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Tanja Kraus: Wege aus der Armut für Alleinerziehende

Cover Tanja Kraus: Wege aus der Armut für Alleinerziehende. Eine Analyse der Partner- und Arbeitsmarktchancen. Springer VS (Wiesbaden) 2014. 274 Seiten. ISBN 978-3-658-05934-7. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

Das zentrale Erkenntnisinteresse dieser Arbeit besteht darin zu klären, wie Alleinerziehende Armut vermeiden bzw. beenden können. Dabei werden der Arbeitsmarkt und der Partnermarkt als potenzielle Handlungsfelder untersucht. Auf der Grundlage des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) wird analysiert, welche Restriktionen und Ressourcen den Alleinerziehenden auf diesen Märkten begegnen. Im Ergebnis wird deutlich, dass sich die beiden Handlungsoptionen nicht ausschließen, sondern wechselseitig positiv beeinflussen.

Autor

Dipl.-Soz. Tanja Kraus promovierte an der Universität zu Köln; sie forscht über Armut, Einkommen und Familie.

Aufbau und Inhalt

In Kapitel 1 leitet die Autorin zunächst die Fragestellung ihrer Arbeit sorgfältig her und begründet sehr präzise die Wahl und das Zusammenspiel der beiden Handlungsfelder Arbeitsmarkt und Partnermarkt, z. B. wenn „mit der Frage nach der Partnerwahl von Alleinerziehenden und den damit zusammenhängenden Einkommensdynamiken ein wichtiger Bereich der sozialen Ungleichheit angesprochen ist“ (Kraus S. 26). Der theoretische Rahmen dieser Arbeit wird kurz vorgestellt und begründet (ebd. S. 22).

Im zweiten Kapitel, das den Forschungsstand wiedergibt, werden die Betroffenheit Alleinerziehender von Armut sowie Armutsrisiken dieser Zielgruppe ausführlich dargestellt. Dabei geht Tanja Kraus vor allem auf die Risikofaktoren der Haushaltsdynamik und des Erwerbseinkommens ein. Als „Wege aus der Armut“ definiert die Autorin in diesem Kapitel auf der Grundlage bisheriger Forschungsbefunde sehr überzeugend die Partnerwahl und die Erwerbsarbeit von Alleinerziehenden. Im Abschnitt „Partnerwahl von Alleinerziehenden“ (Kraus S. 54ff.) werden schließlich sehr detailliert Resultate bisheriger Forschungen zu Themen wie Wiederverheiratung, den Partnerschaftswünschen Alleinerziehender, ihren Partnerchancen und den Einflussfaktoren auf die Partnerwahl bei Alleinerziehenden zusammengetragen. Im Anschluss stellt Kraus den Forschungsstand zum Erwerbsverhalten Alleinerziehender in den Fokus ihrer Bestandsaufnahme. Auch hierzu werden ausführlich wichtige Risiken und Ressourcen dieser Personengruppe vorgestellt.

Das dritte Kapitel verfolgt das Ziel, die unterschiedlichen sich ergänzenden Erklärungsansätze der vorliegenden Arbeit darzustellen: „Die Lebensform und das Erwerbsverhalten von Alleinerziehenden sind das Resultat individueller Entscheidungen über das Eingehen bzw. Auflösen von partnerschaftlichen Beziehungen sowie über den Umfang und die Art des Arbeitsangebots“ (Kraus S. 75). Die Autorin zieht die Familienökonomie nach Becker als grundlegenden handlungstheoretischen Rahmen für die Erklärung dieser Prozesse heran, die Haushalts- und Erwerbsdynamiken als „Ausdruck von individuellen Handlungsressourcen und Handlungsrestriktionen“ abbildet (ebd. S. 75). Zunächst erläutert sie die Grundzüge dieser Theorie (Kap. 3.1) und „reichert“ diese Überlegungen „durch soziologische Argumente zum Einfluss von sozialen Strukturen auf die Partnerwahl“ und „evolutionspsychologische Erklärungsmuster“ an (ebd. S. 75).

In Kapitel 4 stellt die Tanja Kraus die Hypothesen zur Partnerwahl und zum Arbeitsangebot von Alleinerziehenden vor. Dazu leitet sie aus den zuvor dargestellten theoretischen Überlegungen und dem Forschungsstand für den Partnermarkt ab, dass „Alleinerziehende mit geringem Erwerbspotenzial. aus Gründen arbeitsteiliger Spezialisierung eine höhere Wahrscheinlichkeit des Wechsels in einen Paarhaushalt [haben] als Alleinerziehende mit größerer Arbeitsmarktnähe“ (Kraus S. 133). Weiterhin kommt die Autorin aus den theoretischen Befunden zu dem Schluss, dass Erwerbsarbeit und Einkommen „attraktive Ressourcen“ bei der Partnersuche sind und den Zugang zu Partnermärkten erleichtern und gelangt so zur Alternativhypothese, dass „das Erwerbspotenzial von Alleinerziehenden. eine komplementäre Ressource auf dem Partnermarkt [ist], wodurch sich die Chance zum Wechsel in einen Paarhaushalt bei hohem Erwerbspotenzial erhöht“ (ebd. S. 134). Auch die Kinderzahl und das Alter der Kinder beeinflussen die „Attraktivität“ Alleinerziehender auf dem Partnermarkt – neben dem eigenen Lebensalter, der Partnerbiografie und dem Familienstand (ebd. S. 137-140).
Bezüglich des Arbeitsangebotes von Alleinerziehenden kann die Autorin aus den bisherigen empirischen und theoretischen Befunden ebenfalls plausible Hypothesen ableiten, beispielsweise dass mit der Höhe des „Nichterwerbseinkommens. das Arbeitsangebot von Alleinerziehenden“ sinkt (ebd. S. 142) oder dass das Arbeitsangebot von Alleinerziehenden mit steigendem Lohnsatz höher ausfällt (ebd. S. 143). Auch hier benennt Kraus als weitere wichtige Einflussfaktoren das Lebensalter der Alleinerziehenden, ihre Erwerbs- und Familienbiografien sowie ihren Gesundheitszustand und begründet damit weitere Hypothesen ihrer Arbeit (ebd. S. 144-148).

Das fünfte Kapitel beinhaltet die Herangehensweise der Autorin an das Datenmaterial und begründet sehr genau die gewählten Operationalisierungen der Konstrukte „Armut“, „Partnerwahl“ und „Arbeitsangebot“. Weiterhin widmet sich Kraus in diesem Kapitel den unabhängigen bzw. erklärenden Variablen und den Kontrollvariablen der Untersuchung. Als Analysemethode wählt sie die diskrete Ereignisdatenanalyse und stellt in Kap. 5.3 die Begründung dieser Wahl und die Grundlagen der Analysemethode dar.

Kapitel 6 schließlich trägt unter der Überschrift „Empirische Untersuchung der armutsvermeidenden Handlungsalternativ Arbeitsmarkt oder Partnermarkt“ die empirischen Befunde der Untersuchung zusammen. Zunächst untersucht die Autorin die beiden Handlungsfelder Partnermarkt und Arbeitsmarkt getrennt voneinander und stellt hierzu jeweils die Ergebnisse ihrer Analysen vor. Im Anschluss daran führt sie die beiden Handlungsoptionen zusammen und diskutiert die Eignung beider Wege zur Vermeidung bzw. Überwindung von Armut.

In Kapitel 7 stellt Tanja Kraus die theoretischen Überlegungen und empirischen Befunde ihrer Untersuchung verdichtet dar. Zentrales Ergebnis hinsichtlich der Partnerchancen von Alleinerziehenden ist demnach, dass „grundsätzlich nur sehr wenige von ihnen überhaupt in einen Paarhaushalt wechseln“ – laut Kraus tut dies nur ein Viertel (Kraus S. 239). Die Chancen für einen solchen Wechsel sind dort am höchsten, wo die Alleinerziehenden über ein ausgeprägtes familien- bzw. haushaltsspezifisches Humankapital sowie über ein hohes Arbeitsmarktpotenzial verfügen. Im Arbeitsmarkt ist ebenfalls ein hohes Arbeitsmarktpotenzial vorteilhaft für Alleinerziehende: Mit der Dauer der Erwerbserfahrung, der Höhe des Bildungsniveaus und des Lohnsatzes steigt auch das Arbeitsangebot. Darüber hinaus beeinflusst die Kinderbetreuungssituation die Arbeitsmarktchancen der Alleinerziehenden (ebd. S. 240). Überraschend ist, „dass eine ausgeprägte Familienorientierung und ein hohes familienspezifisches Humankapital keinen negativen Effekt auf das Arbeitsangebot haben“ (ebd. S. 240). Im Ergebnis heißt dies: „Familienspezifisches Humankapital und erwerbsbezogenes Humankapital sind keine Gegensätze. Vielmehr scheinen sich diese beiden Formen von Humankapital wechselseitig zu bedingen“ (ebd. S. 240). Aus der Kopplung des Erwerbspotenzials mit den Partnermarktchancen schlussfolgert die Autorin jedoch auch, dass es eine „neue Trendlinie bzw. Form der Ungleichheit innerhalb der Alleinerziehenden“ gibt (ebd. S. 241): Alleinerziehende, die weder über arbeitsmarktrelevantes Humankapital noch über familien- bzw. haushaltsspezifisches Humankapital verfügen, haben dann sowohl schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt als auch auf dem Partnermarkt. Als Schutz vor Armut wird damit einmal mehr die Integration in den Arbeitsmarkt plausibel – über die Förderung des Erwerbspotenzials und die Verbesserung der Nutzungsmöglichkeiten von Kinderbetreuungsangeboten (ebd. S. 244). Der Vergleich der potenziell armutsvermeidenden Handlungsalternativen macht aber auch deutlich, „wie eng die beiden vermeintlich getrennten Sphären Erwerbsleben und Privatleben miteinander verwoben sind“ (ebd. S. 241).

Diskussion

Mit ihrer Studie verweist Tanja Kraus auf das Potenzial zur Verbesserung der ökonomischen Lage von Alleinerziehenden. Die Autorin kann theoretisch und empirisch fundiert darlegen, dass eine primäre Integration in den Arbeitsmarkt über die Förderung des Erwerbspotenzials von Alleinerziehenden eine armutsvermeidende Handlungsalternative darstellt. Damit ist diese Studie für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine solide Grundlage, um einerseits weiterführende Fragen zu generieren oder auch Handlungsanregungen zu begründen und andererseits Studierende sozialwissenschaftlicher Studiengänge zum wissenschaftlichen Arbeiten anzuleiten und mit Untersuchungsergebnissen und theoretischen Überlegungen zu versorgen. Auch für Praktiker liefert die Untersuchung zahlreiche Befunde, um sozialpolitische Entscheidungen vorzubereiten und zu begründen. Insgesamt gelingt damit der Autorin eine solide Grundlage für Forschung, Lehre und Praxis, die uneingeschränkt zu empfehlen ist.

Fazit

Die Arbeit von Tanja Kraus zeigt, dass grundsätzlich beide Handlungsmöglichkeiten – Arbeitsmarkt und Partnermarkt – geeignet erscheinen, Armut von Alleinerziehenden zu überwinden. Zentrales Ergebnis der Untersuchung ist, dass sich die beiden Wege nicht ausschließen, sondern vielmehr wechselseitig positiv beeinflussen. Gleichzeitig wird damit auf eine neue Ungleichheitslinie verwiesen, wenn für arme Alleinerziehende sowohl die Partnerwahlchancen als auch die Arbeitsmarktchancen eingeschränkt sind. Somit sind armutsgefährdeten Alleinerziehenden beide Optionen zur Überwindung oder Vermeidung von Armut tendenziell verschlossen. Die Integration in den Arbeitsmarkt ist die zwingende Schlussfolgerung aus den dargestellten Befunden.


Rezension von
Dr. Dagmar Brand
Bildungsforschung, Frauen- und Geschlechterforschung, Familienforschung, soziale Ungleichheit
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Zitiervorschlag
Dagmar Brand. Rezension vom 21.08.2015 zu: Tanja Kraus: Wege aus der Armut für Alleinerziehende. Eine Analyse der Partner- und Arbeitsmarktchancen. Springer VS (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-05934-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18046.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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