socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Joachim Merchel: Management in Organisationen der Sozialen Arbeit

Cover Joachim Merchel: Management in Organisationen der Sozialen Arbeit. Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-3073-0. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.

Studienmodule soziale Arbeit.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das vorliegende Werk ist eine mehr oder weniger vollständige Überarbeitung des bereits in drei Auflagen erschienenen Einführungsbuches „Sozialmanagement“ von Joachim Merchel. Aufgrund der völligen Neukonzipierung löst es darum die alten Auflagen ab. Galt es früher noch Sozialmanagement rechtfertigen zu müssen, ist Management in den Organisationen Sozialer Arbeit heutzutage längst angekommen und selbstverständlich, auch wenn man sich an dem sperrigen betriebswirtschaftlichen Vokabular immer noch stören mag. Frühere Diskussionen werden darum nicht wieder aufgegriffen. Dabei bleibt der Ansatz, nicht eine allgemeine Managementlehre darzubieten, sondern den Managementansatz in engem Bezug zu den Handlungsfeldern sozialer Arbeit zu entwickeln.

Autor

Prof. Dr. Joachim Merchel ist Diplom-Pädagoge und Professor für das Lehrgebiet Organisation und Management in der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Münster, Fachbereich Sozialwesen und dort Leiter des weiterbildenden Master-Studienganges „Sozialmanagement“

Aufbau und Inhalt

Joachim Merchel gliedert seine Managementlehre in insgesamt neun Abschnitte, die nach einem umfassenden einleitenden Kapitel, das mit der programmatischen Feststellung betitelt ist: Qualifizierte gute Soziale Arbeit braucht gutes Management, zunächst die Begriffe Management und Organisation näher erläutert, bevor sie in Kapitel drei und vier näher auf die Organisation als Gegenstand des Managementhandelns und die organisationsbezogene Steuerung eingeht.

Zunächst stellt Merchel fest, dass sich fachliches Handeln immer in Organisationen vollzieht, deren Gestaltungsmodalitäten gemanagt werden (müssen). Dabei betrachtet Management diese Organisationen als „Betrieb“, weshalb auch eingedenk der Besonderheiten, unter denen Soziale Arbeit sich vollzieht, eine betriebswirtschaftliche Sichtweise angemessen und nützlich ist. Management gestaltet die Rahmenbedingungen Sozialer Arbeit mit. Dabei trägt die Managementperspektive dafür Sorge, dass „innerhalb der Organisation so zielbezogen und so wirtschaftlich gehandelt wird“(S. 12). Konflikte entstehen dann, wenn wenig sensibel betriebswirtschaftliches Vokabular in der Sozialen Arbeit angewendet werden und Effizienzgesichtspunkte gute Arbeit (zu) verdrängen (scheinen). Management hat eben nicht nur rein finanzielle Verantwortung zu tragen, sondern sachliche wie personelle Ressourcen in der Organisation steuern, um die Aufgaben der Organisation bestmöglich zu erfüllen. Organisationen sieht er in vier Perspektiven: Als System an sich, als durch Macht- und Einflussdynamik, durch implizite Wertorientierung und durch die Erwartungen ihrer Umwelt geprägte Systeme, Dadurch stößt das Management immer wieder auf Paradoxien auch infolge der unterschiedlichen Stakeholderansprüche und auf Dilemmata, die speziell das Management ausbalancieren muss.

Kapitel drei stellt die Sozialen Dienstleistungen als Bezugspunkt für das Managementhandeln in den Vordergrund. Für Merchel werden sie auf der Grundlage eines öffentlichen Interesses erbracht, welches es schwierig macht, die Adressaten mit dem betriebswirtschaftlichen Begriff Kunden zu belegen. Die öffentlichen Aufträge treten im Feld Sozialer Arbeit auf gemeinnützig orientierte Organisationen, 2

die im Feld Sozialer Arbeit gegenüber herkömmlichen, gewerblichen Organisationen in anderen Branchen zwar viele Gemeinsamkeiten, aber auch eine Reihe von gravierenden Unterschieden aufweisen.

Auch wenn dieser Unterscheidung zugestimmt werden kann, ist die Sichtweise von Merchel hier doch verkürzt, da es nicht zwingend ist, dass öffentliche oder meritorische Güter nur durch gemeinnützige Einrichtungen erbracht werden können. Ein Blick in das Gesundheitswesen oder den Pflegebereich zeigt, dass gewerbliche Unternehmen dort nicht signifikant schlechtere Arbeit leisten. Ebenso wenig kann der Darstellung sozialer Dienstleistungen zugestimmt werden. Immaterialität und Integrativität sind Merkmale jeder Art von Dienstleistungen. Soziale Dienstleistungen zeichnen sich hier nicht durch ein besonderes Maß aus. Vielmehr drücken sich die Besonderheiten durch anders geartete Kundenbeziehungen und die eingeschränkten Möglichkeiten der Adressaten aus. Schließlich ist die in der Literatur häufig zu lesende Kategorisierung sozialer Dienstleistungen als Vertrauensgüter zu einfach. Sie unterstellt den Adressaten oder Nutzern im Grunde genommen, dass sie intellektuell überfordert sind und keinerlei Lernprozesse haben. Gleichzeitig werden aus dem Vertrauensgutproblem zu wenige Schlussfolgerungen gezogen, außer das es eine Marktsteuerung deutlich erschwert, im Hinblick auf Principal-Agent und Governance Probleme.

Umfänglich ist der nächste Schritt, die Einführung in die Grundprinzipen der organisationsbezogenen Steuerung. Das Buch erläutert sowohl die Struktur der Aufbau- und Ablauforganisation, betont aber auch den Einfluss informeller Strukturen. Als System ist eine Organisation gestaltet durch die Ziele und Programme, durch Mitglieder und durch Strukturen. Die Organisationskultur bietet jeweils den Überbau an, der von Symbolen, Wertvorstellungen und Verhaltensmustern geprägt ist.

Unter dem Stichwort betriebswirtschaftliche Steuerung grenzt Kapitel fünf die Betriebswirtschaft auf Finanzierung, Kosten und Fundraising ein. Zudem wird im Rahmen des Strategischen Managements (S. 94f.) ein Rationalitätsparadigma unterstellt, das zwar immer noch zu Beginn des Betieibswirtschaftsstudiums gelehrt wird, allerdings in der Betriebswirtschaftslehre selbst viele Kritiker auf den Plan gerufen und zu Veränderungen geführt hat (man denke nur an die behavioral economics).

Dass die fachliche Steuerung, zu der Merchel auch das Qualitätsmanagement und die Organisation von Evaluationsmaßnahmen zählt nicht originär betriebswirtschaftliche Steuerung ist, ist augenscheinlich. Anders dagegen verhält es sich mit dem Personalmanagement oder der Gestaltung der Organisationsbezüge zur Umwelt, zu denen Merchel auch das Marketing subsummiert, eine an sich betriebswirtschaftliche Domäne. Man mag sich an der verengten Sichtweise der BWL stören, es zeigt aber wie groß die Schnittmengen zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Betrachtungsweisen auf das Feld Sozialer Arbeit sind. Natürlich kommt dem Personalmanagement in einer personalintensiven Arbeit schon deutlich mehr Augenmerk zu als in weniger personalintensiven Betreiben. Durch den engen Kundenkontakt und die große Autonomie der Handelnden bedarf es einer besonders sorgfältigen Personalauswahl. Hinzu kommen noch im Feld Sozialer Arbeit die ehrenamtlichen Mitarbeiter, die eine ganz neue Führungsdilemmata mit sich bringen. Ein Dilemmata anderer Art sieht Merchel in der Gestaltung der Bezüge zur Umwelt im Marketing. Einerseits „verlangt“ das Marketing eine konsequente Ausrichtung an den „Kundenbedürfnissen“, andererseits muss man sich gleichzeitig vom Konkurrenten absetzen (der ja ebenso sich am Kunden orientieren will). Dieses Dilemmata wird in der Marketingliteratur nicht gesehen: Das Absetzen vom Konkurrenten geschieht durch bessere (weil noch ein wenig mehr kundenorientierte Handlungsweise) oder billigere (weil preisgünstigere) Dienstleistungen. Dass in der Sozialen Arbeit die Kostenträger zunehmend nur noch auf günstigere Angebote setzen ist kein betriebswirtschaftliches, sondern ein Werteproblem der Behörden. 3

Abschließend nimmt sich das Buch der Leitungsfunktion selbst an und diskutiert welche Kompetenzen und Führungsstile sie mit bringen sollte bzw. welche Facetten es dort gibt.

Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen Zusammenfassung und endet mit Übungs- und Reflexionsfragen. Ein kurzes Literaturverzeichnis gehört ebenfalls am Ende jedes einzelnen Abschnittes dazu.

Fazit

Studierenden der Sozialen Arbeit macht es das Buch nicht einfach, sich den Inhalten des Managements in Organisationen der Sozialen Arbeit zu nähern. Es fordert sie zum Nach- und Mitdenken heraus. Statt leicht konsumierbarer Übersichten und Schaubilder werden Managementfragen im besten Sinne diskutiert. Gleichwohl ist das Buch auch didaktisch gelungen aufgebaut, in dem zunächst ein kurzer Überblick über die Fragestellungen und Ergebnisse präsentiert wird. Für Praktiker im Sozialen Bereich eignet sich das Buch nicht als Nachschlagewerk, da es inhaltlich eher einen Überblick gibt, aber dafür zum Reflektieren anhält. Das Buch leistet einen sehr wertvollen Beitrag dazu, die Differenzen zwischen unterschiedlichen Denkweisen im Hinblick auf Organisationen in der Sozialen Arbeit zu verringern. Was will man mehr?


Rezensent
Prof. Dr. Georg Kortendieck
Fachhochschule Braunschweig-Wolfenbuettel, Fachbereich Sozialwesen
E-Mail Mailformular


Alle 26 Rezensionen von Georg Kortendieck anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Georg Kortendieck. Rezension vom 11.05.2015 zu: Joachim Merchel: Management in Organisationen der Sozialen Arbeit. Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-3073-0. Studienmodule soziale Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17966.php, Datum des Zugriffs 20.02.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung