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Tatjana Thelen: Care - Sorge

Cover Tatjana Thelen: Care - Sorge. Konstruktion, Reproduktion und Auflösung bedeutsamer Bindungen. transcript (Bielefeld) 2014. 294 Seiten. ISBN 978-3-8376-2562-2. 29,99 EUR.
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Thema

In diesem Buch wird aus einer ethnologischen Perspektive der Blick auf Care/Sorgepraktiken in der ehemaligen DDR geworfen. Ziel des Buches ist es, das Care-Konzept für die Ethnologie, aber auch gesellschaftspolitische Diskussionen fruchtbar zu machen, ohne dabei gängige Stereotypen zu wiederholen.

AutorIn oder HerausgeberIn

Tatjana Thelen ist Professorin für ethnografische Methoden und soziale Netzwerkanalyse an der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Gebieten Care, Verwandtschaft/Familie und Staat sowie den Transformationen in Zentral- und Südosteuropa.

Entstehungshintergrund

Das Buch basiert auf mehreren Feldforschungsaufenthalten der Autorin im Gebiet der ehemaligen DDR im Jahr 2003 bzw. 2006, wo sie unterschiedliche Bereiche in einer mittelgroßen ostdeutschen Stadt mittels teilnehmender Beobachtung, Interviews, Fragebogenerhebung und Aktenauswertung in einem Betrieb, einem Amt sowie zwei Vereinen untersuchte.

Aufbau

Das Buch besteht aus vier Teilen.

  1. In der „Einführung und Grundlegung“ gibt Thelen einen Überblick über ihren theoretischen Zugang zu Care-Theorien und schildert den Kontext der Arbeit sowie ihr konkretes forschungspraktisches Vorgehen.
  2. Im Kapitel „Praktiken ‚privater‘ Sorge: Care, Politik, Wirtschaft“ geht die Autorin auf spezifische Aspekte von Care-Praktiken ein, u. a. einerseits die Praxis des Verschickens von Care-Paketen von Westdeutschen an ihre ostdeutsche Verwandtschaft während der DDR-Zeit, andererseits auf die Rolle von sorgenden Großeltern, insbesondere Großvätern, in der Versorgung der Enkelkinder.
  3. Im Kapitel „Praktiken öffentlicher Sorge: Care, Arbeit, Identität“ beschäftigt sich Thelen mit der Rolle, die Care am Arbeitsplatz spielt(e), der Organisation der Senior_innenbetreuung während und nach der Wiedervereinigung sowie anhand einer zivilgesellschaftlichen Organisation, wie über Care widerständige Identitätskonstruktionen aufrechterhalten werden können.
  4. Das vierte Kapitel fasst in den Schlussbetrachtungen die wesentlichen Ergebnisse zusammen.

Zu 1.

Einführung und Grundlegung: In der Einführung (13 – 23) steckt Thelen den Rahmen und die Motivation ihrer Untersuchung ab. Thelen verwendet Care als Ausgangspunkt, um soziale Konstruktion, Reproduktion und Auflösung bedeutsamer Bindungen zu erfassen. Sie verwendet dabei den Begriff der „bedeutsamen Bindungen“, um die Engführung auf verwandtschaftliche Beziehungen zu vermeiden und den Raum für die Analyse von Freundschaften, Beziehungen am Arbeitsplatz oder in zivilgesellschaftlichen Bezügen zu eröffnen. Dabei wendet sie sich gegen gängige Dichotomisierungen wie etwa, dass professionelle Sorge immer „kalt“ sei und verwandtschaftliche Sorge immer von emotionaler Wärme gekennzeichnet sei. Andere Dichotomisierungen, die ihrer Meinung nach die Sicht auf die realen Praxen verstellen, sind etwa jene zwischen privat und öffentlich, bezahlt und unbezahlt oder auch zwischen einem „Vorher“ (traditional) und „Nachher“ (modern) bzw. zwischen (west)europäischen und „anderen“ Gesellschaften. Entsprechend dieser Perspektive Z wählt Thelen dann auch einen praxeologischen Zugang, d. h. sie geht auf die Suche nach Care-Praktiken quer zu den gängigen Einteilungen.

In der theoretischen Grundlegung (23 – 44) gibt Thelen einen Überblick über Care-Debatten in unterschiedlichen Theorietraditionen, wobei sie auf ausgewählte Zugänge insbesondere der feministischen / marxistischen Theorie (Fokus auf unbezahlte Care-Arbeit), der Dis/Ability-Studies (Fokus auf den Machtaspekt in Care-Beziehungen) bzw. der Ethnologie (Care als Gabe) eingeht. Thelen nimmt zwei Aspekte in ihre Fragestellung auf: Erstens, Care ist nicht das Resultat von Bindung, sondern Bindung entsteht durch Care und, zweitens, Care trägt nicht nur zur Befriedigung von Bedürfnissen bei, sondern auch zur Konstruktion von Identität bei Care-Empfangen wie Care-Gebenden. Angesichts der uneinheitlichen Definitionen von Care entwickelt Thelen eine eigene Definition. Sie versteht „Care/Sorge als einen Prozess, der als Dimension sozialer Sicherung eine gebende und eine nehmende Seite in solchen Praktiken verbindet, die sich auf die Befriedigung sozial anerkannter Bedürfnisse richten“ (41).

Im Abschnitt über Kontext und Vorgehen (45 – 105) gibt die Autorin einen Überblick über die regionalen Debatten über (post)sozialistische Bindungen, das Care-Regime der DDR und dessen Transformation nach der Wende. Sie beschreibt ihr empirisches Vorgehen, insbesondere die Erhebungsorte und deren sozialökonomische Einbettung sowie ihre Informand_nnen und Erhebungsinstrumente.

Zu 2.

Das Kapitel „Praktiken ‚privater‘ Sorge: Care, Politik und Wirtschaft“ ist zunächst den Care-Praktiken über die deutsch-deutsche Grenze (105 – 134) gewidmet. Hier wird sehr anschaulich anhand u. a. der Care-Pakete, die von Westdeutschen an Ostdeutsche geschickt wurden, geschildert, wie der Verzicht auf voreilige Kategorisierungen den Blick für unerwartete Ergebnisse öffnen kann. So wird aufgezeigt, dass die scheinbar private Praxis der Paketsendungen eingebettet war in staatliche Diskurse auf beiden Seiten der Grenze. Die damit verbundenen Identitätskonstruktionen (hier die „Reichen“, dort die „Armen“) und die den Gaben innewohnende Dynamik von Scham und erwarteter Dankbarkeit führte nach der Wende dann in vielen Fällen zur Auflösung von Bindungen.

Im Abschnitt über sorgende Großeltern (135 – 162) wird gezeigt, dass durch die sozio-ökonomischen Transformationen (höhere Arbeitslosigkeit, Rückbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur) neue Muster der Sorge – insbesondere durch die Großväter – entstehen, die aber gerade auch durch die familiäre Erbringung von Care von starken Ambivalenzen geprägt sind.

Zu 3.

Im Abschnitt „Praktiken öffentlicher Sorge: Care, Arbeit, Identität“ wird mit der Darstellung von Care am Arbeitsplatz (163-191) deutlich, wie sehr in der Arbeitsorganisation der DDR eine Sorge durch den Betrieb/ Vorgesetzte und Kolleg_innen Bestandteil einer Care-Kultur war. Thelen widerspricht einer Charakterisierung der so entstandenen Beziehungen als bloß instrumentell.

Anhand der Entwicklung von der Veteranen- zur Seniorenbetreuung (193 – 220) wird geschildert, wie ehemals betriebliche Aufgaben nach der Transformation einerseits in Gewerkschaften und Wohnungsgenossenschaften neu organisiert wurden, andererseits aber auch „alte“ Elemente in diese neuen Formen integriert wurden. Sowohl die alten als auch die neuen Sorgepraxen stellen sich als komplexes Geflecht von staatlichen/privaten, warmen/kalten, formellen/informellen, traditionellen/modernen Merkmalen dar, das neben materiellen Leistungen auch für Identitätskonstruktionen bedeutsam ist.

Dieses Ergebnis findet sich auch im Abschnitt Care als Widerstand: das Elisencafe (221-241). Dieses Café dient zunächst der materieller Sicherung evangelischen Frauen, die während der DDR über ihre Positionierung als Hausfrauen ein widerständiges Care-Modell lebten und in der Opposition tätig waren. Darüber hinaus bietet das Café aber auch die Möglichkeit zur Selbstvergewisserung als Oppositionelle.

Diskussion

Tatjana Thelen liefert interessante neue Zugänge zum Thema Care. Ihr Verdienst ist, Dichotomisierungen innerhalb der Care-Debatte kritisch zu hinterfragen und neue Verknüpfungen sichtbar zu machen, die quer zu gängigen Wahrnehmungsmustern stehen. Insbesondere die Verbindungen zwischen Ethnologie und anderen Sozialwissenschaften bieten Impulse zum Weiterdenken.

Bei der Darstellung der feministischen Theorien zu Care werden die umfangreichen Debatten und Weiterentwicklungen in den letzten Jahren nur ausschnittweise dargestellt. Hier hätte die Arbeit durch Bezug auf aktuelle Diskussionen, die z. B. durchaus den ambivalenten Charakter von Care ansprechen oder auch von einer umfassenden Definition von Care ausgehen, die keineswegs auf die Pflege von älteren Personen beschränkt ist, sehr gewonnen. Ungewohnt wirkt im Teil „theoretische Einführung“ die Vermischung zwischen Aufarbeitung vorhandener Studien und Ergebnissen aus der Untersuchung vor der systematischen Darstellung der Ergebnisse. Leider findet sich die Institution „Amt“, die die Integration von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt zur Aufgabe hat, im Ergebnisteil nicht mehr, damit fehlt die Analyse der Transformationen in Bezug auf professionelle Hilfeprozesse im Rahmen der Sozialen Arbeit.

Fazit

Obwohl Care im Bereich der professionellen Sozialen Arbeit nur wenig explizit behandelt wird, finden sich interessante übertragbare Fragestellungen und Beobachtungen, z. B. zum ambivalenten Charakter von Care oder auch die Frage, was zur Auflösung von bedeutsamen Bindungen beitragen kann. In diesem Sinne bietet das Buch eine anregende Lektüre, die jedoch durch aktuelle Publikationen ergänzt werden sollte, um einen Einblick in die Bandbreite der aktuellen Diskussionen zu erhalten.


Rezensentin
Prof. Mag. Dr. Eva Fleischer
Professorin am Studiengang für Soziale Arbeit, Management Center Innsbruck
Homepage www.mci.edu/faculty/eva.fleischer.html
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Zitiervorschlag
Eva Fleischer. Rezension vom 26.05.2015 zu: Tatjana Thelen: Care - Sorge. Konstruktion, Reproduktion und Auflösung bedeutsamer Bindungen. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2562-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17988.php, Datum des Zugriffs 20.08.2017.


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