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Friedrich Heckmann: Integration von Migranten

Cover Friedrich Heckmann: Integration von Migranten. Einwanderung und neue Nationenbildung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2014. 309 Seiten. ISBN 978-3-658-06979-7. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 37,50 sFr.
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Thema

Deutschland ist ein Einwanderungsland und laut Grundgesetz, Artikel 16a, Absatz 1, auch ein Land, in dem politisch Verfolgte Asylrecht genießen. Am 21.01.2015 stellte der Bundesminister Thomas de Maizière den Migrationsbericht 2013 mit den Worten vor: „Der Bericht macht deutlich, dass Deutschland im Hinblick auf die Zuwanderung gut aufgestellt ist“ (Quelle: bmi.bund.de; aufgerufen am 03.03.2015). Das scheinen die Demonstranten, die seit Herbst 2014 auf die Straße gehen, um als „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA) zu demonstrieren, offenbar ganz anders zu sehen. Auch wenn die Demonstrationsbereitschaft dieser Leute rapide abgenommen hat und sich mittlerweile in vielen Teilen Deutschlands ein breiter Widerstand gegen die islamfeindliche Pegida-Bewegung formiert und Tausende für mehr Weltoffenheit auf die Straße gehen, bleibt die Frage: Was wollen die „patriotisch-europäischen“ Islamgegner und wer sind sie? Auf den Plakaten, die die PEGIDA-, SÜGIDA-, DÜGIDA-Leute (und wie sie alle heißen) mit sich führten, wurde nicht nur gegen den Islam und gegen eine verfehlte Einwanderungs- und Asylpolitik gehetzt. Die Leute sollen auf die Straße gehen, weil sie – so liest man auf der Facebook-Seite von SÜGIDA (dem südthüringer PEGIDA-Ableger) – die „Schnauze voll haben, von den Lügenmärchen und den etablierten Parteien“. Auch von „Lügenpresse“, „Lügenpropaganda“ oder von deutschen Spitzenpolitikern, die ihr eigenes Volk verachten, ist auf den Facebook-Seiten der PEGIDA-Bewegungen die Rede. Nun werden bekanntlich Begriffe wie „Systemmedien“ oder „Lügenpresse“ gern von den rechtspopulistischen und rechtsextremen Szenen gebraucht, um die scheinbare „Gleichschaltung“ der Massenmedien im heutigen Deutschland zu kritisieren. Die Herkunft dieser Begriffe sollte auch den PEGIDA-Anhängern bekannt sein: In den 1920 Jahren nutzten die Nationalsozialisten diese Begriffe, um die linke und die ausländische Presse zu diffamieren. Mit anderen Worten: Die patriotisch-europäischen Protagonisten wissen, was sie sagen und tun. Es geht ihnen nur vordergründig um den Kampf gegen eine „Islamisierung des Abendlandes“. Tatsächlich stellen sie demokratische Verfasstheit dieses Landes und seinen Status als Einwanderungsland in Frage und sind insofern die eigentliche Bedrohung der Zivilisation.

Was kann man dagegen tun? Aufklärung! Aufklären darüber, was Migration bedeutet, wie Integration funktionieren kann, welche Integrationsbarrieren in Deutschland und anderswo existieren und welche Rolle die nationale und internationale Politik dabei spielt. Um solche Fragen geht es im Buch von Friedrich Heckmann.

Autor

Friedrich Heckmann ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Bamberg und Leiter des dortigen europäischen Forums für Migrationsstudien (efms). Dieses Forum wurde 1993 gegründet und hat sich u.a. auf die Fahnen geschrieben, die Kenntnisse und den öffentlichen Diskurs über Migrations- und Integrationsprozesse zu verbessern, also aufzuklären.

Aufbau und Inhalte

Das vorliegende Buch von Heckmann ist ein dicht geschriebener Grundlagentext, in dem in fünfzehn Kapiteln die nationalen und internationalen Wissenschaftsbefunde zum Thema behandelt, aber auch zahlreiche politisch-praktische Bezüge herausgearbeitet werden. Den fünfzehn Kapiteln sind sechs exemplarische Lebensläufe vorangestellt, die die Schwierigkeiten und die Erfolgsaussichten von Integration illustrieren.

Kapitel 1 (Integration und Migration), Kapitel 2 (Erklärung und Steuerung von Migration) und Kapitel 3 (Integration: Konzepte und theoretischer Rahmen) liefern Grundinformationen zur Erklärung von Migrationsprozessen und öffnen quasi den theoretischen Rahmen, um Integration aus soziologischer Perspektive erklären zu können. Migration ist nicht gleich Migration.

Das wird im Kapitel 1 deutlich. Heckmann behandelt hier u.a. Formen der Arbeitsmigration, der Investorenmigration, der Familienmigration, der Bildungsmigration, der Fluchtmigration und der irregulären Migration. Aufschlussreich für manche Leserin und manchen Leser wird auch der Abschnitt über Perioden und Formen der Migration von 1880 bis heute sein: „Auch wenn sich Deutschland lange und hartnäckig nicht als Einwanderungsland verstehen wollte, war doch faktische Einwanderung schon im 19. und 20. Jahrhundert eine gesellschaftliche Realität“ (S. 34 und ausführlicher und faktenreicher auf den folgenden Seiten).

„Warum wandern Menschen aus?“ – das ist eine der Fragen, die im Kapitel 2 beantwortet werden. Nun, auch wenn es abstrakt klingen mag, dafür gibt es diverse individuelle, gruppenspezifische, gesellschaftliche und globale Gründe. Die Komplexität und Diversität dieser Gründe macht Integrationspolitik (Heckmann spricht von „Migrationssteuerung“, S. 58ff.) nicht leicht. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die „Krisenindikatoren“ (S. 60), die auf Probleme der gesellschaftlichen Integrationskapazität verweisen; z.B. objektive Krisenindikatoren, wie langanhaltende Sprachprobleme bei Migranten; Reaktionen der Aufnahmegesellschaft, wie soziale Bewegungen, die sich gegen „Überfremdung“ richten (sic!) oder Reaktionen seitens der Migrantengruppen, wie verschlechternde Identifikation mit der Aufnahmegesellschaft im Generationsverlauf. Sicher, der Rezensent wünschte sich an diesen und ähnlichen Stellen gern noch mehr Empirie; aber das hätte wohl den Rahmen gesprengt. So müssen sich Leserinnen und Leser auf ihre eigenen Assoziationen verlassen, um sich z.B. derartige Krisenindikatoren beispielhaft vorstellen zu können.

Im Kapitel 3 stellt Heckmann die einschlägigen Konzeptionen und Theorien vor, die aus soziologischer Perspektive Integration und Migration zu erklären versuchen. Lockwoods (1964) Differenzierung in Systemintegration und Sozialintegration bildet dazu den bekannten Ausgangspunkt.

Im Kapitel 4 werden „Historische Erfahrungen mit Integrationsprozessen“ am Beispiel der USA dargestellt. Lesenswert ist hier der kurze und prägnante Abschnitt mit der Überschrift „Parallelgesellschaften haben die Integration nicht behindert“ (S. 92f.). Das wäre, so findet der Rezensent, auch mal eine schöne Überschrift für BILD.

Kapitel 5 trägt den Titel „Strukturelle Integration: Arbeitsmarkt und Wirtschaft“. Hier geht es u.a. um Probleme der individuellen, institutionellen und strukturellen Diskriminierung von Migranten durch die Aufnahmegesellschaft und um die auf den Arbeitsmarkt bezogene Integrationspolitik. Wirtschaftliche Selbständigkeit (nicht nur als Eis- oder Dönerverkäufer, auch als Arzt oder KFZ-Mechaniker) kann dabei ein wichtiger Faktor im Integrationsprozess sein.

Die Einbürgerung und die Bildungschancen sind es gewiss (Kapitel 6: Strukturelle Integration: Einbürgerung; Kapitel 7: Strukturelle Integration: Bildung). In beiden Kapiteln finden Leserinnen und Leser genügend Problemstoff und Anregungen für eigenes Engagement. Beispiele: Wie lässt sich eine Einbürgerungskultur praktisch realisieren (hier das Beispiel aus Bamberg; S. 129)? Was sind gute Schulen, in denen auch Migrantenkinder nicht zu kurz kommen (S. 138ff.)? Wie lässt sich diesbezüglich die Schulqualität verbessern (S. 150ff.)?

Kulturelle Integration (Kapitel 8) bedeutet Erwerb sozialer Kompetenzen, aber auch Veränderungen von Werten, Normen und Verhaltensweisen. Die Religion (der Migrantinnen und Migranten) spielt dabei eine besondere Rolle (S. 170ff.). Sie kann die kulturelle Integration unterstützen, aber auch zum Handicap werden (vgl. auch Frindte, 2013). Gerade die Prozesse der kulturellen Integration machen auf den wechselseitigen Prozess aufmerksam, in dem sowohl die Migrantinnen und Migranten als auch die Mehrheitsgesellschaft involviert sind
(S. 173ff.). Dass auch diese Dialektik problembeladen sein kann, hat – wie Heckmann illustriert (S. 176f.) – die leidvolle Diskussion um die deutsche „Leitkultur“ gezeigt.

Das Kapitel 9 („Soziale Integration“) hat der Rezensent mit ebenso großem Gewinn gelesen, wie Kapitel 10 („Identifikative Integration“), Kapitel 11 („Barrieren der Integration: Vorurteile“) und Kapitel 12 („Barrieren der Integration: Diskriminierung“). „Bei der sozialen Integration geht es um die Herausbildung persönlicher Beziehungen, um Beziehungen der Nähe zwischen Migranten und Einheimischen. Soziale Integration indiziert Zugehörigkeit, Mitgliedschaft und Partizipation der zugewanderten Menschen in der Privatsphäre der neuen Gesellschaft“ (S. 181). Und es treffen sich die Intentionen des Rezensenten mit denen des Autors, wenn dieser betont, wie wichtig interethnische Kontakte für die soziale Integration sind (S. 189ff.). Pettigrew und Tropp (2006) haben hunderte empirische Studien einer meta-analytischen Untersuchung unterzogen. Dabei fanden sie die auf Allport (1954) zurückgehende Kontakthypothese bestätigt: Mehr intergruppaler Kontakt geht tatsächlich mit positiveren Einstellungen zu anderen Gruppen einher. Auch indirekter Kontakt (z. B. wenn meine Freunde mit Muslimen befreundet sind, vgl. Wright et al., 1997) und stellvertretender Kontakt (z. B. durch Darstellung positiver intergruppaler Kontakte in den Medien, vgl. Cameron & Rutland, 2006) können positive Effekte auf die Qualität der Intergruppenbeziehungen und auf den Abbau von Vorurteilen haben.

Im Kapitel 13 („Integrationspolitik und integrationspolitische Strukturen“) behandelt der Autor etwas knapp die Rolle der EU, des Bundes (z.B. das Staatsangehörigkeitsgesetz von 2000 und das Zuwanderungsgesetz aus dem Jahre 2005), der Bundesländer, der Städte bzw. Regionen und der Zivilgesellschaft als integrationspolitische Akteure. Auf all diesen Ebenen ist in den letzten Jahren viel passiert; nicht alles war integrationsförderlich.

Welche Chancen und welche Risiken stecken in der ethnischen Vielfalt, die bereits heute die modernen Gesellschaften prägt? Darum geht es im Kapitel 14 („Einwanderung und die Zukunft ethnischer Vielfalt“).

Strukturelle, kulturelle, soziale und identifikative Integrationsprozesse verändern die Einwanderungsländer und erfolgreiche Integration auf beiden Seiten der dialektischen Beziehung (auf der Seite der Migrantinnen und Migranten wie auf der Seite der Aufnahmegesellschaft) ist es möglich, wenn auch nicht zwangsläufig (Kapitel 15: Bedingungen erfolgreicher Integration und neue Nationenbildung).

Fazit

Der Rezensent konnte in der Vorstellung der einzelnen Kapitel nur einige wenige inhaltliche Schwerpunkte hervorheben. Es handelt sich – wie bereits erwähnt – um einen Grundlagentext, keinesfalls um eine praktische Handreichung. Friedrich Heckmann schreibt in der Einführung seines Textes u.a.: Das Buch „wendet sich an Leser, die das in der Öffentlichkeit immer wieder leidenschaftlich und ideologisch diskutierte »Integrationsproblem« besser verstehen wollen; Studierenden dient das Buch als Basislektüre zum Thema; wissenschaftlich interessierten Praktikern der Integrationspolitik bzw. Trägern von Integrationsmaßnahmen vermittelt es sowohl allgemeine Grundkenntnisse des Fachgebiets als Grundinformationen der Forschung…“ (S. 17.f.). Dem hat der Rezensent nichts hinzuzufügen.

Zitierte Literatur

  • Allport, G. W. (1954). The nature of prejudice. Reading, MA: Addison Wesley.
  • BMI.Bund (2015). www.bmi.bund.de/.
  • Cameron, L., & Rutland, A. (2006). Extended contact through story reading in school: Reducing children´s prejudice toward the disabled. Journal of Social Issues, 62(3), 469-488.
  • Frindte, W. (2013). Der Islam und der Westen. Sozialpsychologische Aspekte einer Inszenierung. Wiesbaden: Springer VS.
  • Lockwood, D. (1964). Social Integration and System Integration. In K. Zollschan & W. Hirsch (Eds.), Exploration in Social Change. London: Routledge and Kelgan.
  • Pettigrew, T. F., & Tropp, L. R. (2006). A meta-analytic test of Intergroup Contact Theory. Journal of Personality and Social Psychology, 90, 751-783.
  • Wright, S. C., Aron, A., McLaughlin-Volpe, T., & Ropp, S. A. (1997). The extended contact effect: Knowledge of cross-group friendships and prejudice. Journal of Personality and Social Psychology, 73, 73-90.

Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 13.03.2015 zu: Friedrich Heckmann: Integration von Migranten. Einwanderung und neue Nationenbildung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-06979-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18004.php, Datum des Zugriffs 27.06.2019.


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