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Heinz-Jürgen Dahme, Norbert Wohlfahrt: Soziale Dienstleistungs­politik

Cover Heinz-Jürgen Dahme, Norbert Wohlfahrt: Soziale Dienstleistungspolitik. Eine kritische Bestandsaufnahme. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2014. 200 Seiten. ISBN 978-3-658-06339-9. D: 24,99 EUR, A: 25,69 EUR, CH: 31,50 sFr.
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Autoren, Thema, Entstehungshintergrund

Die beiden Autoren arbeiten seit vielen Jahren zusammen, haben eine Fülle von Publikationen erstellt und sind fleißige, und auch sperrige Theoretiker derjenigen Gebiete der Sozialpolitik, die nicht zur klassischen Sozialversicherung gehören, sondern eher im kommunalpolitischen Raum, im Themenfeld der Sozialarbeit und der Verteilungspolitik angesiedelt sind. Die in diesem Buch versammelten Beiträge sind fast alle schon irgendwo mal publiziert worden, manchmal aktualisiert, und bieten deshalb wenig Neues, aber eben jetzt mal eine Gesamtschau dieser beiden Autoren. Das Buch widmen die beiden Autoren Rudolph Bauer zum 75.Geburtstag.

Aufbau und Inhalt

Das Buch versammelt elf Beiträge. Alle Beiträge knüpfen an aktuellen Entwicklungen der sozialen Dienstleistungspolitik an, greifen mitten ins Geschehen ein, sind streitlustig und gekonnt geschrieben.

Zu Beginn gibt es zwei Aufsätze mit Grundlagen zum Sozialstaat und zur Grundstruktur sozialer Dienstleistungen. Die hier beschriebenen grundlegenden Hinweise auf die Charakteristika von Dienstleistungen sind gut und kompakt zusammengefasst, wobei die hier angeführte Literatur ist ziemlich alt ist und die neueren in der „service science“ diskutierten Aspekte von Dahme und Wohlfahrt nicht behandelt werden.

Das dritte Kapitel bearbeitet u.a. die Bedeutung der Gemeinwirtschaft im Interesse der Gewinnwirtschaft – ob dieses Begriffspaar zulässig und sinnvoll ist? Das Thema wird systematisch angepackt und in einen theoretischen Rahmen gestellt. Im theoretischen Kontext der beiden Autoren werden Vermarktlichung und Privatisierung als Instrumente der Haushaltsentlastung diagnostiziert, wobei die Phänomene privater Trägerschaften nachgewiesen, die vermuteten Haushaltsentlastungen jedoch nicht belegt werden. Ähnlich die Behandlung im vierten Aufsatz, der sich mit der Dienstleistungspolitik der EU im Sozialwesen beschäftigt. Das Thema ist wichtig, die Autoren zeigen die ordnungspolitischen Intentionen, die politische Programmatik („das Aktivierungsdogma“), die „Gemeinwohlmetaphysik“ und vieles an kernigen Diagnosen, sie kritisieren die europäische Dienstleistungspolitik, aber es fehlen etwas die empirischen Belege. Man erfährt sehr viel, kann auch, durch die Lektüre angeregt, systematischer darüber nachdenken, aber man weiß eben nicht, ob die ordnungspolitischen Thesen der Autoren über den „produktivistischen“ und „aktivierenden“ Sozialstaat im empirischen Kältekanal die Form bewahren würden.

Dass auch das fünfte Kapitel im Rahmen einer Art theoretischen Plausibilitätsvermutung bleibt, zeigt sich schon in der Überschrift: „Das europäische Wettbewerbsrecht als Transmissionsriemen zur Reorganisation des sozialen Dienstleistungssektors und zur Senkung der Sozialausgaben“. Abgerechnet wird mit dem New Public Management, mit Privatisierung und dem Einzug des Wettbewerbsgedankens in die soziale Dienstleistungspolitik. Die Dynamik, wettbewerbsrechtliche Strukturen in der EU zu verankern, die sich auch in den Sektoren von „Dienstleistungen mit allgemeinen Interesse“ hineinschieben, wird gut nachvollziehbar dargelegt.

Im 6. Kapitel legen sich Dahme und Wohlfahrt mit ideologischen Aspekten sozialer Arbeit und sozialer Dienstleistungsorganisationen an, mit Leitbildern und normativen Konzepten: mit Inklusion, Subsidiarität, Effizienz und Sozialinvestition. Das ist eine erfrischende Lektüre, weil hier ideologische Argumente auf theoretische Konzepte treffen. Es geht den Autoren nicht darum, ob und wie sich die soziale Realität von Menschen möglicherweise unter dem Schein der Konzepte verändert (hat), es geht in keiner Zeile um die reale Wirkung, um gesellschaftliche Tatbestände, sondern um das Ideologische in den Konzepten. Und da sind Dahme und Wohlfahrt geübt, sie finden den Kern der Sache, das Eigentliche, das im schönen Begriff verborgen ist, und legen das kritisch frei. Manchmal sieht das etwas aus wie Schattenboxen, weil der Begriff vor der linken Faust des anderen Begriffs in Deckung geht, aber bevor in der Sozialarbeit alle schönen Begriffe heiliggesprochen werden, ist es intellektuell anregend, die kritischen Argumentationen zu hören.

Das 7. Kapitel hat schon wieder eine streitlustige, verräterische Überschrift, die anzeigt, dass die Autoren nicht auf der wissenschaftlichen Suche im Stile „einerseits-andererseits“ sind, sondern ein politisches Statement abgeben wollen: „Soziale Dienstleistungspolitik 1: Standards senken, Kosten eingrenzen, in günstigere Hilfen umsteuern, vom Leistungsbezug freistellen“. Casemanagement, Personenzentrierung, Wirkungsorientierung, Strategisches Controlling, Sozialraumorientierung und Freiwilliges Helfen sind die Konzepte, die hier, ohne sich extrem auf deren Literatur und Erfahrungen einzulassen, politisch zerlegt werden. Die zu diesen Konzepten angeführte Literatur der Autoren, beim Wirkungsorientierten Controlling kenne ich mich etwas aus, ist verblüffend außerhalb der relevanten wissenschaftlichen Diskussion, und so wird ein politischer Argumentationsaufbau dargelegt, der sich auf Grundüberzeugungen bezieht, aber nicht aus einer Auseinandersetzung mit wissenschaftlichem Wissen gewonnen zu sein scheint. Und trotzdem: gerade weil es sich hier im engen Sinne nicht um wissenschaftliche Texte handelt, sondern um politische Interventionen, bekommt der Leser Denkanstöße, die gut tun.

Näher an der Wirklichkeit schreiben die Autoren das 8. Kapitel, das sich mit Wettbewerb, Kundensouveränität und sozialem Unternehmertum beschäftigt. Dieses Kapitel ist richtig gut durchgearbeitet, bietet nicht nur Illustrationen, sondern auch nachvollziehbare Empirie, – wenngleich der kleine Ausklang zum „Social Return on Investment“ – die einzige Literaturquelle hierzu ist Karl Marx: MEW, Bd.26!!!!), wiederum irritiert: wie kann man über etwas kritisch schreiben, ohne Hinweis auf eine einzige Studie, ohne Rückgriff auf wissenschaftliche Literatur? Im 9. Kapitel taucht der Sozialstaat „als Hüter von Sittlichkeit und Ordnung“ auf. Hier geht es um die „repressive Dienstleistungsstrategie“ des Fordern und Förderns, und im 10. folgenden Kapitel werden Dezentralisierung und Gemeinwesenstrategie als Instrument des „Abbaus zentraler Wohlfahrtsstaatlichkeit“ beschrieben. Im 11.Kapitel wird alles nochmals im Sinne eines Manifestes zusammengefasst.

Fazit

Die Lektüre der von Dahme und Wohlfahrt zusammengestellten Aufsätze liest sich wie eine Zeitreise durch die sozialpolitische Landschaft sozialer Dienstleistungen. Der Charakter der Aufsatzsammlung stört nicht, auch nicht die dadurch unterschiedlichen Charaktere der Beiträge: vom politischen Statement bis hin zur detaillieren politikwissenschaftlichen Argumentation. Viele Themen der sozialen Dienstleistungspolitik, viele Begriffskonzepte, viele versteckte Ideologien werden analysiert, und zuweilen attackiert. Es ist die Haltung, die mich bei der Lektüre stört: fast alle Beiträge kommen, mehr oder minder, eher minder, ohne Empirie aus, ohne Beweise, ohne Falsifikationen, ohne exakte wissenschaftliche Prüfung. Man kümmert sich für meinen Geschmack nicht neugierig ums Material, das es zu analysieren gilt, sondern man steht auf festem theoretischem Boden, und, siehe da, man hat Recht.


Rezension von
Prof. Dr. Bernd Halfar


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Zitiervorschlag
Bernd Halfar. Rezension vom 10.06.2015 zu: Heinz-Jürgen Dahme, Norbert Wohlfahrt: Soziale Dienstleistungspolitik. Eine kritische Bestandsaufnahme. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-06339-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18018.php, Datum des Zugriffs 25.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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