Elke Oestreicher: Wissenstransfer in Professionen
Rezensiert von Prof. (em) Dr. Herbert Effinger, 27.03.2015
Elke Oestreicher: Wissenstransfer in Professionen. Grundlagen, Bedingungen und Optionen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 399 Seiten. ISBN 978-3-86388-074-3. 42,00 EUR.
Thema
Die Autorin setzt sich vor dem Hintergrund empirischer Ergebnisse der Verwendungs- und Transferforschung und der These auseinander, dass Wissen eine immer größere Rolle zukommt. Am Beispiel der Sozialen Arbeit geht sie der Frage nach, welche Bedeutung der transdisziplinäre Wissenstransfer von der Wissenschaft in die Praxis und von dieser in die Wissenschaft für moderne Professionen hat. Diese Frage rekonstruiert sie auf der Basis einer eigenen, qualitativen Studie.
Autorin
Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Soziologie der Universität Hohenheim, sie hat eine Ausbildung als Kinderpflegerin und Erzieherin und studierte Soziale Arbeit.
Entstehungshintergrund
Bei diesem Buch handelt es sich um die 2014 abgeschlossene Dissertation der Autorin.
Aufbau und Inhalt
Die Autorin leitet ihre Studie mit dem Hinweis ein, dass es bisher schon viele Studien zur Verwendung wissenschaftlichen Wissens und des Transfers in die Praxis gegeben habe. Vor dem Hintergrund bisher eher ernüchternder Ergebnisse dieser Studien stellt sie kritisch fest, dass diese bisher im Wesentlichen nur eine Blickrichtung kannten und zwar jene von der Wissenschaft in die Praxis. Inwiefern von der Praxis Erfahrungswissen in die Produktion wissenschaftliches Wissen einfließt und von hier wieder zurück oder wie mit diesem Wissen in den jeweiligen Feldern umgegangen wird, dass es sich hier also um einen sehr komplexen und zirkulären Vorgang handelt, sei, so ihre These, bisher viel zu wenig berücksichtigt und erforscht worden. Neben den objektiv-strukturellen Bedingungen des Transfers von Wissen seien dabei vor allem die subjektiv-zwischenmenschlichen Beziehungen, Kommunikationsprozesse und Aspekte wie z.B. Macht und Herrschaft, Anerkennung und Kränkung vernachlässigt worden. Diese Vernachlässigung begünstige einerseits „Gruselphantasien“ der Wissenschaft gegenüber der Praxis und andererseits Trivialisierungen von wissenschaftlichem Wissen in der Praxis.
Mit der Arbeit möchte die Autorin aus der Perspektive des Symbolischen Interaktionismus eine Grounded Theory über einen notwendigen, wechselseitigen Wissenstransfer vorlegen.
Nach der Entwicklung der Problem- und Fragestellung setzt sich die Autorin zunächst mit der Frage auseinander, was eigentlich unter Wissen zu verstehen ist und in welchem Zusammenhang Wissen und Handeln stehen. Um die Ausgangskriterien für ihre Studie zu klären, differenziert sie die Produktions-, Verwendungs- und Vermittlungsweisen von Wissen. Erkenntnisse und Thesen der hermeneutischen Wissenssoziologie bilden dabei ihre theoretische Grundlage.
Im dritten Kapitel versucht sie die „institutionalisierten Felder Wissenschaft und Praxis zu identifizieren und Erkerkenntnisse bisheriger Untersuchungen (…) herauszuarbeiten“ (19). Im vierten Kapitel entwickelt sie ihre Methodenwahl und in den zwei folgenden Kapiteln stellt sie ihre Ergebnisse vor.
Befragt wurden insgesamt 29 Professionelle in den Feldern Wissenschaft (Uni, FH, Forschungsinstitute) und Praxis (Kinder- und Jugendhilfe, Soziale Hilfe, Gesundheitshilfe und Rehabilitation, Erwachsenenbildung und Sozialpolitik) im Raum München. Bei den befragten Akteuren handelt es sich um 15 SozialarbeiterInnen, und 14 Angehörige anderer Professionen. Davon waren 17 Frauen und 12 Männer im Durchschnittalter von 42 Jahren.
Entgehen vieler vorhergehender Studien zeigt die Autorin, dass es sich bei der unterschiedlichen Verwendung und des Transfers von Erfahrungs- und Wissenschaftswissen nicht um rein gegensätzliche und voneinander getrennte Felder mit unterschiedlichen Rationalitäten handelt. Vielmehr gehe es hier um ein Kontinuum zwischen diesen beiden Polen, das abhängig ist von der jeweiligen Verankerung der professionellen Akteure in den beiden Feldern. Dieses Kontinuum führe zu einer „Hybridisierung von Erfahrungs- und Wissenschaftswissen“. Die Aneignung der jeweiligen Wissensformen verläuft nach ihrer Ansicht wellenförmig in einem steten hin und her, als ein Prozess, der mit hohen Aufwendungen und zeitweise auch mit einem „Praxisschock“ bzw. einem „Wissenschaftsschock“ einhergeht. Als Voraussetzungen für gelingende Transferprozesse identifiziert sie nun Beziehungs- und Strukturarbeit als die zentralen Kategorien.
Für die Transferpraxis unterscheidet Oestreicher drei verschiedene Wissenstransfer Dimensionen, den Transfer zur Verständigung, zur Befähigung und zur Dienstleistung. Diese unterscheiden sich in ihren jeweiligen Bedeutungen und Anteilen der Struktur- und Beziehungsarbeit.
Bei der Dimension Verständigung handelt es sich zum einen um den intra- und interprofessionellen Austausch über das jeweils vorhandene Wissen und zum anderen über Verständigungsprozesse zwischen Professionellen und ihren Klienten. Ohne diese Verständigung sei kein kooperatives Handeln möglich. Dafür werden jeweils unterschiedliche Strategien und Techniken auf der Struktur- und Beziehungsebene eingesetzt. Die Autorin zeigt dann, dass die Beziehungsqualität (z.B. partizipative Strukturen und dialogische Kommunikationsprozesse) über das Mehr oder Weniger gelingender Verständigung entscheidet.
Beim „Wissenstransfer zur Befähigung“ geht es um zumeist längerfristige Prozesse der Kompetenzentwicklung (z.B. Aus-, Fort- und Weiterbildung). Diesen Prozess bezeichnet die Autorin als geleitete Prozesse, die von Elementen wie Autonomie und Heteronomie und normativen Setzungen geprägt sind. Der Beziehungsarbeit stellt hier die zentrale Grundvoraussetzung für gelingende Lernprozesse.
Der „Wissenstransfer zur Dienstleistung“ dient der Darstellung und Positionierung der Professionellen und ihrer Einrichtungen in ihren jeweiligen Marktsegmenten. Dabei handelt es sich also um vielfältige Formen der Legitimation eigener Existenzen und dem Marketing eigener Aufgaben und Kompetenzen.
Auf allen Ebenen identifiziert die Autorin unterschiedliche Strategien, die mehr oder weniger auf ein Miteinander bzw. Gegeneinander ausgerichtet sind. Die Transferprozesse sind entsprechend von vielfältigen Problematiken gekennzeichnet. Z.B. entstehen Verständigungsprobleme (Sprache und Kommunikationsformen) zwischen unterschiedlichen Feldern oder unterschiedlichen Professionen über sogenannte „Stille-Post-Prozesse“ und damit einhergehende soziale Konflikte.
Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse rät Oestreicher dazu „die tradierte Unterscheidung zwischen den Feldern Wissenschaft und Praxis zu modifizieren“. (336) und ein neues Grundverständnis dieser Beziehung zu entwickeln. Dabei müsse „Wissen immer in seiner Mehrdimensionalität und Hybridität betrachtet werden“, (348) welche notwendiger Weise Akzeptanz und Toleranz von den Akteuren gegenüber den anderen verlange und die Fähigkeit zum Aushalten „intrapersonaler Widersprüche und Zweifel“ (354). Wegen der Bedeutung von Beziehung und Subjektivität in den interaktiven und kommunikativen Transferprozessen könne man diese nicht als rein formale Managementprozesse betrachten und steuern. Einen Königsweg zur Gestaltung von Transferprozessen könne es deswegen nicht geben. Solche Versuche würden immer zu Trivialisierungen führen. Hieraus leitet Oestreicher dann eine notwendige Abwehrhaltung gegenüber einer „Dominanz des zählbaren und quantitativen Wissens“ ab (369). Sie fordert außerdem, dass die „Arbeitstätigkeiten professioneller Akteure auch offiziell um die Integration des Wissenstransfers“ erweitert und modernisiert werden müssten (374). Ihre Ergebnisse könnten helfen „ den Glauben an das objektiv gegebene und objektiv richtige Wissen zu erschüttern“ (375).
Diskussion
Es handelt sich um eine sehr gründlich durchgeführte und theoretisch gut fundierte qualitativ-empirische Studie. Sie zeigt, jenseits tradierter Zuschreibungen aus den Feldern Wissenschaft und Praxis, sehr anschaulich und gut belegt, wie sich diese beiden Felder tatsächlich durchdringen und wechselseitig aufeinander angewiesen sind. So sind für Oestreicher Wissenschaftler und Praktiker, unter Beibehaltung einer notwendigen „Kluft“ zwischen den unterschiedlichen Feldern, doch beides Professionelle. Sie wendet sich damit von der im deutschen Sprachraum oft dominierenden Trennung von wissenschaftlichen Akteuren (Disziplin) und praktischen Akteuren (Profession) ab und betont die „Fusion“ beider Felder. (vgl. Gahleitner u.a. 2010) Gerade in der Diskussion um die weitere Professionalisierung der Sozialen Arbeit und vergleichbarer junger Professionen, die erst am Beginn ihrer Akademisierung stehen, werden hier Ergebnisse vorgelegt, die vor einseitigen, unproduktiven Dualismen und realitätsfernen Hierarchien zwischen dem dualen und tertiären Bildungs- und Ausbildungssystemen warnen. Oestreicher hebt daher zu Recht die besondere Bedeutung der von ihr als „Mittelfeldakteure“ bezeichneten Professionellen heraus. Das sind jene Professionellen, die in beiden Feldern aktiv sind und quasi die wichtigsten Transporteure des Transfers vom wissenschaftlichen Wissen in die Praxis und umgekehrt sind. Ohne das hier explizit zu erwähnen, weißt die Autorin auf ein in Deutschland vorhandenes Defizit der Profession Soziale Arbeit hin. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern fehlen hier in Kammern verfasste Institutionen, welche den strukturellen Rahmen für einen strukturierten Austausch von Wissenschafts- und Erfahrungswissen abgeben könnten. Ein Vergleich mit anderen Ländern und Professionskulturen könnte hier weiteres Licht auf ein schwieriges Verhältnis werfen. Solche Kammern sind immer auch Orte, in denen professionelles Wissen gebündelt und notwendiger Weise auch ein wenig standardisiert wird. Die jungen Professionen, sehr um akademische Reputation und wissenschaftliche Anerkennung bemüht, sollten aus Angst vor vermeintlich mangelnder Wissenschaftlichkeit nicht den Fehler begehen, auf die Bedeutung von Beziehungsprozessen im Rahmen ihrer Ausbildung und bei der Gestaltung ihrer professionellen Settings zu verzichten. Diese Studie zeigt eindrücklich, dass sich wissenschaftliche Reflexivität und praktische „Anwendung“ wissenschaftlichen Wissens nicht ausschließen, sondern gegenseitig bedingen.
Dem Charakter einer Dissertation geschuldet sind für den geneigten Leser durchaus ein paar Redundanzen zu verzeichnen. Teilweise finden sich etwas wenig bildhafte Begrifflichkeiten, wie beispielsweise dem „Transfer zur Dienstleistung“, die zwar die damit gemeinten Funktionen ganz gut zusammenfassen, aber auch ein wenig sperrig sind und sich in ihrer Bedeutung nur langsam erschießen. Das gilt auch für manche Schaubilder (z.B. auf S. 75) und Beschreibungen. Sehr anschaulich schildert die Autorin „Stille-Post-Prozesse“. Dabei scheint mir allerdings, dass diese Prozesse ein wenig einseitig als Erkenntnisprozesse positiv gedeutet werden. In solchen Prozessen können sich Erkenntnisse und Wissen auch leicht in gegenteiliges verfälschtes Wissen verwandeln und zu ziemlich problematischen Wirkungen und schwierigen sozialen Konstellationen beitragen. So gesehen reicht es m.E. nicht aus, die Kategorie „objektives Wissen“ durch jene vom „subjektiven Wissen“ abzulösen. Subjektives Wissen kann ja doch nur als objektiv bekanntes, real vorhandenes oder verhandeltes Wissen relativiert werden und so vielleicht zu neuen Erkenntnissen hinleiten. Nicht ganz verständlich ist für mich die Abneigung der Autorin gegenüber jeglichen Formen der Quantifizierung und Standardisierung von Wissen. Jede verantwortliche Aus- und Weiterbildung, jede Form von Intervention ist m.E. auf ein gewisses Maß an Standardisierung angewiesen. Dass muss ja noch lange nicht bedeuten, dass man diese Form von Komplexitätsreduktionen als „richtiges“ Wissen konserviert. Dass sich professionelle Interventionen nicht vollständig standardisieren und damit technisieren lassen, ist ein alter Hut. Dennoch würde ein größeres Maß an Vergleichbarkeit von Interventionsergebnissen und Standardisierung von Interventionsabläufen, im Sinne der Einhaltung von professionellen Essentials, für die Professionsentwicklung sozialer Berufe und ihrer gesellschaftlichen Anerkennung sehr hilfreich sein.
Ergebnisse, wie sie in dieser Studie vorgelegt wurden, könnten der Diskussion um Schlüsselkompetenzen und die Kerncurricula moderner Professionen einen neuen Auftrieb geben und den Fokus didaktischer Konzeptionen in der Aus- Fort- und Weiterbildung stärker auf die Bedeutung von Beziehung und Transferprozesse zwischen Vermittlung und Umsetzung lenken. Dazu liegt auch schon ein Sammelband unter Beteiligung der Autorin vor. (Unterkofler/ Oestreicher 2014, vgl. die Rezension). Allerdings müsste m.E. das Augenmerk der Akteure in den Kompetenzaneignungsprozessen noch stärker auf den Umgang mit den Ambivalenzen und Dissonanzen bei den professionellen Akteuren selbst gelegt werden. (vgl. Effinger 2012)
Fazit
Dieses Buch ist allen zu empfehlen, die in der Ausbildung und Studium, in der Fort- und Weiterbildung sowie bei der Personalentwicklung Verantwortung tragen.
Literatur
- Gahleitner, Silke Birgitta/ Effinger, Herbert/ Kraus, Björn/ Miethe, Ingrid/ Stövesand, Sabine/ Sagebiel, Juliane (Hrsg.) (2010): Disziplin und Profession Sozialer Arbeit. Entwicklungen und Perspektiven. Reihe Theorie, Forschung und Praxis Sozialer Arbeit. Bd. 1. Opladen und Farmington Hills, MI: Verlag Barbara Budrich
- Effinger, Herbert (2012): Ambiguitätsakzeptanz und Ambivalenzkompetenz. Eine Herausforderung für die Lehre in der Sozialen Arbeit. In: Effinger, Herbert/ Borrmann, Stefan/ Gahleitner, Silke Birgitta/ Köttig, Michaela/ Kraus, Björn/ Stövesand, Sabine (Hrsg.) (2012): Diversität und Soziale Ungleichheit. Analytische Zugänge und professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit. Reihe Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit, Bd. 6. Opladen, Berlin und Toronto: Verlag Barbara Budrich, S. 255-271
- Unterkoffler, Ursula/ Oestreicher, Elke (Hrsg.) (2014): Theorie-Praxis-Bezüge in professionellen Feldern. Wissensentwicklung und -verwendung als Herausforderung. Opladen, Berlin, Toronto: Budrich UniPress Ltd.
Rezension von
Prof. (em) Dr. Herbert Effinger
Diplomsozialpädagoge (DBSH, Supervisor (DGSv), Case Management Ausbilder (DGCC), Professor für Sozialarbeitswissenschaft/Sozialpädagogik an der Evangelischen Hochschule Dresden
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