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Michael Opoczynski: Krieg der Generationen

Cover Michael Opoczynski: Krieg der Generationen. Und warum unsere Jugend ihn bald verloren hat. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2015. 160 Seiten. ISBN 978-3-579-06618-9. D: 12,99 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 18,90 sFr.
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Thema

Den alten Menschen zumal in Deutschland geht es so gut wie noch nie. Doch unüberhörbar wird gewarnt: Das bleibt nicht so. Auch der langjährige Fernsehjournalist Michel Opoczynski warnt in seiner im Gütersloher Verlagshaus erschienenen mahnenden Schrift „Krieg der Generationen“ vor der demografischen Falle mit unterfinanzierten Alterssicherungssystemen und vor einem zu sorglosen Lebensstil und einer zu bedenkenlosen Wachstums-Ökonomie.

Autor

Michael Opoczynski studierte Politikwissenschaften, arbeitete als Assistent Hans Matthöfers, in der SPD-Publizistik und als ZDF-Wirtschaftsredakteur. Im Ruhestand zeichnet er als Autor sozialwirtschaftlicher Fachschriften.

Aufbau und Inhalte

In zehn leicht lesbaren Kapiteln zeigt Michael Opoczynski die politischen Gegenwartsversäumnisse auf, die künftigen Generationen als Lasten auf die Füße fallen können:

  • Unterfinanzierte Alterssicherungssysteme,
  • zu sehr auf schnelle Verwertbarkeit ausgerichtete Bildung,
  • Raubbau an den natürlichen Ressourcen,
  • unzureichende Pflege der Infrastruktur,
  • Dominanz der auf Wachstum erpichten Unternehmen mit Benachteiligung und Entrechtung ihrer Mitarbeiterschaften,
  • sich zu sehr am eigenen Spaß ergötzende und an der Abschottung von fremden Zuwanderern interessierte Bürger.

Am Ende ruft der Autor dazu auf, das Ruder herum zu reißen. Diese Aufforderung richtet er auch an die Alten von heute: Kollektives Denken und Handeln sei mehr denn je gefragt. Auch eine Auffinanzierung der unzureichenden Etats über erhöhte Vermögens- und Erbschaftssteuern wird am Rande ins Gespräch gebracht.

Diskussion

Michael Opoczynski legt den Finger in viele Wunden. Er listet soziale, ökonomische, ökologische und politisch-regulative Defizite verständlich und griffig auf. Zwar fehlen wissenschaftlich abstützende Zitate und quantitative Zahlen-Belege für die breite Aufzählung der Versäumnisse der letzten Jahrzehnte. Aber die geschilderten und plausiblen, handgreiflichen Probleme sprechen vielfach für sich.

Etwas schwerer fällt es Opoczynski da schon, die Schuld für die vielen Kalamitäten „den Alten“ anzulasten. Denn zumeist haben mehrere Generationen gemeinsam agiert. Zumeist waren sich alle Generationen im beschworenen Konsum-, Wachstums- und Verdrängungs-Wahn einig. Bei den Protestlern und Aktivisten benennt Opoczynski denn auch mehrfach öfter die Älteren der 1968er Protestgeneration als junge Opponenten (Seiten 16, 50, 76). Den Alten vorzuwerfen, sie hätten die Welt in ihrer aktiven Lebensarbeitszeit in die schädigenden Mega-Wachstumsorgien getrieben, ohne an ihre Kinder und Enkel zu denken, ist zu einfach. Hier waren profitorientierte, unternehmerische wie finanzdienstleistende Global-Multis am Werk, denen selbst nationale Regierungen nicht in den Arm fallen konnten. Der Autor entkräftet seinen Vorwurf von den Versäumnissen der Alten auch da, wo er auf die Proteste und die sozialen Aktivitäten seiner eigenen Kohorte in den Nach-1968er-Jahren verweist und die zu geringen Widerstände der heutigen Jungen anklagt im Zuge ihres effizienten Arbeiten-Müssens (zum Segen der Super-Reichen) und ihres Gut-Leben-Wollens.

Die Dilemmata sieht Opoczynski denn auch eher als im Generationenkrieg darin, dass es keinen zündenden Gegenentwurf gegen den im Ost-West-Gegensatz siegreichen Kapitalismus gibt. Er schildert, wie Großkonzerne die Welt beherrschen, nationale Steuergesetze und zureichenden Arbeitsschutz umschiffen und eben da produzieren, wo es am lukrativsten ist. Wir als Ältere hätten das alles nicht genügend angeprangert, rekurriert Opoczynski wieder mit seinen Vorwürfen an die Alten. Waren die wirklich nicht zu vernehmen? Gab es keinen Jean Ziegler, keinen Heiner Geißler, keinen Günter Wallraff, keinen Friedhelm Hengsbach? Alle gehören sie zu den Älteren und haben ökonomische und ökologische Fehlentwicklungen beim Namen genannt.

Obwohl der Autor also weiß, dass einerseits alle Generationen die Zügel schleifen ließen und lassen, und andererseits die gierigen Superreichen die Welt nach ihren Profitinteressen verunstalten, wählt er doch lieber das wohlfeile Bild des Generationenkriegs. Denn er will angeblich provozieren, nicht nur „nett“ sein. Da kommt vieles vor seinen Gewehrlauf, was mit Generationskonflikten nur am Rande zu tun hat: Dass Monsanto Landwirte abhängig macht, dass Leiharbeit und Scheinselbstständigkeit schutzbedürftige Arbeitskräfte in die Schutzlosigkeit stoßen, dass soziale Gerechtigkeit und journalistische Fairness auf der Strecke bleiben und dass Frontex Zuwanderern das Leben nimmt.

So sind der „Krieg der Generationen“ und die Schuld der Alten nur eine vordergründige Chiffre für einen aber immerhin kritischen und lesenswerten Rundumschlag gegen die politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte. Eine tiefer gehende Analyse, um zu den wirklich Schuldigen vorzustoßen, findet sich nicht. Die global agierenden Überfluss-Produzierer und Finanzhasardeure schöpfen Riesen-Gewinne ab, spreizen die Gesellschaften immer weiter in Arm und Reich und halten Crashs und Krisen locker aus. Politisch ist ihnen nicht beizukommen. Die jüngeren, heute Erwerbstätigen können es sich gar nicht leisten, ihnen Sand ins Getriebe zu streuen.

Die Gewinner der gegenwärtigen Schieflagen in den Großkonzernen von Real- und Finanzwirtschaft zementieren ihre Entscheidungssouveränitäten noch über eigene Schadensersatzgerichtsbarkeiten im Zuge von Freihandelsabkommen und übergehen staatliche Kontrollen. Da wirkt auch Opoczynskis Aufruf an die heute Jungen zu mehr Aktion und Protest in der Arbeits-, Wirtschafts- und Medienwelt mehr wie ein Rufer in der Wüste, der keine Gefolgschaft finden kann. Hier wäre dafür ein kritisches Wort an die Adresse der multinational produzierenden und finanzjonglierenden Großunternehmen und ein Plädoyer für supranationale Kontrollen dieser Akteure angebracht gewesen statt der Ausflucht in den Generationenkrieg.

Fazit

Die ökologischen, arbeits- und sozialrechtlichen sowie finanzpolitischen Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte in Deutschland lastet Michael Opoczynski in seinem „Krieg der Generationen“ der Untätigkeit der epikureisch ihren Ruhestand genießenden älteren Generation an. Diese Zurechnung kann der Autor bei weitem nicht für alle Versäumnisse schlüssig beweisen. Mindestens eben so große Ursachen liegen im hemmungslosen Gewinnstreben von Großunternehmen und Finanzdienstleistern mit ihren Möglichkeiten der Politikbeeinflussung.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 23.03.2015 zu: Michael Opoczynski: Krieg der Generationen. Und warum unsere Jugend ihn bald verloren hat. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2015. ISBN 978-3-579-06618-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17992.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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