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Sybille Frank, Petra Gehring u.a. (Hrsg.): Städte unterscheiden lernen

Cover Sybille Frank, Petra Gehring, Julika Griem, Michael Haus (Hrsg.): Städte unterscheiden lernen. Zur Analyse interurbaner Kontraste: Birmingham, Dortmund, Frankfurt, Glasgow. Campus Verlag (Frankfurt) 2014. 470 Seiten. ISBN 978-3-593-50211-3. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 47,90 sFr.
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Thema

Was ist eine Stadt und wie unterscheiden sich Städte? Oder ist es auch so, dass, wer sich in Hamburg auskennt, sich auch in Birminghams City oder London City zurechtfindet, weil sich gerade die Metropolen im Zuge der Globalisierung angleichen? Was macht die Eigenlogik einer Stadt aus, die sich in ihrem Habitus, ihrer Urbanität, ihrer Logik von Integration und Ausgrenzung, ihrer Geduld, mit Heterogenität umzugehen von anderen vergleichbaren Städten unterscheidet? Ist es die kollektive Identität einer Stadt, die den in Hamburg Wohnenden zum Hamburger macht oder braucht man das gar nicht mehr, um sich trotzdem in einer Stadt zuhause zu fühlen, weil man sie kennt?

Herausgeberinnen und Herausgeber

  • Sybille Frank ist Juniorprofessorin für Stadt- und Regionalsoziologie am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin.
  • Petra Gering ist Professorin für Philosophie an der Technischen Universität Darmstadt.
  • Julika Griem ist Professorin für Anglistische Literaturwissenschaft an der Universität Frankfurt.
  • Michael Haus ist Professor für Moderne Politische Theorie an der Universität Heidelberg.

Autorinnen und Autoren

Die übrigen Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen der Soziologie, der Politikwissenschaften, der Planungswissenschaften, der Architektur, der Philosophie, der Arbeitsmarktforschung und der Sprach- und Kulturwissenschaften.

Aufbau

Das Buch wird mit einem Beitrag der Herausgebergruppe eingeleitet, danach folgen drei größere Kapitel mit jeweils einer Reihe von Beiträgen:

  1. Zeitlichkeit
  2. Differenzen
  3. Selbstbezüge

Das Buch schließt mit einem Beitrag der Herausgeberinnen und Herausgeber ab; es folgt dann noch ein Literatur- und Quellenverzeichnis und eine Liste der Autorinnen und Autoren.

Zu: Städte unterscheiden lernen

Die Herausgebergruppe (Sybille Frank, Petra, Gehring, Julika Griem, Michael Haus) erläutert hier die Intention des Buches. Es geht um die Frage, ob Städte je individuelle Züge besitzen und ob sich in der alltäglichen Wirklichkeit der Städte bei Vielem was ähnlich ist auch Eigenarten ausbilden. Diese Fragen soll in einem Städtevergleich beantwortet werden, wobei vier Städte, nämlich Birmingham, Dortmund, Frankfurt am Main und Glasgow verglichen werden sollen.Hat die Stadtsoziologie bisher angenommen, zu wissen, was eine Stadt ausmacht, welche Kriterien anzulegen sind, um Stadt und Dorf voneinander zu unterscheiden, scheitert sie an dem Versuch, singuläre Merkmale von Städten zu ermitteln – falls dies ihr Interesse sein sollte.

Hier geht es jedoch um einen interdisziplinären, fachübergreifenden Versuch, die Stadt zu erfassen, auch empirisch über das hinaus zu erfassen, was bisher nicht Gegenstand der Forschung war. Zunächst geht es um Eigenschaften, deren Konturen man erst suchen muss, weiter kann man Eigenheiten der Stadt nur im Vergleich und im Kontrast mit anderen ermitteln. Auch wird man nach anderen Methoden suchen müssen, wenn es um die Alltagswelt und die Praxisräume der Städte geht. Und weil der Alltag und die urbane Praxis sehr komplex sind, wird es um einen Methodenmix gehen, der erforderlich wird, um diese Komplexität zu erfassen. Dies erfordert Interdisziplinarität.

In Bezug zu einer Forschungsgruppe an der TU Darmstadt wird dies erläutert. Vielleicht geht es um eine Weiterentwicklung der „Eigenlogik der Städte“ (Berking, Löw u. a.); diese Publikation ist auch in der Stadtsoziologie nicht unumstritten. Die Autorinnen und der Autor referieren dann den Forschungsstand und begründen die unterschiedlichen disziplinären Zugänge zum Thema.

Der Vergleich hat als Methode zentrale Bedeutung, wobei die Auswahl der Städte auch einen europäischen Vergleich nahelegt. Die Städte ähneln sich; sie sind alle keine Hauptstädte, sind aber urbane Zentren und Mittelpunkte von Metropolregionen. Und sie sind durch Deindustrialisierungsprozesse gekennzeichnet und dem Wandel zur post-industriellen Gesellschaft unterworfen, der in den Städten unterschiedlich verläuft.

Der Städtevergleich ist ein Vergleich der Alltagspraxis in der Stadt, der Wirtschaftspraxis, der Thematisierung von stadteigenen Problemen in der Stadt und dem Genre der Stadtkrimis – in der Tat ein interdisziplinäres Vorhaben großen Stils.

Zu I. Zeitlichkeit

Zu: Einleitung (Nina Baur, Petra Gehring, Andreas Großmann).Zunächst geht es den Autorinnen und dem Autor um Zugänge zur Zeit, zu Zeitordnungen, zur Zeitlichkeit, als gesellschaftliche Konstrukte, die in Relation zum Erleben, zu Biographie und Habitus stehen. Und es geht um das Verhältnis von Raum und Zeit. Dies wird zunächst auch theoretisch und philosophisch erörtert, historisch reflektiert, um dann auf verschiedene Dimensionen und Zeitvorstellungen zu kommen, die empirisch nachvollziehbar sind. Dabei werden auch Fragen der Ent- und Beschleunigung diskutiert, Fragen die ja auch gerade in der Stadtforschung eine Rolle spielen, spielt sich doch der soziale Wandel in der Stadt schneller ab als auf dem Land, gehört doch Beschleunigung und Schnelligkeit zu den typischen Merkmalen städtischer Dynamik. Und natürlich ist auch sozialer Wandel immer mit Problemen behaftet, die sich in den verschiedenen Städten unterschiedlich zeigen.

Zu: Wendungen der Dringlichkeit (Andreas Großmann). Wann wird ein Problem zu einem sozialen Problem, dem eine gewisses Dringlichkeit der Bearbeitung oder gar Lösung anhaftet? Der Autor verbindet das zunächst auch mit sprachlichen Mustern der Benennung des Problems: Chaos, Desaster, u.a. m. Und wenn Probleme so benannt werden, verlangen sie nach einer Bearbeitung, nach einer diskursiven Auseinandersetzung der unterschiedlichen Akteure. Dies wird im Folgenden an Hand der vier Städte konkret untersucht.

  • Frankfurter Problemdiskurse verweisen auf eine schnelle Bearbeitung und auf eine rechtzeitige präventive Strategie.
  • Dortmund ist eine Kommune, die das Bild vermittelt, in ihren Handlungsmöglichkeiten beschränkt zu sein, finanziell klamm zu sein, den Mangel zu verwalten.
  • Birminghams Vergangenheit ist im Strukturwandel einer Industriemetropole auch in den gegenwärtigen Problemdiskursen präsent. Aber die Stadt hat begriffen, dass der Strukturwandel auch eine Chance einer Veränderung ist – auch wenn es zu Einschränkungen im städtischen Haushalt führte.
  • Glasgow geht wie Birmingham mit dem Strukturwandel einer Industriestadt positiv um und versucht, sich als „tough City“ zu präsentieren, auch wenn Probleme offensichtlich sind und auch öffentlich diskutiert werden. Aber es gibt eine Dringlichkeit zu handeln und man begreift, dass schnelles Eingreifen unumgänglich ist.

All dies wird für die einzelnen Städte ausführlich erörtert.

Zu: Rhythmik in Bildern: Kompaktimpressionen (Johannes Marent, Christoph Rosenbusch). Die Autoren untersuchen in ihrem Beitrag Werbebilder der vier Städte. Das Image einer Stadt wird zunehmend an seiner Selbstdarstellung gemessen und Städte sind in ihrer Konkurrenz zunehmend darauf angewiesen, Eigenstellungsmerkmale zu vermarkten. Mit Hilfe qualitativer Bildinterpretationen fragen die Autoren nach Zeitvorstellungen und -ordnungen, die die jeweiligen Stadtbilder vermitteln. Denn Stadtbilder sind auch eigenständige Wirklichkeitskonstruktionen, die Realität sieht aber auch anders aus.

Zunächst wird das methodische Vorgehen beschrieben und auf Bildtypen eingegangen. Frankfurt zeigt sich durch seine Skyline, Birmingham zeigt sich aus der Vogelperspektive, häufig mit Nachtaufnahmen und den für eine Wirtschaftsmetropole typischen Merkmalen: Verkehrsadern und Bürohochhauskomplexe. Dortmund präsentiert sich über den Turm der ehemaligen Unionsbrauerei und Glasgow bietet Gebäude aus der viktorianischen Zeit oder von namhaften Architekten entworfene Gebäude. Dies wird mit Bildern unterlegt und ausführlich für die jeweilige Stadt begründet.

Zu: Tradition, Zukunft und Tempo im Friseursalon (Nina Baur, Linda Hering, Martina Löw, Anna-Laura Raschke). Wir wissen, dass die Alltagsroutinen einer Stadt hauptsächlich durch ihre ökonomische Dynamik bestimmt werden; dies gilt vor allem für den Versorgungs- und Dienstleistungssektor. Die Autorinnen verweisen darauf und kommen auf die Idee, Unterschiede der Städte in der zeitlichen Organisation ihrer Wirtschaftspraxis zu suchen. Methodischer Fokus ist ein Markt, der als personenbezogener Dienst überall gleich organisiert ist: der Friseurmarkt. Dessen Arbeitsalltag wurde auf Quartiersebene ethnographisch untersucht. Zunächst geht es um die Traditions- und Zukunftsorientierung eines Quartiersfriseurs, sein Innovationsverhalten, sein Verhalten, sich Marktvorteile zu verschaffen. In ausführlichen Tabellen werden Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsorientierung und die Risikobereitschaft und das Wettbewerbsverhalten in den Wirtschaftspraktiken dargestellt und erläutert. – Dabei konnten Unterschiede in den einzelnen Städten herausgearbeitet werden. Dies wird auch im Folgenden deutlich, wenn Arbeitstempo und Planung untersucht werden, Zeit der Kunden und der Friseure diskutiert werden und Zeitrhythmen und Tempo in der Wirtschaftspraxis dargestellt werden. Weiter diskutieren die Autorinnen Taktung, Handlungskoordination und Verweildauer im Salon. Beschleunigung und Zeitnot stehen eng in Verbindung mit dem Arbeitsbegriff der kapitalistischen Verwertung von Arbeit – und da ist der Druck im Friseurhandwerk groß. Frankfurter Friseure arbeiten straff und zukunftsorientiert, Dortmunder Friseure sind an der Konstanz interessiert und sind traditionsbewusst, Birminghamer Friseure zeichnen sich durch Zukunftsoptimismus aus, Glasgower Friseure sind risikobereit insofern, als sie Innovationen für wichtig halten.

Zu II. Differenzen

Zu: Einleitung (Julika Griem, Janneke Rauscher). Dieser dieses Kapitel einleitende Beitrag stellt zunächst fest, dass Städte auch durch Differenzen gekennzeichnet sind, die Ambivalenzen, Widersprüche, Überraschendes und Unerwartetes erzeugen. Einerseits als Teil der Gesellschaft und ihren Veränderungen unterworfen, andererseits aber auch eigene Stile hervorbringend sind Städte auch Unterscheidungs-Maschinen – so Griem und Rauscher. Die Autorin und der Autor gehen dann auf den Begriffe der Differenz und der Differenzierung ein und stellen unterschiedliche Differenztheorien kurz vor. Dabei erwähnen sie die klassischen Protagonisten der Soziologie, die sich mit dem Phänomen gesellschaftlicher Differenzierung auseinander gesetzt haben.

Zu: Orte und Differenzen (Janneke Rauscher, Ralph Richter). Städte sind auch Orte, werden als solche wahrgenommen, imaginiert und bilden spezifische räumliche Konfigurationen, die mit den Erfahrungsmustern ihrer Bewohnerschaft korrespondieren – so die Autoren. Und innerhalb einer Stadt gibt es ganz viele Orte, die dadurch entstehen, dass man als Akteur in diesem Raum dem Raum eine besondere Bedeutung gibt und diese Bedeutung mit vielen anderen geteilt wird. Als gelebter und erfahrener Raum, als angeeigneter Raum ist der Ort eine soziokulturelle Konstruktion. Rauscher und Richter gehen dann auf die Unterscheidung von Orten der Differenz und differenzierten Orten ein und erläutern diese Unterscheidung. Mit differenzierten Orten meinen die Autoren die Einschreibung der Feststellung von Eigenem und Anderem, mit Orten der Differenz sind konkrete Orte gemeint, wo sich Differenzierungen ausbilden, Unterschiedliches präsentiert wird. – Die Autoren untersuchen im Folgenden Umgangsformen mit Orten und Praktiken der Verortung in den vier Städten. Frankfurt wird identifiziert zwischen Apfelweinlokalen, Skyline und Bahnhofsviertel, Birmingham macht deutlich, dass jeder Stadtteil eine eigene Welt ist und verweist auf eine Leerstelle als zentralem Ort der Stadt, Dortmund meint: Wir hier im Stadion – dort die Nordstadt – das Problemviertel par exellence. Glasgow stellt sich als Ganzes im Spannungsfeld der Gegensätze von East End und West End dar.

Zu: Konstellation städtischer Gruppen (Sybille Münch). Die Autorin geht der Frage nach, wie in den vier Städten jeweils soziale Gruppen konstruiert und beschrieben werden und in öffentlichen Diskursen „verhandelt“ werden. Sind es die unterschiedlichen sozialen Gruppen, die jeweils wahrgenommen werden oder gibt es auch spezifische Vermittlungs- und Wahrnehmungsmuster, die dazu beitragen, dass soziale Gruppen ein spezifisches Gesicht erhalten? Nun ist für die Stadt schon immer typisch, dass nicht nur verschiedene Gruppen in der Stadt leben, sondern auch solche, deren Vorstellungen sich gegenseitig ausschließen, widersprüchlich sind. Diese aus der Heterogenität erwachsenen Spannungen und Ambivalenzen muss eine Stadt, ein Städter eigentlich aushalten können. In Frankfurt wird diese Ambivalenz deutlich, wenn nicht nur die Armen genannt werden, sondern auch die Reichen. Dortmund konzentriert sich auf die Problemgruppen und auf Probleme der sozialen Integration ganzer Bevölkerungsgruppen. Birmingham wird als sozial und räumlich segregierte Stadt diskutiert, es gibt Gewinner und Verlierer, und das gleicht sich aus. Auch in Glasgow findet man den Diskurs der gespaltenen Stadt, wobei Armut, Deprivation und Benachteiligung eher diskutiert werden als Reichtum und Wohlstand. – Es geht insgesamt aber nicht nur um die artikulierten Differenzen, sondern auch um den Anspruch, den sozialen Zusammenhalt der verschiedenen Gruppen zu gewährleisten.

Zu: Leitvorstellungen politischer Handlungsträgerschaft (Marlon Barbehön). Wie „geschieht“ lokale Politik zwischen politischen Gremien, Verwaltung und Bürgerschaft? Welche Akteure sind wie an ihr beteiligt? Das sind die klassischen Fragen, die mit Lokalpolitik oft verbunden werden. Der Autorin geht es aber um etwas anderes. Wie lassen sich die Praktiken der Differenzierung beschreiben, mittels derer sich die Politik einer Stadt zu einem System kollektiven Handelns sinnhaft formt? Mit Differenzierung werden hier soziale Prozesse des Unterscheidens, Kategorisieren und Anordnens verstanden, die ein Sinnsystem konstituieren. Dies wird zunächst vor dem Hintergrund der theoretischen Ansätze erläutert, um dann auf die städtische Politik in den vier Städten empirisch-analytisch einzugehen. Dabei ist die Leitfrage, wie durch diskursive Konstruktion lokaler Probleme unterschiedliche Teilbereich und Akteure, Rollenverständnisse und Interaktionsformen sowie Normen und Handlungsorientierungen voneinander unterschieden werden und zueinander in Beziehung gesetzt werden. – In Frankfurt ist es die Vorstellung einer Stadtgesellschaft, die sich durch spezifische Eigenheiten von den Lebenswelten anderer Städte unterscheidet. In Birmingham ist es die Unterscheidung von Bürgern und anderen politischen Arenen und Akteuren; der Glasgower versteht sich nicht nur als Bewohner einer Stadt, sondern als Bürger einer res publica; Dortmund unterscheidet sehr stark zwischen Bereichen bei der Bearbeitung kollektiver Probleme.

Zu: Differenzierung inszenieren: Der Fall Stadtmarketing (Ralph Richter). Wie repräsentiert sich die Stadt? fragt der Autor einleitend. Sie präsentiert sich über Differenzen – aber nicht nur. Das Besondere wird inszeniert, Eigenes wird bekräftigt. Der Autor setzt sich dann mit dem Stadtmarketing auseinander, wo es darum geht, „einheitliche widerspruchsfreie und zustimmungsfähige städtische Images zu produzieren, welche nach innen die Identifikation der Bewohnerinnen und Bewohner mit der Stadt stärken und die Stadt nach außen zu einem unverwechselbaren Ort machen sollen“ (247). Dies geschieht im Spannungsfeld unterschiedlicher Leitdifferenzen, die sich mit dem Wandel zur postindustriellen Gesellschaft auch verändern. Ökonomisch geprägte Leitbilder, wo sich industrielle Unternehmen als Repräsentanten der Stadt darstellten, werden zurückgedrängt; die Städte entdecken Stadtmarketing auch als Selbstvermarktungsstrategie. Dies wird ausführlich erörtert, um dann diese Strategien in den vier Städten ausführlich und gründlich darzustellen. – Glasgow wird als stil- und kulturvolle Stadt präsentiert, Frankfurt pflegt die Gegensätze im Spannungsfeld von Internationalität und Lokalität. Birmingham präsentiert sich als moderne Großstadt am Puls der Zeit, zukunftsorientiert, dynamisch, jung und divers. Dortmund zeigt sich als eine Stadt, die den Strukturwandel erfolgreich bewältigt, nicht mehr die Industrie- und Arbeiterstadt, sondern ein Standort moderner Technologien.

Zu: Beim Friseur in Glasgow (Lars Meier, Julika Griem). Der Beitrag beschäftigt sich mit den Alltagsroutinen in Glasgower Friseursalons. Alltagsroutinen lassen lokale Spezifika erkennen – besonders in Friseursalons, die lokale Kommunikationszentren sind und Zentren der Präsentation von Differenzen und Gemeinsamkeiten. Schließlich ist man dem Kunden nie so nahe, wie beim Friseur, sich auf den Kunden einlassen können nie so wichtig wie beim Friseur. Meier und Griem schildern dies an Beispielen von Romanen und konfrontieren die dort geschilderten Szenen mit der Glasgower Realität. Es geht um die Beziehung der wartenden Kunden zum Friseur und dem frisierten Kunden - eigentlich immer unter Kontrolle von außen. Und es geht darum, dass man als Kunde immer Teil der Umgebung ist und sich solidarisch zeigt mit dem Friseur und den anderen Kunden, eigentlich wie in einer Schicksalsgemeinschaft. Dies wird alles dargestellt und mit Bildern illustriert.

Zu III. Selbstbezüge

Zu: Zur Einleitung (Michael Haus, Petra Gehring). Welches Bild haben die Akteure von ihrer Stadt, wenn sie handeln, interagieren und in Diskurse eintreten, wie stilisieren und inszenieren sie sich, wenn sie sich nach außen präsentieren sollen, welche Eigenschaften sprechen sie sich ab oder zu? Mit diesen Fragen leiten Haus und Gehring ihren Beitrag ein. Selbstbezüge charakterisieren die Stadt als Kollektiv und als Struktur zugleich. Nach ausführlichen Erörterungen zum Begriff des Selbst und des Selbstbezugs kommen die Autorin und der Autor zu drei möglichen Rekonstruktionen städtischer Selbstbezüge: Selbstidentifikation, Selbstvergewisserung und Spiegelung des Selbstbildes. Auch dies wird gründlich und ausführlich theoretisch durchdrungen.

Zu: Namen nennen (Petra Gehring, Julika Griem). Welche Namen haben Städte und was drücken diese Namen aus? Spätestens seit der Wende, wo in Deutschland Städte und Regionen ihre alten Namen wieder bekommen haben oder Leningrad zu St. Petersburg wurde, wird deutlich, dass Städtenamen mehr sind als geographische oder politische Bezeichnungen einer Kommune. Die Autorinnen begründen dies auch ausführlich sprachphilosophisch. Städtenamen sind auch Marken; wir identifizieren Romane, Krimiorte und Orte von Fußballvereinen mit Städtenamen. Auch dazu werden empirische Ergebnisse vorgestellt und diskutiert. Und die Ergebnisse machen auch deutlich, dass der Name der eigenen Stadt eine unterschiedliche Rolle in den vier Städten spielt, seine Nennung in öffentlichen Diskursen sehr unterschiedlich ausfällt.

Zu: Städte als Sozialfiguren (Helmuth Berking, Sybille Frank, Johannes Marent, Ralph Richter). „Wenn Sie sich vorstellen, die Stadt X wäre eine Person: Was für eine Person könnte das sein? Wie würden Sie die Person charakterisieren?“ (337). Städte tragen offensichtlich nicht nur einen Namen; vielmehr verbindet man mit dem Namen etwas Individuelles, Abgrenzbares – eine Identität. Die Autorinnen und Autoren untersuchen mit dieser Fragestellung, wie in den vier Städten die Städte personalisiert gesehen werden. Und Personen haben einen Charakter, sind wer mit besonderen Eigenschaften. Was den Dortmundern und Frankfurtern offensichtlich leichter fiel, war für die britischen Städte nicht so einfach: Die personale Zuordnung zu bestimmten Typen von Personen: Sozialfiguren. Einmal geht es um die Frage, wie intersubjektiv geteilte Vorstellungen über die Stadt erkennbar sind und zum anderen war die Frage, ob es gelingt, Befunde soweit zu verdichten, dass Typen herausbildbar sind. Diese Verdichtung wird beschrieben und vier Typen werden heraus kristallisiert: der Rockstar, die Diva, der Opportunist und der Authentische. Diese Typen werden ausführlich beschrieben, und zwar unter den Aspekten Eigenschaften, Sozialfigur und Praktiken. Danach beschreibt die Autorengruppe den fiktiven Charakter der Stadt, Städte sind keine Personen; die Zuschreibung von Charaktereigenschaften bleibt eine Strategie der alltäglichen Identifikation mit der Stadt. Dies wird an Hand der vier Städte konkret beschrieben und analysiert.

Zu: Anders als die anderen? Selbstbezug als Städtevergleich (Marlon Barbehön, Sybille Münch). Städtevergleiche werden für die Städte selbst immer bedeutsamer, die verglichen werden. Das Herausarbeiten von Eigenstellungsmerkmalen, die auch eine Eigenlogik der Stadt begründen wird angesichts globalisierter Konkurrenzverhältnisse einerseits immer wichtiger für die Identitätsfrage: Wer bin ich im Verhältnis zu den anderen und wie will ich, dass mich die anderen sehen? Andererseits wird diese Frage aber auch immer schwieriger beantwortbar. Nicht umsonst entstehen Kooperationsverbünde von Städten, die sich gemeinsam der Bredouille des konkurrierenden Vergleichens entziehen. Die Autorinnen gehen diesen Überlegungen nach und machen diese Überlegungen an den vier Städten fest. In Blick auf die Bedeutung des Vergleichens im Kontext der Bedeutung lokaler Probleme wird in Frankfurt deutlich häufiger der Vergleich thematisiert als in Dortmund. Die britischen Städte Birmingham und Glasgow beziehen sich bei Vergleichen eher auf durchschnittliche nationale Standards als auf andere vergleichbare Städte. Dies wird sehr ausführlich dargelegt und begründet.

Zu: Zur Analyse interurbaner Kontraste (Sybille Frank, Petra Gehring, Julika Griem, Michael Haus). In ihrem Schlusskapitel resümiert die Herausgebergruppe die Ergebnisse ihrer Studie. Dass sich Städte unterscheiden, ist unumstritten, und zwar nicht nur in ihren öffentlichen Bauten, ihrer städtebaulichen Gestalt und in der Attraktivität ihrer öffentlichen Räume. Sie unterscheiden sich in ihrem urbanen Habitus, ihrer Mentalität, ihrem Duktus, mit dem sie Probleme bearbeiten. Und der Vergleich ist mühsam, lohnt sich aber! Man kann Städte nicht auf die Vergleichsaspekte reduzieren, aber wenn man sie zusammen nimmt, gibt es ein Bild. Dortmund wird wahrgenommen als ein Zusammenspiel vom Festhalten an vertrauter Wiederkehr von Aufs und Abs, Glasgow thematisiert Probleme in epischer Breite und mit dem trotzigen Unterton: jetzt erst recht! Frankfurt zeigt sich optimistisch der Zukunft zugewandt in der Vorwegnahme der Erfolge des eigenen Handelns und selbstgewiss. Und in Birmingham mischt sich Zukunftsorientierung mit der Unbestimmtheit, was gelingt. Diese kurze Zusammenfassung ist von den Autorinnen und Autoren natürlich ausführlich entfaltet und begründet. Die Autorengruppe geht dann noch auf die Frage ein, welches Verbrechen für ihre jeweilige Stadt typisch wäre und sie fragt sich selbstkritisch, was dies nun aussagen würde – Weiter diskutieren die Autorinnen und Autoren das theoretische Design ihrer Studie ausführlich. Sie sehen sich bestätigt im Ansatz und in der Zugangsweise und fühlen sich bestätigt in der Tradition des Projektes der Eigenlogik der Städte. Es geht dann weiter um den Nutzen für die einzelnen Disziplinen. – In den Politikwissenschaften kann der Gewinn in der lokalen Politikforschung gesehen werden. Der Literaturwissenschaft ist die Stadt als Forschungsgegenstand nicht so präsent. Deshalb sieht sie das Projekt als Experimentierfeld. Die Philosophie konnte ihre grundbegriffliches Repertoire weiterentwickeln und jeweils einiges mehr.

Diskussion

Was unterscheidet Städte voneinander, was macht sie gegenüber der anderen Stadt vergleichsweise attraktiver, lebendiger, eigenwilliger? Was grenzt Städte voneinander ab, damit sie ihre eigene Identität wahren können – und das geht eigentlich nur, in der Beziehung zu einander und in der Abgrenzung gegeneinander?

Wir wissen in der Stadtforschung und Stadtsoziologie eher, was Städte gemeinsam haben. Wir kennen die Kriterien, die Stadt und Land voneinander scheiden und wir haben gelernt, was die urbane Dynamik ausmacht und bestimmt, die eine Stadt voranbringt oder auch in ihrer Entwicklung hemmt.

Deshalb konnte man auch davon ausgehen, dass die Deindustrialisierung und der Wandel zur postindustriellen Stadt Dortmund und Birmingham eher vergleichen lässt als Frankfurt und Dortmund, deren Gemeinsamkeit Deutschland ist. Und auch wenn sich die Innenstädte der Metropolen und Großstädte ähneln in der Gestaltung der öffentlichen Plätze, der Shopping Malls, in der Repräsentation öffentlicher Bauten – trotzdem unterscheiden sich deutsche und englische Städte vielleicht auch in ihren Segregationsprozessen, ihren Suburbanisierungsprozessen ja auch in der Art der Gentrifizierung. Das hängt mit ihrer spezifischen nationalen und urbanen Geschichte zusammen, aber auch die prägt einen gewissen urbanen Habitus aus, eine spezifische Mentalität des Städters mit allen Facetten, die in dem Buch zur Sprache kamen.

Die Inspiration beim Lesen war, dass man die Strukturgeschichte der Städte – was ist allen Städten als Städte gemeinsam? – zusammenbringen müsste mit der jeweiligen Eigenlogik, die Städte in ihrer je spezifischen Dynamik als Metropolen, Großstädte, Klein- und Landstädte entfalten.

Fazit

Das Buch ist eine immense Bereicherung der stadtsoziologischen Diskussion und es erzeugt produktiven Widerspruch und überrascht mit spannenden Resultaten.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 28.01.2015 zu: Sybille Frank, Petra Gehring, Julika Griem, Michael Haus (Hrsg.): Städte unterscheiden lernen. Zur Analyse interurbaner Kontraste: Birmingham, Dortmund, Frankfurt, Glasgow. Campus Verlag (Frankfurt) 2014. ISBN 978-3-593-50211-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17928.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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ISSN 2190-9245

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