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Otto Kruse: Lesen und Schreiben

Cover Otto Kruse: Lesen und Schreiben. Der richtige Umgang mit Texten im Studium. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2014. 2., überarbeitete Auflage. 184 Seiten. ISBN 978-3-8252-4303-6. D: 14,99 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,20 sFr.

UTB 3355 M.
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Thema

Das statistische Bundesamt verzeichnete für das Wintersemester 2014/15 mehr als 2,5 Millionen Studierende an deutschen Hochschulen. Diesem stetig wachsenden Anteil der Bevölkerung wendet sich Otto Kruse in der vorliegenden Publikation vor, indem er eine Zusammenschau wissenschaftssprachlicher Kernkompetenzen vom kritischen Lesen über das strukturierte Schreiben bis zu einem selbstreflektierten Stil vorstellt. Bei dem entstandenen Werk handelt es sich allerdings nicht nur um einen technischen Ratgeber, sondern zugleich um ein Plädoyer für eine akademische Lese- und Schreibkultur, deren bibliophilen Eigenheiten sich gerade in Zeiten eines frischen Windes digitaler Medien zu bewähren haben.

Autor

Otto Kruse studierte Psychologie in Marburg und wurde an der Technischen Hochschule Berlin 1985 promoviert sowie 1994 habilitiert. Zwischen 1994 und 2003 lehrte er Psychologie im Fachbereich Sozialwesen an der Fachhochschule Erfurt bis er 2003 die Leitung des Centres for Academic Writing am Departement für Angewandte Linguistik an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW in Winterthur übernahm.

Entstehungshintergrund

Die überarbeitete Neuauflage des 2010 erstmals erschienenen Werkes gliedert sich in die von Theo Hug, Michael Hunter und Otto Kruse in der UVK-Verlagsgesellschaft herausgegebene Reihe „Studieren, aber richtig“ ein, in der bisher sieben Bände veröffentlicht wurden. Die Sammlung eint der Anspruch, Studierenden praktische Ratschläge zur Bewährung im akademischen Alltag zu erteilen, womit sie sich in das Programm der UTB, „Lehrbücher für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen“, konvergent einfügt. Weitere Veröffentlichungen der Reihe sind beispielsweise Gerlinde Mautners „Wissenschaftliches Englisch“ (2011) und Klaus Niedermairs „Recherchieren und Dokumentieren“ (2010).

Aufbau

Der Text ist in fünf Abschnitte gegliedert:

  1. Lesen
  2. Schreiben
  3. Konventionen wissenschaftlicher Texte
  4. Die Sprache als Werkzeug verwenden
  5. Die eigene Kompetenzentwicklung planen

Der Aufbau folgt einer konsekutiven Struktur in praktischer und konzeptueller Hinsicht: Mit den beiden Abschnitten zum Lesen und Schreiben führt Kruse in die essentiellen Kompetenzen wissenschaftlichen Arbeitens ein, während er in den verbleibenden drei Kapiteln daran anschließend auch über das Studium hinaus Entwicklungslinien zu einem souveränen Umgang mit der Wissenschaftssprache aufzeigt.

Inhalt

Die Darstellung des Lesens im ersten Abschnitt gründet sich auf den Begriff der Literalität, „der Bezüge also, die Menschen, nachdem sie einmal Lesen und Schreiben gelernt haben, zur Schrift aufbauen“ (S. 15). Kruse betont also neben dem instrumentellen Charakter der Sprache die Kultur- und Persönlichkeitsprägung. Aus diesem Ansatz heraus wird bereits von Anfang an nachdrücklich betont, dass sich das analoge Lesen von digitaler Kommunikation abgrenze. So lägen die Tugenden des Internets nicht in Verdichtung und Ordnung, sondern in Grenzenlosigkeit, Vielfalt und Kombinierbarkeit. Aus dieser Stellungnahme heraus etabliert der Autor ein komplexes Bild der Lesekompetenz: Das wissenschaftliche Studium erfordere etwa unterschiedliche Motivationen, um sich einem Text zu nähern, wie Lesen, um zu diskutieren, oder Lesen, um zu schreiben, die Überwindung habitueller Hürden, wie die fehlende Interaktivität, und zugleich ein methodisch präzises Textverständnis, um beispielsweise zwischen Kernaussagen, Argumenten und Fakten unterscheiden zu können. Die Analyse des wissenschaftlichen Lesens mündet in einem Appell für den reflektierenden Umgang mit Wissen. Es genüge nicht, Gelesenen zu verinnerlichen, sondern sei zudem nötig, kritische Einwände zu erwägen.

Um in wissenschaftliches Schreiben im zweiten Abschnitt einzuführen, vergleicht Kruse die Anforderungen an eine schulische Facharbeit mit denjenigen an eine Seminar- und Hausarbeit. Dabei stellt er zwei Gesichtspunkte mit Nachdruck heraus: Erstens bedeute wissenschaftliches Schreiben, sich an der Perspektive einer Disziplin zu binden. Zweitens erfordere es jedoch zugleich, den Umgang mit diversen Textgenres – wie Thesenpapier, Praktikumsbericht, Forschungsartikel oder Poster – zu beherrschen. Um diesen Anforderungen zu genügen, sei vom Studierenden verlangt, einen in typischen Phasen strukturierten Schreibprozess zu verinnerlichen, der von der klaren Formulierung einer Fragestellung über eine akkurate Literaturrecherche bis zur Strukturierung des Niedergeschriebenen reiche. Nicht zuletzt erfordere der gelungene Schreibprozess auch inhaltliches, wissenschaftstheoretisches Wissen von methodischen Spezifikationen des eigenen Themas, um die Akkuratesse wissenschaftlichen Publizierens zu erreichen.

Diesem methodischen Grundlagenwissen wendet sich der Autor im dritten Abschnitt zu. Deutlich wird hier allerdings schon zu Beginn beton, „dass man beim Schreiben oft nicht beides gleichzeitig erfüllen kann: einen Text gestalten und kreativ an der Sprache arbeiten auf der einen und das Einhalten eines Dutzends von Konventionen zu gewährleisten auf der anderen Seite“ (S. 96). Dieser pragmatischen Relativierung entsprechend wendet sich Kruse in diesem Kapitel vornehmlich rudimentären Aspekten des konventionellen wissenschaftlichen Veröffentlichens zu. Beispielsweise lasse sich in der Wissenschaft in der Regel kein expliziter Adressat der Publikation ansprechen. Auch solle der Autor sich über die Bedeutung seiner eigenen Rolle zwischen neutraler Berichterstattung und engagierter Argumentation bewusst werden.

Ein detaillierteres Profil wissenschaftssprachlicher Eigenheiten wird im vierten Abschnitt expliziert. Kruse präsentiert hier eine umfängliche Synopse der grammatikalischen Ausdrucksformen in der (deutschen) Sprache und ihren möglichen instrumentellen Funktionsweisen. Auf der Ebene des geschriebenen Satzes bespricht er dabei den Einfluss von Satzgliedern – etwa Konjugationsformen oder Adverbien – und die Möglichkeiten, spezielle Inhalte zur Sprache zu bringen: z. B. Selbstreferenz oder Kritik.

Der letzte Abschnitt dient der Inspektion von Kontextvariablen, die den Schreibprozess beeinflussen. Der Autor stellt dabei klar, dass einen wissenschaftlichen Stil zu entwickeln, keine bloße Frage des Erlernens einer Technik sei, sondern eine langfristige Verinnerlichung erfordere. Um diese zu optimieren empfiehlt er, bewusst Feedback in Anspruch zu nehmen, mit Dozenten klare Absprachen über Inhalt und Anforderungen zu halten und die hochschulischen Ressourcen – ob Schreibzentrum, Studienberatungsstelle oder Fachberatung – in Anspruch zu nehmen. Insgesamt beschreibt er das Selbstkonzept eines wissenschaftlich Schreibenden als eine Struktur, die sich durch persönliche Einstellungen und Entscheidungen beeinflussen lässt, sofern die richtigen Heuristiken auch im Falle des eigenen Scheitern vorliegen.

Diskussion

Unter Anwendung der Kategorien, die Kruse etabliert, auf seinen eigenen Text, lässt sich nicht davon sprechen, dass es sich vornehmlich um eine neutrale Berichterstattung handele. Die Arbeit ist ein Plädoyer für eine analoge Lesekultur, geprägt von einem bibliophilen Pathos – das Urteil ihrer kritischen Würdigung changiert deswegen zwischen zwei Polen: Einer Ermutigung zum Lesen im multimedialen Zeitalter einerseits und einem obstinaten Anachronismus andererseits.

„Das Internet kommt den Lesern bei dieser Auswahl insofern entgegen, als es Häppchen anbietet, kurze, eingängige Texte, bei denen man nicht ein einziges Mal ins Nachdenken kommt. Nachdenken, das wissen die Internet-Texter, bedeutet, dass der Text weggeklickt wird“ (S. 18). Bereits mit diesem Verdikt bezieht der Verfasser eine eindeutige Position dagegen, dass elektronische Medien den analogen Text ersetzen können. Mag sich das Urteil in seiner universalistischen Formulierung auch wie eine Ehrenrettung der Printmedien lesen, so lässt sich doch zugleich erwägen, dass die postulierte Beziehung zwischen dem Internet und dem Nachdenken durch einen Kohorteneffekt mediiert wird. Generationen, die mit dem Internet sozialisiert werden und denen bisweilen Printmedien kaum mehr als authentische Alternative erscheinen, mögen vielmehr an die Darstellungsweise des Internets gewöhnt sein. Ist doch das „Erlernen der Langsamkeit“ (S. 17ff), von dem der Autor spricht, gewiss eine Eigenschaft des Habitus und nicht der Darstellungsform. Dennoch sollte Kruse nicht voreilig eine polemische Haltung gegenüber neuen Medien unterstellt werden. So bemerkt er: „Das Web kennt vernetzte Textstrukturen, in denen man über Links quer durch die ganze Galaxie springen kann“ (S. 18) und erkennt damit den Vorteil der optimierten Verfügbarkeit an.

Eine gleichermaßen passionierte Position vertritt der Autor offen auch gegenüber der Hochschulpolitik der letzten Jahrzehnte: „Das Bologna-Studium hat die Universitäten weit in die entgegengesetzte Richtung getrieben. Das Lernen wird auf die Stunde genau verplant und das Lesepensum wird genauer reglementiert als der Fahrplan der Bundesbahnen (und genau so wenig eingehalten, aber das nur am Rande). Die Wahlmöglichkeiten wurden stark reduziert. Da gilt es gegenzusteuern“ (S. 25). Gewiss spricht Kruse hier aus einer vigilanten Beobachtung seiner Berufserfahrung, doch den Bezug zwischen Hochschulsystem und Lesepensum als böses Fatum anzufeinden und zur Aktion aufzurufen, ist in einem Lehrtext zur Einführung in wissenschaftliches Arbeiten tendenziös.

Darüber hinaus finden sich im Text, der als Ratgeber konzipiert ist und deswegen weitgehend auf ausführliche Zitationen verzichtet – wie sich in einem bloß zweiseitigen Literaturverzeichnis widerspiegelt -, Darstellungen von populären Überzeugungen, für die es einer wissenschaftlichen Herleitung durchaus bedurft hätte. So schreibt Kruse: „Viele Kinder, die diese Bewegungsunterdrückung nicht aushalten, bezeichnen wir als hyperaktiv, unterstellen ihnen mithin eine Art von Krankheit, obwohl sie letztlich nur ihrem natürlichen Bewegungsdrang folgen“ (S. 27). Diese Passage ermangelt eines psychologischen Verständnisses des Störungsbildes der ADHS und ihrer sozialen Implikationen. Selbstverständlich mag hier in erster Linie auf den alltäglichen Sprachgebrauch Bezug genommen werden, doch mit einer klareren Formulierung ließen sich Missverständnisse vorbeugen. Vergleichbar schreibt Kruse im weiteren Textverlauf: „[…] müssen wir auch beim Schreiben das Formulieren – also die Arbeit an lokalen Textstellen – und das Strukturieren des Textes – also die Arbeit an der Gesamtstruktur – zeitlich trennen, da unser Arbeitsgedächtnis sonst überlastet ist“ (S. 59). Hier lässt sich zweifeln, aus welchen psychologischen Erkenntnissen über das Arbeitsgedächtnis die Behauptung abgeleitet wird. Weniger domänenspezifisch wird hier jedoch ein bestenfalls populärwissenschaftliches Argument angeführt, um einen praktischen Ratschlag abzuleiten.

Auf einen Schwachpunkt macht der Autor implizit selbst aufmerksam: „Deutschsprachige Autoren lieben es, ihre Lesenden lange Zeit im Dunkeln tappen und selbst herausfinden zu lasen, worum es ihnen geht“ (S. 12). Mag dieser Gedanke zwar für klassische stilistische Oppositionen wie zwischen der kontinentalen und der analytischen (anglo-amerikanischen) Sprachphilosophie gelten, so lässt sich daran zweifeln, ob sich diese Beobachtung über für Nationen spezifische Rhetorik im 21. Jahrhundert bewähren wird – spätestens jedoch seitdem in zahlreichen Disziplinen gemeinhin englischsprachig veröffentlicht wird. Der angedeutete Schwachpunkt ist gleichsam ein klarer Fokus auf deutschsprachiges Schreiben. Das zeitgenössische Studium hat jedoch eine deutliche Entwicklungstendenz zur internationalen Ausrichtung. Auch wenn sich hier Mautners „Wissenschaftliches Englisch“ aus der gleichen Reihe als Referenz anbieten mag, stellt Kruse die Anschlusspunkte zwischen den Sprachen nicht dar.

Mag die kritische Würdigung des Textes auch einige fragwürdige Eigenheiten der Veröffentlichung aufzeigen, so ist doch klar, dass sie dem Erwerb einer prägnanten Position des Autors zuzuschreiben sind. Kruse gelingt es, das wissenschaftliche Lesen und Schreiben als mehr denn eine Kompetenz darzustellen. Es handelt sich bei ihnen um eine Kulturtechnik, die das Denken prägt, gerade weil es zu ihrer Beherrschung einer das Erleben verändernden Entscheidung und nicht nur der Immatrikulation bedarf. Der Pathos dieser Überzeugung, der eine hervorragende Motivationsgrundlage sein kann, kompensiert, dass Kruse sie mit einer anachronistischen Pointe und einem Hang zu stilistischer Pedanterie erkauft.

Fazit

Mag lesen und schreiben zu können oft als selbstverständlich gelten, so zeigt Otto Kruse in dieser Veröffentlichung auf, dass wissenschaftliches Lesen und Schreiben erst erlernt werden muss. Der aktuellen Generation der Studierenden sei diese Kulturtechnik zu erwerben maßgeblich erschwert, weil die neuen Medien vom „Erlernen der Langsamkeit“ richtigen Lesens allzu schnell ablenken. Dieser zeitgenössischen Entwicklung stellt der Autor einen passionierten Ratgeber entgegen, der die Kernmerkmale erfolgreichen, effizienten und insbesondere kritischen wissenschaftlichen Arbeitens vermittelt. Dass dabei den Leser zur Wissenschaft zu motivieren mit polemischen oder unpräzisen Passagen erkauft wird, sollte ihn allerdings dazu anhalten, den Text exakt mit der kritischen Aufmerksamkeit zu lesen, die der Autor empfiehlt.


Rezensent
Alexander N. Wendt
M.Sc. (Psychologie)
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Zitiervorschlag
Alexander N. Wendt. Rezension vom 11.03.2015 zu: Otto Kruse: Lesen und Schreiben. Der richtige Umgang mit Texten im Studium. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2014. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-8252-4303-6. UTB 3355 M. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18031.php, Datum des Zugriffs 24.07.2017.


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