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Dieter Korczak (Hrsg.): Visionen statt Illusionen

Cover Dieter Korczak (Hrsg.): Visionen statt Illusionen. Wie wollen wir leben? Asanger Verlag (Kröning) 2014. 187 Seiten. ISBN 978-3-89334-582-3. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Visionen sind reale Utopien

Im wissenschaftlichen Diskurs hat utopisches Denken ein Geschmäckle! Im alltäglichen, gesellschaftlichen Denken wird die Frage – „Brauchen wir Utopien?“ – in unterschiedlicher Weise gestellt! Zum einen wird ein „Utopist“ meist als weltfremder, dem wirklichen Leben und seinen Anforderungen eher nicht gewachsener Mensch betrachtet, der die Realitäten nicht sehen will und sich in unrealistische Utopien und „Hirngespinste“ flüchtet; zum anderen wird utopisches Denken mit Phantasie, Kritikfähigkeit und dem Willen verglichen, vorhandene Zustände und scheinbar unumstößliche Wirklichkeiten durch alternatives Denken verändern zu wollen. Das Wort des US-amerikanischen Friedensnobelpreisträgers von 1985, Bernard Lown, drückt diese „offene Utopie“ aus: „Nur die Menschen, die das Unsichtbare sehen, können das Unmögliche tun“. Der uruguayanische Schriftsteller Fernando Ainsa sieht deshalb im utopischen Denken die Fähigkeit und Notwendigkeit, Kritik an gegenwärtigen Entwicklungen zu üben, um Hoffnung für eine gerechtere, friedlichere und humane Welt in der Zukunft zu gewinnen (Fernando Ainsa, Brauchen wir Utopien? In: UNESCO-Kurier, 2/1991, S. 5ff).

Entstehungshintergrund und Herausgeber

In der sich immer interdependenter, entgrenzender und egozentrierter entwickelnden Welt wird den Menschen suggeriert, dass die Durchsetzung von individuellen, lokal- und globalgesellschaftlichen Partikularinteressen existentiell notwendig ist, weil nur so die Chancen der Globalisierung genutzt werden könnten. Der Begriff der „Vision“ wird in staatlichen und zivilgesellschaftlichen (Zukunfts-)Programmen sehr strapaziert – jedoch überwiegend mit dem scheinbar unverzichtbaren Diktum, dass Gegenwartsbewältigung und Zukunftsdenken nur ökonomisch als kapitalistische und neoliberale Wachstumsprogrammatik denkbar sei. Die individuellen und gesellschaftlichen Folgen dieser Ideologie zeigen sich längst in der Entwicklung, dass, lokal und global die Reichen immer reicher und die Habenichtse immer ärmer werden, dass die seit Jahrzehnten deutlich ausgesprochenen Mahnungen und Prognosen, dass die Grenzen des Wachstums erreicht seien (1972), die Menschheit an einem Wendepunkt ihrer Geschichte angelangt sei (1992), und vor der Herausforderung stehe, „umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“, wie dies die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 eindringlich zum Ausdruck brachte.

Die Interdisziplinäre Studiengesellschaft (ISG) ist eine 1947 gegründete Vereinigung von WissenschaftlerInnen und gesellschaftlich engagierten Menschen, die als kritische Beobachter von gesellschaftlichen Entwicklungen Visionen entwickeln, in Kolloquien Alternativen diskutieren und in einer Schriftenreihe publizieren. Die Themenschwerpunkte umfassen dabei weitgehend die jeweiligen, zeitbedingten und zivilgesellschaftlich relevanten Entwicklungsaspekte, wie z. B.: „Rationalisierung/Automatisierung“, „Kriminalität“, „Privatsphäre“, „Arbeit“, „Wissenschaft“, „Erziehung“, „Familie“, „Soziale Verwurzelung“, „Seelische Nöte“, „Sprache“, „Menschenwürde“, „Wahrnehmung und Wirklichkeit“, „Subjektivierung“, „Wissen-Glauben-Aberglauben“, „Wertewandel“, „Menschen-/Weltbild“. Die 70. Jahrestagung der ISG fand vom 27. bis 29.09.2013 in Halle/Saale statt. Das Thema des Symposiums lautete: „Visionen“, als „Gedanken und Vorstellungen über Zukünftiges…(die) von Illusionen, von beschönigenden, dem Wunschdenken entsprechenden Selbsttäuschungen über einen in Wirklichkeit weniger positiven Sachverhalt abgegrenzt“ werden. Die Tagungsbeiträge zu den Themenbereichen Mobilität, Stadtentwicklung, Internet, Medizin und neue Technologien werden im Sammelband abgedruckt.

Der derzeitige Vorsitzende der ISG, der Soziologe Dieter Korczak, hat zu mehreren interdisziplinären Themen Fachbücher veröffentlicht. Mehrere davon wurden in socialnet besprochen ( vgl. z.B.: Dieter Korczak, Hrsg., Das Fremde, das Eigene und die Toleranz, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8382.php ). Als Herausgeber legt er die Ergebnisse der ISG-Tagung vor.

Aufbau und Inhalt

Die im Untertitel des Sammelbandes formulierte Frage: „Wie wollen wir leben?“ signalisiert bereits die kritische Position der Beiträge. Es gilt, die einlullenden, eher populistisch formulierten, offiziell verkündeten, alternativlosen „Visionen“ für eine gute, gesellschaftliche Entwicklung, als „Illusionen“ zu entlarven: „Es gibt immer eine Alternative, zumeist sogar mehrere“.

Der Physiker von der Universität Halle-Wittenberg und Vizepräsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Halle/Saale, Gunnar Berg, referiert über „Die Frühgeschichte der Leopoldina“. Die historische Betrachtung der Entwicklung der weltweit ältesten Gelehrtengemeinschaft, von den Gründungszielen (1652) bis zur Etablierung der Nationalen Akademie (2008), lässt sich unter den Gesichtspunkten von „Vision und Wirklichkeit“ als einen ersten Versuch einer Bestandsaufnahme betrachten.

Der Hallenser Politikwissenschaftler Richard Saage hat die moderne Utopiediskussion mit seiner 1991 erschienenen Studie über politische Utopien der Neuzeit beeinflusst. Mit seinem Beitrag „Die klassische Utopietradition und die Herausforderung des Transhumanismus“ fragt er, ob die klassische Utopie durch den modernen Transhumanismus ersetzt wird. Er setzt sich mit den anthropologischen Denktraditionen auseinander und verweist auf die Gefährdungen, die den homo sapiens durch den „Cyborg“, den „Maschinen“ – Menschen, bedrohen.

Diese Aspekte nimmt auch der Psychoanalytiker und Erziehungswissenschaftler Helmart Hierdeis mit seiner Frage „Der ‚Neue Mensch‘ – Notwendigkeit oder Obession?“ auf. Die uralte Sehnsucht der Menschen, nicht Wolf (Thomas Hobbes) oder „geborener Teufel“ (Shakespeare), sondern, wenn schon nicht Engel, so doch der mit Verstand ausgestattete, ethisch zwischen Gut und Böse unterscheidungsfähige anthrôpos (Aristoteles) zu sein, zieht sich wie eine Schlingerlinie durch das philosophische Denken nach dem „Wer bin ich?“. Am Beispiel der Ausstellung „Der Neue Mensch. Obsessionen des 20. Jahrhunderts“ im Dresdener Hygiene-Museum 1999 reflektiert der Autor die Frage nach der Bedeutung und Wirkung der wissenschaftlichen und technologischen der Suche nach der Vervollkommnung des Menschen. Er kommt dabei zu dem Ergebnis, dass die verschiedenen Phantasien und Selbstoptimierungen vom „Neuen Menschen“ von der Einseitigkeit des Machbaren geprägt seien; auf der Strecke aber bleibe das Humanum.

Der Bonner Wirtschaftswissenschaftler Frank Bertsch diskutiert mit seinem Beitrag „Strukturwandel der Städte mit einer neuen Städtepolitik“ die verschiedenen Konzepte und Programme bei den Transformationsprozessen in den Kommunen. Er zeigt Möglichkeiten und Probleme bei der kommunalen Selbst- und Fremdverwaltung auf, thematisiert die sich in den Städten vollziehenden Zentralisierungs- und Ballungsbewegungen und verweist auf die Ungleichgewichtigkeit auf dem Wohnungsmarkt. Es gilt, ein besonderes Augenmerk auf die Lebensqualität von Individuen und sozialen Gemeinschaften in den Städten zu richten.

Die an der Berliner Humboldt-Universität tätigen Stadt- und Regionalsoziologen Andrej Holm und Henrik Lebuhn plädieren mit ihrem Beitrag „Urbane Probleme – urbane Visionen“ für eine Politisierung der Stadt. Sie stellen die Frage, „in welchen Verfahren und mit wessen Beteiligung Zukunftsstrategien überhaupt sinnvoll entwickelt werden können“. Die verschiedenen Konzepte von der „Sozialen Stadt“ werden vorgestellt, und es wird der Diskurs bei der nationalen und internationalen Stadtforschung thematisiert. Dabei zeigen sie Leerstellen auf, und sie plädieren dafür, „Stadtpolitik stärker als einen Prozess zu denken, in dem die sozialen und politischen Konflikte zwischen unterschiedlichen Gruppen und Akteuren immer schon angelegt ist“.

Thilo Becker und Susan Hübner von der TU Dresden diskutieren über „Nachhaltigere Entwicklung im Verkehr“, indem sie eine Vision für die Verkehrspolitik entwickeln. Sie zeigen lokale und globale Probleme bei der Mobilitätsentwicklung auf, verweisen auf Irrwege bei der ökonomischen Kalkulation und verdeutlichen dies mit den Ergebnissen von Verkehrsstudien. Für eine nachhaltige Verkehrspolitik bedarf es nicht nur stimmiger und objektiv ausgewiesener Forschungen, auch nicht nur einer staatlichen und öffentlichen Verkehrsplanung, sondern vor allem auch einer Aufklärung dahingehend, mit welchen Möglichkeiten und Perspektivenwechsel jeder Einzelne auf die Entwicklungen und Auswirkungen bei der Mobilität Einfluss nehmen kann.

Die Berliner Politikwissenschaftlerin Julia Schramm nimmt mit ihrem Beitrag „Netzwerkgesellschaft“ die Visualisierung und Kommunikation in der Gesellschaft auf und fragt nach der realen Virtualität, den Potentialen und Risiken. Am Beispiel der „real existierende(n) Netzwerkgesellschaft in Deutschland“ informiert sie über die Entwicklung der digitalen Kommunikation, verweist auf das Phänomen der Gleichzeitigkeit als Organisationsprinzip und zeigt Vor- und Nachteile in der „Netzwerkgesellschaft“ auf.

Der am Karlsruher Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse tätige Soziologe Christoph Schneider reflektiert mit seinem Beitrag „Laser Cutter trifft Ernst Bloch: Open Design als Konkrete Utopie“ die Entwicklungen, wie sie sich in der „Open Source Handare“ – Bewegung darstellen. Dabei konfrontiert er die technologische Innovation mit den Blochschen Vorstellungen. Er erkennt in der „Open Source Kultur“ Parallelen zur „Konkreten Utopie“, die es ermöglichen, zur Demokratisierung der Technik und zu einer globalen Kommunikation beizutragen; freilich nur dann, wenn es gelingt, die Entwicklung lokal und global tatsächlich zu demokratisieren.

Der Krefelder Mediziner und stellvertretende Vorsitzende der ISG, Jörg Baltzer, fragt: „Quo vadis Gesundheitswesen, Gesundheitswirtschaft und Medizin?“. Er diskutiert die verschiedenen Einflussfaktoren, die bei den Veränderungsprozessen in den medizinischen Bereichen wirksam sind und verdeutlicht dies an den Personal- und Sachstrukturen in der Gesundheitswirtschaft. Dabei mahnt er an, die ethischen Grundsätze nicht gegen ökonomische Machbarkeit auszuspielen: „Ethik und Ökonomie (sind) keinesfalls Antipoden ( ), sondern im Gegenteil gehört das ökonomische Denken zu einer ethisch vertretbaren Medizin, da ansonsten wertvolle Ressourcen verschleudert werden“.

Martin Scherer, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, und der Psychologe Thomas Zimmermann denken im Schlussbeitrag über die „Zukunft der hausärztlichen Versorgung“ nach. In einer Bestandsaufnahme betrachten sie die (bedrohliche) Entwicklung, dass in wenigen Jahren niedergelassene HausärztInnen fehlen werden und einem, aus demographischen Gründen steigenden Versorgungsbedarf gegenüber stehen werden. Sie diskutieren Lösungsvorschläge, die von einer qualifizierteren, auf Primärversorgung fokussierten Ausbildung der Mediziner, über Maßnahmen zur besseren Anerkennung des Hausarztberufs, bis hin zu Formen der Teamarbeit in Hausarztpraxen reichen.

Fazit

Der Diskurs darüber, wie wir als Menschheit gegenwärtig leben können und zukünftig existieren wollen, ist in vollem Gange. Das ist gut, werden dabei doch den allzu bequemen und vielfach suggerierten Auffassungen „anything goes“ und „business as usual“ intellektuelle und humane Antworten entgegen gesetzt, bis hin zu der Kritik am anthropischen Denken und der Positionsbestimmung, dass der Mensch „grundlegend nicht ein weltfremdes, sondern ein welthaftes Wesen“ ist (vgl. dazu auch: Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14323.php ). Bei der Frage, welche Illusionen und Utopien uns Menschen um- und antreiben, kommt es darauf an, beschönigendes, von Selbsttäuschungen bestimmtes Wunschdenken abzusetzen von gesellschaftlichen, nachhaltigen Visionen, die und nur die den notwendigen Perspektivenwechsel für eine humane Gegenwarts- und Zukunftsbewältigung der Menschheit ermöglichen können. Es sind phantasievolle Ideen und Projekte, die im Sammelband als Visionen zur gerechten und sozialen Umverteilung des individuellen und gesellschaftlichen Reichtums, zur De-Gentrifizierung der Städte, zur Inter- und Intragenerationengerechtigkeit, zur Regulierung der Finanzmärkte, und nicht zuletzt zur Erhaltung und Weiterentwicklung der Demokratie, lokal und global, vorgestellt und diskutiert werden. Es sind Visionen, die, bei gutem Willen, der Bereitschaft und der Fähigkeit, ein „gutes Leben“ für alle Menschen auf der Erde zu schaffen, machbar sind!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.12.2014 zu: Dieter Korczak (Hrsg.): Visionen statt Illusionen. Wie wollen wir leben? Asanger Verlag (Kröning) 2014. ISBN 978-3-89334-582-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18045.php, Datum des Zugriffs 13.12.2019.


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