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Marion Panitzsch-Wiebe, Bjarne Becker u.a. (Hrsg.): Politik der Sozialen Arbeit - Politik des Sozialen

Cover Marion Panitzsch-Wiebe, Bjarne Becker, Timm Kunstreich (Hrsg.): Politik der Sozialen Arbeit - Politik des Sozialen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 348 Seiten. ISBN 978-3-8474-0123-0. 34,90 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Vom 13. – 15.9.2012 fand der 8. Bundeskongress unter dem Motto „Politik der Sozialen Arbeit – Politik des Sozialen“ in Hamburg statt. Dieser Kongress wird von bundesweit agierenden Initiativgruppen sowie Akteuren aus Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit gestaltet. Unentgeltlich stellen diese dort ihr Wissen und ihre Erfahrungen zur Verfügung. Im Rahmen des Kongresses finden Vorträge, Workshops und Diskussionen statt, wobei eine Haltung der kritischen Reflexion der gesellschaftspolitischen und fachlich-professionellen Entwicklungen in Bezug auf deren Bedeutung für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit eingenommen wird.

Im Anschluss an den 8. Bundeskongress veröffentlichten die Herausgeber Panitzsch-Wiebe, Becker und Kunstreich die Beiträge in diesem Band.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in fünf Abschnitte eingeteilt.

Zu Beginn wird der Auftakt für die folgenden Abschnitte gelegt. Es wird die Definition zu „Politik der Sozialen Arbeit“ zugrunde gelegt, welche für das Verständnis des gesamten Buches von großer Bedeutung ist. Außerdem geht es in diesem Abschnitt um den Einfluss der Politik auf die Wissenschaft und was dies für die Soziale Arbeit bedeutet. Die Autoren gehen auf mehrere Herausforderungen der Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit ein wie die zunehmende Ökonomisierung, Entsolidarisierung und gesellschaftliche Konflikte. Es wird zudem das emanzipatorische Potenzial in diesen Bereichen herausgestellt. Zum Schluss des ersten Abschnitts wird die Forderung auf politische Einmischung der Akteure der Sozialen Arbeit laut.

Im Anschluss an den Auftakt folgt der zweite Abschnitt „Das Ökonomische vom Sozialen her denken“. Dieser Abschnitt beginnt mit einem kritischen Blick auf das Konzept der Inklusion. Im Anschluss folgt eine Diskussion über das Thema Menschenrechte also Grundlage der Sozialen Arbeit. In Bezug auf die Ökonomisierung in der Sozialen Arbeit geht es im Anschluss darum, wie ein wirkungsorientiertes Controlling für soziale Dienstleistungen aussehen kann. Der anschließende Beitrag handelt vom Potenzial des Bürgers und dessen unterschiedliche Verortungen in der Gesellschaft. Dieser Beitrag leitet in die Diskussion über Partizipation des Bürgers und der Sozialen Arbeit in gesellschaftspolitischen Themen ein. Diesbezüglich schärfen einige Autoren zum Ende des Abschnitts den kritischen Blick auf Praxisfelder der Sozialen Arbeit und zeigen auf, wo es einer intensiven Einmischung der Professionellen bedarf.

Der dritte große Abschnitt dieses Buches „In gesellschaftlichen Konflikten Position beziehen“, beschäftigt sich eben genau mit dieser Einmischung der Felder der Sozialen Arbeit. Es geht hierbei zunächst um das Thema der sozialen Gerechtigkeit, vor allem in Bezug auf den aktivierenden Sozialstaat und das soziale Sicherungssystem in Deutschland. Darauf aufbauend folgt ein Beitrag über den Capability-Ansatz nach Sen und dessen Bedeutung in unserer heutigen Gesellschaft. Der nachfolgende Beitrag beschäftigt sich mit dem Thema der Prävention in Hilfen zur Erziehung. Hier wird herausgearbeitet inwieweit Hilfen zur Erziehung wirklich präventiv funktionieren können und welche Alternativen im Raum stehen, um die gewünschte Zielgruppe zu erreichen. In den nachfolgenden Beiträgen werden verschiedene Bereiche mit bestimmten Konflikten aufgegriffen und erläutert. Diese Bereiche sind die Landesarbeitsgemeinschaften in Hessen, Jugendarbeit in Hamburg sowie prekäre Beschäftigungsverhältnisse innerhalb der Sozialen Arbeit in Hamburg und Arbeitsverhältnisse bei kirchlichen Trägern.

Im vierten Abschnitt „Soziale Rechte verteidigen, Ausgrenzungen kritisieren, Gemeinsam stärken“, geht es um die Notwendigkeit einer solchen Orientierung. Anhand verschiedener Bereiche wird aufgezeigt, wie dies funktionieren kann.

Abschließend wird ein Ausblick gegeben in dem es heißt, dass die Soziale Arbeit sich den Herausforderungen stellen muss, welche sich durch eine zunehmende Entgrenzung der Lebensverhältnisse entwickeln.

Diskussion

Das Buch geht einleitend der Frage nach dem Verweisungszusammenhang der Verbindung von „Politik des Sozialen“ und „Politik der Sozialen Arbeit“ nach. Insofern liegt es nahe, sich zunächst mit den drei Themen des Bundeskongresses 1) „Das Ökonomische vom Sozialen her denken“, 2) „In gesellschaftlichen Konflikten Positionen beziehen“ und 3) „Soziale Rechte verteidigen, Ausgrenzungen kritisieren, Gemeinsames stärken“ zu beschäftigen. Eine solche Betrachtung kann zu Recht als „Problematisierung gesellschaftlicher Entwicklungen“ und „Aufforderung zur politischen Positionierung“ sowie Verortung von „Verwirklichungslücken“ der Sozialen Arbeit gesehen werden. Letzterer schlichter Sachverhalt mutiert hier allerdings zu einem entbehrlichen Sprachungetüm. Schon die bloße begriffliche Auswahl von spezifischen Entwicklungstendenzen wie zunehmende „Ökonomisierung“, „Entsolidarisierung“ und „gesellschaftliche Konflikte“ basiert auf einem theoretischen Vorverständnis, über das wir uns Klarheit verschaffen müssen und was auf normativen, ethischen und weltanschaulichen Grundlagen beruht. Dieses Vorverständnis wird hierzulande durchaus kontrovers diskutiert. Dies gilt auch für die Forderung nach politischer Einflussnahme der Akteure der Sozialen Arbeit am Ende des ersten Abschnitts.

Der nachfolgende zweite Abschnitt fasst eine Reihe von sehr unterschiedlichen gegenwärtigen Entwicklungen Sozialer Arbeit unter dem Rubrum „Das Ökonomische vom Sozialen her denken“ zusammen. Der Sammelband verbindet sie zum Teil mit kritischen und weiterführenden Überlegungen, die den Zusammenhang von Ökonomie und Sozialer Arbeit deutlicher machen. Bisher wurde dieser Zusammenhang eher von der Sozialökonomie her erörtert. Nun werden mit neuen Aspekten und Diskursen, wie etwa dem Konzept der Inklusion, dem Thema Menschenrechte, der Frage eines „wirkungsvollen Controllings“ für soziale Dienstleistungen sowie der Diskussion über Partizipation der Bürgerinnen und Bürger der Sozialen Arbeit neue Sichtweisen angetragen, die die „Politik des Sozialen“ konzeptionell verändern können. Der rote Faden aller Beiträge ist die kritische Auseinandersetzung mit der bisherigen wohlfahrtsstaatlichen Politik, die in den Politikfeldern der Sozialpolitik bis zum zweiten Drittel der 1990er Jahre etabliert wurde. Es gibt Indizien dafür, seitdem in Deutschland von einem allmählichen Wandel der staatlichen Sozialpolitik zu sprechen, deren Folge einerseits der Umbau des Sozialstaats mit erheblichen Auswirkungen auf die sozialen Dienste und die Soziale Arbeit war und ist. Andererseits wurde z. B. danach auch der fürsorgende Unterbau im System der sozialen Sicherung in Form der Mindestsicherung geschaffen. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn die Autoren diesen Wandel stärker in den Blick genommen hätten, der vor einigen Jahren die sog. Workfare-Politik für die Sozialpolitik zu einem neuen Paradigma werden ließ.

Hinzu kommt: So sehr das Modell einer öffentlichen Lebenslagensicherung – aus der Perspektive der Autoren – seither an Legitimation eingebüßt haben mag, so sehr hat der aktivierende Sozialstaat – auch in Form des fürsorgenden Wohlfahrtsstaats – bislang als Konfliktregulierungsmodell durchaus erfolgreich gewirkt. Nach einer Analyse der kritischen Felder der Sozialen Arbeit räumen die Autoren immerhin ein, dass die sozialen Dienstleistungen in der Phase der „wohlfahrtsstaatlichen Transformation“ den größten Ausbau in ihrer bisherigen Geschichte erfahren haben, vor allem in der Zahl der Beschäftigten gerechnet.

Im dritten Abschnitt geht es in dem Buch vor allem um das Thema der sozialen Gerechtigkeit im Hinblick auf den aktivierenden Sozialstaat und das Sozialversicherungssystem. Ohne Zweifel machen sich viele Menschen Sorgen um die Soziale Sicherheit, u.a. um ihre Alterssicherung („Risiko“ Alter) oder die gesellschaftspolitische Stellung der Familie („Risiko“ Familie). Es gibt Gründe genug, die Entwicklung dieser zentralen sozialpolitischen Themenschwerpunkte in Deutschland mit Sorge zu betrachten. In dem Buch werden diese wichtigen Teilbereiche einer „Politik des Sozialen“ und „Politik der Sozialen Arbeit“ leider weitgehend ausgeklammert. Zudem wird ein wenig der Blick darauf verstellt, dass eine wesentliche Ursache für die tief greifenden gesellschaftlichen Umbrüche, für die die politische Einmischung der Sozialen Arbeit gefordert wird, die Flexibilisierung und Entgrenzung von Erwerbsarbeit und Familie ist. Traditionelle Lebens- und Arbeitsverhältnisse lösen sich auf. Dennoch können die Determinanten der Eigenvorsorge und der Hilfe zur Selbsthilfe in einem aktivierenden Sozialstaat präventiv und befähigend wirken und so Konflikte regulieren. Dies hätte in diesem Abschnitt stärker akzentuiert werden können. Offen bleibt ohnehin – eine eher politikwissenschaftliche Frage –, ob und unter welchen Bedingungen die Soziale Arbeit tatsächlich in der Lage wäre, sich wirksam zu positionieren und sich gestaltend in relevante politische Entscheidungsprozesse einzumischen.

Positiv zu bewerten ist der im 4. Abschnitt dargelegte Impetus, unter dem Leitthema „Soziale Rechte verteidigen, Ausgrenzungen kritisieren, Gemeinsames stärken“. Hier wird ein wichtiges sozialpolitisches Leitbild, das der Gleichheit der materiellen Lebensverhältnisse (durch Einkommensumverteilung), in den Vordergrund gestellt.

Fazit

Der Ansatz des Buches, die verfestigten Strukturen der Sozialen Arbeit als Folge gesellschaftlicher Entwicklungen zu problematisieren und für die Soziale Arbeit eine politische Positionierung zu fordern, erscheint auf den ersten Blick klar, nachvollziehbar und verständlich. In der Konsequenz handelt es sich bei diesem Modell um universalistische Rechtsansprüche auf standardisierte soziale Leistungen im Sinne einer eher reaktiven, kompensatorischen Versorgung bzw. Fürsorge. Die Autoren stoßen hier bei den fundamentalen Kritikern der modernen Sozialpolitik und Sozialen Arbeit auf Seelen- und Ideenverwandtschaft. Einige wichtige Bereiche bzw. Fragestellungen blendet das Buch hingegen beispielsweise weitgehend aus:

  • Stellung und Perspektiven der Sozialen Arbeit in einer alternden Gesellschaft
  • Die Auseinandersetzung mit steigenden Pflege- und Betreuungserfordernissen einerseits und der (politischen) Aufgabe andererseits, mehr geeignete Fach- und Führungskräfte zu finden und nachhaltig zu binden.
  • Wie steht der planende Staat bei stärkerer politischer Positionierung der Sozialen Arbeit mit Erfüllungsverantwortung zum Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe?

Trotz der kritischen Einwände: Das vorliegende Buch zählt zu einer wichtigen Publikation infolge eines Bundeskongresses der Sozialen Arbeit. Es ist sowohl als (gehobene) Einführung als auch als weiterführende Lektüre insbesondere für diejenigen geeignet, die sich für kritische und alternative Ansätze einer „Politik des Sozialen“ und einer „Politik der Sozialen Arbeit“ interessieren.


Rezensent
Prof. Dr. Frank N. Loges
lehrt seit 2007 Sozialwirtschaft und Sozialmanagement an der Hochschule Darmstadt. Er war mehrere Jahre Geschäftsführer bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Bonn und Berlin und wirkte beim Aufbau der Freien Wohlfahrtspflege bei der Europäischen Union in Brüssel mit. Außerdem war er einige Jahre in der Beratung von sozialen Organisationen tätig.
Homepage www.h-da.de

Rezensentin
Jennifer Kraft
erwarb im Jahr 2013 den Abschluss Master of Science in Haushalts- und Dienstleistungswissenschaften an der Universität Gießen und studiert seit 2014 im Zweitstudium Soziale Arbeit an der Hochschule Darmstadt. Dort ist sie als wissenschaftliche Hilfskraft tätig und beschäftigt sich mit dem Bereich Sozialwirtschaft und Sozialpolitik.
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Zitiervorschlag
Frank N. Loges/Jennifer Kraft. Rezension vom 02.07.2015 zu: Marion Panitzsch-Wiebe, Bjarne Becker, Timm Kunstreich (Hrsg.): Politik der Sozialen Arbeit - Politik des Sozialen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. ISBN 978-3-8474-0123-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17940.php, Datum des Zugriffs 17.08.2019.


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