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Nina Mackert: Jugenddelinquenz

Cover Nina Mackert: Jugenddelinquenz. Die Produktivität eines Problems in den USA der späten 1940er bis 1960er Jahre. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2014. 337 Seiten. ISBN 978-3-86764-559-1. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR, CH: 65,90 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Die Dissertation der Universität Erfurt aus dem Jahr 2012 thematisiert ein neues Verständnis von Jugenddelinquenz in den USA der Nachkriegszeit mit seinen Auswirkungen auf das Jugendstrafsystem, die Soziale Arbeit, Schulen und Familien.

Autorin

Die Autorin Nina Mackert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Nordamerikanische Geschichte der Universität Erfurt und ihre Forschungsschwerpunkte sind Nordamerikanische Kulturgeschichte, Dis/ability Studies, Food History, Geschichtstheorie, Geschichte der Familie und der Jugend, Critical Whiteness Studies. Ihr Hintergrund als Historikerin gibt der Bearbeitung des Themas, dem sich ansonsten vor allem Juristen und Juristinnen, Kriminologen und Kriminologen, Sozialpädagogen, Sozialpädagoginnen sowie sonstige Sozialwissenschaftler und Sozialwissenschaftlerin zuwenden einen besonderen Charakter, der positiv hervorzuheben ist.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht neben einer sehr ausführlichen Einleitung, dem Fazit und Anhang aus vier etwa gleich langen Kapiteln zu den Bereichen

  • Jugendstrafsystem,
  • Sozialen Arbeit,
  • Schule und
  • Familie.

In der Einleitung wird sehr ausführlich beschrieben, wie das Thema Jugenddelinquenz in der nordamerikanischen Nachkriegsgeschichte der späten vierziger bis zur Mitte der sechziger Jahre als eines der drängendsten gesellschaftlichen Probleme dargestellt wurde. Die Autorin orientiert sich an einem konstruktiven Ansatz zur Jugenddelinquenz und deshalb geht es ihr nicht um die Ermittlung des Ausmaßes der Regelverletzungen durch junge Menschen, sondern um die so genannte Delinquency Scare. Diese wurde deshalb als so bedrohlich im gesellschaftlichen Diskurs wahrgenommen, weil zum einen die Jugendlichen selbst als bedeutende gesellschaftliche Ressourcen (future citizens) begriffen und zum anderen die Versäumnisse der Erwachsenen beklagt wurden. Delinquenz wurde – zuführt die Autorin aus – als Symptom einer Krise der gesellschaftlichen Ordnung wahrgenommen, als Folge familiärer Zerrüttung, die wiederum mit Krieg, Armut und den Wohnverhältnissen in den Innenstädten korrespondierten. Dabei ging es, wie die Autorin richtig ausführt und belegt, bei den Inhalten der Jugenddelinquenz nicht nur um solche Gesetzesbrüche, die auch bei Erwachsenen als Straftaten geahndet würden, sondern beispielsweise auch um Alkoholkonsum, sexuelle Handlungen, die Verletzung von Ausgangs sperren und Schulschwänzen. Sehr ausführlich wird unter Bezug auf Foucault und Hall betrachtet, wie schon zum Anfang des 20. Jahrhunderts eine neue Konzeption von Jugend entstand und die Autorin zeichnet differenziert nach, wie sich das Bild der Adoleszenz auf weiße, bürgerliche und männliche Jugendliche bezieht. In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts lösten sich die Adoleszenztheorien zwar von ihren evolutionsbiologischen Axiomen, sie blieben aber wichtige kulturelle Bezugspunkte und Interpretationsfolien.

Die Einleitung enthält darüber hinaus einen kritischen Literaturüberblick zum Forschungsstand. Die Autorin kritisiert in diesem Teil die historischen Studien zur Delinquency Scare, insoweit sie diese als Reaktion der Erwachsenenwelt auf ein verändertes Verhalten Jugendlicher zurückführe. Nina Mackert möchte in ihrer Arbeit untersuchen, wie jugendliche Delinquenz zum Erkenntnisgegenstand gemacht wurde, wie die Subjektivierungsweisen über die Konstruktion jugendlicher Delinquenz erschaffen und umgesetzt wurden sowie die Konsequenzen für andere Institutionalisierungen in der US-amerikanischen Gesellschaft.

Das zweite Kapitel, in dessen Fokus das Thema Jugendstrafsystem steht, beginnt mit einer doppelten Kritik, wie sie in den fünfziger und sechziger Jahren vermehrt geäußert wurde: Zum einen werde sich um die Probleme jugendlicher Delinquenten zu wenig gekümmert und zum anderen gebe es keine Sensibilität für die Rechte der jungen Menschen. Die im Zuge dieser Debatte entstandenen Systeme der Differenzierung der Jugenddelinquenz (Mackert überschreibt einen Abschnitt mit Jugenddelinquenz zwischen „silly pranks“ und „juvenile Crime“) und deren Täter erinnert sehr an Einteilungen, wie sie noch heute vielfach verwendet werden, beispielsweise in die sehr kleine Gruppe mit „life-course-persistent antisocial behavior“ einerseits und die viel größere Gruppe mit „adolescence-limited antisocial behavior“, wobei die Kriminologie spätestens seit den Studien vonTerri Moffitt weiß, dass auch für die erste Gruppe Prognosen kaum möglich sind, weil sich häufig doch Legalbewährung einstellt. Die Rehabilitationsfähigkeit junger Menschen wurde damals anhand solcher Einteilungen diskutiert und für den größeren Teil der Jugendlichen wurden Strafen als hinderlich angesehen. Interessant ist, dass daraufhin in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts den Jugendgerichten in den USA vorgeworfen wurde, sie „verhätschelten“ die Angeklagten (S. 76). Die Autorin beleuchtet die Konsequenzen in den Jugendstrafanstalten genau und arbeitet deutlich heraus, wie selbst hinsichtlich der eingeschätzten Rehabilitationsfähigkeiten rassistische Einstellungen afroamerikanische Jugendliche benachteiligten.

Im dritten Kapitel geht es um Sozialreformen und Soziale Arbeit, wobei diesbezüglich vor allem auf die Streetwork mit Gangmitgliedern eingegangen wird. Sehr ausführlich wird das Projekt Mobilization for Youth (MFY) aus den sechziger Jahren dargestellt, das in zahlreichen kriminalpräventiven Programmen mitwirkte (S. 124ff.). Die ganze Ambivalenz dieses sozialreformatorischen Programms mit engen Bezügen zum Civil Rights Movement, gefördert von der Ford Foundation, dem National Institute of Mental Health, der Stadt New York und dem President´s Committee on Juvenile Delinquency and Youth Crime, zeigt sich daran, dass das FBI diese Organisationen gleichzeitig bespitzelte und der New Yorker Bürgermeister 150 Mitarbeiter des MFY für unerwünscht erklärte. Im Zuge des fachlichen Diskurses jener Jahre entwickelten sich die kriminalpräventiven Programme in Richtung Beteiligung der Community, was aber nur für einen kleinen Teil der (weißen) Jugendlichen gleichbedeutend mit gesellschaftlicher Partizipation war.

Das vierte Kapitel betrachtet die Institution Schule und insbesondere die Schulkrise der fünfziger und sechziger Jahre an den Highschools. Schulkrise, Delinquenz und jugendliche Schulabbrüche wurden als zusammenhängende Problematik gesehen und vor allem jungen Menschen aus defizitären Familien mit Bildungsferne zugeschrieben. Dagegen wurde Bildungsorientierung und Eliteförderung für weiße Mittelklasse-Jungen gesetzt und so eine Segregation herbeigeführt, ohne dass man eine schulische „Rassentrennung“ befürworten musste.

Schließlich geht es im fünften Kapitel um Familien, elterliche Krisen und Vorstellungen, wie man auf elterliches Erziehungsverhalten mit Blick auf drohende Jugenddelinquenz Einfluss nehmen möchte. Die Autorin analysiert die Neuausrichtung der US-amerikanischen Erziehungsratgeber und deren Einfluss auf die Erziehung. Auf der Rückseite der Herausstellung positiven Erziehungsverhaltens standen die Merkmale und Verhaltensweisen von Eltern, die nach der damaligen Auffassung Jugenddelinquenz auslösen konnten: delinquente Eltern, fehlende Rollenvorbilder, mangelnde Disziplin, arbeitende Mütter und abwesende Väter insbesondere nach Trennung und Scheidung. Vieles davon war nicht neu, sondern stützte schlicht das traditionelle Familienbild mit klaren Rollenverteilungen und väterlicher Strenge. Neu war hingegen zweierlei: Der Aufschwung von Psychologie und Erziehungswissenschaften formulierte nun Wirkungszusammenhänge und machte Eltern verantwortlich für die Delinquenz ihrer Kinder. Zum zweiten aber beschränkten sich die Jugendgerichte bei als delinquent erklärten Jugendlichen nicht mehr darauf, „diese aus ihren Familien zu entfernen und in die Obhut staatlicher Institutionen zu stellen“ (S. 245), sondern es wurde nun versucht, den Eltern Erziehungswissenschaften vermitteln, die teils mit sozialpolitische Maßnahmen verschränkt waren um sie besser zu erreichen und letztlich auch Gesetze einzuführen, „die es erlaubten, die Eltern zu bestrafen, denen eine grobe Vernachlässigung ihrer Aufsichts-und Fürsorgepflicht vorgeworfen wurde“ (a.a.O.).

Dem folgen ein kurzes Fazit und ein umfangreicher Anhang.

Diskussion

Das Buch der Promoventin für nordamerikanische Geschichte ist zweifellos auch für Kriminologen und Kriminologinnen, Strafrechtler und Strafrechtlerinnen sowie Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen interessant – nicht nur aufgrund der erheblichen sorgfältigen Literaturaufarbeitung und ihrer durchweg kritischen Betrachtungsweise. Die Aufarbeitung des Delinquency Scare erklärt ganz nebenbei auch den besonderen Aufschwung der kriminalsoziologischen Theorien zur Jugenddelinquenz aus den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts in den USA, wie sie in Deutschland seit den späten sechziger Jahren rezipiert und diskutiert werden. Interessant wäre sicherlich für ein neues Vorhaben, die entsprechenden kriminalpolitischen Diskurse für Deutschland aus den letzten 70 Jahren aufzuarbeiten – vom besonderen Verständnis für die Delinquenz der im Krieg herangewachsenen deutschen jungen Menschen, über die Kriminalisierungen der so genannten Halbstarken und Heimkinder der Fünfzigerjahre, bis zu den verschiedenen Jugendgewaltsdiskursen der Neunzigerjahre und Kampagnen zur Delinquenz ethnischer Minoritäten und Flüchtlinge in unseren Tagen. Interessant wäre es zu sehen, ob es ähnliche Wechselwirkungen zwischen Politik, Presse, Wissenschaft und Gerichtsbarkeit gibt und gab und wie diese miteinander korrespondieren.

Fazit

Die Studie ist interessant geschrieben, solide recherchiert und enthält viele Informationen und Sichtweisen, die so bisher in der deutschen Kriminologie nicht diskutiert wurden. Ein wenig habe ich als Leser dieses sehr empfehlenswerten Werkes bedauert, dass die Hauptbotschaft schon in der Einleitung unterbreitet wird.


Rezension von
Prof. Dr. Heinz Cornel
Professor für Jugendrecht, Strafrecht und Kriminologie an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Präsident des DBH-Fachverbandes für Soziale Arbeit, Strafrecht und Kriminalpolitik (vormals Deutsche Bewährungshilfe)
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Zitiervorschlag
Heinz Cornel. Rezension vom 16.02.2015 zu: Nina Mackert: Jugenddelinquenz. Die Produktivität eines Problems in den USA der späten 1940er bis 1960er Jahre. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2014. ISBN 978-3-86764-559-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17939.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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