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Sebastian Herrmann: Der Krankheitswahn

Cover Sebastian Herrmann: Der Krankheitswahn. Wir sind gesünder, als wir uns fühlen und die Industrie uns glauben lässt. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2015. 256 Seiten. ISBN 978-3-579-07083-4. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Sebastian Herrmann beschreibt in seinem Buch „Krankheitswahn“ an zahlreichen Beispielen wie die Einbildungskraft und Einstellungen zur Gesundheit das menschliche Wohlbefinden positiv wie negativ beeinflussen kann.

Autor

Der Autor hat Politik, Geschichte und Psychologie studiert und ist Wissenschaftsredakteur bei der Süddeutschen Zeitung.

Aufbau und Inhalt

In elf Kapiteln beschreibt der Autor, wie das „System Gesundheit“ durch die menschliche Einbildungskraft beeinflusst wird.
Am Anfang wird herausgearbeitet, dass Gesundheit letztlich ein höchst individuelles Konstrukt ist, Menschen also eigene Vorstellungen davon entwickeln, was aus ihrer Sicht gesund/ungesund ist.
Es folgt ein Kapitel „Für alles ein Mittelchen“ in dem Sebastian Herrmann herleitet, warum die Medikalisierung der Gesellschaft auf dankbare Abnehmer trifft, die als Folge ihrer Krankheitskonstrukte glauben, dass etwas zu tun für die eigene Gesundheit besser sei, als nichts zu tun. Im dritten Kapitel „Krankheitsgefühle“ wird dargestellt, dass die menschliche Fehleinschätzung nicht nur die eigene Gesundheit betrifft, sondern auch die eigenen Kompetenzen bei der Erfüllung von Berufs- und Alltagsaufgaben. Im nächsten Kapitel „Krankheitswahn“ wird die eingangs entwickelte Gesundheitskonstruktion wieder aufgegriffen und herausgearbeitet, dass Menschen bei der Frage, was gesund bzw. ungesund ist, glauben, was sie glauben wollen.
Kapitel fünf „Dunkle Gedanken“ beschreibt dann den Nocobo-Effekt. Menschliche Erwartungen bzgl. negativer Gesundheitseinflüsse lassen sich auch empirisch als tatsächliche Gesundheitsbeeinträchtigungen beobachten. Das folgende Kapitel „Leiden lernen“ verdeutlicht, dass nicht nur Individuen an gesundheitliche Beeinträchtigungen, hier beispielhaft mit den negativen Auswirkungen des Glutamats ausgeführt, glauben, sondern dass sich dieser Glaube in Gesellschaften vertieft, weil eben viele Menschen ähnliche Fragen haben und dankbar sind für einfache Erklärungen. Im siebten Kapitel „Vorauseilende Bestätigung“ wird das Krankheitskonstrukt wieder aufgegriffen, in dem skizziert wird, dass Menschen bei der Suche nach Informationen jene Hinweise bevorzugen, die ihrem eigenen Konstrukt entsprechen. Darauf folgt das Kapitel „ Diagnose als Droge“, in dem wiederum der Wunsch des Individuums verdeutlicht wird, für subjektiv empfundene Befindlichkeiten eine Bestätigung eines „Experten“ zu bekommen. Die mangelnde Kompetenz vieler Menschen bei der Beurteilung von Risiken schildet dann das Kapitel neun „Die Natur hat immer recht“ am Beispiel chemischer Wasserbestandteile bzw. der grundsätzlich scheinbar positiven Gesundheitseffekte von Bio-Produkten. Auch hier gilt: Menschen glauben, was sie glauben wollen. Die mangelnde Risikokompetenz wird im folgenden Kapitel „Die absolute Sicherheit“ anhand verschiedener Beispiele herausgearbeitet. Menschen überschätzen Risiken bzw. verstehen Risikoeinschätzungen auf der Basis von Grenzwerten nicht. Das abschließende Kapitel elf „Gute Besserung“ ist als Aufruf zu verstehen, dass weniger Fokus auf die eigene Gesundheit vermutlich ein mehr für die eigene Gesundheit bedeuten könnte. Dies ist zweifellos richtig, nur wie Menschen eine ausgewogene „Gesundheitskompetenz“ erlangen, in dem sie Informationen richtig suchen und verstehen, diese zum „vernünftigen Handeln“ anwenden, diese Antwort bleibt der Autor leider schuldig.

Diskussion

Das Buch „Krankheitswahn“ von Sebastian Herrmann verdeutlicht anhand zahlreicher Beispiele, dass Menschen hinsichtlich der Entstehungsbedingungen ihrer eigenen Gesundheit, des Umgangs mit Krankheit usw. diversen Fehleinschätzungen unterliegen. Häufig wird dies auf die Marketing-Aktivitäten der Gesundheitsindustrie zurückgeführt, der Autor zeigt jedoch, dass die menschliche Psyche ein dankbarer Abnehmer für die häufig wissenschaftlich nicht haltbaren Behauptungen der Industrie ist. Die Lösung dieses Problems erweist sich jedoch als größere Herausforderung. Eine kognitiv ausgerichtete Strategie der Verbesserung der Informationsgrundlagen ist zunächst naheliegend, sie wird vermutlich jedoch an der emotionalen Konstruktion der Gesundheitswirklichkeit der Menschen scheitern, in der eben der Glaube häufiger relevanter ist als das abstrakte Wissen.

Fazit

Das Buch von Sebastian Herrmann erscheint aufgrund der zahlreichen Beispiele, auch aus seinem persönlichen Alltag, geeignet, das Bewusstsein der Menschen hinsichtlich ihrer Krankheiten zu sensibilisieren.


Rezensent
Prof. Dr. Dieter Ahrens
MPH Hochschule Aalen Studiengang Gesundheitsmanagement
Homepage www.htw-aalen.de/studium/gm/
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Zitiervorschlag
Dieter Ahrens. Rezension vom 21.10.2015 zu: Sebastian Herrmann: Der Krankheitswahn. Wir sind gesünder, als wir uns fühlen und die Industrie uns glauben lässt. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2015. ISBN 978-3-579-07083-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17993.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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