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Alice Bota, Khuê Pham u.a.: Wir neuen Deutschen

Cover Alice Bota, Khuê Pham, Özlem Topçu: Wir neuen Deutschen. Was wir sind, was wir wollen. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2012. 174 Seiten. ISBN 978-3-498-00673-0. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,90 sFr.
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Heranwachsende in Deutschland – oder deutsche Heranwachsende?

Wir da drinnen – ihr von da draußen! Über Immigration, also Einwanderung, oder Emigration, Auswanderung, gibt es zahlreiche Erzählungen, wissenschaftliche Studien und Erfahrungsberichte; genau so, wie die Tatsache, dass der Mensch ein homo migrans ist, der sich schon immer und zu allen Zeiten auf den Weg gemacht hat, um – fern der Heimat und dem Herkunftsgebiet – anderswo eine neue Bleibe zu finden und eine Existenz aufzubauen (siehe dazu auch: Jos Schnurer, Wie Deutschland zu den Fremden kam, 20.12.13, www.socialnet.de/materialien/171.php). Den ethnozentrischen, egoistischen, angstbesessenen und rassistischen Abwehrhaltungen, dass die Eingewanderten den Eingesessenen ihren Wohlstand schmälern könnten, dass das Boot voll sei, und die Erwartungshaltungen an die Zugewanderten, dass sie, wenn sie bleiben wollten, so werden müssten wie die Eingeborenen, dass sie sich integrieren oder besser noch assimilieren sollt en, setzen mittlerweile Menschen mit Migrationshintergrund ein eigenes, trotziges „Wir“ entgegen (Mehmet Gürcan Daimagüler, Kein schönes Land in dieser Zeit. Das Märchen von der gescheiterten Integration, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12723.php). Im lokalen, regionalen und globalen gesellschaftspolitischen Diskurs melden sich mehr und mehr Menschen zu Wort, die dazu aufrufen, nicht zu lamentieren und zu agitieren, sondern zu argumentieren: „Zusammensetzen ist besser als Auseinandersetzen“ ( Hilal Sezgin, Hrsg., Manifest der Vielen. Deutschland erfindet sich neu, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11392.php).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

„Seht her, wir sind hier, bei euch und wir sind die ‚neuen Deutschen‘. Wir sind nicht und wollen nicht die ‚besseren Deutschen‘ sein, aber auch nicht die schlechteren, nicht anerkannten und in der Wahrnehmung meist mit einem ‚Aber‘ versehenen“ – diese Argumente von Menschen mit „Migrationshintergrund“ gilt es zu hören und wahr zu nehmen; denn, das sollte sich doch mittlerweile bei den Einheimischen herumgesprochen haben: Zugewanderte sind für eine Gesellschaft oft eine Bereicherung, weil sie den Blick über den Gartenzaun ermöglichen, weil sie neue Ideen und Entwicklungsmöglichkeiten bringen, und, das ist das neueste, bevölkerungspolitische Argument, weil sie auch durch ihr Hiersein und ihre Arbeit dazu beitragen, den gesellschaftlichen Wohlstand zu halten und zu wünschenswerten und notwendigen Veränderungen beitragen!

In dem 2012 erstmals, mittlerweile in dritter Auflage erschienenem Buch „Wir neuen Deutschen“, melden sich drei Journalistinnen mit Migrationshintergrund zu Wort. Sie erzählen von den Erlebnissen, die sie in der Schule, auf der Straße, im Beruf immer wieder haben, wenn Deutsche sie und ihre Eltern entweder barsch wegen ihres Akzentes zurechtweisen, oder gönnerhaft bemerken, „dafür spreche man wirklich gut Deutsch“; sie reden darüber, dass ihre eigene Identität nicht selten ins Wanken gerät, wenn sie selbst erfahren, dass sie nicht richtig Ausländer, aber auch nicht richtig Deutsche wären. Da ist das Wort vom „Migrationshintergrund“, das sich mittlerweile auch als offizieller Sprachgebrauch eingebürgert hat, das sie irritiert ob dieser Schubladenmarkierung. Dabei, hier müssen wir schon wieder das Wortungetüm verwenden, leben mittlerweile mehr als 16 Millionen Menschen mit „Migrationshintergrund“, also fast jeder vierte Deutsche, in unserem Land. Sie stellen die für so genannte Patrioten unerhörte Frage: „Was für ein Land will Deutschland sein?“. Darin steckt ein zweiteiliger Wille: Der eine ist das Bekenntnis: Wir wollen gleichberechtigte Deutsche sein, also weder benachteiligt, noch bevorzugt werden, sondern mit unserer Identität in diesem Land leben! Das andere ist die selbstbewusste Überzeugung: Wir können mit unserem Selbst, so wie wir geboren, aufgewachsen und geworden sind, wie wir sind, unseren positiven Teil zur Weiterentwicklung und Veränderung Deutschlands beitragen!

Da ist die aus Polen stammende Alice Bota, die mit ihren Eltern 1988 nach Deutschland kam; da ist die 1982 in Berlin geborene Khuê Pham, deren Eltern aus Vietnam kommen; und da ist die in Flensburg 1977 geborene Özlem Topçu. Alle drei Journalistinnen sind Politikredakteurinnen bei der Wochenzeitung DIE ZEIT. „Wir bedeuten Veränderungen“, sind sie von sich überzeugt; weil sie hier in Deutschland leben, Deutsche sind, und doch in vielem, von ihren polnischen, vietnamesischen und türkischen „Bindestrich-Identitäten“ her, anders sind als die eingeborenen Deutschen. Da muss etwas schief gelaufen sein im gesellschaftlichen Selbstbewusstsein, wenn Menschen, die mit Verstand und Herz sich als Deutsche bekennen und trotzdem zum Ausdruck bringen: „Unser Lebensgefühl ist die Entfremdung“.

Aufbau und Inhalt

Die Autorinnen gliedern das Buch in acht Kapitel.

Im ersten Kapitel stellen sie fest: „Eigentlich ganz schön hier“, wobei das „eigentlich“ als Einschränkung und Unsicherheit zu verstehen ist.

Im zweiten Kapitel stellen sie sich in ihrem Selbstverständnis vor: „Wer wir sind“, das „Polenkind“, die „Vietnamesin“ und die „Türkin“. Es sind die Erfahrungen, die sie in der (deutschen) Nachbarschaft, auf der Straße, in der Schule, in Geschäften und Ämtern machen, die sie zwangen, sich zu verstellen, Um- und Irrwege zu gehen, weil die Eltern ihr „Deutschwerden“ nicht verstanden oder akzeptieren wollten; wobei sie erst später merkten, dass ihre Identitätssuche Heimatsuche und Geborgenheit, Brücken- und eigene Wege gehen bedeutete, was sie eindringlich und sehr persönlich im dritten Kapitel thematisieren.

Das vierte Kapitel titeln die Autorinnen: „Unser anderes Land“. Schon diese Bezeichnung lässt (vergebliches) Suchen nach der Heimat erwarten, das gespickt ist mit Erwartungen, Illusionen und Trugbildern: Polen – Türkei – Vietnam. „Als Deutsche denkst du an Selbstverwirklichung, als Vietnamesin denkst du ans Überleben“. Identitätsentwicklung hat immer auch etwas mit Quellensuche und historischem Bewusstsein zu tun (das sollten sich einige Leute, die ihr „reines, echtes Deutschsein“ auf Fahnen, mit Marschstiefeln und Gebrüll vor sich hertragen, mal hinter die Ohren schreiben!).

„Schönen Dank fürs Erbe“ überschreiben sie das fünfte Kapitel, wenn sie stolz darüber berichten, was ihnen ihre Eltern an Heimatgefühl und Erinnerung mitgegeben haben, was sie aber auch bei ihrer eigenen Identitätswerdung von ihnen entfremdete: „Unsere Eltern sind hier eingewandert, wir sind hier aufgewachsen“.

Und da kommt, im sechsten Kapitel, trotzig und gleichzeitig selbstbewusst und stolz: „Scheitern ist keine Option“; denn die Eltern, die Verwandten und Menschen aus der Nachbarschaft, Deutsch oder (noch) nicht Deutsch, trugen dazu bei, einen Schulabschluss zu erreichen, Abitur, Praktikum, Auslandsaufenthalt, Studium, Beruf. Und doch: Die scheinbar für Einheimische geltenden Regeln und Chancen scheinen für Menschen mit „Migrationshintergrund“ nicht zu gelten; da irritiert der ausländisch klingende Name, das Aussehen, die Erwartungshaltung, die „Erfahrung“ …

Und dann kommt noch etwas hinzu, was den Fremden vom Hiesigen scheinbar zielsicher und eindeutig unterscheidet: Es ist die Religionszugehörigkeit und Weltanschauung: „Wir sind alle Muslime“, heißt es im siebten Kapitel. Der Autor Zafer Senocak hat dieses Problem in seiner Aufklärungsschrift „Deutschsein“ (2011, www.socialnet.de/rezensionen/10870.php) eindringlich thematisiert.

Im achten und letzten Kapitel formulieren die Autorinnen: „Neue Deutsche braucht das Land“. Sie schreiben den (Befehls-)Satz aus Wut „darüber, in einer Gesellschaft zu leben, in deren Selbstverständnis wir nicht vorkommen“; sie schreiben ihn anklagend, weil nach wie vor die Mehrheit der deutschen Bevölkerung die „neuen Deutschen“ als „Ausländer“ betrachtet, trotz deutschem Pass, trotz Erfolg und trotz Integration. Sie schreiben ihn aber auch aus dem Bewusstsein heraus und mit Stolz, Deutsch zu sein. Und dann entdecken sie: „Wir sind deutscher, als wir denken. Was kann daran schon schlimm sein?“.

Fazit

Die Autorinnen Özlem Topçu, Alice Bota und Khuê Pham schildern, dass sie sich aus vielen Gründen schwer taten, das Buch zu schreiben. Sie waren sich nicht sicher, ob sie- stellvertretend für die vielen „neuen Deutschen“ und diejenigen, die in unserer Gesellschaft mit „Migrationshintergrund“ leben – den richtigen Ton treffen würden, Negatives und Kritisches auch negativ und kritisch auszudrücken, Wünschenswertes und Utopisches nicht als Wolkenkuckucksheim zu skizzieren, aber auch Positives und Gelingendes positiv zu erzählen.

Das ist ihnen gelungen, ehrlich und empathisch. Es wäre zu wünschen, dass das nunmehr in dritter Auflage erschienene Buch alle diejenigen erreicht, die davon überzeugt sind, dass „Menschen mit Migrationshintergrund“ eine Bereicherung für die Gesellschaft sind; aber – und vor allem – auch diejenigen, die nach wie vor Angst davor haben, dass Fremde ihnen etwas wegnehmen, sie bedrohen und meinen, durch die Zuwanderung käme es zur Entfremdung der eigenen Gesellschaft.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.12.2014 zu: Alice Bota, Khuê Pham, Özlem Topçu: Wir neuen Deutschen. Was wir sind, was wir wollen. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2012. ISBN 978-3-498-00673-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17972.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


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