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Michael W. Schramm: Symbolische Formung und die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit

Rezensiert von Prof. Dr. Klaus Hansen, 24.02.2015

Cover Michael W. Schramm: Symbolische Formung und die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit ISBN 978-3-86764-555-3

Michael W. Schramm: Symbolische Formung und die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2014. 226 Seiten. ISBN 978-3-86764-555-3. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 42,90 sFr.
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Autor

Michael W. Schramm, Jahrgang 1978, Kulturwissenschaftler und Philosoph, ist Lehrbeauftragter am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig. Seit 2014 ist er außerdem Programmkoordinator bei der gemeinnützigen Common Purpose Deutschland GmbH am Standort Leipzig; Common Purpose bietet Fortbildungsseminare für Führungskräfte an.

Akademische Abschlussarbeit

Es handelt sich bei dem vorliegenden Buch um eine akribische philologische Hermeneutik eines Kulturwissenschaftlers, die als Dissertation von der Fakultät für Geisteswissenschaft der Universität Hamburg angenommen und mit magna cum laude bewertet worden ist.

Philosophie und Soziologie

Im Mittelpunkt des Buches stehen zwei Werke, die zugleich Repräsentanten zweier wissenschaftlicher Richtungen und Vorgehensweisen sind:

Zum einen das Werk von Peter L. Berger und Thomas Luckmann: „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ (ursprünglich 1966) als Repräsentant der Soziologie, genauer: der Wissenssoziologie. Zum anderen das Werk von Ernst Cassirer, hier v. a. „Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Kultur“ (ursprünglich 1944) als Repräsentant der Kulturphilosophie. Hauptsächliche Stichwortgeber aus dem Hintergrund sind der phänomenologische Soziologe Alfred Schütz (für Berger / Luckmann) und der philosophische Phänomenologe Edmund Husserl (für Cassirer). Max Weber, Arnold Gehlen, Georg Simmel, Emile Durkheim und Immanuel Kant wiederum sind die Inspiratoren hinter den Stichwortgebern. Die geistige Tiefenstafflung des Buches erlaubt es dem Leser, die Geburt anthropologischer Fundamentalismen – etwa: Das weltoffene Mängelwesen Mensch kompensiert seine physischen Nachteile gegenüber anderen Lebewesen durch das Vermögen zur Symbolisierung – anschaulich nachzuverfolgen.

Die Disziplinen ergänzen sich

Zwischen beiden Seiten, der Sozialtheorie und der Kulturtheorie, besteht ein wechselseitiges Ergänzungsverhältnis bei der Erklärung von Gesellschaft und Kultur als „natura altera“, als der „zweiten Natur“ des Menschen, die er sich selbst geschaffen hat und in der er allein lebensfähig und schöpferisch ist.

Das bedeutendste Verbindungsglied zwischen Berger / Luckmann und Cassirer, zwischen Wissensoziologie und Kulturphilosphie, ist die „Sprache“. Cassirer definiert den Menschen als „animal symbolicum“. Das Symbolsystem Sprache ist ein wesentliches Element der gesellschaftlichen und kulturellen Konstruktion der Wirklichkeit. Sprache ordnet die Phänomene der kulturellen und sozialen Wirklichkeit, sowohl der Alltagswelt als auch der Sonderwelten aus Kunst, Religion und Wissenschaft. Sprache verleiht den Phänomenen Ausdruck, Darstellung und Bedeutung und macht diese mitteilbar. Sprache ist für den Menschen das Symbolsystem par excellence. Indem sie ein Medium der Wirklichkeitserkenntnis ist, konstituiert sie Wirklichkeit. Der Mensch ist das Tier, das in symbolischen Sinnwelten zu Hause ist. Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. – Merkwürdig, dass Ludwig Wittgenstein in dem ganzen Buch nicht einmal auftaucht.

Gesellschaftlich konstruiert und kulturell geformt

Durch die soziologische Brille gesehen ist das, was wir „Lebenswelt“ und „gesellschaftliches Leben“ nennen, eine permanente Interaktion von Rollenspielern auf der Bühne gewachsener und irgendwann fraglos gewordener Institutionen: Welt als kollektiv konstruierte Wirklichkeit.

Durch die philosophische Brille gesehen, ist das, was wir „Kultur“ nennen, „Symbol“ gewordene Realität: Welt als kulturell geformte Wirklichkeit.

Der Prozess des „Herstellens von Welt bzw. des Wissens über Welt“ heißt bei den Soziologen „Institutionalisierung“, beim Philosophen „symbolische Prägnanzbildung“. Beide Ansätze partizipieren an den Grundlagen der Transzendentalphilosophie, nämlich dass alle Erkenntnisse menschlich geschaffene Erkenntnisse sind und dass darüber hinaus die erkennbare Welt vom Menschen geformt bzw. konstruiert ist.

Verdienstvoll

Zwischen Cassirers Kulturphilosophie und Berger / Luckmanns phänomenologischer Wissenssoziologie bestehen viele Ähnlichkeiten. Aber die beiden unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen führen dank ihrer Fachterminologien zu etlichen Sprachverwirrungen. Die Soziologen sprechen von „symbolischen Sinnwelten“; der Philosoph sagt „symbolische Formen“ dazu; die Soziologen sprechen von „Lebenswelt“ und „Jedermannswissen“, der Philosoph von „Ethos“ und „Sitte“ usw. Man meint im Wesentlichen aber das Gleiche. – Diese Einsinnigkeit in der Vielstimmigkeit aufgedeckt zu haben, ist ein Verdienst der Arbeit.

Ausblick

Eine Fortführung seiner Arbeit, so wünscht es sich der Verfasser, könnte in dem Versuch bestehen, beide Theorieansätze, von Berger / Luckmann und Cassirer, „zu einer umfassenden Theorie vom Menschen“ zu integrieren.

Fazit

Es ist eine Dissertation. Dissertationen dienen im inner circle der scientific community zum Titelerwerb durch disziplinären Erkenntniszugewinn. Entsprechend „speziell“ und „insiderisch“ ist die vorliegende Arbeit. Für Spezialisten ein Vergnügen! Für alle anderen kein Muss.

Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 24.02.2015 zu: Michael W. Schramm: Symbolische Formung und die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2014. ISBN 978-3-86764-555-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18032.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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