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Jörn Reusch: Projekt Adventure

Rezensiert von Prof. Dr. Werner Michl, 27.01.2015

Cover Jörn Reusch: Projekt Adventure ISBN 978-3-95686-694-4

Jörn Reusch: Projekt Adventure. Praxisorientierte Methodensammlung für die Erlebnispädagogik ; Spielothek aus der Praxis für die Praxis ; Methoden und Praxis der Erlebnispädagogik. Kohl-Verlag (Kerpen-Buir) 2014. 96 Seiten. ISBN 978-3-95686-694-4. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Ein spannender Titel, ein dünnes Buch, ein etwas hoher Preis – so könnte man die ersten Eindrücke schildern. Allerdings darf man nachfragen, was das sein soll: „Praxisorientierte Methodensammlung“. Ist der Kletterer felsorientiert? „Methodensammlung“ hätte gereicht.

Im etwas zu vollen Titelbild hangeln sich zwei Buben mit sichtlicher Freude an einem Seil entlang. Die Szene scheint einem Niedrigseilgarten entnommen worden zu sein, da die beiden Kinder ungesichert sind. Im Buch spielen Elemente eines Niedrigseilgartens aber fast keine Rolle.

Um 1970 entwickelte sich in den USA aus der Outward Bound-Bewegung die Idee, dass es möglich sein müsse, Erlebnisse und Abenteuer enger mit dem Schulalltag zu verknüpfen („Bring the adventure at home“). Project Adventure – die halb deutsch, halb amerikanische Variante „Projekt Adventure“ sollte man vermeiden – findet an Schulen und pädagogischen Einrichtungen statt, dauert sieben bis zehn Wochen (ein Halbtagesangebot pro Woche) und baut auf erlebnispädagogischen Methoden auf. Einige wenige Träger und Experten in Deutschland haben dieses Konzept in ihre erlebnispädagogische Praxis implementiert. Es liegen im deutschsprachigen Raum zu diesem Thema zwei empirische Wirkungsanalysen vor und eine Dissertation.

Aufbau

Das Buch enthält keine Gliederung und kein Literaturverzeichnis.

Im Vorwort wird auf einer Seite „Project Adventure“ erklärt (S. 3 f). Dann werden zehn Icons vorgestellt (S. 4), die dazu dienen sollen, die „Übungen und Aufgaben“ schnell auswählen zu können (z. B. Kennenlernen, Spaßspiel, Problemlöseaufgaben, Batteln, Nachtspiel). Diese werden auf Seite 5 wiederholt und kurz erklärt. Dann folgt auf den nächsten drei Seiten eine „Übersicht zu den Stationen“, gemeint sind damit 60 Spiele und Übungen, und eine „Übersicht zu den Reflexionen“. Eigentlich sind es 64 Spiele und Übungen; die letzten vier werden aber in der Übersicht nicht erwähnt. Von Seite 9 bis 15 bietet der Autor in einem „Lexikon: Begriffserklärungen zur pädagogischen / erlebnispädagogischen Arbeit“ (S. 9) an. Dann folgen 64 Spiele und Problemlösungsaufgaben; eine logische Reihenfolge ist nicht erkennbar.

Einblicke

Jörn Reusch hat offensichtlich eine erlebnispädagogische Weiterbildung genossen und die dort erlernten Spiele und Übungen zu einem Buch gebündelt. Fast alle dieser Spiele und Übungen wurden in den letzten zehn Jahren bereits in anderen Büchern veröffentlicht. Man ist schnell geneigt, das Wort Plagiat in den Mund zu nehmen, allerdings haben nahezu alle Autoren/innen von Spielebüchern es für nicht notwendig erachtet, Quellen anzugeben. Für die Ausführungen zum Thema Project Adventure, „Lernkreis des Erfahrungslernens“ und „Feedback“ (S. 76 f) und mehrere Reflexionsmethoden gilt dieser Schutz aber nicht. Hier müsste deutlich zitiert werden, denn das Wissen wurde aus Fachbüchern übernommen. Ein Überblick zeigt, dass aus unterschiedlichen Quellen geschöpft wurde, vor allem aus den „Kooperativen Abenteuerspielen“ von Rüdiger Gilsdorf und Günter Kistner und aus Spieleklassikern. Das „Lexikon“ (S. 9 – 15) für Fachwörter aus Pädagogik und Erlebnispädagogik enthält einige seltsame Begriffe, wie „Bang, Battle, Filling, Infrastruktur, Learning, Trust the Process, Unterstand“. Sie klingen so, als wären sie einem Zeitgeistlexikon entnommen. Die allermeisten Begriffsdefinitionen liegen weit unter einem wissenschaftlichen Standard. Wirklich niemals, selbst nicht bei „Intrinsischer Motivation“, hielt es der Autor für nötig, seriöse Publikationen zu verwenden bzw. wissenschaftlich gültige Ergebnisse zu zitieren.

Spiele und Problemlösungsaufgaben

Man muss deutlich unterscheiden zwischen diesen zwei Begriffen und dies auch seinen Kunden und Lesern immer wieder deutlich machen. Bei einem Spiel in der Erlebnispädagogik geht es vor allem um Kennenlernen, Warming-up, Auflockerung, Bewegung, Spaß und Stimmung. Bei einer Problemlösungsaufgabe, man darf auch Übung und besser noch Lernprojekt sagen, geht es ums Lernen, um persönliche und berufliche Bezüge, um Kompetenzen, Persönlichkeits-, Team- und Organisationsentwicklung. Hier gehört unbedingt eine Reflexion dazu, um Gelerntes für den Alltag fruchtbar zu machen. Wer das nicht versteht und verständlich macht, hat wenig verstanden von erlebnispädagogischen Methoden.

Alle in diesem Buch erwähnten Methoden sind bekannt und wurden in den letzten 15 Jahren mehrfach in der Fachliteratur beschrieben. Die Übung „Höllentor“ (S. 16), mit dem der Spieleteil beginnt, wird zehn Seiten später (S. 26) identisch wiederholt. Das Lernprojekt „Elektrischer Draht“ (S. 18) wird in der Fachwelt längst nicht mehr so benannt, weil es zu martialisch klingt. Übrigens hat kein Lernprojekt so hohe Unfallquoten aufzuweisen, wie der „Elektrische Draht.“ Darauf müsste unbedingt hingewiesen werden. Auch der „Eierfall“ ist ein Klassiker (S. 43), der allerdings inzwischen so bekannt ist, dass manche Studierende und Seminarteilnehmer schon stöhnen, wenn diese Übung angekündigt wird. Daher wäre es gut, wenn man als Leser drei oder vier Variationen des Eierfalls kennenlernen würde (die gibt es tatsächlich, W. M.). Bei manchen Übungen wurde der Titel verändert. Aus dem sehr bekannten „Blinden Mathematiker“ wird bei gleichem Inhalt „Seilgeometrie“ (S. 54). Andere Wortschöpfungen und Titel werden hemmungslos aus anderen Büchern übernommen.

Fazit

Das Buch mit „Projekt Adventure“ zu betiteln, kann man nur als Täuschung einordnen. Wie oben erwähnt, spielt dieser Begriff nur im Vorwort eine geringe Rolle. Da eine Gliederung fehlt,sind die Spiele und Übungen nicht logisch geordnet, sondern wie nach dem Zufallsprinzip aneinandergereiht. In der erweiterten Fachwelt sind nahezu alle Spiele und Übungen bekannt. Ein solches Buch zu produzieren ohne jegliche Verweise auf Fachliteratur endet im Dilettantismus.

Rezension von
Prof. Dr. Werner Michl
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Es gibt 37 Rezensionen von Werner Michl.

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Zitiervorschlag
Werner Michl. Rezension vom 27.01.2015 zu: Jörn Reusch: Projekt Adventure. Praxisorientierte Methodensammlung für die Erlebnispädagogik ; Spielothek aus der Praxis für die Praxis ; Methoden und Praxis der Erlebnispädagogik. Kohl-Verlag (Kerpen-Buir) 2014. ISBN 978-3-95686-694-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17960.php, Datum des Zugriffs 17.08.2022.


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