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Hans-Uwe Rösner: Behindert sein - behindert werden

Cover Hans-Uwe Rösner: Behindert sein - behindert werden. Texte zu einer dekonstruktiven Ethik der Anerkennung behinderter Menschen. transcript (Bielefeld) 2014. 306 Seiten. ISBN 978-3-8376-2800-5. D: 34,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Hans-Uwe Rösner widmet sich in seinem Buch unter Bezugnahme auf die soziologischen und (sozial)philosophischen Theorien Judith Butlers, Michael Foucaults, Axel Honneths und Emmanuel Lévinas dem Themenkomplex dekonstruktiver Ethik der Anerkennung von Menschen mit Behinderung. Dabei nähert er sich zum einen bedeutsamen Determinanten, die Behinderung als Phänomen konstituieren und beleuchtet sie in ihrer Genese und entwirft zum anderen Theoriekonzepte, die eine kritische Reflexion der hegemonialen Verhältnisse ermöglichen.

Autor

Hans-Uwe Rösner (Dr. phil.) unterrichtet politische und ethische Themen am Bildungszentrum Trier. Seine Forschungsschwerpunkte sind Theorien der Anerkennung und neuere Ansätze der Gesellschaftstheorie im Kontext von Behinderung.

Entstehungshintergrund

Das Buch vereint eine Sammlung von Aufsätzen Hans-Uwe Rösners aus den vergangenen zwanzig Jahren (1994-2014), die in Zeitschriften und Sammelbänden publiziert wurden und sich dem genannten Themenkomplex widmen. Die Aufsatzsammlung entstand aus dem Bestreben, die Konstituierung des Phänomens „Behinderung“ im Sinne eines Behinderten-werdens durch die Brille des gegenwärtigen und historisch gewachsenen Verständnisses von Normalität zu betrachten. Dabei sollen bekannte Moraltheorien einbezogen werden, um das Bild einer dekonstruktiven Ethik zu schärfen und die Belange von Menschen mit Behinderung in diese Theorien einzubetten.

Aufbau

Neben der sehr umfangreichen Einleitung gliedert sich das Buch in zwölf Beiträge, von denen die ersten elf jeweils einem bereits publizierten Aufsatz entsprechen (1994-2014). Der Aufbau erfolgt chronologisch nach Entstehungsjahr des jeweiligen Aufsatzes und gibt auf diese Weise den Lesenden die Möglichkeit, die gedanklichen Entwicklungen des Autors nachzuvollziehen. Den abschließenden zwölften Beitrag widmet Hans-Uwe Rösner dem verstorbenen Philosophen und Publizisten Andreas Kuhlmann.

Inhalt

In der Einleitung erfolgt die grundlegende theoretische Verortung der nachfolgenden Beiträge und in diesem Sinne die erste vergleichende Analyse zentraler Aussagen ausgewählter Moral- und Gerechtigkeitstheorien sowie deren Verknüpfung mit dem Themenkomplex des Buches der dekonstruktiven Ethik im Kontext von Behinderung. An deren Ende steht eine erste Skizze dekonstruktiver Ethik. Abschließend für die Einleitung werden die Buchbeiträge von Hans-Uwe Rösner einzeln zusammengefasst.

Im ersten Beitrag mit dem Titel „Körperpolitik und Behindertsein“ kennzeichnet der Autor den Wandel gesellschaftspolitischer Einflüsse auf den menschlichen Körper und der damit verbundenen Verankerung hegemonialer Normalitätsvorstellungen. Mit dem Verweis auf gesundheitliche Aufklärungskampagnen oder die Möglichkeiten plastischer Chirurgie skizziert Hans-Uwe Rösner Aspekte des normierenden und objektivierenden Zugriffs auf den Körper und verknüpft diese Ausführungen mit dem Gedanken, dass das zunehmende Kontrollbedürfnis der Subjekte über den eigenen Körper als Reaktion auf den Wandel gesellschaftlicher Verhältnisse gesehen werden kann: In einer Welt, die als zunehmend komplexer und undurchsichtiger empfunden wird, fungiert der Körper als ausgleichendes Medium, das kontrolliert, gezüchtigt und angepasst werden kann. Für Menschen, die nicht den geltenden normativen Ansprüchen genügen können oder wollen, kann dies bedeuten, aus der Masse der sogenannten Normalen heraus erkannt und stigmatisiert zu werden. Dabei wird an sie der Anspruch gestellt, möglichst Schritte zu unternehmen, die den Normalitätsvorstellungen entgegenkommen oder sich möglichst unauffällig zu verhalten. Mit diesen Gedanken führt Hans-Uwe Rösner Begründungszusammenhange für Stigmatisierungs- und Ausschlusspraktiken auf und erläutert das Verhältnis zwischen den sogenannten Behinderten und Behindernden. Er beschreibt den bewertenden und normierenden Blick aus der Welt der Behindernden auf Menschen mit Behinderung als Fremde, der eben jene zu Objekten degradiert. Durch macht- und wirkungsvolle Instrumente wie Nichtbeachtung, Gleichgültigkeit oder Formen der Herabsetzung finden sich laut Rösner Menschen mit Behinderung im identitätsbildenden Zwiespalt zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung wieder. Der Autor verweist schließlich darauf, dass viele Menschen mit Behinderung ihrer erlebten Abwertung entgegentreten, indem sie ihre Behinderung akzeptieren und somit verarbeiten. Daran kritisiert er jedoch, dass dieses Vorgehen auch bedeuten könnte, die von außen wirksame Abwertung ebenfalls zu akzeptieren.

Den zweiten Beitrag widmet Hans-Uwe Rösner unter dem Titel „Auf der Suche nach einer anderen Gerechtigkeit. Behindertsein und Anerkennungspolitik“ der Frage, was unter dem Begriff Gerechtigkeit verstanden werden kann. Er beginnt mit der Feststellung, dass mangelnde Gerechtigkeit zwischen Menschen mit und ohne Behinderung weniger ein rechtliches als mehr ein symbolisch verankertes und ethisches Problem darstellt. Beispielsweise wertet der Autor die Existenz des Benachteiligungsverbots als Zeichen dafür, dass die rechtlich verankerte Gleichberechtigung nicht genügt, da sie gesellschaftspolitisch nicht umgesetzt wird und somit Menschen mit Behinderung weiterhin von Benachteiligung bedroht sind. Dieser Argumentationsbasis folgend geht der Rösner zu der Aussage über, dass ein für alle Menschen gleichbedeutender Gerechtigkeitsbegriff gefunden werden muss, der die besonderen Lebensumstände von Menschen mit Behinderung einschließt, ohne sie auf die gesellschaftlich konstituierte Identität des Behindertseins zu reduzieren. Er geht im weiteren Verlauf der Frage nach, welche sozialen Voraussetzungen dazu führen können, dass Gerechtigkeit tatsächlich von allen Menschen ge- und erlebt werden kann und formuliert dazu den Unterschied zwischen der rechtlichen und sozial-ethischen Dimension eines Menschen: Ist der Mensch auf der rechtlichen Ebene gleichberechtigt, braucht es dennoch die Zustimmung bzw. Anerkennung durch andere, um die Gleichberechtigung adäquat umsetzen zu können. Dies schließt wiederum Denk- und Handlungsprozesse ein, die zum Großteil nicht rechtlich abgesichert werden können, sondern die ein sozialethisches Umdenken erfordern.

Wege einer anderen Gerechtigkeit skizziert Rösner über die Kritik an kantschen beziehungsweise utilitaristischen Gerechtigkeitstheorien, wobei vor allem aus der postmodernen Philosophie der Gedanke laut wird, dass die Grundlage jeder Form von Gerechtigkeit in der Verantwortung für Andersheit liegt. Dem folgend führt der Autor unter Bezugnahme auf Foucault den Wandel des Machtbegriffs aus: von der rein rechtlichen Macht eines Einzelnen oder einer Gruppe hin zur normerhaltenden Bio-Macht, die sich unter anderem durch staatlich regulierte Normalisierungspraktiken (Geburtenkontrolle, medizinische Gesundheitsprogramme etc.) kennzeichnet. Dieser Wandel führt nach Rösner auch zur Veränderung der im Rahmen dieser Machtverhältnisse lebenden Subjekte: Ihr Handeln strebt nach größtmöglicher Annäherung an den Status Quo des schönen, gesunden, leistungsfähigen „Normalen“, nach selbstinitiierter Wert- und Fähigkeitssteigerung, wovon auch Menschen mit Behinderung nicht ausgeschlossen sind. Foucaults Antwort auf diesen Zustand ist die Forderung nach Selbstsorge durch die Subjekte im Sinne der Ethik der Selbstsorge, die der Autor kritisch kommentiert. Er kritisiert , dass in der Theorie Foucaults Menschen, die tatsächlich Fürsorge und Unterstützung benötigen, nicht mitgedacht werden und verweist in diesem Zusammenhang auf die Ethik der Sorge für den Anderen nach Lévinas, der es als moralische Verantwortung eines jeden sieht, jeder anderen Person uneingeschränkte Fürsorge entgegenzubringen.

An diesen Gedanken anknüpfend widmet sich Hans-Uwe Rösner im dritten Beitrag dem Thema „Selbstsorge und Sorge für den Anderen. Ethische Überlegungen zum Behindertsein, indem er die oben genannten ethischen Theorien von Foucault und Lévinas den gegenwärtigen ethischen Diskussionen entgegensetzt beziehungsweise deren Lücken in Bezug auf die Anerkennung von Menschen mit Behinderung aufzudecken versucht. In diesem Sinne beschreibt der Autor die Kritik Foucaults an psychologischen Therapieverfahren, die Menschen durch objektivierende Diagnosen und subjektivierende Therapieverfahren dazu bringen sollen, ihr Problem zu erkennen, indem sie sich als normabweichend im Sinne von „krank“ oder „behindert“ wahrnehmen und erkennen. Exemplarisch führt er dazu eine Studie zur „Selbstwerdung des körperbehinderten Kindes“ von 1989 auf, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, zu erfassen, wie sich die Subjektwerdung bei Kindern mit körperlichen Einschränkungen vollzieht. Dabei wurde von einer klassischen psychoanalytischen Grundannahme ausgegangen, dass der Körper und die körperlichen Funktionen grundlegend wichtig für die Herausbildung einer stabilen Ich-Identität sind, wobei die gesellschaftlichen Einflüsse weitgehend unbeachtet bleiben. Dementsprechend gefärbt drückten die Ergebnisse der Studie aus, dass Kinder aufgrund ihrer angeborenen körperlichen Behinderung bedeutsame Erschwernisse darin haben, ein gesundes aktives schöpferisches Selbst zu entwickeln, wobei der Leiter der Studie darauf hinweist, dass die Hilfe zur Identitätsfindung in der Auseinandersetzung und Akzeptanz der eigenen Behinderung liegen kann. Hans-Uwe Rößner führt als Antwort den foucaultschen Gedanken an, dass für jeden Menschen von seinem Platz in der Gesellschaft aus autonome Selbsterfahrungen möglich sind und die Verunsicherung, die vermeintlich in der Behinderung selbst liegt, eher von außen an Menschen mit Behinderung herangetragen wird. In einem weiteren Schritt erläutert der Autor die Ethik der Sorge für den Anderen nach Lévinas, da er in ihrer Essenz einen weiteren wichtigen Beitrag zur Gerechtigkeit gegenüber Menschen mit Behinderung sieht. Besonders Lévinas´ Gedanken zur Sozialität jedes Menschen und die damit verbundene moralische Verpflichtung eines jeden Menschen für den jeweils Anderen, die zur nahezu selbstlosen (Für-)Sorge für den Anderen führt, wird hier Bedeutung zugemessen.

Das wird besonders deutlich, indem Rösner im letzten Abschnitt des Kapitels die Thesen des Rechtsphilosophen Norbert Hoerster, der sich den Theorien Peter Singers verbunden fühlt, mit Lévinas´ Ethik konfrontiert. Dabei geht es insbesondere um die Thesen bezüglich der Tötung lebensunwerten Lebens. Der grundlegende Unterschied beider Denkansätze besteht in der Annahme Hoersters, dass es eine Trennung zwischen dem biologischen menschlichen Leben ohne moralischen Eigenwert und dem bewusstseinsfähigen Menschen als Person gibt, während Lévinas diese Trennung verneint. Nach Hoerster wäre es demnach legitim, Menschen zu töten, denen er mangelndes Ich-Bewusstsein und Rationalität zuschreibt und damit den Personenstatus aberkennt. Lévinas hingegen erkennt das unbedingte Existenzrecht jedes Menschen an und fordert eine zwischenmenschliche Gerechtigkeitsethik die sich der gleichen Sorge aller für alle verschreibt.

Der darauf folgende vierte Beitrag „Die Feigenblattrolle der Heilpädagogik. Eine Auseinandersetzung mit Riccardo Bronfranchi“ widmet sich einer kritischen Auseinandersetzung mit den Thesen Riccardo Bronfranchis zur Rolle der Heilpädagogik insbesondere im Diskurs um Euthanasie und Pränataler Diagnostik. Dafür geht Hans-Uwe Rösner zunächst auf den ursprünglichen Charakter der Heilpädagogik als pädagogische Ergänzung medizinischer Interventionen zur Überwindung von Normabweichungen ein. Er skizziert den Werdegang der Heilpädagogik im Spiegel sich verändernder medizinischer Möglichkeiten und Perspektiven und kommt dabei zu dem Schluss, dass es mit Blick auf die neueren und neuesten Entwicklungen im medizinischen Bereich Aufgabe der Heilpädagogik sein sollte, für Menschen mit Behinderung einzustehen.

Anschließend erfolgt eine Betrachtung der Position Bronfranchis zur Ethik Peter Singers sowie zu seinen Sichtweisen zu Fragen von Euthanasie, Sterbehilfe, Lebensrecht und Lebensschutz. Rösner geht dabei auf zentrale Bezugspunkte von Moraltheorien ein: die Begründungs- und Anwendungsfähigkeit moraltheoretischer Standpunkte sowie die motivationale Basis von Menschen zur Einhaltung moralischer Regeln. Weiter setzt sich Hans-Uwe Rösner kritisch mit der Idee Bronfranchis auseinander, die teils heftige Ablehnung der Thesen Singers würde bei vielen Menschen auf einen eigentlichen Tötungswunsch beziehungsweise die Ablehnung von Menschen mit Behinderung hinweisen. Daran anknüpfend kommt der Autor auf die Positionen Bronfranchis zum Verhältnis von Pränataler Diagnostik und moderner Heilpädagogik zu sprechen. Er formuliert in zentralen Gedanken, wie sich durch die moderne Gen- und Reproduktionsmedizin die gesellschaftliche Perspektive auf Krankheit und Behinderung verändert und eugenische Tendenzen sichtbar werden, die nach Rösner in dem geschürten Anspruch an körperliche und geistige Unversehrtheit begründet liegen.

Der Autor knüpft im fünften Beitrag „Jenseits normalisierender Anerkennung. Zur Kritik der politischen Medizin“ am vorhergehenden Thema an und widmet sich zunächst einem geschichtlichen Resümee eugenischer Ideen im 18. Und 19. Jahrhundert wobei er besonders auf rassistisch motivierte Ideen (staatlich) gelenkter Sexualität und der Steuerung des Fortpflanzungsverhaltens Bezug nimmt. Des Weiteren geht Rösner der Frage nach, ob es auch einen Rassismus ohne staatlichen Auftrag gibt und kommt dabei auf den Diskurs um einen Natürlichkeitsbegriff und dessen Bedeutung für Menschen mit Behinderung zu sprechen. Er negiert das Vorhandensein einer objektiven, reinen Natur und vertritt die Ansicht, dass alles Natürliche immer auch durch gesellschaftliche Zuschreibungen geprägt ist. Gleichsam warnt der Autor davor, dass diese Erkenntnis gerade in Bezug auf biowissenschaftliche Entwicklungen und Eingriffe keinesfalls dazu führen sollten, auf die moralische Reflexion zu verzichten. Mit Habermas skizziert er anschließend den ethischen Spagat zwischen den zwei Polen der Moralisierung menschlicher Natur einerseits und den merkmalsverändernden gentechnischen Eingriffen andererseits. Diesem Gedankengang folgend kennzeichnet Hans-Uwe Rösner die zentralen Punkte der befürwortenden Position Peter Sloterdijks zu biomedizinischen Fragen und modernen Gen- und Reproduktionstechniken und der diesbezüglichen Stellungsnahme zu moralischen und ethischen Fragen und stellt sie in Verbindung zu der kritischen Position Habermas´. Abschließend für diesen Beitrag verbindet Rösner die Entwicklung biomedizinischer Möglichkeiten mit (neo-) liberalen politischen Interessen von Verwertung und Produktivitätssteigerung und weist auf die Analogien zu eugenischen Ideen des 19. Und 20. Jahrhunderts hin. Daran anknüpfend führt er aus, welche negativen Effekte diese Entwicklungen auf das Leben von Menschen mit Behinderung haben und formuliert Fragen, die der Zweig der Bioethik künftig mehrperspektivisch stellen sollte.

Im sechsten Beitrag „Behindertsein als kulturelles Wahrzeichen. Umrisse einer dekonstruktiven Kritik“ umreißt Hans-Uwe Rösner seine Auffassung dekonstruktiver Kritik. Dafür geht er zunächst auf Schwierigkeiten ein, die der dekonstruktive Ansatz in sich bergen kann. Dekonstruktion kann einerseits als Chance zur Dekategorisierung und damit Öffnung verstanden werden, die es möglich macht, Begriffe neu zu bestimmen und zu ordnen. Andererseits besteht bei einer konsequenten Dekonstruktion die Gefahr der Tabuisierung bestimmter Begriffe und der Unsichtbarmachung diskriminierender und ausschließender gesellschaftlicher Zustände. Daran anschließend skizziert der Autor die sozialkonstruktivistischen Theorien und Konzepte Michel Foucaults, Jacques Derridas, Giorgio Agambens und Judith Butlers und verbindet sie mit dem Phänomen Behinderung. Zunächst umreißt er den Begriff der dekonstruktiven Kritik mit Verweis auf die Positionen Derridas´ und Foucaults und beschreibt den Begriff unter anderem als Mittel der Rückbindung von Kategorien an normative Ansprüche und normalisierende Praktiken und die damit verbundene Möglichkeit der Kritik an selbigen. Darauf lässt Rösner Überlegungen folgen, in denen er Butlers Idee der Performativität von Geschlecht auf Behinderung überträgt. Er zeigt mit Butler auf, dass die körperliche Materialität immer auch durch diskursive Praktiken geprägt ist und ergänzt auch mit Verweis auf Agamben und Foucault performative Praktiken der Macht, die es vermögen, den biologischen Körper zum Ausgangspunkt bestimmter gesellschaftlicher und politischer Prozesse zu machen. Der Autor beschreibt die Unterwerfung unter soziale Normen als einen zentralen Faktor dieser Praktiken und zeigt als Möglichkeit der Selbstermächtigung und des Widerstands einerseits die Sichtbarmachung des konstruierten Anteils von Behinderung und darüber hinaus die subjektive Reflexion dieser Konstruktion und die innere Abkehr von ihr. Besondere Beachtung schenkt Butler machtvoller, konstituierender und konstruierender Sprache und den performativen Möglichkeiten der Aneignung und Umdeutung von Sprache und bestimmten Begrifflichkeiten und somit auch von Normen und Konventionen.

Rösner betont, dass es bei der Dekonstruktion des Begriffes Behinderung nicht um die Verneinung oder Ablehnung der Behinderung an sich geht, sondern darum, durch die Sichtbarmachung der Genealogie des Begriffes die Offenlegung von konstitutiven Bedingungen und Praktiken zu ermöglichen. Er weist auch darauf hin, dass die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung bisher noch längst keine Selbstverständlichkeit ist und die Perspektive auf Behinderung als rein soziales Konstrukt eher die Gefahr birgt, die gesellschaftlichen Zustände ebenso wie das subjektive Erleben der eigenen Behinderung zu verneinen.

Der siebente Beitrag „Inklusion ist zu wenig. Plädoyer für eine Ethik der Anerkennung“ widmet sich dem systemtheoretischen Inklusionsbegriff. Hans-Uwe Rösner beschreibt zunächst die Bedeutung von Inklusion aus der systemtheoretischen Sicht Niclas Luhmanns. Er verbindet die Systemtheorie mit Inklusiver Pädagogik und bezieht sich dabei auf eine Abhandlung von Vera Moser, in der sie Kritik an der Sonderpädagogik als manifestierende Instanz des defizitorientierten Behinderungsbegriffs formuliert und aus systemtheoretischer Sicht Standorte und Aufgaben bestimmt, die der Heil- und Sonderpädagogik in inklusiven Prozessen zukommen sollten. Anschließend gleicht der Autor die gewonnenen Erkenntnisse mit relevanten Aspekten der Machttheorie Michel Foucaults ab und appelliert daran, dass eine Inklusive Pädagogik sich immer auch im Spiegel ihrer eigenen mächtigen Rolle reflektieren sollte. Täte sie das nicht, so Rösner, liefe sie Gefahr in eine ideologische Falle zu tappen und selbst wiederum Zuschreibungen und Ausschlüsse zu (re-)produzieren. Der Autor verweist im weiteren Verlauf darauf, dass auch der Begriff der Anerkennung durch ungenügenden Einbezug machttheoretischer Reflexion normierenden und leistungsorientierten Tendenzen Vorschub leistet. Er sieht in der Ausübung einer Praxis der Anerkennung die Chance zur sozialen Integration, wenn einerseits der Zusammenhang von Anerkennung und der Unterwerfung unter hegemoniale Normen hinterfragt wird und andererseits die Wertschätzung und Anerkennung des Anderen nicht an besondere Leistungen geknüpft ist. Dieser Argumentation folgend erklärt Rösner, dass für eine tatsächlich Inklusive Pädagogik der Andere in all seinen Facetten anerkannt werden muss und sich die Vertreter und Vertreterinnen Inklusiver Pädagogik darüber im Klaren sein müssen, dass in den meisten Fällen sie diejenigen sind, die festlegen, wer unter welchen Bedingungen wie anerkannt wird.

Gerechtigkeit im Zeichen von Abhängigkeit und Different. Über die normativen Grundlagen der Heilpädagogik als Kulturwissenschaft“ lautet der achte Beitrag des Buches, in dem Hans-Uwe Rösner die moralischen Standpunkte John Rawls´ (Gerechtigkeit als Fairness), Martha Nussbaums (Gerechtigkeit als Befähigung zum guten Leben), Judith Butlers (Gerechtigkeit als Kritik Sozialer Anerkennungsverhältnisse) und Jaques Derridas (Gerechtigkeit als Denken der kommenden Demokratie) vorstellt und prüft, inwieweit sie sich als normative Grundlage der Heilpädagogik als Kulturwissenschaft eignen. Für seine Argumentation nutzt der Autor die Begriffe Differenz und Abhängigkeit als Parameter der Anerkennung und schließt den Beitrag dementsprechend mit einer Schlussbetrachtung, die die jeweiligen Standpunkte unter den genannten Termini zusammenführt und Schlüsse für die Bedeutung der Differenzlinien für die (Heil-)Pädagogik skizziert.

Im neunten Beitrag „Im Angesicht des dementen Anderen. Axel Honneths Fürsorgebegriff und seine Bedeutung für die ‚Kontaktarbeit‘ in der Altenpflege“ skizziert Hans-Uwe Rösner in groben Zügen Axel Honneths Anerkennungstheorie und leitet die Frage ab, inwieweit sich diese Theorie für helfende Beziehungen beispielsweise in Pflegeberufen fruchtbar machen lässt. Er bezieht zum einen Honneths Begriff der emotionalen Fürsorge in Anknüpfung an relevante Theorien zur Säuglings- und Kleinkindentwicklung, wie beispielsweise die Objekttheorie Winnicotts, in die Beantwortung der Frage ein. Zum anderen erarbeitet der Autor auf der Basis von Prouty´s Kontakttheorie Aspekte des Kontaktaufbaus und stellt sie in Verbindung zu den Persönlichkeitstheorien Honneths und Rogers, einen am Humanismus orientierten Psychologen. Beide vertreten die Ansicht, dass die Anerkennung und Wertschätzung durch zentrale Bezugspersonen Meilensteine der Selbstverwirklichung in der Entwicklung eines Kindes darstellen und somit diese Konzepte auch auf das professionell helfende Beziehungen in den entsprechenden Berufsgruppen übertragen werden sollte.

Mit Honneth geht Rösner weiter der Frage nach, welche moralischen Beweggründe es für Menschen gibt, sich dem Kampf um Anerkennung zu verschreiben. Dafür vergleicht er die Fürsorgebegriffe Honneths und Gadamers und stellt zur Beantwortung der Frage Honneths Theorie in den Vordergrund, dass nicht nur das reine Erkennen sondern auch die emotionale Identifikation mit dem Anderen die Voraussetzung dafür bilden, sich anerkennend und befürwortend Anderen gegenüber zu verhalten. Letztlich kommt er mit Honneth zu dem Schluss, dass es moralische Erfahrungen verletzter Aberkennung sind, die Menschen zum Kampf um Anerkennung veranlassen.

Der zehnte Beitrag „Freiheiten im Feld sozialer Sicherheitstechnologien. Michel Foucaults Bedeutung für eine kritische Sozialarbeit“ grenzt Hans-Uwe Rösner zunächst Foucaults Machtbegriff von anderen Zugängen ab. Anschließend führt er die Lesenden in Foucaults Kritikverfahren der Genealogie ein und erläutert nochmals vertieft grundlegende Annahmen Foucaults im Rahmen der Analyse von Macht. Gemäß Foucault gibt es unterschiedliche Machttypen, von denen Rösner detailliert auf die politische Besetzung des Körpers durch die Disziplinarmacht, die regulierende und kontrollierende Biomacht bis zur Gouvernmentalität im Sinne politischer Macht als Ergebnis neoliberaler Regierungsformen eingeht. Im weiteren Verlauf des Beitrags kennzeichnet der Autor Foucaults Sicherheitsdispositive eines liberalen Staates, innerhalb derer er in einem nächsten Abschnitt die Soziale Arbeit verortet: das christliche Pastorat, die Staatsräson, das Dispositiv der Polizei sowie der Liberalismus als Anleitung zur Selbststeuerung von der Regierung zu den Regierten. Danach leitet Rösner zu einer Abhandlung zu Foucaults Ästhetik der Existenz als ethische Alternative innerhalb der Sozialen Arbeit über. Foucaults Gedanken zu einer Lebensführung, die sowohl dem Individuum als auch der Gesellschaft nützt, sieht der Autor bezogen auf die Soziale Arbeit als Ratschlag, ihre AdressatInnen durch Hilfe zur Selbsthilfe dabei zu unterstützen, eine eigene Identität aufzubauen und eigene Lebenswege zu finden. Mit Blick auf die kritische Argumentation Bröcklings zum Empowermentbegriff und Heideggers Interpretation der Fürsorge übt Rösner Kritik an der foucaultschen Theorie der Selbstsorge, da er zum einen Menschen nicht mit einschließt, die lebenslang auf Unterstützung angewiesen sind. Zum anderen lässt sich aus Foucaults Argumentation lesen, dass er Fürsorge nur dort entstehen sieht, wo zuvor Verhältnisse der Machtlosigkeit anzutreffen waren. Abschließend geht der Autor auf Butlers Anerkennungstheorie und ihren Blick auf die Beziehung zum jeweils Anderen ein und erläutert deren Bedeutung für die helfende Beziehung in der Sozialen Arbeit.

Im elften und damit letzten bereits veröffentlichten Beitrag „Auf´s Spiel gesetzte Anerkennung. Judith Butlers Bedeutung für eine kulturwissenschaftlich orientierte Heilpädagogik“ arbeitet Hans-Uwe Rösner die Relevanz der Theorien Butlers für die Heilpädagogik heraus. Dazu skizziert er zunächst Butlers Zugang zu Kritik in Abgrenzung zu den Kritikformen, die sich auf die Beurteilung normierender gesellschaftlicher Zustände richten. Im Anschluss daran stellt er die Kritik Butlers an der rechtlichen Anerkennung am Beispiel der UN-BRK vor, die sie formuliert, um darauf hinzuweisen, dass bereits mit der Erstellung des Rechtssubjekts „Mensch mit Behinderung“ normative Mechanismen wirken, die es für die so bezeichnete Personengruppe erschweren, den gesellschaftlichen Stigmata zu entgehen. Mit der Skizzierung von Butlers Auffassung der Ontologie des Körpers als soziale Ontologie erklärt der Autor ihren Blick auf die Materialisierung des behinderten Körpers durch kulturelle Normen. Ausgehend von dieser Skizze beschreibt Rösner Butlers These, dass sich Anerkennung über die Unterwerfung unter gesetzte Normen vollzieht und damit die Schwierigkeit entsteht, dass Subjekte mit dem Versuch der Dekonstruktion von Normen gleichsam Gefahr laufen, ihre eigene Identität und ihr Sein in Frage zu stellen. Auf dieser Basis versucht Butler eine Ethik persönlicher und sozialer Verantwortung zu denken, was vom Autor nun rekonstruiert wird. Abschließend bezieht Rösner die von Butler aufgestellte Theorie der Anerkennung auf heilpädagogische Prozesse und letztlich auf die Arbeit mit Menschen mit Komplexer Behinderung.

Der zwölfte und letzte Beitrag „Sehnsucht nach Normalität. Eine Nachbetrachtung zu Andreas Kuhlmann“ enthält neben einer intensiven Auseinandersetzung mit Andreas Kuhlmanns Perspektive auf die gegenwärtigen Diskurse zu Normalität und Anerkennung einen bisher unveröffentlichten Beitrag von Andreas Kuhlmann mit dem Titel „Normalität als Affront. Ein Kulturkampf im Namen von Behinderten gegen die Herrschaft der Üblichkeiten“.

Diskussion

Hans-Uwe Rösner vermag es in seinem Buch, die von ihm favorisierten Theoriepositionen unter dem höchst spannenden Blick der Eignung für den Ansatz dekonstruktiver Ethik der Anerkennung zu verbinden. Die Beiträge bauen nicht immer inhaltlich aufeinander auf, setzen jedoch jeder für sich Schwerpunkte, die insgesamt betrachtet eine weite und auch tiefgehende Erörterung der titelgebenden Thematik kennzeichnen.

Rösner beeindruckt durch seine fundierte Auseinandersetzung mit den aufgezeigten Theorien, die es den weniger theoriefesten Lesenden sicher nicht immer einfach machen, den Gedankengängen des Autors adäquat zu folgen. Eine Auseinandersetzung mit den Beiträgen in diesem Buch verlangt ein gewisses Maß an Vorwissen mindestens zu den (sozial)philosophischen Theorien Judith Butlers, Michael Foucaults, Axel Honneths und Emmanuel Lévinas´, auch wenn die für die einzelnen Beiträge relevanten Themenkomplexe nachvollziehbar strukturiert wurden. Die chronologische Abfolge der Beiträge im Buch bietet eine spannende Rekonstruktion der Genese soziologischer und (sozial-) philosophischer Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre mit dem Phänomen Behinderung und der Frage nach den gesellschaftlichen und politischen Einflüssen auf das Sein von Menschen mit Behinderung. Besonders deutlich wird dieser Aspekt in den Abhandlungen und Diskussionen biomedizinischen Entwicklungen, die nach wie vor eine äußerste ethische Brisanz aufweisen.

Durch die Beiträge zieht sich die Diskussion des Spannungsverhältnisses zwischen den Konsequenzen, die das Festhalten am normorientierten Natürlichkeitsbegriff für Menschen mit Behinderung bedeutet einerseits und den möglichen Folgen konsequenter Dekonstruktion andererseits. Durch den fundamental gegensätzlichen Blick dieser Positionen kann keine Auflösung dieses Spannungsverhältnisses gelingen und dennoch vermag es Hans Uwe Rösner, sich beiden Seiten zu nähern, sie fundiert kritisch zu beleuchten und an markanten Stellen unter Rückgriff auf relevante Theoriediskussionen mögliche gedankliche Alternativen abzuwägen.

Fazit

Insgesamt lässt sich konstatieren, dass die Beiträge im Buch äußerst spannende Perspektiven auf spezifische Themenkomplexe rund um das Phänomen Behinderung darlegen. Anerkennung, Wertschätzung, Fürsorge und Machtmechanismen werden als zentrale Begriffe in die Zugänge der genannten Theorien eingebettet und mit ihnen diskutiert. Kontinuierlich wird dabei die Frage gestellt, was sowohl die Theorien als auch ihre kritische Reflexion an Denkansätzen für die Heilpädagogik, die Soziale Arbeit und andere helfende Berufsgruppen bieten könnten: „Kein Zweifel und unbestritten, daß die vernünftige Analyse der Situation die Voraussetzung zumindest von politischer Praxis ist […].“ (Adorno 1969, 765).


Rezensentin
Mandy Hauser
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Förderpädagogik/ Kompetenzbereich Geistige Entwicklung der Universität Leipzig
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Zitiervorschlag
Mandy Hauser. Rezension vom 20.08.2015 zu: Hans-Uwe Rösner: Behindert sein - behindert werden. Texte zu einer dekonstruktiven Ethik der Anerkennung behinderter Menschen. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2800-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17936.php, Datum des Zugriffs 22.04.2019.


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