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Jörg M. Fegert, Ulrike Hoffmann et al. (Hrsg.): Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen

Rezensiert von Prof. Dr. Harald Dreßing, 03.02.2015

Cover Jörg M. Fegert, Ulrike Hoffmann et al. (Hrsg.): Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ISBN 978-3-662-44243-2

Jörg M. Fegert, Ulrike Hoffmann, Elisa König, Johanna Niehues, Hubert Liebhardt (Hrsg.): Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Ein Handbuch zur Prävention und Intervention für Fachkräfte im medizinischen, psychotherapeutischen und pädagogischen Bereich. Springer (Berlin) 2014. 550 Seiten. ISBN 978-3-662-44243-2. D: 59,99 EUR, A: 61,67 EUR, CH: 75,00 sFr.

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Herausgeber und Entstehungshintergrund

Nach den 2010 bekannt gewordenen Missbrauchsskandalen in Schulen und Kirchen stellte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Nachgang zu den Empfehlungen des Runden Tisches „Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich“ 32 Millionen Euro Fördermittel zur Etablierung interdisziplinärer Forschungsprojekte und zur Entwicklung und Evaluation von Präventions- und Unterstützungsangeboten zur Verfügung. An der Ulmer Universitätsklinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie wurde unter Federführung des dortigen Ärztlichen Direktors, Herrn Professor Dr. Jörg Fegert im Auftrag des Ministeriums ein E-Learning- Programm „Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch“ entwickelt und evaluiert. Nachdem mittlerweile mehrere Tausend Pilotteilnehmerinnen und -teilnehmer an dem Online-Kurs erfolgreich teilgenommen haben, wurden diese Onlinetexte zusammen mit einigen Evaluationstexten in dem vorliegenden Handbuch zusammengefasst.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst die Abschnitte I bis VII mit insgesamt 43 Kapiteln. Kern des Handbuchs sind die Abschnitte II bis VI in denen die fünf Module des Online Curriculums „Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch“ mit insgesamt 20 Lerneinheiten dargestellt sind.

In Abschnitt I (Einleitung) werden die gesellschafts- und bildungspolitischen Voraussetzungen eines umfassenden Kursangebots zur Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch beschrieben, das didaktische Konzept des Kurses vorgestellt und Ergebnisse der Evaluation des Online Kurses präsentiert.

Abschnitt VII enthält umfangreiche Übungsmaterialien, mit denen die praktische Umsetzung des theoretischen Wissens trainiert werden kann.

In Abschnitt II (Thematische Einführung) werden die historischen Entwicklungen der Kinderschutzkonzepte dargestellt, begriffliche Definitionen erörtert (wann sollte man überhaupt von sexuellem Missbrauch sprechen, wo sind die Schwellen zur Intervention). Unter anderem wird hier auch auf die erst in den letzten Jahren stärker bekannt gewordene Problematik von sexuellen Übergriffen in professionellen Abhängigkeitsverhältnissen eingegangen (Professional Sexual Misconduct). Weiterhin wird die strafrechtliche Einordnung des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen ausführlich dargestellt und die Problematik erörtert, dass es im Einzelfall sehr schwierig sein kann zu beurteilen, ob die Grenze zur Strafbarkeit durch bestimmte Verhaltensweisen schon überschritten ist. Weitere Kapitel befassen sich in diesem Abschnitt mit den Themen „Kinderschutz und Vernetzung im Bereich von Prävention und Intervention“ sowie den Anforderungen, die sich für die Rechtspraxis und das Hilfesystem ergeben, um bei den Betroffenen ein Gefühl von erlebter Gerechtigkeit zu gewährleisten. Umfassend werden in diesem Abschnitt auch die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Psychologie bezüglich der kognitiven, sozioemotionalen und sexuellen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen erklärt.

Abschnitt III (Gefährdungslagen und Schutzfaktoren) umfasst u.a. Kapitel, die sich mit den Tätern und deren Strategien sowie der Begutachtung von deren Schuldfähigkeit befassen. Ein weiteres Kapitel beschreibt Risiko- und Schutzfaktoren auf Seiten der Kinder und der Familie sowie riskoverschärfende aber auch protektive Einflüsse des gesellschaftlichen und kulturellen Umfeldes. Ein ganzes Kapitel widmet sich auch den Gefährdungslagen im institutionellen Umfeld in Bezug auf sexuellen Kindesmissbrauch. Risiko- und Schutzfaktoren auf der Leitungsebene, der Ebene der Mitarbeiter sowie konzeptionelle Risiko- und Schutzfaktoren werden praxisnah, präzise und sehr übersichtlich dargestellt.

Abschnitt IV (im Inhaltsverzeichnis irrtümlich mit VI bezeichnet) ist mit „Erkennen und Handeln“ überschrieben. In insgesamt 11 Kapiteln werden in diesem Abschnitt praktische Handlungsanweisungen dargestellt. Alle praxisrelevanten Bereiche werden in diesem umfangreichen Abschnitt sehr umfassend dargestellt, eine vollständige Wiedergabe der Themen ist im Rahmen dieser Rezension nicht möglich. Die folgenden Beispiele können aber einen Eindruck über die Breite der Themen geben. Abgehandelt werden u.a. die folgenden Bereiche: Gibt es Hinweiszeichen auf sexuellen Missbrauch bei den Kindern? Welche körperlichen und seelischen Folgen hat sexueller Missbrauch? Wie ist der konkrete Umgang bei Vermutung oder Verdacht bei sexuellem Kindesmissbrauch? Wie sind Gespräche mit Betroffenen und Beschuldigten zu führen? Welche diagnostischen Möglichkeiten gibt es? Welche Bedeutung haben aussagepsychologische Gutachten? Wie sind die Standards der Planung und Durchführung von Interventionen? Welche Aufgaben hat z.B. das Jugendamt oder das Familiengericht und wie sind die konkreten Verfahrensabläufe? Wie und wann sollte eine Anzeige bei der Polizei erfolgen? Am Ende des Abschnitts werden teilweise auch in tabellarischer Form konkrete Anleitungen zur Dokumentation von Verdachtsmomenten auf sexuellen Missbrauch, zur Dokumentation der in diesem Zusammenhang geführten Gespräche, gegebenenfalls erhobener medizinischer Befunde sowie stattgehabter Interventionen gegeben.

Abschnitt V (Interaktion, Unterstützung und Aufarbeitung) vermittelt praxisorientiertes Wissen u.a. zur Unterstützung betroffener Kinder in medizinisch-psychotherapeutischen oder pädagogischen Einrichtungen. Ein eigenes Kapitel ist der grundsätzlichen Problematik des Umgangs mit Missbrauchsfällen in Institutionen gewidmet. Dargestellt und kritisch erörtert werden auch die Leitlinien zur Einschaltung der Strafverfolgungsbehörden sowie die arbeitsrechtlichen Reaktionsweisen bei tatsächlich stattgehabten oder potentiellen Fällen von sexuellem Missbrauch. Eigene Kapitel befassen sich in diesem Abschnitt mit Möglichkeiten und Grenzen von Prävention sowie der Bedeutung der Sexualpädagogik.

Abschnitt VI („Spezifische Kontexte“) befasst sich in fünf Kapitel mit besonderen Aspekten des sexuellen Kindesmissbrauchs: Sexuelle Übergriffe unter Kindern und Jugendlichen und der Verantwortungsreife, Interkulturelle Faktoren des sexuellen Missbrauchs (u.a. Bedeutung eines Migrationshintergrundes), sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen mit einer Behinderung sowie kommerzielle Formen des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen (u.a. Kindersextourismus, Kinderpornografie).

Fazit

Das von Jörg M. Fegert, Ulrike Hoffmann, Elsa König, Johanna Niehus und Hubert Liebhardt herausgegebene Handbuch „Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen“ kann im deutschsprachigen Raum ohne jede Einschränkung als Goldstandard bezeichnet werden, wenn man sich mit dem Thema fundiert auseinandersetzen will. Die vielschichtigen Facetten der Thematik werden auf hohem Niveau und dennoch absolut praxisnah und umfassend dargestellt.

Die Kapitel sind von 42 Autoren unterschiedlicher Fachdisziplinen geschrieben. Die Herausgeber weisen in diesem Zusammenhang selbst darauf hin, dass dies dazu führt, dass bestimmte Begrifflichkeiten stellenweise unterschiedlich gehandhabt werden und dass auch unterschiedliche fachspezifische Sichtweisen dargestellt werden. Aus Sicht des Rezensenten liegt aber gerade hierin auch eine besondere Stärke des Handbuchs. Der Umgang mit sexuellem Kindesmissbrauch sollte immer interdisziplinär erfolgen und insoweit haben die unterschiedlichen Disziplinen und Sichtweisen ihre jeweils eigene Berechtigung. Folglich werden sich auch die potentiellen Leser aus den unterschiedlichsten Disziplinen rekrutieren.

Das Buch sollte für alle Berufsgruppen, die mit Kindern arbeiten eine Pflichtlektüre sein. Aber auch alle, die sich beruflich mit den Tätern befassen, sollten dieses Buch lesen. Zielgruppen sind also z.B. Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer, Jugendamtsmitarbeiter/innen, Sozialarbeiter/innen, Ärztinnen und Ärzte, Psychologinnen und Psychologen sowie Beschäftigte der Polizei und Justiz

Rezension von
Prof. Dr. Harald Dreßing
Arzt für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie - Sozialmedizin / Rehabilitationswesen - Schwerpunkt Forensische Psychiatrie (DGPPN-Zertifikat)
Leiter des Bereichs für Forensische Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim
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Es gibt 15 Rezensionen von Harald Dreßing.

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ISSN 2190-9245