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Annemarie Pieper: Nachgedacht. Philosophische Streifzüge durch unseren Alltag

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 16.12.2014

Cover Annemarie Pieper: Nachgedacht. Philosophische Streifzüge durch unseren Alltag ISBN 978-3-7965-3358-7

Annemarie Pieper: Nachgedacht. Philosophische Streifzüge durch unseren Alltag. Schwabe Verlag (Basel ) 2014. 280 Seiten. ISBN 978-3-7965-3358-7. D: 16,50 EUR, A: 17,00 EUR, CH: 19,50 sFr.

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Was wir von Philosophen lernen können

Wenn philosophieren die „Liebe zur Weisheit“ produziert, im historischen und aktuellen Bemühen den Fragen nach dem Menschsein und einem „guten Leben“ nachgegangen wird, und die philosophischen Klassiker herausgefunden haben, dass der Mensch nur das wissen könne, was sich dem Denken verdanke (Immanuel Kant), steht der anthrôpos vor der Herausforderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und zu fragen: „Was ist der Mensch?“. Es sind Fragen wie „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ (Richard David Precht), es ist die Nachschau nach dem „Rätsel der Erkenntnis“ (Lawrence LeShan), die Aufforderung „Leben (zu) lernen“ (Luc Ferry), die präjudizieren und provozieren. „Was Philosophen wissen und was man von ihnen lernen kann“ (Herbert Schnädelbach), das klingt wie eine Gebrauchsanweisung, lässt sich aber auch lesen als Ermutigung, selbst zu denken und nicht denken zu lassen (Karl Heinz Bohrer; vgl. dazu auch: „Wer philosophiert – lebt!“, in: www.socialnet.de/materialien/174.php, 28.01.2014).

Entstehungshintergrund und Autorin

„Wer mit sich und der Welt nicht zufrieden ist, sollte philosophieren – wem wohl ist, erst recht!“. Diese Herausforderung zum Denken will verdeutlichen, dass der Mensch als denkendes Lebewesen Anlässe genug hat, um über die eigene Existenz und die Menschenexistenzen in seinem persönlichen Umfeld und in lokal- und globalgesellschaftlichen Zusammenhängen nachzudenken. Es ist also immer der historische und aktuelle Dialog, der zum Denken anregt. Die Philosophen leisten diese Anforderung qua Profession. In der Wissenschaftsdisziplin hat sich als ein Paradigma und eine Reaktion auf die in der sich immer interdependenter, entgrenzender und egoistisch sich entwickelnde (Eine?) Welt die „kritische Philosophie“ gebildet, die konkrete Analysen und Antworten auf Krisensituationen sucht (Klaus Baumann / Jan Müller / Ruwen Stricker, Hrsg., Philosophie der Praxis und die Praxis der Philosophie, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16849.php).

Annemarie Pieper war von 1981 bis 2001 Philosophin an der Universität Basel. Sie hat über existenzphilosophische und ethische Aspekte geforscht. Bemerkenswert sind dabei ihre Bemühungen, die komplexen Fragestellungen sowohl im universitären Bereich, als auch bei außeruniversitären Veranstaltungen anschaulich zur Diskussion zu stellen, z. B. mit ihrem 2006 erschienenem Roman „Die Klugscheisser GmbH“, der ihr zwar wegen der derben und allzu vereinfachten Analyse der durchaus kritikwürdigen ökonomischen Entwicklung einen herben Verriss einbrachte (www.kahl-marburg.privat.t-online.de/Kahl_RezPieper.pdf), in dem sie aber doch den Finger in eine Wunde legt, die nicht heilen will. Ihre Fähigkeit, „kein Blatt vor dem Mund zu nehmen“ und gesellschaftliche Missstände auch öffentlich anzusprechen, wie auch ihre Reflexionen und Lösungsvorschläge zum Perspektivenwechsel lassen sie zu einer gefragten Vortragenden und Diskutantin zu Fragen von Bildung, gesellschaftlicher Alterung, Politik, Sinn- und Wertaspekte werden.

Aufbau und Inhalt

Im Sammelband stellt sie kurze, als Zeitungskolumnen über die Jahre hin veröffentlichten Texte, Zeitschriftenbeiträge und Vortragsmanuskripte vor, bei denen sie sich um den Spagat bemüht, historische, philosophische Konzepte, etwa von Platon, Nietzsche, Kant, Kierkegaard und anderen großen Denkern des Abendlandes, in Beziehung zu aktuellen Menschheitsfragen, lokal und global, zu bringen. Sie lassen sich als „philosophische Zwischenrufe“ und als „Themen, die auf der Straße liegen“ lesen.

Sie gliedert den Sammelband in 15 Kapitel, die bereits in den Überschriften Anlass und Inhalt ausdrücken: „Anfänge“, mit den Reflexionen über „die Selbstbesiedlung des Ichs“, den „Geheimnissen des Lebens“ und „Lust und Schmerz des Abschiednehmens“. Das Kapitel „Wohnen und Leben“ thematisiert Phänomene des Geborgenseins, von Mobilität, Schlafes Bruder, den Symbolen und Markern, die uns umgeben, den Räumen des Wohlbefindens und der Bedeutung von Kunst und Kultur für menschliches Leben. Mit „Töne, Farben und Licht“ subsumiert sie die Formen des Umgangs mit sich selbst, den Mitmenschen und Mitlebewesen auf der Erde. Im vierten Kapitel wird die philosophische Abgrenzung des Menschen zum Tierreich reflektiert, die (vermeintliche) Perfektion des Menschen in Frage gestellt und der „gläserne Mensch“ als durchschaubares, nach außen gewendetes, „offenes“ Lebewesen thematisiert. Es sind die „Tugenden“, die ein friedliches, soziales und humanes Leben der Menschen bestimmen, etwa Solidarität, Treue, Toleranz, Nächstenliebe und Gerechtigkeit, Tapferkeit. Auch die Untugenden dürfen bei dieser Aufzählung nicht fehlen, etwa das Böse, die Lüge, der Fanatismus.

Im Kapitel „Moral“ setzt sich die Autorin mit Fragen auseinander, wie: „Wie viel Freiheit braucht der Mensch?“, welche Bedeutung hat „Respekt“ im menschlichen Zusammenleben?., bis hin zu der Kontroverse, ob Menschen für ihre kulturelle Identität so etwas wie eine „Leitkultur“ brauchen. Der Mensch als „zôon politikon“ (Aristoteles) ist ein politisches Lebewesen, das Individualität und Kollektivität zum Leben benötigt, Demokratie als Machtteilung erforderlich macht und auf die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie angewiesen ist. Das macht es notwendig, über eine neue Form des Wirtschaftens nachzudenken, etwa mit den Fragen nach einer gerechten Leistung, dem Humankapital, der Steueroptimierung, von Gier, Neid und Kapitalismus. „Achtet auf die Sprache“, mit dieser Paraphrase setzt sich die Autorin mit der Macht des Wortes, von Benennungen und Klassifizierungen auseinander.

Im zwölften Kapitel kommt sie schließlich zur Bedeutung von „Philosophie“ im Denken und Handeln der Menschen. Es geht um die Weckung von Neugier und Staunen, und um die Lust, den Dingen und Situationen auf den Grund zu gehen. Bei den Reflexionen über das Sein und das Scheinen hat der Aspekt der „Zeit“ eine besondere Bedeutung. Was tun wir, wenn uns die Zeit abhanden kommt? Wie gehen wir mit der Spannweite von Zeit und Ewigkeit um? Bei den An- und Aufgeregtheiten der menschlichen Existenzen sind Ratschläge wohlfeil, etwa „Übe Entspannung“, „Habe Vertrauen“, „Habe Humor“. Und mit dem Schlusskapitel „Das Ende“ greift die Autorin auf, was jeden Menschen an- und belastet. „Vor dem Tod habe ich keine Angst, sondern vor dem Sterben“, heißt es in einem Ratgeber über einen „guten Tod“, über die Erträglichkeit von körperlichem und geistigem Verfall, über Demenz. Da passt es ganz gut, die echte Bedeutung des mittlerweile inflationär benutzten Begriffs „Nachhaltigkeit“ ins Lebensspiel zu bringen.

Fazit

Die Sammlung der Reflexionen, Positionsbestimmungen und Fragestellungen der Philosophin Annemarie Pieper sind überwiegend Reaktionen auf Wirklichkeiten des Lebens. Es sind weniger Ratgebertexte mit Anweisungen – „Tu´ dies, lass´ das“ – sondern eher Anregungen zum Selbstdenken. Sie kommen gelegentlich als platte, selbstreferentielle Argumente daher; aber das macht nichts, wenn die Leserin und der Leser der Texte motiviert wird, Zu- und Widerspruch zu üben!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1564 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.12.2014 zu: Annemarie Pieper: Nachgedacht. Philosophische Streifzüge durch unseren Alltag. Schwabe Verlag (Basel ) 2014. ISBN 978-3-7965-3358-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/17998.php, Datum des Zugriffs 28.01.2023.


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