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Vanessa Schlevogt, Herbert Vogt (Hrsg.): Wege zum Kinder- und Familienzentrum

Rezensiert von Prof. Dr. Sandra Meusel, 18.03.2015

Cover Vanessa Schlevogt, Herbert Vogt (Hrsg.): Wege zum Kinder- und Familienzentrum ISBN 978-3-589-24864-3

Vanessa Schlevogt, Herbert Vogt (Hrsg.): Wege zum Kinder- und Familienzentrum. Ein Praxisbuch. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2014. 208 Seiten. ISBN 978-3-589-24864-3. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 30,70 sFr.

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Thema

Kindertagesstätten haben in erster Linie die Aufgabe, Kinder im Vorschulalter zu betreuen. Dazu gehört, zu deren Bildung und Erziehung wesentlich beizutragen. Aus der Verankerung von Kindertagesstätten im Sozialraum und durch die tägliche Begegnung mit Eltern ergeben sich beachtliche Möglichkeiten, weitere Angebote für die Soziale Arbeit mit Familien aufzubauen. Diese Chancen nutzen bundesweit immer mehr Einrichtungen und entwickeln sich zu Kinder- und Familienzentren. Welche Wege sie dazu beschreiten können, dies ist Thema des rezensierten Buches.

Herausgeberin und Herausgeber

Vanessa Schlevogt ist Politikwissenschaftlerin und freiberufliche Prozessbegleiterin in Frankfurt am Main. Darüber hinaus ist sie als Beraterin und Referentin zum Thema Kinder- und Familienzentren engagiert.

Herbert Vogt ist Grundschullehrer und Dipl.-Pädagoge. Er ist leitender Redakteur der Zeitschrift Theorie und Praxis der Sozialpädagogik. Am Odenwald-Institut der Karl-Kübel-Stiftung ist Herbert Vogt Weiterbildungsleiter zum Themenbereich Kinder- und Familienzentren.

Entstehungshintergrund

Ein Vorbild der Kinder- und Familienzentren ist in den in Großbritannien entwickelten Early Excellence Centres zu finden. Aus diesem Konzept fließen Strategien wie die Einbindung von Familienbildungsangeboten, die sozialraumorientierte Arbeit der Einrichtung und das Bestreben, gemeinsam mit den Eltern das frühkindliche Lernen zu fördern, ein. In Deutschland wurde der Ansatz zunächst in urbanen Gebieten erprobt. So wurde beispielsweise in Berlin und in Hannover ab dem Jahr 2001 die Idee umgesetzt, Kindertagesstätten in Kinder- und Familienzentren umzustrukturieren. Damit verbunden ist, die grundsätzliche Haltung der Fachkräfte gegenüber den Eltern und ihren Erziehungskompetenzen zu verändern. Zuvor war die Sichtweise auf die Eltern eher auf die Probleme in der Erziehung und die Schwächen gerichtet. Zukünftig gehen die Erzieher von den Fähigkeiten und Stärken der Väter und Mütter aus und entwickeln mit ihnen gemeinsam Ideen, wie die Kinder individuell in ihrer Entwicklung voran gebracht werden können.

Aufbau und Überblick

Das Buch besteht aus sieben Kapiteln. Den Kapiteln eins bis sechs sind jeweils Beiträge mehrerer AutorInnen mit entsprechenden Literaturhinweisen zugeordnet. Kapitel 7 versteht sich als Anhang mit hilfreichen Hinweisen, Links und Angaben zu den VerfasserInnen der Beiträge.

Die Beiträge in Kapitel 1 gehen auf die fachlichen Grundsätze der Kinder- und Familienzentren sowie auf die in der Bundesrepublik praktizierten Modelle ein.

In Kapitel 2 werden die Grundsätze anhand von drei Konzepten bzw. Fördermodellen vertieft.

Darauf aufbauend wird im Kapitel 3 der Fokus auf zwei wesentliche Methoden gerichtet, welche von den neuen Zentren angewendet werden: die Sozialraumorientierung und die Bedarfsermittlung. In Kapitel vier geht es schwerpunktmäßig um die Vernetzung und die Kooperation von Kinder- und Familienzentren. Nach einer Erläuterung wird die Vorgehensweise anhand von Beispielen vertieft. Weitere Beispiele werden in Kapitel 5 vorgestellt, wobei die jeweilige konzeptionelle Grundausrichtung unterschieden wird. Im Kapitel 6 wird gezeigt, was im Sinne der Qualitätsentwicklung beim Aufbau eines Kinder- und Familienzentrums zu beachten ist und welche Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung angeboten werden.

Inhalte

Die einzelnen Kinder- und Familienzentren, die es in Deutschland gibt, arbeiten sehr unterschiedlich und stellen jeweils andere Schwerpunkte in den Vordergrund ihrer Konzeption. Dennoch gibt es wesentliche Grundsätze, die alle Einrichtungen gemeinsam haben und die im besprochenen Buch erläutert und mit Beispielen illustriert werden.

Die Wurzeln im Early Excellence Ansatz. Der Early Excellence Ansatz wurde in Großbritannien in den 1990er Jahren entwickelt. Ein grundsätzliches Anliegen der Initiative ist es, durch Vernetzung der vorhandenen Angebote im sozialen Bereich bessere Entwicklungschancen für Kinder zu bieten. Als theoretischer Hintergrund werden Erkenntnisse zum Lernverhalten von Kindern genutzt. Es wird von einer positiven Sicht auf das Kind ausgegangen. Anhand von Beobachtungsverfahren wird dokumentiert, welche Interessen das Kind hat und welche Entwicklungsaufgaben anstehen. Die Eltern werden als gleichwertige Partner der PädagogInnen gesehen und in die Arbeit intensiv einbezogen. Dabei wird das Hauptaugenmerk auf die Ressourcen und Fähigkeiten der Eltern als „Experten“ ihres Erziehungsalltags gelegt. Ausgehend von den Wünschen und dem Bedarf der Eltern an Unterstützung werden weitere Angebote bereitgestellt.

Kinder- und Familienzentren in Deutschland. In Deutschland wird der Early Excellence Ansatz aufgegriffen, weiter entwickelt und in verschiedenen Modellen praktiziert. Mittlerweile gibt es sowohl in urbanen als auch in ländlichen Gebieten Kinder- und Familienzentren. Bei den meisten Einrichtungen, die sich als Kinder- und Familienzentrum bezeichnen, bildet die Kindertagesbetreuung einen wichtigen Schwerpunkt der Arbeit. Es gibt einzelne Einrichtungen, welche an andere Institutionen, beispielsweise an einen Sportverein, angegliedert sind. Andere Familienzentren arbeiten als Einrichtung der Familienbildung bzw. -freizeit im Sozialraum, ohne dass eine Kindertagesstätte integriert ist. Es werden drei Organisationsformen von Kinder- und Familienzentren mit integrierter Kindertagesstätte unterschieden.

  1. Beim ersten Modell arbeiten alle Angebote unter einem Dach. Kinderbetreuung, offene Angebote und Familienbildung eines Trägers finden in einem Haus statt.
  2. Beim zweiten Modell fungiert die Kinderbetreuung als Basis und Loste zu den verschiedenen unterstützenden Institutionen im Sozialraum.
  3. Beim dritten Modell arbeiten mehrere Kindertagesstätten im Verbund mit anderen Einrichtungen und Angeboten zusammen.

Beispielhaft für zusätzliche Angebote neben der Kinderbetreuung stehen ein Eltern-Kind-Café als offener Treff, Tauschbörsen für Kinderkleidung, Elternworkshops, Elternabende mit thematischer Ausrichtung, Erziehungsberatung, Sport- und Freizeitangebote sowie Sprachkurse. Es gibt verschiedene konzeptionelle Schwerpunkte, nach denen Kinder- und Familienzentren arbeiten. So stellen einige Einrichtungen in den Vordergrund, dass sie Teil der kommunalen Bildungs- und Förderkette sind. Andere betonen das Anliegen, gezielt Familien mit Migrationshintergrund als Adressaten der Arbeit zu gewinnen. Weitere konzeptionelle Schwerpunkte stellen die Kooperation mit Erziehungsberatungsstellen oder die Förderung aktiver Vaterschaft dar. Gemeinsam ist allen Konzepten und Organisationsformen, dass sie von der systemischen Sichtweise ausgehen und vielfältige Wechselwirkungen in der Familie und mit den Akteuren im Sozialraum berücksichtigen.

Bedarfs- und Sozialraumanalyse. Dieses Thema wird im besprochenen Band sehr ausführlich erläutert und an zahlreichen Beispielen belegt. Zentrales Anliegen der Bedarfs- und Sozialraumanalyse ist es, die zu den Kita-Kindern gehörenden Familien und ihre Lebenswelt besser kennen zu lernen sowie ihre Wünsche in Bezug auf familienunterstützende Angebote zu erfahren. Dazu werden verschiedene Methoden vorgestellt. So ist es beispielsweise möglich, dass die pädagogischen MitarbeiterInnen Stadtteilerkundungen gemeinsam mit den Familien durchführen. Eine weitere Option stellen projektorientierte Veranstaltungen wie Zukunftswerkstätten und Kinderkonferenzen dar. Auch Fragebogenaktionen mit Eltern und Leitfadeninterviews mit institutionellen Vertretern können Zugang zu den Wünschen der Familienangehörigen schaffen. Auf unkomplizierte Art und Weise können Tür- und Angelgespräche, zum Beispiel bei der täglichen Übergabe der Kinder, genutzt werden, um mit den Eltern vertrauter zu werden und Unterstützungsbedarfe zu thematisieren. Die Sozialraum- und Bedarfsanalyse trägt dazu bei, die Partizipationsmöglichkeiten der Familien effektiv zu verbessern. Mit den entsprechenden Methoden kann es gelingen, die Kontakte zu den Eltern zu intensivieren und ihnen Möglichkeiten zur Artikulation ihrer Interessen zu eröffnen.

Strukturen der Zusammenarbeit. Als wichtige Herausforderung auf dem Weg zum Kinder- und Familienzentrum wird der Ausbau der Kooperationsstrukturen erläutert. Für die erfolgreiche Arbeit ist es unabdingbar, gemeinsame Ziele und Schnittmengen mit Netzwerkpartnern zu suchen. Dabei können durchaus Stolpersteine wie Zeitmangel und Konkurrenz zu bewältigen sein. Zunächst muss das Interesse an kurzfristigen Ergebnissen hinten angestellt werden. Im langfristigen Verlauf zeigen sich die Vorteile der Kooperation auf Augenhöhe und des echten Interesses an der Arbeit der jeweiligen Netzwerkpartner. Beispielhaft für die Kooperationspartner stehen (Erziehungs-) Beratungsstellen, freiberufliche ReferentInnen, andere Kitas, Jugendämter und Schulen, Vereine und Frühförderstellen. Es wird dargestellt, dass die intensivierte Zusammenarbeit im Endeffekt dazu beiträgt, die ErzieherInnen in ihrer pädagogischen Arbeit zu entlasten.

Der Entstehungsprozess eines Kinder- und Familienzentrums. Die AutorInnen des besprochenen Bandes plädieren für professionelles Vorgehen in der Organisationsentwicklung und gezieltes Qualitätsmanagement auf dem Weg von der Kindertagesstätte zum Kinder- und Familienzentrum. Dafür müssen alle Akteure in den Prozess eingebunden und immer wieder die Ziele mit den Ergebnissen abgeglichen werden. Für die Praxis werden die einzelnen Schritte unter den Stichworten Bestandsaufnahme, Zielsetzung, Bedingungen, Hindernisse und Stolpersteine sowie das Team als lernende Organisation erläutert. Es wird ein Leitfaden für KoordinatorInnen aufgeführt, der dabei hilft, die wichtigsten Aufgaben im Blick zu behalten. Darüber hinaus wird verdeutlicht, dass durch die jeweils verschiedenen Rahmenbedingungen vor Ort die Herausforderungen sehr spezifisch sind. Weiterhin wird auf Unterstützungsangebote für die Umstrukturierung zu Kinder- und Familienzentrum hingewiesen. So werden Fortbildungsmöglichkeiten aufgezeigt und die Notwendigkeit, die Perspektive der neuen Zentren schon in die Erzieherausbildung einzubeziehen, verdeutlicht.

Fazit

Das Buch erschließt der LeserIn einen praxisorientierten Einblick in die Herausforderungen, welche Kindertagesstätten auf dem Weg zu Kinder- und Familienzentren begegnen können. Es wird deutlich, welche Schritte im Einzelnen erforderlich sind, um Kindertagesstätten stärker zum Sozialraum hin und zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit den Eltern zu öffnen. Die angeführten Beispiele ermöglichen der LeserIn eine Vorstellung von der vielgestaltigen Arbeit im Alltag der neuen Zentren. Teilweise gibt es Wiederholungen, vor allem das Thema „Bedarfsanalyse“ wird in mehreren Beiträgen vertiefend aufgegriffen. Zukunftsweisend sind unter anderem die Ausführungen zur Organisationsentwicklung in Kindertagesstätten bzw. in Kinder- und Familienzentren sowie die weiterführenden Gedanken zur Umstrukturierung der ErzieherInnen- Ausbildung. So wird es zur kurzweiligen und interessanten Lektüre für alle, die sich mit Entwicklungsmöglichkeiten von familienunterstützenden Institutionen befassen.

Rezension von
Prof. Dr. Sandra Meusel
Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe an der Hochschule Nordhausen
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Es gibt 4 Rezensionen von Sandra Meusel.

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ISSN 2190-9245