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Andrea Treuenfeld: Zurück in das Land, das uns töten wollte

Cover Andrea Treuenfeld: Zurück in das Land, das uns töten wollte. Jüdische Remigrantinnen erzählen ihr Leben. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2015. 272 Seiten. ISBN 978-3-579-07087-2. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Leben im Land der Täter

Die schwierige, beinahe unsagbare und doch auf Erinnerung und Auseinandersetzung angewiesene Geschichte über die Frage, wie es möglich sein konnte, dass Menschen, die in ihrem Heimatland aus ideologischen und rassistischen Gründen verfolgt und mit Vernichtung bedroht waren, zurückkehren konnten, muss wieder und immer wieder geschrieben werden; weil Erinnerung Lebenshilfe ist! Beginnen wir mit zwei Schlaglichtern: Als die Hildesheimer Integrierte Gesamtschule, die Robert-Bosch-Gesamtschule, eine UNESCO-Projektschule, Ende der 1970er Jahre in einer Arbeitsgemeinschaft die Geschichte der Juden in ihrer Stadt und im Stadtviertel aufzuarbeiten begann, da entwickelte sich auch ein Schüleraustausch- und Partnerschaftsprogramm zwischen der RBG und einer High School in Haifa/Israel. Beim ersten Partnerschaftsbesuch der Hildesheimer Schülergruppe in Israel kam es in einem Supermarkt in Haifa zu einer Begegnung, die den Rezensenten bis heute nicht losgelassen hat: Ein älteres Ehepaar sprach halblaut miteinander, was sie einkaufen sollten und brauchten – in Deutsch! Es waren Jeckes, wie die in Israel aus Deutschland eingewanderten Juden genannt werden. Es kam zu einem Gespräch, und es stellte sich heraus, dass es den beiden Alten gelungen war, als Jugendliche vor dem Holocaust das Land, in dem sie und ihre Vorfahren geboren wurden und gelebt haben, zu verlassen. Obwohl sie damals bereits seit fast 40 Jahren in Israel und als Israeli in Haifa lebten, Kinder und Enkel hatten, sprachen sie miteinander in bestimmten Situationen tauschten sie sich ihre Muttersprache Deutsch aus: „Weil das unsere Identität ist!“.

Ein zweites, überraschendes Schlaglicht: Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat kürzlich eine repräsentative Umfrage in Israel im Auftrag gegeben. Sie wollten wissen, welches Deutschland-Bild die Israeli heute haben. Die Ergebnisse zeigen, dass mehr als zwei Drittel der Israeli, nämlich 68 Prozent, denken positiv über die Bundesrepublik Deutschland; und jeder Zweite (54 Prozent) ist der Meinung, dass Deutschland im Nahost-Konflikt als „ehrlicher Makler“ vermitteln könne.

Es wird immer wieder kontrovers, anklagend und verteidigend, auffordernd und rechtfertigend diskutiert, wie das größte Menschheitsverbrechen der Neuzeit, der Holocaust, geschehen konnte; ob der „Schoß fruchtbar noch“ sei (Helmut Ortner, Hitlers Schatten. Deutsche Reportagen, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/16052.php), wie es möglich war, den politischen Verführungen der Nationalsozialisten zu unterliegen (Ursula Mahlendorf, Führers begeisterte Töchter. Wie Mädchen die Hitlerzeit erlebt und später verharmlost haben. Eine amerikanische Intellektuelle über (ihre) NS-Kindheit, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16998.php), oder wie Menschen selbst und ihre Nachkommen als Opfer im Land der Täter leben und arbeiten konnten und können (Bernhard Nolz / Wolfgang Popp, Hg., Leben im Zeichen von Verfolgung und Hoffnung. Jüdische Autorinnen und Autoren in der neueren deutschen Literatur, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/16792.php). In einer human aufgestellten Erinnerungskultur kommt es darauf an, im individuellen und kollektiven Gedächtnis der Menschen die Fragen nach Schuld und nach Täter-Opfer-Narrativen intellektuell, also kognitiv und emotional zu stellen. Denn: “ das Grauen der Opfer beginnt oft schon hinter der Tür seiner Nachbarn“ (W. G. Sebald, Die Ausgewanderten, Fischer Tb, Mai 2013, 350 S.).

Entstehungshintergrund und Autorin

Wie soll man verstehen, was nicht zu verstehen ist? Wenn überhaupt, können Zeitzeugenberichte und Erzählungen einige Informationen und Eindrücke vermitteln, was Menschen empfinden, die aus ihrer Heimat vertrieben, und, wenn sie es nicht rechtzeitig schafften, zu fliehen, ermordet wurden, weil sie Juden waren. Die 1957 geborene Andrea von Treuenfeld hat Publizistik und Germanistik studiert und lange Jahre als Kolumnistin, Redakteurin und Korrespondentin bei namhaften Printmedien gearbeitet. Als sie Ende der 1970er Jahre in einem israelischen Kibbuz gelebt und gearbeitet hat, traf sie immer wieder Jeckes, denen es gelungen war, aus Nazi-Deutschland zu fliehen. Sie trugen erheblich mit dazu bei, dass sich die Kibbuz-Bewegung entwickelte und der israelische Staat aufgebaut werden konnte. Bei ihren Kontakten und Gesprächen mit den Jeckes wurde sie immer wieder damit konfrontiert, dass die Betroffenen, wie eine Kinderärztin, die aus Breslau fliehen konnte, zum Ausdruck brachte: „Hundert Jahre könnte man füllen mit Geschichten. Aber die Geschichten gehen verloren, weil wir nicht reden können. Ein ganz großes Schweigen, von einer Generation zur nächsten“. Andrea von Treuenfeld gelang es, mehrere Interviews mit Frauen zu führen, die sie in dem Buch „In Deutschland eine Jüdin, eine Jeckete in Israel“, 2011 veröffentlichte.

In dem neuen Buch „Zurück in das Land, das uns töten wollte“ (2015), stellt sie nun Frauen vor, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder nach Deutschland zurück kehrten. Es sind 16 Frauen, die als Kinder und Jugendliche mit ihren Eltern das Land, in dem ihre Vorfahren seit Jahrhunderten lebten und in dem sie geboren wurden, verlassen konnten, um oftmals über mehrere Stationen in England, der Schweiz, den USA, China, Ägypten, Argentinien, Uruguay, nach Israel auswanderten. Und die, aus den verschiedensten, persönlichen Gründen wieder nach Deutschland einwanderten. Ihre Erinnerungen an die Zeit der Verfolgung, den Stationen ihrer Ausreise, ihren Aufenthalt in Israel, und schließlich die Gründe für „diese(n) schwere(n) Rück-Schritt an einen Ort, der nach dem Holocaust niemals wieder Heimat sein konnte“, sind getränkt von Traumata, Zerrissenheit, Lebensbrüchen, Schicksalen und der oftmals vergeblichen Suche nach Zugehörigkeit. Die Gespräche von „Frau zu Frau“ mögen dazu beigetragen haben, dass sich die Remigrantinnen öffnen konnten und Einblicke in ihr Leben erlaubten, die als authentische Quellen aus einer Zeit, die sich niemals wiederholen darf, im kollektiven Gedächtnis des Volkes einen wichtigen Platz einnehmen. Die Autorin hat darauf verzichtet, die einzelnen Schicksale zu historisieren, oder zu bewerten; vielmehr lässt sie die Betroffenen sprechen; und sie bietet damit dem Leser und der Leserin die Chance, die Erzählungen auf sich wirken zu lassen und sich damit auseinander zu setzen.

Aufbau und Inhalt

Der Schauspieler und Sohn einer jüdischen Mutter, Christian Berkel (1957), schreibt das Vorwort zu den folgenden Erzählungen der 16 Frauen. Er fragt sich, aus der eigenen Betroffenheit, wie auch als Mensch, „welche verletzende Mühe es diese Frauen gekostet haben muss, in ihre Vergangenheit … emotional zurückzukehren, die Reise rückwärtsgehend noch mal zu durchleiden?“.

Bela Cukierman wurde 1940 als Bela Wolff in Berlin geboren. Im September 1940 konnte sie mit ihren Eltern und Großeltern durch Polen, mit der Transsibirischen Eisenbahn und dann auf dem Landweg nach Harbin und weiter mit dem Schiff nach Shanghai reisen. Trotz der enormen Anstrengungen und dem Mangel als ausreichender Ernährung gelang es ihrer Mutter, den Säugling am Leben zu erhalten. Endlich in China angekommen, wurden sie in einem Ghetto untergebracht, und sie erlebten die brutale Macht der Japaner als Besatzer. Als endlich die Amerikaner mit den Kriegsschiffen eintrafen, war auch in Shanghai der Krieg zu Ende. Die Familie beschloss, nach Israel auszuwandern. Nach einer langen, beschwerlichen Schiffsreise kamen sie schließlich im Hafen von Haifa an. Sie wurden in einem Flüchtlingslager in Hadera untergebracht, und nach einigen Monaten konnten sie in Jerusalem eine Wohnung beziehen. Der Großvater fand eine Stelle als Nachtwächter, ihr Vater wurde Bauarbeiter. Die Schwierigkeiten mit der hebräischen Sprache, Ivrit, die ungewohnte Arbeit, die fremde Umgebung – ihr Vater wollte nach Deutschland zurück. September 1950 fuhr die Familie mit dem Schiff nach Neapel und dann mit dem Zug nach Frankfurt. Als Staatenlose konnten sie auf dem Landweg nicht nach Berlin weiterreisen. Es gelang ihnen schließlich, nach Berlin-Tempelhof zu fliegen. In Charlottenburg fanden sie eine Wohnung. Bela hat 1962 geheiratet und drei Kinder geboren. Sie konnten eine Strick- und Wirkwarenfabrik aufbauen, die Bela nach dem Tod ihres Mannes 1985 weiter führte. Sie hat bis heute keine Antwort auf die Frage gefunden, wie Menschen, die die Transporte mit den Juden zu den Konzentrationslagern doch gesehen haben mussten, nichts dagegen taten. Sie kann nur vermuten, dass es Gleichgültigkeit und Desinteresse war!

Anita Lippert wurde am 5. Mai 1931 als Anita Rosel Fried in Norderstedt geboren. Ihre Mutter, eine „Arierin“ hat den zum Judentum konvertierten Kaufmann Ludwig Fried geheiratet. Die Eltern waren sehr religiös und praktizierten ihren Glauben intensiv. Bereits in der Schule litt Anita an der antisemitischen und rassistischen Stimmung in dem norddeutschen Städtchen. Am 9. November 1938 eskalierte die Lage; die jüdischen Geschäfte, auch das ihres Vaters, wurden geplündert und zerstört. Ihr Vater wurde in das Konzentrationslager in Buchenwald gebracht, auch ihre Verwandten landeten in Treblinka: „Wir haben nie mehr von ihnen gehört“. Als ihr Vater schließlich, völlig geschwächt und krank aus Buchenwald zurück kam, gelang es der Familie, nach Wiesbaden in die nunmehr lehrstehende Wohnung ihrer Verwandten umzuziehen. Doch die Situation dort war nicht besser als in Norderstedt. Schließlich die Deportation nach Theresienstadt, mit all den unsäglichen und unmenschlichen Bedingungen. Dass die Familie überlebt hat, grenzt an ein Wunder Schließlich USA, Arbeit und Staatsbürgerschaft, Heirat, Scheidung und die Rückkehr nach Wiesbaden; erneute nichtjüdische Heirat; ein Sohn, der ihr Perspektive gibt und Lebensmut. Freilich auch die schmerzliche Erfahrung: „Die Antisemiten wachsen nach“. Die Frage, ob sie sich als Deutsche fühle, wird von ihr beiseite gelegt: „Ich bin mehr Amerikanerin als Deutsche“.

Bei allen unterschiedlichen, individuellen und zeitbedingten Tragiken und Schicksalen der 16 Frauen gibt es gemeinsame Grundlinien von vermeintlicher Sicherheit, Enttäuschungen, Angst, Gefährdungen, Flucht und Wiederkehr, etwa bei der 1921 als Ruth Weinberg in Dresden geborenen Ruth Galinski, deren Eltern durch Gelegenheitsarbeiten mehr schlecht den Lebensunterhalt erwerben konnten. Bei der Deportation nach Warschau ins Ghetto war ihr Vater schon nicht mehr dabei; er konnte nach Argentinien ausreisen und wollte die Familie nachkommen lassen. Als 18jährige hat sie im Ghetto geheiratet; ihr Mann war plötzlich verschwunden; niemand wusste, was aus ihr geworden war. Ein Bekannter ihres Vaters war an der Universität in Krakau tätig. Er holte Ruth, und sie lernte eine Gruppe von Studenten kennen, die im Tatragebirge im Widerstand tätig waren. Nach Kriegsende schlug sie sich mit einer Freundin nach Berlin durch. Dort lernte sie Heinz Galinski kennen, der jahrelang in Dora inhaftiert, und in den folgenden Jahrzehnten Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland war. Er starb als Ehrenbürger von Berlin 1992. Ruth Galinski hat 1953 den Jüdischen Frauenbund in Deutschland mitgegründet und in der jüdischen Gemeinde ehrenamtlich gearbeitet. „Ich hab´ nicht überlebt, um zu schweigen“, das war ihre Lebensphilosophie. Sie starb am 18. 9. 2014, 93jährig.

Auch die Lebensstationen der 1931 in Stettin geborenen Angelika Levin / Alisa Weil und ihrer Familie glichen einer Odyssee: Schweiz – Nahalal, Givat Haim, Haifa, Ben Shemen, Qiryat Bialik, Haifa – London – Hannover, Heppenheim, Wuppertal, Köln, Meckenheim. Die Schule in Haifa, Ivrit lernen, in den Kibbuzim schwer arbeiten, schließlich 1948 Ausbildung zur Gymnasiallehrerin in Essen, Heirat, Geburt eines Sohnes, Scheidung, Schuldienst in Bonn, Wiederverheiratung 1966, Geburt einer Tochter. Ihr Mann Manfred ist ein bekannter Maler, wie auch Alisas Onkel Julo Levin, der im KZ getötet wurde, Maler war. Als seine Geburtsstadt Stettin anlässlich seines 100. Geburtstages eine Ausstellung seiner Bilder zeigte, wurden Überlebende seiner Familie dazu eingeladen: „Ich war die Einzige“.

Renée Brauner, die als Renate Rebecca Nessel 1939 in Berlin geboren wurde, ist mit ihrer Familie über Innsbruck, Zagreb, Ruma, Belgrad, Split, Asti, Poschiavo, Davos, Zürich, Paris, Frankfurt schließlich wieder nach Berlin zurück gekommen. Als sie mit sieben Jahren nach Frankreich kam, war Renate kein Vorname mehr für sie; seitdem heißt sie Renée. „Ich hätte nie in meinem Leben einen Nichtjuden geheiratet. Ich hätte nie in meinem Leben einen Deutschen geheiratet“. In Berlin lernte sie den aus Polen stammenden Filmproduzenten Wolf Brauner kennen. Sie heirateten 1960, drei Töchter wurden geboren. Renée trennte sich von ihrem Mann; ihre Töchter haben alle nichtjüdische Männer geheiratet. Das missbilligt sie: „Für uns Juden haben meine Töchter uneheliche Kinder“.

Steffi Wittenberg wurde als Steffi Hammerschlag 1926 in Hamburg geboren. Über Uruguay und Houston kam sie nach Hamburg zurück. Als sie, 14jährig, mit ihren Eltern in Uruguay ankamen, trafen sie schon auf eine jüdische Gemeinde, und sie lernte ihren späteren Mann, Kurt kennen, der als Kommunist gegen die dortigen Rassendiskriminierungen gegen Schwarze eintrat. Sie gingen im Januar 1948 nach Houston / Texas, wo ihr Mann in einer Fleischfabrik und sie in einem Büro Arbeit fanden. In der Zeit der McCarthy-Ära und des Koreakrieges hatten sie als Kommunisten einen schweren Stand: „You damned communist! Our boys are fighting against der communist – and you are a communist!“. Ihre Ausreise nach Deutschland 1951 ließ sie etwas zur Ruhe kommen. Sie hatten Arbeit, zwei Söhne wurden 1955 und 1960 geboren; der ältere ist Richter am Hamburger Sozialgericht, der jüngere Theaterregisseur in Berlin: „Ich wünsche mir Frieden. Und dass es keine Neonazis mehr gibt“.

Ruth Schlesinger wurde als Ruth Caro 1928 in Berlin geboren. Sie lebte mit ihren Eltern in Neukölln, und sie besuchte die Grundschule in der Elbestraße. Als in Berlin die Synagogen brannten, die Juden den Stern tragen mussten, ihnen die Bürgerrechte aberkannt und sie zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden, gelang es der Familie, weil die Mutter „Arierin“ war und die Eltern also in einer „Mischehe“ lebten, vor den Deportationen in die Konzentrationslager verschont zu werden. Nach Kriegsende schloss sich Ruth einer jüdischen Jugendgruppe an, die sich für die Auswanderung nach Palästina vorbereiteten. Die Ausreise erfolgte 1948. Sie arbeitete im Kibbuz, leistete Militärdienst in der israelischen Armee; dort lernte sie auch ihren in Wien geborenen Mann kennen. Sie bekamen einen Sohn. Ihre Eltern siedelten Anfang der 1950er Jahre ebenfalls nach Haifa über, gingen aber nach wenigen Jahren wieder nach Berlin zurück. Ruth folgte mit ihrer Familie. Sie eröffneten in Berlin ein Wäschereigeschäft; der zweite Sohn wurde 1962 geboren; ihr Mann starb 1987. Ruth Schlesinger lebt heute in einem jüdischen Altersheim in Berlin. Über ihr Schicksal hat sie nie viel gesprochen: „Meine Kinder haben nie danach gefragt. In vielen Familien ist es so gewesen. Man sprach nicht darüber. Es ist geschehen und fertig aus“.

„Ich hab´ vieles verdrängt. Sonst könnte ich hier nicht leben“, das sagt Ruth Hacohen, die 1923 als Irmgard Ruth Scheuer im rheinhessischen Framersheim in einem Weingut geboren wurde. Die Eltern litten unter den Anfeindungen der Nazis; sie mussten ihren Besitz verkaufen, und die Familie zog von einem Ort in Deutschland zum anderen, immer auf der Flucht vor den Verfolgungen. In Mainz konnte sie schließlich die jüdische Schule besuchen. Mit einem der von der jüdischen Gemeinde organisierten Kindertransporte kam sie in die Schweiz, und von dort aus mit der Organisation der jüdischen Jugend-Aliyah nach Palästina. Ihre Eltern sind in Auschwitz ermordet worden. Sie arbeitete im Kibbuz Usha. Dort lernte sie auch ihren Mann Uri kennen, der in Wien als Erich Kürt geboren wurde. Sie gingen beide zum Militär und waren bei der Haganah engagiert. Ruth hat 1947 und 1949 zwei Töchter geboren. Die Familie hat bis 1960 in Be´er Sheva dabei mitgearbeitet, die Wüste zu kultivieren. Als Uri unheilbar krank wurde, siedelte die Familie in die Schweiz und dann nach Deutschland um. Er ist 1962 gestorben, und Ruth hat in Frankfurt die Leitung der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt übernommen, später in Zürich. Als ihre Tochter 1993 an Multipler Sklerose erkrankte und starb, kehrte Ruth nach Frankfurt zurück. Sie stellt fest: „Vom Gefühl bin ich Israelin. Aber ich habe meine Wurzeln hier. Ich bin Deutsche und Israelin“.

Die Ärztin Dr. Alice Ilian-Botan wurde als Alicc Braunstein 1924 in Berlin geboren. Ihre Eltern, die beide aus Rumänien kamen, verließen mit den beiden Kindern 1932 Berlin und zogen nach Bukarest. Ihr Vater, Salomon Braunstein, hatte schon früh die Entwicklung im Nazi-Deutschland vorher gesehen. Er arbeitete als Bauingenieur, bis auch in Rumänien, als die Verbündeten des deutschen Regimes, die antisemitischen Gesetze einführten und die Juden diskriminiert und verfolgt wurden. Alice durfte nicht mehr die Schule besuchen, ihr Bruder nicht mehr weiter studieren und der Vater wurde entlassen, ihr Besitz und ihr Vermögen enteignet. Erst als am 23. August 1944 in Rumänien der Krieg zu Ende war, konnten die Braunsteins wieder ein normales Leben führen: Alice studierte Medizin, und sie heiratete 1949 ihren ersten Mann, von dem sie sich nach sieben Jahren trennte. 1971, als in Rumänien eine Wirtschaftskrise ausbrach und zuerst die jüdischen Ärzte entlassen wurden, ging sie mit ihrem zweiten Mann nach Israel, wo sie eine Praxis in Nazareth eröffnen und einige Zeit später in Qiryat Haim in einer Poliklinik arbeiten konnte. Weil es vorhersehbar war, dass sie einmal mit der kleinen Rente, die sie in Israel erwartete, kaum leben konnte, nahm sie in nordrhein-westfälischen Bad Oeynhausen eine Stelle als Internistin in einer Kurklinik an. Nach drei Jahren erlitt sie eine Innenohrschwerhörigkeit, und sie musste ihren Beruf aufgeben. Um in Deutschland eine Rente zu bekommen, musste sie die deutsche Staatsangehörigkeit annehmen und die israelische aufgeben: „Ich glaube, dass es das Schicksal gewollt hat, dass ich im Alter zurückgekommen bin in das Land, in dem ich geboren bin“, und:. „Ich bin aufgewachsen, ohne zu wissen, was Juden sind und was Christen sind“.

Ruth Stadnik Goldstein wurde als Ruth Kochmann 1936 in Berlin geboren. Ihr Vater war ein angesehener und wohlhabender Bankier, und ihre Mutter Physiotherapeutin im Neuköllner Krankenhaus. In der Synagoge in der Oranienburger Straße haben sie geheiratet. Ruth wurde von einem Kinderfräulein erzogen. Bei Tisch wurde von einem Diener mit weißen Handschuhen serviert. Bei einer Razzia durch die SS in der Bank konnte ihr Vater sich verstecken und fliehen. Die Mutter musste mit Ruth mehrmals in Berlin umziehen und sich vor den Verfolgern verbergen. Anfang 1939 bekam sie die heimliche Nachricht, dass es ihrem Mann gelungen sei, nach Marseille zu fliehen; sie sollten nachkommen und gemeinsam nach Argentinien ausreisen. Nach einer 40tägigen Schiffsreise kamen sie dort an, und sie mussten sich mühsam und mit ungewohnter Arbeit durchschlagen. Ruth besuchte den Kindergarten und die Pestalozzischule für Emigranten und später die Belgrano Girl School. Sie wollte Ärztin werden, aber das war finanziell für die Eltern nicht möglich. So wurde sie Erzieherin, und mit 21 heiratete sie einen aus Bamberg stammenden, jüdischen Geschäftsmann, und sie bekamen eine Tochter. Ihrem Mann lockten die Berichte über das Wirtschaftswunder in Deutschland; sie fuhren mit einem Frachter nach Hamburg, und der Hallodri verprasste das Rückwanderergeld; die Ehe ging auseinander; sie stand vor dem Nichts. Zurück nach Argentinien oder bleiben? In Berlin bekam sie Kontakt mit Heinz Galinski, und sie eröffneten den ersten jüdischen Kindergarten nach dem Krieg. Als ausgebildete Kindergärtnerin wurde sie einige Jahre später zur Leiterin aller städtischen Kitas im Stadtteil Tiergarten berufen. 1963 heiratete sie zum zweiten Mal. Jetzt leben beide im Jüdischen Altersheim. Ihre Tochter arbeitet als Erzieherin seit 30 Jahren in demselben Kindergarten, den ihre Mutter mitgegründet hat. „Dass ich Jüdin bin, daraus hab´ ich nie ein Hehl gemacht… Ich bin auch religiöser geworden, weil wir hier eine Minderheit sind“.

Ruth Wolff-Stirner ist als Ruth Wolff 1946 in Shanghai geboren. Ihr jüdisch-polnischer Vater konnte aus dem KZ Dachau fliehen und sich nach China absetzen. Dort, im Shanghaier Ghetto, lernte er ihre Mutter kennen, die in Berlin geboren wurde und von einem Amerikaner geschieden war. Sie heirateten, und so wurde sie und ihr Bruder, der jedoch bald starb, in Shanghai geboren. 1948, nach der Gründung Israels, siedelte die Familie nach Jerusalem über. Ihre Mutter starb 1954; da war Ruth acht Jahre alt. Sie kam in ein Internat, das von finnischen Schwestern geleitet wurde. Es war, wie sie sich erinnert, eine schlimme Zeit voller Zwang und Drill. Ihr Vater wollte unbedingt nach Deutschland zurück: „Weil es da so schön ist, die Landschaft so schön ist“. 1957 kamen sie nach München („so nah an Dachau?“). Ruth besuchte die Schule in München; als ihr Vater 1960 starb, war sie 14 Jahre alt. In einer Rechtsanwaltskanzlei machte sie eine Lehre als Rechtsanwaltsgehilfin. Als sie 12 oder 13 Jahre alt war, so erinnert sie sich vage, habe sie sich katholisch taufen lassen. 1982 heiratete sie, katholisch natürlich. Sie ist später aus der Kirche ausgetreten und hat versucht, nach ihren familiären und weltanschaulichen Wurzeln Ausschau zu halten. „Heute bin ich in keiner Gemeinde. Hab´ einfach mein Leben so gelebt, wie es hier üblich ist, und hab´ keine Beziehungen zu irgendeiner Religion“.

Auch die Odyssee von Anni Bober, die 1915 als Anni Cohen in Dinslaken geboren wurde, zeigt die Wirrungen und Note von jüdischen Familien in der kaiserlich-völkischen und vor allem in der nationalsozialistischen Zeit in Deutschland. Der Vater hatte ein Bekleidungsgeschäft in ihrem Geburtsort, dann übernahm er 1920 in Barmen einen Betrieb für Herrenmaßartikel. Annis schulische Ausbildung endete mit der Mittleren Reife, weil jüdische Kinder nicht für weiterführende Schulen zugelassen wurden. Sie wollte Säuglingsschwester werden, auch das war nicht möglich. Durch eine zionistische Jugendorganisation kam sie 1936 nach Wieringermeer in Holland und von dort aus nach Haifa. Ohne Beruf, aber mit viel Idealismus schlug sie sich mit Hausarbeiten und Nebenjobs durch. In Nahariya wohnten viele Jeckes, und so kam es, dass sie zwar Ivrit lernte, aber mit Deutsch ganz gut zurecht kam. Sie heiratete 1945 Kurt, der aus Frankfurt kam. Er war Musiker und spielte in den Kaffeehäusern und auf Festen auf. Im Mai 1948 bekam Anni einen Sohn. Ihr Mann wollte in Deutschland Erbschafts- und Nachlasssachen regeln. Er wurde krank, so dass Anni mit dem Kind nachkommen mussten. Er starb, und sie stand wieder ohne Einkommen und Bekanntschaften in dem Land, in dem sie geboren wurde und nie mehr zurück wollte. Mit Hilfe von sozialen und kirchlichen Einrichtungen fand sie in Frankfurt eine kleine Wohnung, und sie fand Arbeit in einer Näherei und später in einem Büro. Sie lebt jetzt in einem jüdisch-christlichen Altersheim. Auf die Frage, wie sie sich fühle, als Deutsche oder Israelin, kann sie keine eindeutige Antwort geben: „Nach Deutschland gekommen bin ich allerdings aus rein pragmatischen Gründen, und nicht aus Überzeugung“.

Eva Fröhlich wurde als Eva Beutler 1922 in Berlin geboren. „Ich wusste, dass ich Jüdin bin“, sie wusste es seit sie lebte, weil ihre Eltern Shabbat hielten und in die Synagoge gingen und die Kinder, als sie größer wurden immer mitgenommen haben. Ihr Vater war Buchprüfer, und ihre Mutter Hutmacherin. Sie ging in Berlin in eine staatliche Volksschule und aufs Hohenzollern-Lyzeum; bis 1933 die Nazis an die Macht kamen und alle jüdischen Kinder die Schulen verlassen mussten. Ihr Vater sah die Katastrophe rechtzeitig kommen; ihre Mutter war gutgläubiger, dass schon nicht alles so schlimm kommen würde. Im September 1937 reiste die Familie mit dem Schiff von Hamburg aus nach Montevideo in Uruguay. Eva wurde Lehrerin, und sie lebten glücklich und zufrieden in dem Land. Vom Krieg in Europa erfuhren sie nur über die Zeitung Auch dass nach dem Krieg Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt wurde, und über die Gräueltaten des Holocaust hatten sie wenig Informationen. Sie merkten allerdings, dass sich viele Nazis nach Südamerika abgesetzt hatten. Als Eva 34 Jahre alt war, lernte sie den gebürtigen Frankfurter, Arthur, kennen. Er lebte in Rio de Janeiro in Brasilien. Sie heirateten 1956. Von Rio sind sie dann ins Landesinnere umgezogen, um dort ein neues Geschäft aufzubauen. Der Wechsel von Spanisch auf Portugiesisch war nicht einfach; aber die lebenslustige, aktive Frau hatte bald viele Freunde um sich, und sie war integriert. Sie erhielt die brasilianische Staatsangehörigkeit und wollte nicht weg, zumal sie 1971 wieder zurück nach Rio zogen und 1977 in dem Gebirgs- und Touristenort Teresópolis eine Eigentumswohnung kauften und ihre Freizeit dort verbrachten. Es war Anfang der 1990er Jahre, Arthur war schon in Rente, als ein Freund ihres Mannes über das neue Deutschland erzählte und sie überredete, nach Deutschland zurückzukehren; als Rentner könne man dort gut leben. Eva wollte nicht; sie lebte seit 55 Jahren in Südamerika, ihr ging es gut, und Nazi-Deutschland war für sie überhaupt kein Thema. Es half nichts, „1992 gingen wir zurück“.

Ruth Thorsch wurde 1923 in Berlin als Ruth Jaffe geboren. „Das Komische ist, ich hab´ das sehr begrüßt, dass Hitler an die Macht kam“. Es herrschte Ordnung: „Die Bettler sind weg!“. Ihr Schulbesuch in Berlin, in der Volksschule in der Nachodstraße, und später im Rückert-Oberlyzeum in Schöneberg, verlief ohne Probleme. Die Mitschülerinnen erzählten begeistert vom BdM; da wollte sie auch hin, beschloss sie in ihrer jugendlichen Naivität. Ihr Vater, Rechtsanwalt und Notar, wusste Bescheid und konnte ermessen, wie die nationalsozialistische Geschichte weitergehen würde. Mit dem offiziellen, britischen Affidavit erhielten sie 1936 die Erlaubnis, nach Palästina auszureisen. Ruth war nicht glücklich, sie lernte nur schwer Ivrit, ging nicht gern in die Schule und erhielt deshalb auch keinen höherwertigen Schulabschluss. Mit 16 Jahren meldete sie sich zur Haganah und tat acht Jahre lang in der medizinischen Einheit Dienst, dazu noch zwei Jahre Militärdienst. Sie heiratete 1944. Ihr Sohn wurde 1951 geboren, die Tochter 1963. Der israelisch-palästinensisch-arabische Konflikt, mit den vielen Kriegen und gewaltsamen Auseinandersetzungen führten dazu, dass Ruth zuerst allein nach Frankfurt zurück kehrte, und dann die Familie nachkam. Sie studierte Musik und musikalische Früherziehung und unterrichtete bis zu ihrer Pensionierung in der Jugendmusikschule. Ihre Tochter hat einen Juden geheiratet, ihr Sohn eine Christin. Ruth selbst ist gehbehindert und lebt heute in einer Wohnung in Frankfurt. Ihr Mann war demenzkrank und ist 1991 gestorben. Einmal in der Woche besucht sie das Jüdische Altersheim, weil ihr die Atmosphäre dort gefällt. „Inzwischen bin ich völlig antireligiös geworden, halte nicht viel von Frömmigkeit“.

Margot Wisch ist als Margot Strauss seit 1924 in Frankfurt aufgewachsen. Das Gefühl – „Wenn möglich, bemerkt mich nicht“ – hat sie als Kind bei den Naziaufmärschen, Verrohungen und Bedrohungen wie mit der Flasche aufgesogen. Sie besuchte die jüdische Grundschule und dann die Samson-Raphael-Hirsch-Schule. Zwar war bekannt, dass schon Anfang der 1930er Jahre jüdische Familien auswanderten, nach Holland, Frankreich, Nord- und Südamerika; aber sie selbst erlebte keine Anfeindungen. Ihre Eltern allerdings bemühten sich seit längerem, Ausreisepapiere zu bekommen. 1936 ist dann die Familie nach Chile ausgewandert. Ihr Vater hat Arbeit gefunden, und Margot besuchte erfolgreich eine englische Schule. Auf der Straße lernte sie Spanisch, und zu Hause wurde Deutsch gesprochen. Nach dem Abitur lernte sie Stenografie und Schreibmaschine und arbeitete im Büro einer chilenisch-deutschen Firma. Sie heiratete mit 19 Jahren einen in Posen geborenen deutschen Juden. 1943 wurde der erste Sohn geboren, 1946 der zweite. Margot wäre gerne Hebamme oder Ärztin geworden. Als der ältere Sohn heiratete und mit seiner Familie in Chile blieb, und der jüngere mit seiner Frau nach Israel auswanderte, da wollte Margot auch einen neuen Start versuchen. Sie ging 1972 allein nach Israel und lebte und arbeitete fast fünf Jahre in Haifa. Ihr Mann ging in der Zwischenzeit nach Wiesbaden, wo seine Verwandten schon lebten. Sie folgte ihm nach dieser Zeit in Haifa. In Wiesbaden engagierte sie sich, nach dem Tod ihres Mannes, in der jüdischen Gemeinde. „Was bin ich? Erst einmal bin ich jüdisch… und ich bin Deutsche. Das Land, das mich am meisten berührt, ist Israel. Aber wenn Sie mich fragen nach Liebe zu einem Land, dann ist es Chile“.

Die sechzehnte der Erzählungen kommt von Gerda Rosenthal, die 1917 als Gerda Freund in Remscheid geboren wurde. Auch ihre Odyssee verdeutlicht die schicksalhaften Geschichten der jüdischen Frauen. Ihre Eltern waren galizische Juden, die nach einem besseren Leben suchten. Weil beide gut deutsch sprachen, war das Ziel klar. Ihr Vater war eigentlich Uhrmacher, aber er wagte es, ein Schuhgeschäft in Remscheid zu übernehmen, was auch funktionierte. Die zwei Kinder wurden 1914 und 1917 geboren. Gerda besuchte eine staatliche Grundschule und das Mädchen-Lyzeum, ihr Bruder das Jungen-Lyzeum. Die Kinder in der Nachbarschaft spielten miteinander, es gab keine Unterschiede – bis Gerda ab 1933 merkte, dass niemand mehr mit ihr spielen wollte. Dann kamen die Parolen: „Juden sind unser Unglück“ und „Kauft nicht bei Juden„; die Eltern mussten das Geschäft verkaufen, und sie bekamen nur einen Bruchteil des Wertes dafür. Es wurde jetzt Zeit, an die Auswanderung zumindest für die Kinder zu denken. Ihr Bruder ist 1933 über Dänemark nach Palästina gegangen, und Gerda konnte mit der Jugend-Aliyah 1935 auf ein Schiff in Triest gehen und in Haifa landen. Sie lebte und arbeitete zwei Jahre in einem Kibbuz und kehrte 1937 noch einmal nach Remscheid zurück, um ihre Eltern entweder mit nach Israel zu nehmen, oder nach Amerika auszureisen. Beides gelang nicht, weil die Eltern als Staatenlose weder hier noch dort einreisen durften. Sie sind, wie sie erst später erfuhr, in einem Lager in Polen umgebracht worden. Gerda gelang es, mit dem letzten Schiff 1938 nach Palästina zurück zu reisen, später hätten die Engländer sie nicht mehr ins Land gelassen. In Haifa lernte sie Alfred kennen, einen jungen Mann, der 1913 in Hamburg geboren wurde und als Angestellter der deutschen Firma Siemens Orient beschäftigt war. Er verließ die Firma, als von Deutschland aus aufgefordert wurde, alle Briefe mit „Heil Hitler“ zu unterzeichnen. Sie heirateten 1940, und 1943 wurde ihr Sohn Hanan geboren, die Tochter Noemi 1947. 1956 planten sie, in die USA auszuwandern. Es sollte nur eine Zwischenstation sein, dass sie in Deutschland Halt machten, um Nachforschungen über ihre Eltern einzuholen. In der Zwischenzeit brach in Israel der Sinai-Krieg aus; ihr Mann wäre verpflichtet gewesen, dort Kriegsdienst zu leisten. Sie nahmen deshalb die deutsche Staatsangehörigkeit an und konnten Arbeit bei der United States Air Force in Europe, in Wiesbaden, bekommen. Die Kinder besuchten deutsche Schulen und fühlten sich wohl. Doch die Ausreise nach New York stand ja noch bevor. Es gelang und sie konnten in Queens eine Eisdiele übernehmen, die gut lief und die Familie ernährte. Ihr Sohn Hanan ist mit 27 Jahren bei einem Autounfall in New York ums Leben gekommen. Diese Tragik erleichterte ihnen, ein Angebot der Firma anzunehmen und einen Laden in Offenbach zu übernehmen. Sie waren also wieder in Deutschland, und sie blieben, starben wie Alfred Rosenthal 2009 und leben wie Gerda Rosenthal, die einmal Gerda Freund hieß, bis heute in Frankfurt. „Ich bin nicht streng religiös, das haben wir uns in Palästina abgewöhnt, wo wir oft arabisch gegessen haben“.

Eine Auswahl aus den rund 2000 Anordnungen und Gesetzen vermittelt einen Überblick über die während der nationalsozialistischen Terrorzeit gegen Juden erlassenen Maßnahmen wurden. Ein alphabetisch angeordnetes Glossar erklärt Begriffe und Abkürzungen, die in den Erzählungen vorkommen.

Fazit

Die unterschiedlichen, differenzierten, individuellen und gesellschaftlichen Erzählungen über Schicksale von Frauen, die in einem Land geboren wurden, dass den Holocaust, das größtmögliche Menschheitsverbrechen begangen und zugelassen hat und sie zu Opfern werden ließ, sind Belege dafür, dass dort, wo Menschenrechte und Menschenwürde außer Kraft gesetzt werden, niemals Gerechtigkeit und Menschlichkeit herrschen kann. Die Zeitzeugenberichte sind deshalb Herausforderung und Aufforderung dafür, dass sich Gräueltaten wie diese niemals und nirgendwo wieder ereignen dürfen. Die Erzählungen in ihrer Identität und Echtheit sind deshalb Zeugnisse für Humanität und eine Erinnerungskultur, die es anzustreben und zu erreichen gilt, Heute und Morgen!

Gerade für schulisches, historisches und ethisches Lernen kommt es darauf an, authentische Quellenmaterialien und Informationen zur Verfügung zu haben. Das Buch „Zurück in das Land, das uns töten wollte“ sollte deshalb in Schul- und Lehrerbüchereien einen Platz haben!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.01.2015 zu: Andrea Treuenfeld: Zurück in das Land, das uns töten wollte. Jüdische Remigrantinnen erzählen ihr Leben. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2015. ISBN 978-3-579-07087-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17994.php, Datum des Zugriffs 20.01.2018.


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