Benjamin Apelojg, Wolfgang Fichten (Hrsg.): Experiment Unterricht
Rezensiert von Dr. Nora Katenbrink, 18.05.2015
Benjamin Apelojg, Wolfgang Fichten (Hrsg.): Experiment Unterricht. Studentinnen und Studenten erforschen Unterricht und Schule. BIS-Verlag (Oldenburg) 2014. 115 Seiten. ISBN 978-3-8142-2313-1.
Thema
Forschendes Lernen ist im Kontext der Ausweitung von Praxisphasen und Praxissemestern ein bildungspolitisch befürwortetes Konzept. Der besprochene Herausgeberband befasst sich mit forschendem Lernen im Kontext der universitären Lehrerbildung, konkret an den Universitäten Oldenburg und Potsdam. Dabei werden einerseits die konzeptionellen Entwürfe der Lehrenden transparent und andererseits Einblicke in die studentischen Produkte dieser hochschuldidaktischen Konzepte gewährt.
Herausgeber
Prof. Dr. Wolfgang Fichten ist Leiter der „Forschungswerkstatt Schule und LehrerInnenbildung“ an der Universität Oldenburg. Gemeinsam mit Hilbert Meyer rief er in den 1990er Jahren die Oldenburger Teamforschung ins Leben, die immer noch als ein wegweisendes Modellprojekt im Kontext von Praxisforschung bzw. forschenden Lernen gilt.
Dr. Benjamin Apelojg setzt forschendes Lernen an der Universität Potsdam in der Lehreinheit Wirtschaft-Arbeit-Technik um und vertritt daher einen stärken fachspezifischen bzw. fachdidaktischen Bezug.
Aufbau
Das Buch gliedert sich in zwei Teile.
- Im ersten Teil werden zunächst zwei konkrete Ansätze forschenden Lernens, die Oldenburger Teamforschung und das Praxisforschen an der Universität Potsdam, vorgestellt.
- Anschließend werden im zweiten Teil werden vier studentische Berichte, die im Rahmen dieser universitären Veranstaltungen entstanden sind, präsentiert.
Als zentrales Anliegen für die Veröffentlichung nennen die beiden Herausgeber die Verbreitung der Idee einer forschungsbasierten Lehre an Hochschulen. Neben der Vorstellung und Reflexion ihrer eigenen Konzepte ist ihnen vor allem daran gelegen, Einblick in die Entwicklung studentischer Forschung zu geben sowie die Tragweite studentischer Forschungsergebnissen aufzuzeigen.
Zu Teil 1
Der erste Teil dient vor allem dem Nachvollziehen von möglichen Entstehungshintergründen und Arbeitsweisen zweier durchaus unterschiedlicher Ansätze forschungsorientierter Lehrerbildung.
Die von Wolfgang Fichten und Hilbert Meyer präsentierte Oldenburger Teamforschung, die bereits auf eine lange Tradition zurückblicken kann, hat den Anspruch „sich dem Berufsfeld aus einer handlungsentlasteten Position heraus und mit kritisch-distanziertem Blick zu nähern“ (S. 15) und folgt dem Paradigma der Aktionsforschung, sodass die „Entwicklung von Problemlösungen bzw. Handlungsorientierungen für die jeweiligen Situationen einen zentralen Stellenwert“ hat (S. 16). Im Sinne einer „Multiperspektivität“ (S. 18) untersuchen schulische Lehrkräfte und Studierende in Teams gemeinsam eine „aus der Praxis stammende Fragestellung“ (S. 16). Fichten und Meyer betrachten dabei die „Qualität der Forschung“ als Bedingung für die „Qualität forschenden Lernens“ (S. 18-19) und legen ihre Bemühung um diese Qualität durch entsprechende curriculare Bausteine offen. In Anschluss an vorhandene Evaluationsergebnisse zur Teamforschung konstatieren sie abschließend, dass die Lehrkräfte „Handlungsalternativen“ bewusst werden und Studierende zumeist „eine forschende Haltung“ (S. 23) ausbilden.
Die von Benjamin Apelojg vorgestellte Praxisforschung im Kontext des Praxissemester der Universität Potsdam folgt nicht einem vorliegenden Paradigma, als vielmehr der Orientierung an zentralen Kompetenzen, die der Autor für die zukünftige Tätigkeit der Studierenden für relevant hält: Reflexionskompetenz bzw. kriteriengeleitete Reflexion (vgl. S. 30) und ein „prozesshafter Blick auf die eigene Lehrertätigkeit“ (S. 32). Ebenso wie im vorherigen Ansatz wird über forschendes Lernen auf eine Distanzierung von schulischer Praxis abgezielt. Der Fokus bzw. Ausgangspunkt ist jedoch ein anderer: Im Rahmen des Potsdamer Praxissemesters, bei dem die Studierenden 60 Stunden eigenverantwortlich unterrichten und in bis zu 90 Unterrichtsstunden hospitieren, sollen sich die Studierenden eine eigene Entwicklungsaufgabe stellen. Die Forschungsfrage, die in Teams aus vier bis sechs Studierenden in dem universitären Begleitseminar gemeinsam bearbeitet wird, soll einen engen Bezug zu dieser Entwicklungsaufgabe besitzen. Ziel ist laut Apelojg eine „Verbindung von persönlicher Betroffenheit und professioneller Distanz“ (S. 35) und damit weniger „überprüfbare empirische Ergebnisse“, (S. 36) sondern die Sensibilisierung der Studierenden „für eine forschende Haltung“ (S. 36). Der Beitrag schließt mit kritischen Anfragen an das eigene Konzept, das gemäß den Erfahrungen des Autors beispielsweise die Orientierung an den persönlichen Interessen bzw. Lernziel mit der prüfungsbezogenen Lernhaltung der Studierenden, die sich im Zuge der neuen Studiengänge zunehmend durchsetzt, in Widerspruch steht.
Zu Teil 2
Im zweiten Teil werden nun studentische Berichte präsentiert, die in den vorgestellten Veranstaltungen entstanden sind. Dabei stammen die ersten Beiträge aus der Oldenburger Teamforschung und die letzten beiden aus dem Potsdamer Konzept.
Johanna Weselmann, Verena Kroner, Frederike Blömer, Ramona Oltmanns und Henry Schmolke befassen sich mit der Frage von kollegialer Unterrichtshospitation. Anlass sind die Einführung und organisatorische Ermöglichung von Hospitation an einer IGS, die aber aus Sicht der Steuergruppe nicht in gewünschtem Maße umgesetzt wird, vermutlich aus Unsicherheit und Unmut bei den Kolleg/innen. Entsprechend entwickelte die Forschungsgruppe die Frage, „welche Auswirkungen auf den schulischen Berufsalltag Lehrkräfte dieser Schule von der kollegialen Hospitation erwarten“ (S. 43). Aufbauend auf die Definition von Hospitation sowie relevanter Forschungsergebnisse zu kollegialer Hospitation wird das methodische Vorgehen (ein teilstandardisierter Fragebogen) dargelegt und begründet. Die umfassend und transparent dargestellten Ergebnisse werden dann im Hinblick auf die Forschungsfrage und das Anliegen der Schule interpretiert. Vor der Folie der Aktionsforschung ist als besonders interessantes Ergebnis festzuhalten, dass zwar durchaus Unsicherheiten bei der Umsetzung von Hospitation festzustellen sind, indem z.B. die verfügbaren Zeiten auch für andere Tätigkeiten wie Teamteaching und gemeinsame Projektbetreuung genutzt werden und leichte Hemmungen vor dem "Hospitiertwerden" aufscheinen. Der vermutete Unmut ist aber keinesfalls nachzuweisen.
Den fächerübergreifenden Unterricht (FIT-Projekt) an einer IGS untersuchen Simone Atug, Imke Gollan, Timo Klitz, Marina Wübben, und Swantje Zipfel. In Anschluss an den entsprechenden Forschungsstand sowie den bisherigen Evaluationen an der Schule verfolgt diese studentische Forschungsgruppe die Frage, „mit welchen Anforderungen sich die am FIT-Projekt beteiligten Lehrkräfte […] konfrontiert sehen“ (S. 63) und welche Möglichkeiten und Grenzen sie wahrnehmen. Dazu führten die Studierenden Gruppendiskussionen mit den Lehrkräften der Jahrgänge 5 und 6 durch, die bereits durch eine Karteikartenabfrage und anschließender Clusterung und Handouterstellung vorbereitet wurde. Bei der Gruppendiskussion wählten die Lehrkräfte die relevanten Themen anhand des Handouts aus. Die Auswertung der Gruppendiskussionen erfolgte entlang der bereits durch die Karteikartenabfrage gebildeten Kategorien. Durch die gewählte Fragestellung und die systematische Ausarbeitung der Ergebnisse wird es möglich, gleichsam den Ist-Stand der Umsetzung des FIT-Konzeptes aus der Sicht der Lehrkräfte und damit einhergehend eben die Möglichkeiten, aber auch Grenzen, klar zu erkennen.
Mandy Henneberg befasst sich mit Individueller Förderung an einer Grund- und Gesamtschule im neunten Jahrgang. Im Kern des Textes steht die inhaltsanalytische Auswertung von jeweils vier Interviews mit Lehrkräften und Schüler/innen der untersuchten Grund- und Gesamtschule zu ihrem Verständnis von Individueller Förderung, wobei Henneberg u.a. auf die Diskrepanz in den Vorstellungen zwischen Lehrkräften und Schüler/innen aufmerksam macht. Abschließend wird ein Stundenentwurf präsentiert, bei dem insbesondere die individuelle Förderung von Schüler/innen zur Geltung kommen soll.
Sissy Mußhoff geht von der These aus, dass die Zusammenarbeit von Schüler/innen miteinander besonders geeignet für die Entwicklung sozialer Kompetenz sei und überprüft, wie Schüler/innen im Unterricht im Kontext zweier unterschiedlicher Methoden (Rollenspiel und chemisches Experiment) zusammenarbeiten. In Anschluss an die durchgeführten Unterrichtseinheiten erfolgte eine Fragebogenbefragung der Schüler/innen zum Verlauf der Zusammenarbeit. Mußhoff erfasst dabei die konkrete Situation der Klasse und berücksichtigt diese bei der Deutung. Zentrale Unterschiede in der Wahrnehmung der Zusammenarbeit bei den beiden Methoden sind laut der Autorin die Gruppenzusammensetzung (ausschließlich geschlechtshomogene Gruppen beim Experiment) sowie die zahlreicheren Konflikte beim Rollenspiel. Die Interpretation der Verfasserin bezieht sich auf die größere Routine beim gemeinsamen Experimentieren, das regelmäßig im Chemieunterricht zum Einsatz kommt.
Diskussion
Das selbst gesetzte Ziel ist gemäß der Einleitung Einblick in die konkreten Konzepte und Ergebnisse einer forschungsorientierten Lehrerbildung. Allein dieses Ziel ist schon hervorzuheben. So wird diese Art der Lehrerbildung durchaus breit diskutiert, jedoch wird die praktische Umsetzung selten transparent gemacht und vor allem auch selten in Hinblick auf die Grenzen befragt. Dieser Band trägt dazu bei, diese Lücke zu schließen: Nicht nur sind die hochschuldidaktischen Konzeptionen anschaulich dargestellt, vielmehr werden sie im Hinblick auf ihre Erträge hinterfragt. Dass Fichten und Meyer dies auf der Basis von Evaluationsstudien leisten können, während Apelojg primär auf der Ebene der eigenen Erfahrungen verbleibt, ist über die unterschiedliche lange Tradition der beiden Veranstaltungen zu erklären. Zentraler ist zudem der Einblick, der über die laut Fichten und Apelojg nicht weiter überarbeiteten studentischen Beiträge geleistet und gewährt wird. Hier zeigen sich klare Stärken, aber auch Grenzen der Konzeptionen. Die Spannbreite der Erträge variiert dabei gemäß der Zielstellung bzw. Fragestellung der Aufsätze und der gewählten Methoden. So erarbeiten die Studierende durchaus relevante Ergebnisse, die auch anschlussfähig wären an wissenschaftliche bzw. empirische Diskurse zu jeweiligen Thematik. Als Beispiel können hierfür die von Henneberg verdeutlichten Unterschiede in den Vorstellungen zu individueller Förderung zwischen Lehrkräften und Schülerschaft genannt werden. Insbesondere die Beiträge aus der Oldenburger Teamforschung liefern zudem Vorschläge für konkrete Schulentwicklungen. Hier kann insbesondere auf den Beitrag zum FIT-Projekt verwiesen werden, in dem ein methodischen Design gewählt und vorgestellt wurde, bereits als ein erster Schritt der schulischen Entwicklung gesehen werden, der hier bereits sehr systematisch erfasst wurde. Letzteres sind dann auch wiederum an den wissenschaftlichen Diskurs anschlussfähige Ergebnisse. Letzteres verweist auf eine Grenze der studentische Beiträge: So wird dieser Rückbezug an den wissenschaftlichen Diskurs nicht geleistet. Die Funktion von vorliegender Empirie bzw. Theorie dient meist eher eine Begriffsklärung oder Ausformulierung der Fragestellung, ohne dass dann diese vorgenommenen Klärungen weiterhin systematisch oder gar interpretierend genutzt werden.
Fazit
Entsprechend empfiehlt sich dieser Band für Lehrende, die selber forschungsorientierte Lehre gestalten oder gestalten wollen – und zwar nicht nur im Kontext der Lehrerbildung, sondern auch in anderen Studiengängen, die der Forderung nach mehr Praxisbezug nachkommen müssen. Von Interesse ist er dann sicherlich auch für professionelle Praktiker und Praktikerinnen, die Einblick in Entwicklungsarbeit erhalten wollen oder an empirischen Ergebnissen aus der schulischen Praxis interessiert sind.
Rezension von
Dr. Nora Katenbrink
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