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Manfred Gerspach: Generation ADHS - den "Zappelphilipp" verstehen

Cover Manfred Gerspach: Generation ADHS - den "Zappelphilipp" verstehen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2014. 213 Seiten. ISBN 978-3-17-023949-4. 26,99 EUR.
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Autor

Prof. Dr. phil Manfred Gerspach, geb. 1951, lehrte von 1994 bis 2014 Pädagogik an der Hochschule Darmstadt. Nach dem Studium der Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Heil- und Sonderpädagogik an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt und dortiger Promotion 1980 zum Thema „Kritische Heilpädagogik“ leitete er bis zur Berufung als Professor für Pädagogik eine pädagogische Einrichtung in einem sozialen Brennpunkt, als Mitarbeiter in einem Tagesheim für verhaltensauffällige Kinder, als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Frankfurt sowie in der Fort- und Weiterbildung und Supervision. Aus der Liste seiner Publikationen seien als relevant für diese Rezension genannt: Psychoanalytische Heilpädagogik (2009), Kinder mit gestörter Aufmerksamkeit. ADS als Herausforderung für Pädagogik und Therapie (2004) und Heilpädagogische Anthropologie (1997).

Aufbau und Inhalt

Das Buch „Generation ADHS – den `Zappelphilipp verstehen`“ umfasst 4 Kapitel und eine umfangreiche Literaturliste, die den Überblick des Autors über die bezogenen Fachgebiete und Wissenschaften dokumentiert.

1 Mythos ADHS. Gerspach referiert zunächst die bis 2013 erfassten epidemiologischen Daten zur Prävalenz der Diagnose ADHS und benennt die einschlägig rezeptierten medikamentösen Spezialitäten und deren zunehmende Verschreibungshäufigkeit. Mit kritischen Anmerkungen zur Qualität der zu erhebenden Daten gibt der Wissenschaftler die übliche Methodik der Klassifikation des Störungsbildes gemäß ICD-10 und DSM-IV, bzw. DSM-V wieder. Mit breitem Blickwinkel wird der häufigen Praxis der intraindividuellen Verortung der ADHS deren Sozialgebundenheit gegenüber gestellt, so wie das verschiedene Ansätze der anthropologischen, psychologischen und sozialpsychologischen Forschung seit Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts zu begründen in der Lage sind und Wege für den gesellschaftlichen Umgang mit dem Verhaltensphänomen und therapeutische Wege für die ADHS-klassifizierten Kinder und Jugendlichen und deren Familien aufzeigen.

2 Zum Verstehen des Phänomens ADHS. Dieses Kapitel verdeutlicht den die Beziehungen der normierenden ADHS-Klassifikation zu Gehorsam und Leistung u.a. mit Hilfe einiger Fallbeispiele und gibt der Forderung nach Beachtung der jeweiligen Identitätsbildung Raum. Der Autor lädt zum Verständnis des ADHS-Phänomens mittels psychodynamischer und familiensystemischer Analysen ein, die er in eine sinnverstehende Pädagogik integriert sieht.

3 Offene Fragen - pädagogische Antworten. Anhand eines ausführlich dargestellten Beispiels einer Gruppensupervision verdeutlicht der Autor die Lösungswirksamkeit von annehmender, zum Aushalten bereiter Haltung und von Empathie getragener Kommunikation gegenüber dem verstörten Kind im Gegensatz zu Reglementierungsbemühungen. Entsprechend fordert er namentlich pädagogische tätige Fachleute dazu auf, das wissenschaftlich elaborierte Faktum zu berücksichtigen, dass jedes Denken einer emotionalen Grundlage bedarf, dass also jedes erfolgreiche Lernen eine gelingende Affektregulation zur Voraussetzung hat. In der Schule trägt es zur Entlastung aller Beteiligten bei, wenn gesehen wird, dass es auf die Schaffung neuer Beziehungserfahrungen zwischen Lehrern und Schülern ankommt, die anzustrebenden einzelnen Lernzielen vorgeordnet werden.

4 Was bleibt vom ADHS-Konzept übrig? Unter Anerkennung der Bedürftigkeit beunruhigter und verstörter Kinder stellt das Kapitel die zuvor geschilderten verortenden Positionen, gestützt auf biologische Reduktionismen und Klassifiktionsgewohnheiten, den psychodynamischen und sozialpsychologisch begründeten Auffassungen gegenüber. Gerspach sieht die Gefahr einer die Grenzen der Normalität verschiebenden Leistungsverschärfung, die die Zahl der als Fälle von ADHS ansteigen lassen kann und zum Gebrauch von Psychostimulanzien zum individuellen Vorteil für alle führen könnte.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an ein pädagogisch und therapeutisch tätiges Fachpublikum, das zur Differenzierung eigenen Unbehagens bei der Begegnung mit den Wahrheit beanspruchenden Hypothesen und den geforderten Handlungsweisen an erweiterten Informationen über das ADHS-Phänomen gelegen ist.

Diskussion

Der Autor, Pädagogikprofessor an der Hochschule in Darmstadt bis 2014, verfügt über umfassende Kenntnisse des wissenschaftlichen Diskurses betr. das ADHS-Phänomen. Das Buch integriert neben den bekannten neurobiologischen Positionen und Hypothesen zur Entstehung der ADHS sozialpsychologische und psychodynamische Sichtweisen. Die Leserschaft ist dazu aufgefordert, die Vielfalt der vorgestellten Ansätze der bezogenen Theorien und der daraus abgeleiteten Handlungsweisen zu rezipieren und zu prüfen, wie sie in der Begegnung mit dem ADHS-Phänomen ihre Arbeit modifizieren und erweitern möchte. Der praktische und wissenschaftliche Erfahrungsreichtum des Autors hat ihm eine Übersichtsmenge und -qualität zuwachsen lassen, die weder Ärzten, Psychologen und Pädagogen nach einer üblichen Ausbildungszeit zur Verfügung stehen kann. Gerspach kritisiert fundiert die übliche Klassifikationsmethoden solcher Verhaltensweisen, die in der westlichen Kultur als ADHS bezeichnet werden. Er bleibt dabei, die Bedürftigkeit der verstörten Kinder anzuerkennen; gleichwohl argumentiert er im Grunde dafür, die ADHS-Klassifikation als ungültig oder „un-sinnig“ zu halten. Damit greift er dem aktuellen wissenschaftlichen Trend vor, diese Klassifikation zu Gunsten einer ADHS-Spektrum-Störung zu überwinden.

Fazit

Das Buch: „Generation ADHS – den Zappelphilipp verstehen“ kann alle psychosozial Tätigen dazu anregen, ihre Basiskenntnisse um psychotherapeutische und sozialpsychologische Kompetenz zu erweitern. Angesichts der geschehenen Meinungsversklavung i.S. H. Hakens (s. u.a. „Erfolgsgeheimnisse der Natur“) betr. das ADHS-Phänomen ist dem Buch größte Verbreitung zu wünschen.


Rezension von
Dr. Helmut Bonney
Facharzt für Kinderheilkunde, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik. Systemische Familientherapie. Eigene Praxen in Heidelberg und Base/Liestal. Kooperation mit der Schule für Offenes lernen in Liestal/Schweiz.
Homepage www.familientherapie-bonney.de/adhs
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Zitiervorschlag
Helmut Bonney. Rezension vom 25.02.2015 zu: Manfred Gerspach: Generation ADHS - den "Zappelphilipp" verstehen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-17-023949-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18001.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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