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Monika Alisch, Michael May (Hrsg.): Sozialraumentwicklung bei Kindern und Jugendlichen

Cover Monika Alisch, Michael May (Hrsg.): Sozialraumentwicklung bei Kindern und Jugendlichen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2013. 196 Seiten. ISBN 978-3-8474-0072-1. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Thema

In Abgrenzung zur Sozialraumorientierung beschäftigen sich die Herausgeberin und der Herausgeber mit dem weitergehenden Ansatz der Sozialraumentwicklung und -organisation. Kinder und Jugendliche (bis hin zu jungen Erwachsenen) stehen im Zentrum des Sammelbandes, der nicht nur den Sozialraum und die Raumaneignung im Zusammenhang mit institutionalisierten Räumen (bis hin zu individualisierten Aneignungsformen in der Überschreitung vorgegebener Raumnutzungen), sondern auch unter methodischen Fragestellungen den Einsatz von Fotografie in der Praxis und der Forschung diskutiert. Praxisnah und mit dem Anspruch einer reflektierenden und reflektierten Praxis geht es zum Beispiel um Partizipationsmöglichkeiten, um Bildungsorte, um Begrenzungen und um Prozesse des Gestaltens von Raum.

Herausgeberin und Herausgeber

Monika Alisch, Hochschule Fulda, und Michael May, Hochschule RheinMain, brauchen in ihrer Expertise nicht näher vorgestellt zu werden. Sie haben im Jahr 2008 die Buchreihe „Beiträge zur Sozialraumforschung“ eröffnet und gleich zwei Bände herausgegeben. Auch wenn die einzelnen Veröffentlichungen hier nicht näher genannt werden sollen, soll mit Blick auf den vorliegenden Sammelband erwähnt werden, dass Michael May mit dem Titel „Jugendliche in der Provinz“ (2011) Autor des 5. Bandes der genannten Reihe ist.

Aufbau

Michael May und Monika Alisch legen in ihrem Beitrag: „Von der Sozialraumorientierung zu Sozialraumentwicklung/ Sozialraumorganisation: Ein Zugewinn in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen“ in programmatischer Weise die theoretischen Grundlagen des Sammelbands dar. Letzterer ist in drei Kapitel unterteilt:

  1. Sozialer Raum und institutionalisierte Räume – Fallstudien mit Kindern und Jugendlichen;
  2. Durch den Sucher: Sozialräume verstehen durch die Fotografie und
  3. Kommentierung.

Den ersten beiden Kapiteln sind jeweils vier Aufsätze zugeordnet, die Kommentierung übernimmt Ulrich Deinet, der als ausgewiesener Experte der sozialräumlichen Kinder- und Jugendarbeit dem gesamten Sammelband nicht nur Wertschätzung entgegenbringt, sondern auch (theoretische) Bündelungen und Einordnungen unternimmt, die der Veröffentlichung eine besondere Note geben.

Inhalt

Zu Beginn erläutern die Herausgeberin und der Herausgeber, dass die Sozialraumentwicklung und -organisation im Kontext der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ein umfassender und gewinnbringender Ansatz ist. Grundlegend für ihre Argumentation ist die Tatsache, dass in der Kinder- und Jugendhilfe sozialräumliche Bezüge stets gegeben sind, die §§ 1 und 80 des SGB VIII die Lebensweltorientierung gesetzlich verankern, und die Schaffung gemeinwesenorientierter Angebote ebenso gesetzlich geboten ist (§ 11 SGB VIII). Aber Kinder- und Jugendliche in ihren sozialraumbezogenen Bedarfen ernst zu nehmen, das fehlt oftmals. In der Geschichte der Kinder- und Jugendarbeit spielten sozialräumliche Bezüge allenfalls im Rahmen „klassischer GWA in ‚Sozialen Brennpunkten‘“ (May/ Alisch, S. 7) eine Rolle. Als wichtigen Vorläufer benennen May und Alisch die Mobile Jugendarbeit, die in „anwaltschaftlicher, parteilicher, lebensweltorientierter“ (ebd., S. 8) Ausrichtung sozialräumliche Aspekte und GWA verband (vgl. hierzu Walter Specht, aktuell Hans Thiersch). Von Lebenswelt- und Sozialraumorientierung lässt sich schnell sprechen: die Betroffenen, einheitliche regionale Bezugsrahmen der Hilfen und Angebote und die Stärkung der Selbsthilfefähigkeiten (Empowerment), Partizipation und Aneignung scheinen im Zentrum zu stehen. Doch vieles verwässert. Alisch und May benennen zentrale Probleme: die Vorstellung von „Containerräumen“, die für Planungs- und Steuerungsräume zugrundegelegt werden; statistisch konstruierte Sozialräume, die als „Risikolagen“ identifiziert werden, um dann „unter dem Vorzeichen der Prävention entsprechende Interventionsmaßnahmen abzuleiten“ (ebd., S. 10). In „den meisten Gebietskörperschaften“ sei „kaum mehr als ein Mittelverteilungsprinzip nach einem territorialen Sozialraumkonzept übrig geblieben“ (S. 11). Nach wie vor blieben „geografisch abgegrenzte Räume als ‚Behälter-Räume‘ für die mit Planungen beauftragte Administration handlungsrelevant“ (S. 19), auch wenn offene (relationale) Vorstellungen von Raum behauptet würden.

Mit Bezug auf Castell betonen Alisch und May die Verbindung von Raum und Gesellschaft. Gesellschaftliche Sinndeutungen fließen in die Beschreibungen sozialen Handelns ein und sind zu hinterfragen. Der relationale Raumbegriff Martina Löws wird vorgestellt, und die Berücksichtigung der „objektiven Relevanzstruktur“ (S. 14) wird eingefordert. Theoretisch beziehen sich Alisch und May auf Henri Lefèbvre, der den „wahrgenommenen physisch-materiellen Raum“, den „konzipierten mentalen Raum“, der als „Repräsentation des Raumes“ bezeichnet wird, und den „erlebten sozialen Raum“ unterschieden hat. Letzterer meint „die Räume der Repräsentationen, das heißt de[n] Raum, wie er durch die ihn begleitenden Bilder und Symbole hindurch erlebt wird, der Raum der Bewohner, der Benutzer“ (Lefèbvre in ebd., S. 15; vgl. auch die Ausführungen zur Alltagskritik). Interessenlagen und die „Objektivität gesellschaftlicher Wirklichkeit“ (S. 21) dürfen nicht negiert werden. „Raumbezogene Interessenorientierungen“, die sich in Praxiskontexten „spezifischer Gruppen, Netzwerke und Organisationen“ zeigen, werden in der Veröffentlichung von verschiedenen Sichtweisen aus behandelt. Raumbezogene Interessenorientierungen sollen „daraufhin untersucht werden, ob sie die […] von den Betreffenden interpretierte ‚ortsbezogene Raumstruktur‘ so beeinflussen oder verändern, dass eine ihren Bedürfnissen entsprechende Beziehung zu deren dinglichen, kulturellen und sozialen Objekten hergestellt und dieser damit angeeignet wird oder nicht“ (S. 20 – hier ließen sich auch Bezüge zu Leontjew herstellen). Es gelte, die raumbezogenen Interessenorientierungen, „in partizipativen Planungsprozessen aufzugreifen in einer auch institutionelle Arrangements der Sozialverwaltung einbindenden, übergreifenden ‚Sozialraumorganisation‘“ (S. 20). „Sozialraumentwicklung“ ziele auf einen Zuwachs an gesellschaftlicher Teilhabe (Teilnahme/Teilhabe). Praxisforschungen, die nicht nur subjektorientierte Handlungen, sondern auch sozialraumbezogene Handlungsmuster in den Blick nehmen, die nicht zuletzt zu einer Stärkung und Gestaltung des Gemeinwesens beitragen, und Konzeptentwicklungen verbinden sich.

Diese theoretischen Bezüge rahmen die Veröffentlichung. Es bleibt zu ergänzen, dass der einführende Beitrag einen weiten Bogen spannt, der wichtige Vertreterinnen und Vertreter auf dem Feld der Sozialraumorientierung/ Sozialraumforschung nennt, die hier jedoch nicht im Einzelnen aufgeführt werden sollen. Der Sammelband wäre allerdings nicht vorgestellt, wenn der von Alisch und May formulierte Anspruch einer „praktisch-einhakenden Sozialraumforschung“ (S. 21) nicht noch benannt wäre. Forschendes Arbeiten, eine forschende Praxis sowie ein „hohes Maß von Selbstreflexivität“ werden gefordert, was die nun genauer darzustellenden weiteren Beiträge nicht nur umsetzen, sondern auch auszeichnen.

Tobias Daub beschäftigt sich mit der „Raumaneignung in Institutionen – Ein Handlungsforschungsprojekt in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe“. Der Autor hat vier Wochen den Ablauf in einer Tagesgruppe ethnografisch untersucht. 12 Jungen im Alter von acht bis 13 Jahren verbringen die Zeit vom Schulschluss bis zum frühen Abend in einer Institution, die Hilfen zur Erziehung anbietet. Strukturen, die vermittelt werden sollen, sind an den Raum geknüpft, und mit Bezug auf Goffman wird überzeugend herausgearbeitet, dass es sich um eine „totale Institution“ handelt. Die Spielräume, die Kinder in der Auseinandersetzung mit der vorgefundenen Umwelt haben, sind äußerst gering. Anpassung wird gefordert, aber sie kann – wie der Autor nachweist – in eigensinniger Weise gestaltet werden, wenn geforderte Strafen umfunktioniert werden. Grundsätzlich fokussiert das erzieherische Handeln auf Defizite, die von den Heranwachsenden in Form von Selbstzuschreibungen übernommen werden. Aneignung verliert ihren aktiven Charakter und mit Bezug auf Schaarschuh, Oelerich und Winkler diskutiert Daub daher die Frage, wie Aneignung in einem längerfristig angelegten Bildungsprozess (auch in einer Institution der Kinder- und Jugendhilfe) gestaltet werden kann, sodass sich Kinder aktiv mit der sie umgebenden Welt auseinandersetzen können. Speziell sei auch an die Eltern zu denken, die als die eigentlichen Adressaten der Hilfe zur Erziehung betrachtet werden könnten.

Nadja Pavel untersucht „Aneignungsprozesse von Pflegekindern“, wobei sie sich intensiv mit Winklers „subjektorientiertem Begriff von Aneignung“ (S. 48-50) befasst. Wie muss ein Ort sein, dass sich ein Subjekt entwickeln kann, und wie erleben Pflegekinder ihren neuen Lebensort? Anhand von Interviewauswertungen stellt Pavel „eine gelungene Aneignung“, eine „Aneignung auf halbem Weg“ und eine „blockierte Aneignung“ vor. Lebenswelten der Kinder (neun, elf, 14 Jahre), unterschiedliche Befähigungen der Aneignung und Zeithorizonte werden sichtbar. Der Beitrag diskutiert abschließend die „Leistungen der Pflegeeltern für die Aneignungsbefähigung“ und die Konsequenzen für die Fachkräfte der Jugendhilfe. Dass Pavel in besonderer Weise über Interviews mit Kindern nachgedacht hat und Kinder zu Fotografen und Expert/innen ihrer Lebenswelt macht, bleibt noch zu erwähnen.

Christin Caumanns Beitrag versteht sich als „Interviewstudie zur Partizipation in den Hilfen zur Erziehung nach § 34 SGB VIII“, die den Obertitel trägt „Und dann stelle ich einen Antrag auf ein Hobby…!“. Es geht um Fragen der Beteiligungspraxis im Kontext von Heimerziehung. Auch wenn Alltagsorientierung und Partizipation als zentrale Prinzipien in der Kinder- und Jugendhilfe festgelegt sind (vgl. Achter Kinder- und Jugendbericht 1990), gehen Anspruch und Umsetzung deutlich auseinander. Begriffsklärungen werden vorgenommen, wobei besonders auf die Ausführungen zur Partizipation hingewiesen werden soll (vgl. S. 65-67). Die Autorin hat zehn Interviews durchgeführt (fünf Jugendliche im Alter von 13-16 Jahren wurden befragt und fünf Interviews mit Fachkräften geführt). Interviews, die ihr als Grundlage dienen, um am Ende des Beitrags Empfehlungen zur Verbesserung der Beteiligungspraxis zu formulieren (vgl. S. 86 f.), könnten darüber hinausgehend auch verwendet werden, um mit Jugendlichen aus anderen Heimen zu diskutieren (vgl. die Interviews auf den Seiten 80 f. und 83). Caumann spricht sich etwa für Kinder- und Jugendkonferenzen am Gruppenabend oder auch für ein World Café mit Fachkräften, Jugendlichen und der Leitung aus.

Der letzte Beitrag des ersten Teils stammt von Christian Müller. Bereits sein Titel „Junge Erwachsene zwischen Anerkennung in der virtuellen Welt und Sanktionen vom Jobcenter“ macht neugierig. Theoretisch geht Müller von Wirklichkeitserfahrungen aus, die sich nicht in digitale und nichtdigitale Welterfahrungen trennen lassen. Er bezieht sich zunächst auf Lefèbvre und Löw (Raum als „relationale (An)Ordnung von Lebewesen und sozialen Gütern. Raum wird konstituiert […] durch Spacing und die Syntheseleistung“. „Ensembles von Gütern und Menschen“ können zu „einem Element“ zusammengefasst werden, Löw in ebd., S. 96). Nicht nur aus der Nutzerperspektive verschmelzen der virtuelle und nichtvirtuelle Raum, wie Müller im Anschluss mit Verweis auf Paetau und Flusser erläutert. Mit Blick auf das Internet wird auch die Trennung zwischen öffentlichem und privatem Raum unscharf.

Im Rahmen der Handlungsforschung untersucht Müller drei Paare und eine junge Frau, alle unter 25 Jahre alt und Beziehende von ALG II. Alle „haben bereits diverse Maßnahmen der Jobcenter abgebrochen“ (S. 99). Die Lebenswelten der Beteiligten zeichnen sich durch eine sehr gute Technikausstattung aus, Kommunikation findet über das Internet statt, Gefühle werden online ausgetauscht und die Teilnahme am Leben der Freunde findet freilich auch im virtuellen Raum statt. Doch Angebote und Maßnahmen der Jobcenter zielen auf die „realen“ Welten, die für die Beteiligten meist keine Anerkennung bereithält. Lebensweltorientierung unter HARTZ IV-Bedingungen müsste sich also diesem virtuellen Raum-Potenzial der Beteiligten öffnen, was Müller am Ende seines Beitrags mit Blick auf Praktiken der Jobcenter diskutiert.

Der zweite Teil des Sammelbandes widmet sich explizit fotografischen Zugängen, wobei sich auch hier handlungsforschende Praktiker/innen mit Sozialräumen und Aneignungsformen von Heranwachsenden befassen. Bereits kurz vorgestellte Theorielagen verdichten sich (etwa zum Raum und Aneignung, vgl. S.106 f. und S.124-126) oder werden erweitert (zu Aneignung und Gender vgl. S. 141-144, zu Raum und Bildung S. 158 f.).

Fotografie als Medium, das sich nicht nur zur Ablichtung und Konstruktion von sozialer Wirklichkeit, sondern auch für sozialwissenschaftliche Forschungen eignet, stellt Holger Schäddel ausführlich in seinem Beitrag „Raumerfahrungen junger Menschen in der Schule aus Sicht der Jugendarbeit“ dar. Als Dekanatsjugendreferent übernahm Schäddel in seinem handlungsorientierten Forschungsprojekt des Praktikers und Forschers, der den Raum Schule, eine kooperative Gesamtschule im Vogelsbergkreis, aus Sicht der evangelischen schulbezogenen Jugendarbeit mit einem spannenden Methoden-Mix untersucht hat. Neben einer Nutzerbefragung, einem schriftlichen Storytelling, der Nadelmethode wurde das „Demoschild“ als eigene Methode entwickelt. Letzte zielt auf Veränderungsorte, beschäftigt sich mit der Frage, welche Schulorte sich wie verändern sollen. Auf Demoschilder gemalt, wurden Wünsche der Schüler/innen präsentiert und so fotografiert, dass die Unterstützer/innen der ausgewiesenen Veränderungsorte ebenfalls mitfotografiert wurden. Auto- und Fremdfotografie stehen im Zentrum. Die Jugendlichen wählten Lieblingsorte aus, kommentierten ausgewählte Fotos und brachten ihre Veränderungsvorstellungen ein. Fotografie dokumentiert nicht nur, sondern setzt Potenziale frei, die die Jugendlichen zur Veränderung von Raum nutzen können. Junge Menschen sind Experten und Subjekte ihrer Schulräume, sie sind Akteure, die „atmosphärisch, differenzierte und sensitiv aufgeladene Räume“ schaffen, der Raumbegriff ist – so Schäddel – „körperaffin, relational“ (S. 117). Zum Lieblingsort wird die Schulküche, die Toilette zum Veränderungsort und zahlreiche Wünsche zum Beispiel nach „gemeinsamen Klassenrenovierungen“ werden laut. Sozialarbeiterische Praxis kann auf die Expertise der Jugendlichen setzen.

In seinem Beitrag „‚Alte Post‘ oder ‚Magnesiumkarbonat‘ – Fotografie als Möglichkeit der Dokumentation und Reflexion von Raumaneignung Jugendlicher“ skizziert Torsten Dohnalek sein Partizipationsprojekt mit Jugendlichen in Bayern. Der leicht verwirrende Titel bezieht sich auf die Namensgebung eines im Projektzusammenhang gestalteten Treffs. Mit Bezug auf Leontjew werden Aneignungen von Gegenständen als historisch gewordene gesehen, was Dohnalek mit Deinet verbindet und somit das Augenmerk auf Freiräume, auf die bewusste Auseinandersetzung mit Räumen und die Möglichkeit der Initiierung von Bildungsprozessen lenkt (vgl. S. 125). Ein ehemaliges Kasernengebiet, das sich durch eine „hohe soziale Problemdichte“ auszeichnet, wird zum Wohnort von Jugendlichen mit Veränderungswünschen. Ein Raum wird benötigt, und es findet ein Prozess statt, in dem Jugendliche die Gestaltung und Renovierung übernehmen. Dohnalek bescheibt ein vielschichtiges fotografisches Vorgehen, das Prozesse der Identifikation visualisiert, dokumentiert und bewertet. Auch negative Erlebnisse sind im Sinne der Aneignung der Subjektbildung dienlich. Sehr wichtig ist es, die Doppelrolle von Fotograf und Projektleitung kritisch zu reflektieren.

Evelyn Lehrer-Vogt widmet sich im Rahmen ihres Handlungsforschungsprojekts, das sie als Schulsozialarbeiterin an die Dammrealschule in Heilbronn angliederte, der Frage, was Schüler/innen außerhalb der Unterrichtszeiten in der Schule machen, warum sie sich in der unterrichtsfreien Zeit für den Verbleib in ihrer Schule entscheiden, auch wenn ihre Anwesenheit vor Ort nicht gern gesehen wird, und wo sie sich ansonsten aufhalten, wo ihnen wichtige Räume entstanden sind. Grundlegende Theorielagen (Lebenswelt, Lebenslage, Lebensstil) werden dargelegt und mit der (genderbezogenen) Raumaneignung verknüpft. Subjektive Sichtweisen und Eigenständigkeiten in der tätigen Auseinandersetzung mit Umwelt gehen einher mit Prozessen der Subjektbildung, was Lehrer-Vogt genderbezogen analysiert. Das Medium der Fotografie kommt reflektiert zum Einsatz, wenn die Schülerinnen etwa eine „gemeinsame Stadtteilbegehung mit Digitalkamera“ (S. 149) unternehmen und zu Fotografien erzählen. Ein Mülleimer im Hinterhof wird zum Rückzugsort vor den Geschwistern, was anhand der Fotografie plötzlich öffentlich wurde und eine eigene Dynamik unter den Schülerinnen entfaltete (vgl. S. 146). Schülerinnen, so ein wichtiges Ergebnis, „suchen sich letztlich zwei Arten von ‚Chillorten‘: Den geheimen, stillen ‚Rückzugsraum‘ und den Raum mit Freundinnen, bevorzugt in der Schule“ (S. 151). Schülerinnen benötigen „Räume ohne Funktion, in denen sie sich ungestört unterhalten können, abhängen, chillen – Ruhe vor Stress, Ärger und Erwachsenen“ (S. 152). Das Projekt macht deutlich, welche wichtige Bedeutung der Schule in schulfreien Zeiten zukommt, sodass sich die Ergebnisse eignen, „zur Überzeugung der Schulleitung“ (S. 152) eingesetzt zu werden.

Fabienne Weihrauchs Beitrag „Schule – Spielplatz – Straßenecke. Bildungsorte von Jugendlichen aus benachteiligten Wohnquartieren“ schließt die Handlungsforschungsprojekte des hier vorgestellten Bandes ab. Es wurde ein „Stadtteilmonopoly“ gestaltet, wobei gesammelte Bildungsorte im Spiel „die Potenziale und Problematiken der Bildungssituation im Stadtteil“ (S. 156) thematisieren. Überzeugend arbeitet Weihrauch mit Bezug auf Bourdieu sowie in der Auseinandersetzung mit dem Thema „Bildung“ heraus, dass Bildungsorte von Jugendlichen aus benachteiligten Gebieten (einbezogen wurden Jugendliche der Margaretenhütte in Gießen, aus dem Marburger Stadtteil Waldtal und aus dem Wohngebiet Blumenrod in Limburg) Orte bezeichnen, wo „sie selbst zum Akteur werden und nicht passiver Rezipient bleiben“ (S. 168). Eindrücklich wird dargelegt, welche negativen Selbstzuschreibungen die Jugendlichen haben, die sich – ganz im Sinne herrschender Vorstellungen von gehobener Bildung – als ungebildet bezeichnen (und ihre Potenziale auch wegen der fehlenden gesellschaftlichen Wertschätzung nicht wahrnehmen können). Weihrauch spricht von nötigen „multifunktionalen Bildungsorten“ und von der „Wertschätzung des Bildungskapitals, das die(se) Jugendlichen in sich tragen“ (S. 170). Der Beitrag schließt mit konkreten Anregungen und Überlegungen (Forderungen), die sich, was überraschen mag, auch darauf beziehen, Jugendliche aus benachteiligten Quartieren und klassische Bildungsorte zusammenzubringen. Museen, Theater oder die öffentliche Bücherei werden als zu entdeckende Räume genannt.

Den Abschluss des Sammelbandes bildet Ulrich Deinets ausführliche Kommentierung. Deinet stellt in seinem Beitrag „Eine Reise durch jugendliche Aneignungs- und Bildungsräume – Kommentare zu den Beiträgen dieses Bandes“ zunächst die Aneignungsperspektive und die Genese des Aneignungskonzepts vor. Das „eigentätige Potenzial von Kindern und Jugendlichen“ (S. 174) werde beschreibbar. Deinet geht folgendermaßen vor. Er zeigt kurz die Inhalte der ausgewählten Beiträge auf und fügt dann seine Kommentierung und an einigen Stellen ein Resümee an. „Die Herausforderung einer sozialräumlich orientierten Bildungslandschaft“, „Virtuelle Räume als Herausforderung für die Soziale Arbeit“ und „Der Einsatz sozialräumlicher Methoden als Praxisforschung“ lauten die Überschriften der wichtigen Resümees, die weitergehende theoretische und praxisgeleiteten Bezüge herstellen.

Diskussion

Der Sammelband, der theoretisch und praxisnah sozialraumbezogene Arbeit und Projekte mit Kindern und Jugendlichen vorstellt und diskutiert, überzeugt in seinem Aufbau und in seiner Zusammenstellung. Deinets Kommentar ist ein zusätzlicher Gewinn, da er die verschiedenen Beiträge des Bandes unter der Perspektive der „jugendlichen Aneignungs- und Bildungsräume“ bündelt.

Fazit

Diejenigen, die sich aus theoretischer Perspektive für die Sozialraumentwicklung bei Kindern und Jugendlichen interessieren, profitieren von der Lektüre des Sammelbandes ebenso wie Praktiker/innen, die in der sozialräumlichen Kinder- und Jugendarbeit tätig sind bzw. sozialraumbezogen arbeiten möchten. Der Band kann auch, wenn die theoretischen Teile bewusst negiert werden, ganz praxisbezogen gelesen werden, wobei vor allem die fotografischen Vorgehensweisen Anregungen bieten, selbst etwas auszuprobieren.

Wie in der Rezension ausgeführt, können aber auch die einzelnen Beiträge ausschnitthaft so rezipiert werden, dass sich die jeweils dargelegten Theorielagen zu Räumen, zur Aneignung, Bildung und Partizipation verbinden und verdichten. Das gehaltvolle Einleitungskapitel bietet die Rahmung.

In der gekonnten Verknüpfung von Theorie und Praxis allerdings liegt die Stärke des Bandes, der zahlreiche Anregungen gibt, Forschung und forschende Praxis miteinander zu verbinden. Mit Blick auf Kinder und Jugendliche geht es um Aneignungsräume und Bildung. Der Band lädt zum Entdecken ein, wenn etwa über die Bedeutung virtueller Räume nachgedacht oder Fotografie als Methode diskutiert und an konkreten Beispielen erläutert wird. Es bleibt zu wünschen, dass der Sammelband eine breite Leser/innenschaft findet. Aus Sicht der Rezensentin wäre es darüber hinaus zu begrüßen, wenn ein weiterer Band ausschließlich zur Sozialraumentwicklung bei Kindern entstehen würde. Stoff gäbe es sicherlich genug.


Rezension von
PD Dr. Jutta Buchner-Fuhs
Sozialpädagogin und Europäische Ethnologin, Privatdozentin an der Universität Hamburg, Vertretungsprofessorin an der Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen.
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Zitiervorschlag
Jutta Buchner-Fuhs. Rezension vom 15.03.2015 zu: Monika Alisch, Michael May (Hrsg.): Sozialraumentwicklung bei Kindern und Jugendlichen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2013. ISBN 978-3-8474-0072-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17978.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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