Sebastian Herrmann: Der Krankheitswahn
Rezensiert von Prof. Dr. Dieter Ahrens, 21.10.2015
Sebastian Herrmann: Der Krankheitswahn. Wir sind gesünder, als wir uns fühlen und die Industrie uns glauben lässt. Gütersloher Verlagshaus Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH (Gütersloh) 2015. 256 Seiten. ISBN 978-3-579-07083-4. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
Thema
Sebastian Herrmann beschreibt in seinem Buch „Krankheitswahn“ an zahlreichen Beispielen wie die Einbildungskraft und Einstellungen zur Gesundheit das menschliche Wohlbefinden positiv wie negativ beeinflussen kann.
Autor
Der Autor hat Politik, Geschichte und Psychologie studiert und ist Wissenschaftsredakteur bei der Süddeutschen Zeitung.
Aufbau und Inhalt
In elf Kapiteln beschreibt der Autor,
wie das „System Gesundheit“ durch die menschliche
Einbildungskraft beeinflusst wird.
Am Anfang wird
herausgearbeitet, dass Gesundheit letztlich ein höchst individuelles
Konstrukt ist, Menschen also eigene Vorstellungen davon entwickeln,
was aus ihrer Sicht gesund/ungesund ist.
Es folgt ein Kapitel
„Für alles ein Mittelchen“ in dem Sebastian Herrmann
herleitet, warum die Medikalisierung der Gesellschaft auf dankbare
Abnehmer trifft, die als Folge ihrer Krankheitskonstrukte glauben,
dass etwas zu tun für die eigene Gesundheit besser sei, als nichts
zu tun. Im dritten Kapitel „Krankheitsgefühle“ wird dargestellt,
dass die menschliche Fehleinschätzung nicht nur die eigene
Gesundheit betrifft, sondern auch die eigenen Kompetenzen bei der
Erfüllung von Berufs- und Alltagsaufgaben. Im nächsten Kapitel
„Krankheitswahn“ wird die eingangs entwickelte
Gesundheitskonstruktion wieder aufgegriffen und herausgearbeitet,
dass Menschen bei der Frage, was gesund bzw. ungesund ist, glauben,
was sie glauben wollen.
Kapitel fünf „Dunkle Gedanken“
beschreibt dann den Nocobo-Effekt. Menschliche Erwartungen bzgl.
negativer Gesundheitseinflüsse lassen sich auch empirisch als
tatsächliche Gesundheitsbeeinträchtigungen beobachten. Das folgende
Kapitel „Leiden lernen“ verdeutlicht, dass nicht nur Individuen
an gesundheitliche Beeinträchtigungen, hier beispielhaft mit den
negativen Auswirkungen des Glutamats ausgeführt, glauben, sondern
dass sich dieser Glaube in Gesellschaften vertieft, weil eben viele
Menschen ähnliche Fragen haben und dankbar sind für einfache
Erklärungen. Im siebten Kapitel „Vorauseilende Bestätigung“
wird das Krankheitskonstrukt wieder aufgegriffen, in dem skizziert
wird, dass Menschen bei der Suche nach Informationen jene Hinweise
bevorzugen, die ihrem eigenen Konstrukt entsprechen. Darauf folgt das
Kapitel „ Diagnose als Droge“, in dem wiederum der Wunsch des
Individuums verdeutlicht wird, für subjektiv empfundene
Befindlichkeiten eine Bestätigung eines „Experten“ zu bekommen.
Die mangelnde Kompetenz vieler Menschen bei der Beurteilung von
Risiken schildet dann das Kapitel neun „Die Natur hat immer recht“
am Beispiel chemischer Wasserbestandteile bzw. der grundsätzlich
scheinbar positiven Gesundheitseffekte von Bio-Produkten. Auch hier
gilt: Menschen glauben, was sie glauben wollen. Die mangelnde
Risikokompetenz wird im folgenden Kapitel „Die absolute Sicherheit“
anhand verschiedener Beispiele herausgearbeitet. Menschen
überschätzen Risiken bzw. verstehen Risikoeinschätzungen auf der
Basis von Grenzwerten nicht. Das abschließende Kapitel elf „Gute
Besserung“ ist als Aufruf zu verstehen, dass weniger Fokus auf die
eigene Gesundheit vermutlich ein mehr für die eigene Gesundheit
bedeuten könnte. Dies ist zweifellos richtig, nur wie Menschen eine
ausgewogene „Gesundheitskompetenz“ erlangen, in dem sie
Informationen richtig suchen und verstehen, diese zum „vernünftigen
Handeln“ anwenden, diese Antwort bleibt der Autor leider schuldig.
Diskussion
Das Buch „Krankheitswahn“ von Sebastian Herrmann verdeutlicht anhand zahlreicher Beispiele, dass Menschen hinsichtlich der Entstehungsbedingungen ihrer eigenen Gesundheit, des Umgangs mit Krankheit usw. diversen Fehleinschätzungen unterliegen. Häufig wird dies auf die Marketing-Aktivitäten der Gesundheitsindustrie zurückgeführt, der Autor zeigt jedoch, dass die menschliche Psyche ein dankbarer Abnehmer für die häufig wissenschaftlich nicht haltbaren Behauptungen der Industrie ist. Die Lösung dieses Problems erweist sich jedoch als größere Herausforderung. Eine kognitiv ausgerichtete Strategie der Verbesserung der Informationsgrundlagen ist zunächst naheliegend, sie wird vermutlich jedoch an der emotionalen Konstruktion der Gesundheitswirklichkeit der Menschen scheitern, in der eben der Glaube häufiger relevanter ist als das abstrakte Wissen.
Fazit
Das Buch von Sebastian Herrmann erscheint aufgrund der zahlreichen Beispiele, auch aus seinem persönlichen Alltag, geeignet, das Bewusstsein der Menschen hinsichtlich ihrer Krankheiten zu sensibilisieren.
Rezension von
Prof. Dr. Dieter Ahrens
MPH
Hochschule Aalen
Studiengang Gesundheitsmanagement
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