Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Tanja M. Brinkmann: Seiltanz zwischen Privat- und Erwerbsleben

Rezensiert von Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen, 06.08.2015

Cover Tanja M. Brinkmann: Seiltanz zwischen Privat- und Erwerbsleben ISBN 978-3-8487-1446-9

Tanja M. Brinkmann: Seiltanz zwischen Privat- und Erwerbsleben. Anspruchsdiskrepanzen und Selbstsorgedilemmata Kinderloser im Gesundheitsdienstleistungsbereich. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. 459 Seiten. ISBN 978-3-8487-1446-9. D: 84,00 EUR, A: 86,40 EUR, CH: 119,00 sFr.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema und Autorin

„Erwerbstätige bewegen sich in zwei Sphären: der Privat- und der Erwerbssphäre. Die Verzahnung beider Sphären erweist sich im Alltag nicht immer als reibungslos, sondern gleicht einem Seiltanz. Wie sich dieser Seiltanz für kinderlose Beschäftigte im Gesundheitswesen darstellt und aus welchen Gründen es zu Spannungen zwischen Privat- und Erwerbsleben bei ihnen kommt, darum geht es in dieser arbeits- und geschlechtersoziologischen Studie.“ (S. 23)

So lautet der erste Absatz des vorliegenden Buches. Es befasst sich mit einem Thema, das aus Sicht der Autorin weder in der Arbeits- und Berufsforschung noch in der Genderforschung bisher die nötige Aufmerksamkeit findet. Zahlreich seien die Studien zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, zur geschlechterbezogenen Arbeitsteilung in der Familie oder zur Belastung insbesondere von alleinerziehenden Familien. Die „Work-Life-Balance“ werde vorwiegend, wenn nicht ausschließlich, aus der Perspektive von erwerbstätigen Eltern, bzw. von erwerbstätigen Müttern beleuchtet. Diese Tatsache kritisiert die Autorin als defizitär, „erhebliche Leerstellen, Engführungen und Verzerrungen“ aufweisend. (S. 25) Dabei werde übersehen, „dass nicht nur die Erwerbssphäre, sondern auch die Privatsphäre in den letzten dreißig Jahren erheblichen Wandlungsprozessen unterworfen war und nach wie vor ist. Sie lassen sich mit De-Familiarisierung und Pluralisierung privater Lebensformen charakterisieren.“ (ebd) Wer das Verhältnis von Erwerbsleben und Privatheit nur im Blick auf Personen mit Kindern betrachte, blende einen sehr erheblichen Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung fälschlich aus und könne die Wandlungsprozesse der vergangenen Jahrzehnte unter dem Stichwort der „Entgrenzung“ weder in der Erwerbs- noch in der Privatsphäre angemessen erfassen.

Um die konstatierte Forschungslücke zu schließen, fokussiert die vorliegende Studie kinderlose Personen mit oder ohne Partnerschaft als Untersuchungsgruppe. Das Buch ist die gekürzte und leicht aktualisierte Fassung einer Dissertation, die Tanja M. Brinkmann 2013 an der Universität Marburg eingereicht hatte. Die Promotionsarbeit war über mehrere Jahre durch ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung gefördert worden.

Fragestellung(en) und Forschungsmethoden

Man geht gemeinhin davon aus, dass es kinderlose Beschäftigte bei der Vereineinbarkeit von Beruf und Privatleben ‚leichter hätten‘ als erwerbstätige Eltern. Überraschenderweise berichten aber erwerbstätige Eltern nicht von durchgängig stärkeren Konflikten zwischen den Sphären als Nicht-Eltern; Eltern lösten auftretende Konflikte aber auf andere Weise als Kinderlose, z.B. durch den Rückzug in traditionale Geschlechterrollen. Gerade kinderlose Erwerbstätige erscheinen der Autorin aus der Perspektive der Geschlechtersoziologie höchst interessant, denn Paare ohne Kinder zeigten recht geschlechterparetätische Beziehungs-Strukturen. Die Verteilung der Hausarbeit werde weniger ungleich geregelt als bei Paaren mit Kindern, und kinderlose Frauen gingen deutlich seltener einer Teilzeitarbeit nach als erwerbstätige Eltern. Damit stelle sich für kinderlose Beschäftige die Frage nach dem Seiltanz zwischen Beruf und Privatheit auf eine ganz eigene Weise.

Die Autorin leitet die folgenden Forschungsfragen daraus ab: „Haben kinderlose Frauen und Männer aufgrund der fehlenden Fürsorgearbeit für eigene Kinder überhaupt Vereinbarkeitsprobleme? Oder verzichten sie gar auf Kinder, um die egalitäre Paarstruktur aufrechtzuerhalten oder den neuartigen und vermehrten erwerbsbezogenen Ansprüchen der Erwerbssphäre gerecht werden zu können? Um also ‚nach Hinweisen für das Brüchigwerden der Geschlechterasymmetrie bzw. die Herstellung von Geschlechtersymmetrie zu suchen‘ (...) wird in dieser Studie neben Geschlecht auch die Kinderlosigkeit in den Blick genommen und dabei folgende Kernfragestellung verfolgt: Welche Potenziale und Einschränkungen wirken auf das Wechselverhältnis von Privat- und Erwerbsleben für kinderlose Personen im Gesundheitsdienstleistungsbereich und wie gehen sie damit um?“ (S. 26)

Im Unterschied zu der vorherrschenden Auffassung einer gewissen Einseitigkeit bei der Wirkungsrichtung von „Entgrenzung“ zulasten der Privatheit, geht die vorliegende Studie davon aus, „dass auch innerhalb der Privatsphäre Veränderungsprozesse stattfinden, die nicht nur erwerbsvermittelt sind, und dass sich nicht nur das Privatleben an das Erwerbsleben anpassen muss, sondern auch das Erwerbsleben nicht unbeeinflusst von der Privatsphäre der Beschäftigten bleibt. Dementsprechend wird (…) das Verhältnis von Privat- und Erwerbssphäre als Wechselverhältnis gefasst, bei dem sich die Sphären gegenseitig beeinflussen.“ (S. 27)

Das Gesundheitswesen greift die Autorin als zu untersuchenden Wirtschaftszweig aus, weil sich in ihm zum einen in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Wandlungs- und Anpassungsprozesse vollzogen haben, die für die Studie relevant sind, und der Bereich von hoher volkswirtschaftlicher sowie arbeitsmarktstruktureller Bedeutung ist, zum anderen aber auch deshalb, weil das Gesundheitswesen mit seinen Arbeitszeiten nachts und am Wochenende strukturell schon immer Entgrenzungen von Erwerbs- und Privatsphäre aufwies.

Als Forschungsdesign wählt die Autorin die „Grounded Theory“ mit ihren drei Kernaspekten:

  1. Theorieerzeugung als Ergebnis einer interpretativen Datenanalyse, gekennzeichnet durch wertschätzend-kritischen Umgang mit bestehenden Theorien,
  2. Balancierung von kreativer Offenheit und intersubjektiver Nachvollziehbarkeit und
  3. einer triadischen Kreiselbewegung aus theoretischem Sampling, Kodierung und Theoriebildung während des Forschungsprozesses.

Die qualitative Methode des problemzentrierten Interviews, das im Mittelpunkt steht, wird ergänzt durch einen quantitativen Fragebogen, den die interviewten 28 Personen ausfüllten. 20 der Befragten waren kinderlose Frauen, acht kinderlose Männer im Alter zwischen 31 und 56 Jahren, die zum Befragungszeitpunkt einer Erwerbstätigkeit von mindestens 30 Stunden pro Woche in einem akademischen oder nichtakademischen Beruf des Gesundheitswesens nachgingen. 19 Interviewpartner lebten in einer Partnerschaft, fünf Partnerschaften in unterschiedlichen Gemeinden des gesamten Bundesgebiets.

Aufbau und Ergebnisse

Das Buch gliedert sich in drei große Hauptteile mit jeweils zahlreichen Kapiteln und Unterkapiteln. Nach einer kurzen Einleitung (Kap. 1), die einen Problemaufriss und die Fragestellung des Buches umfasst, folgt

  • Teil I mit dem Titel „Problemstellung, Forschungsstand und Desiderate“. Er gibt einen Überblick über bisherige Forschungsergebnisse zum Thema sowie deren Lücken (Kap. 2 und 3).
  • Teil II „Theoretisches und methodisches Design“ beschreibt die „Spurensuche“ der Autorin nach Theorieangeboten und ihr spezifisches Forschungsdesign (Kap. 4 und 5).
  • Teil III „Empirische und theoretische Ergebnisse“ präsentiert die Ergebnisse der Arbeit, die sich als „Seiltanz zwischen Privat- und Erwerbsleben“ charakterisieren lassen (Kap. 6 – 12). Ein Kapitel nimmt die Untersuchten als Erwerbstätige in den Mittelpunkt der Betrachtung, ein anderes als Privatpersonen. In beiden Sphären sind die Personen mit großen „Anspruchsdiskrepanzen“ konfrontiert: So das „erste zentrale Ergebnis“ der Arbeit. Deutlich wird, welche Probleme für die Betroffenen entstehen und welche „Selbstsorgedilemmata“ ihnen dabei entstehen: So das „zweite zentrale Ergebnis“. Die Weise, wie die betroffenen Personen damit umgehen, ist sehr unterschiedlich: So lautet schließlich das „dritte zentrale Ergebnis“. Aus den vorgefundenen unterschiedlichen Reaktionen und Umgangsweisen entwickelt die Autorin eine Typologie, die sich der Metaphern des Seiltanzes bedient. Fünf Seiltanz-Typen eines Alltagsarrangements werden vorgestellt und miteinander verglichen, deren jeweilige Titel die Richtung angeben: ausbalancierter Seiltanz, selbstbestimmter Seiltanz, unsicherer Seiltanz, schlagseitiger Seiltanz, strauchelnder Seiltanz. Alle fünf Typen werden verbal beschrieben und durch graphische Darstellungen in Form von Strichmännchen-Skizzen anschaulich illustriert. Das letzte Kapitel dieses Hauptteils diskutiert die empirischen Ergebnisse der Studie im Kontext anderer Studien und fragt nach einer Generalisierbarkeit der theoretischen und empirischen Erkenntnisse der vorliegenden Arbeit. Das letzte Kapitel (12) bringt eine Zusammenfassung der Studie sowie ein kurzes Resümee.

Viele Tabellen und Abbildungen sowie ein umfangreiches Literaturverzeichnis runden den Band ab.

Diskussion und Fazit

Tanja M. Brinkmann hat in ihrer Arbeit gezeigt, dass in der Kinderlosigkeit der Untersuchten paradoxerweise Einschränkung und Potenzial zugleich liegt. Wenn es zu Spannungen bei der Balance aus Erwerbs- und Privatsphäre kommt, rekrutieren sich diese bei kinderlosen Personen zumeist aus der Erwerbssphäre. Die Privatsphäre ist dagegen – wenn auch je nach Typ in unterschiedlicher Weise und Ausmaß – ein Ort der Potenziale und weniger der Einschränkungen. Generell erweist sich ein weiterer hoher Forschungsbedarf in diesem Thema, das – so der Vorschlag der Autorin – insbesondere mit qualitativen Methoden vertieft werden sollte, z.B. durch teilnehmende Beobachtung oder qualitative Längsschnittstudien, aber auch in Form von interdisziplinärer Zusammenarbeit. – Tanja M. Brinkmann hat eine interessante, in Teilen spannend zu lesende und zu weiterer Analyse anregende Arbeit vorgelegt, der man allerdings die Vorgeschichte als Dissertation anmerkt. So hätten an einigen Stellen Kürzungen der Lesbarkeit gut getan. Dennoch ist der Studie sowohl in der Arbeits- als auch in der Geschlechtersoziologie uneingeschränkt eine gute Verbreitung zu wünschen.

Rezension von
Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen
Die Rezensentin hat bis zu ihrer Pensionierung Politikwissenschaft mit Schwerpunkt auf Sozial- und Gesundheitspolitik an der Evangelischen Hochschule Nürnberg im Fachbereich Soziale Arbeit gelehrt.

Es gibt 24 Rezensionen von Sylvia Greiffenhagen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Sylvia Greiffenhagen. Rezension vom 06.08.2015 zu: Tanja M. Brinkmann: Seiltanz zwischen Privat- und Erwerbsleben. Anspruchsdiskrepanzen und Selbstsorgedilemmata Kinderloser im Gesundheitsdienstleistungsbereich. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. ISBN 978-3-8487-1446-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18044.php, Datum des Zugriffs 25.02.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht