Doing so, she remains a linguist in the first place since she doesn´t completely factor in neither the methodological discussions of psychology nor the fundamental anthropological concerns. The key matters to her work are the dialogical paradigm´s display and contemporarily updated discussion as well as the micro-analytical single case study.


Rezensent
Alexander N. Wendt
M.Sc. (Psychologie)
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Zitiervorschlag
Alexander N. Wendt. Rezension vom 27.04.2016 zu: Andrea Karsten: Schreiben im Blick. Schriftliche Formen der sprachlichen Tätigkeit aus dialogischer Perspektive. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2014. ISBN 978-3-86541-641-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17926.php, Datum des Zugriffs 24.07.2017.


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