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Anne-Kathrin Mayer: Informations­kompetenz im Hochschulkontext

Rezensiert von Prof. Dr. Werner Sauter, 25.08.2015

Cover Anne-Kathrin Mayer: Informations­kompetenz im Hochschulkontext ISBN 978-3-95853-010-2

Anne-Kathrin Mayer: Informationskompetenz im Hochschulkontext. Interdisziplinäre Forschungsperspektiven. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2015. ISBN 978-3-95853-010-2.
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Thema

Angesichts der exponentiell zunehmenden Menge an verfügbaren Informationen sind Kompetenzen, die eine präzise Suchformulierung und Wahl des angemessenen Suchwerkzeuges bzw. der passenden Ressourcen erlauben, notwendig, um eine Informationsüberflutung zu vermeiden. Integrierte, komplexe Suchumgebungen erlauben die Verwaltung der abgerufenen Informationen oder Interaktionen mit Textverarbeitungsprogrammen. Informationskompetentes Handeln im Hochschulkontext wird dabei als versierter, reflektierter und flexibler Umgang mit dynamischen und komplexen Informationsumwelten beschrieben.

Dieser Sammelband mit insgesamt zwölf Autoren stellt theoretische Konzepte, Erhebungsmethoden und Ansätze zur Förderung von Informationskompetenz an deutschen Hochschulen vor. Informationskompetenz wird dabei als Fähigkeit und Fertigkeit verstanden, situationsangemessen mit Informationen umzugehen. Thematisiert werden dabei die Veränderungen des Konzepts „Informationskompetenz“ infolge des technologischen Wandels, Initiativen und Programme zur Stärkung der Informationskompetenz an Hochschulen, standardisierte Assessment-Verfahren zur Erfassung der Informationskompetenz sowie Schulungs- und Trainingsprogramme zur Förderung der Informationskompetenz.

Der Band soll Einblicke in laufende Forschungsaktivitäten und deren Ergebnisse, die zumindest mittelfristig nutzbar gemacht werden können, geben.

Herausgeberin und AutorInnen

Die Herausgeberin, Anne-Kathrin Mayer, ist Ressortleiterin Forschung am Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID) in Trier. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist das Informationsverhalten und die Informationskompetenz.

Die AutorInnen stammen aus dem ZPID sowie aus Medienzentren, Universitätsbibliotheken sowie aus dem Bereich der Informationswissenschaften verschiedener Hochschulen.

Entstehungshintergrund

Technologischer Wandel und zunehmende Digitalisierung haben Prozesse des Lernens, Lehrens und wissenschaftlichen Arbeitens im Hochschulkontext nachhaltig verändert. Dies hat weitgehende Auswirkungen auf das Konzept der Informationskompetenz, die Gegenstand Lebenslangen Lernens ist. Dabei geht es nicht nur um die Funktionalitäten der eingesetzten Technologien, sondern insbesondere auch um deren Relevanz und Nützlichkeit für das eigene Arbeiten, ihre gesellschaftlich-sozialen Auswirkungen und um das subjektive Erleben des Umgangs mit ihnen und die subjektive Befriedigung, die ihre Nutzung verspricht.

Die Entwicklung der Informationskompetenzen setzt geeignete Messinstrumente voraus, wie beispielsweise Wissenstest, Selbsteinschätzungsmaßnahmen, aber auch Instrumente zur Erfassung von Fertigkeiten im Bereich der Planung von Informationsrecherchen und der Bewertung von Fachinformationen.

Für die Ermöglichung der Informationskompetenz-Entwicklung sind neben Lernangeboten zum Aufbau von Recherchefertigkeiten mit geeigneten Informationstechnologien auch Entwicklungsmaßnahmen zur kritisch-reflektierten, kreativen und verantwortungsvollen Verwertung gewonnener Informationen notwendig. Bisher fehlt jedoch eine fundierte Fachdidaktik zum Aufbau von Informationskompetenz.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Beitrag der Herausgeberin werden die veränderten Anforderungen an die Informationskompetenz heraus gearbeitet. Sie erörtert verschiedene Ansätze zur Beschreibung der Informationskompetenz, die sie deutlich von der Medienkompetenz abgrenzt. Während die Informationskompetenz durch eine „pull-Charakteristika“ geprägt ist, wird die Medienkompetenz als „push-Information“ eingegrenzt. Dagegen führt die Unterscheidung zwischen Informationskompetenz und digitaler Kompetenz in die Irre, da diese immer Informationskompetenz ist. Der Weg zur Informationskonzept ist noch nicht zufriedenstellend beschrieben. Deshalb ist in Verbindung mit neuen Einschätzungen von Informationswissenschaft und Informationsverhaltensforschung eine Informationsdidaktik erforderlich.

Thomas Hapke von der Universitätsbibliothek der Universität Hamburg-Harburg versucht in seinem Beitrag, auf den Kern von Informationskompetenz zu stoßen. Er untersucht dabei insbesondere die Frage, wie sich das Konzept der Informationskompetenz in den sich wandelnden Informations- und Kommunikationsumgebungen verändert und hinterfragt die aktuellen Informationskompetenz-Aktivitäten. Er sieht als wesentlichen Kern der Informationskompetenz die kritische Haltung an, die er durch Vorschläge konkretisiert, wie Individuen mit hoher Informationskultur und -bildung handeln sollten.

Luzian Weisel vom Leibniz-Institut für Informations-Infrastruktur in Karlsruhe gibt einen Überblick zu Initiativen zur Stärkung der Informationskompetenz von Studierenden und Lehrenden sowie zu Programmen für die Forschenden an deutschen Hochschulen. Daraus leitet er fünf konkrete Handlungsfelder zur Förderung von Informationskompetenz im Hochschulkontext ab. Diese sehr allgemein gehaltenen Vorschläge bewegen sich, wie die Mehrzahl der Beiträge, überwiegend auf der Ebene der Qualifikation und gehen von der Fiktion aus, dass Informationskompetenz „vermittelt“ werden kann, während der selbstorganisierte Aufbau von Informationskompetenzen im Rahmen von Forschungsprojekten u.ä. eine eher geringe Bedeutung hat.

Nikolas Leichner vom ZPID Trier stellt ein Konzept für die multimediale Erfassung der Informationskompetenz mithilfe von Multiple-Choice-Tests und Rechercheaufgaben vor. Die Messergebnisse, die sich auf Wissen und Anwendungen in Übungsaufgaben beziehen, können Ansatzpunkte für maßgeschneiderte Trainingsprogramme bieten.

Tom Rosman und Peter Birke vom ZPID beschreiben eine disziplinspezifische Erfassung von Informationsrecherchekompetenzen im Hochschulkontext, bei der die Messung von prozeduralem, also auf Handlungsabläufe bei Informationsrecherchen bezogenem Wissen, im Vordergrund steht. Auch hierbei wird mit Testverfahren gearbeitet.

Yvonne Kammerer, Clara Oloff und Peter Gerjets vom Leibniz Institut für Wissensmedien stellen ein konzeptuelles Modell zur Identifikation verschiedener kognitiver und sozialer Fertigkeiten im Umfang mit dem Social Web, die wiederum mit einem Test erfasst werden. Daraus werden Vorschläge für die Maßnahmen zur Förderung von Social Web-Fertigkeiten entwickelt. Dazu gehört auch eine Empfehlungsplattform namens „Sozialer Navigator“, die Informationen, Materialien, Bildungsmethoden sowie Werkzeuge zum Einsatz von Social-Web-Angeboten im Unterricht und Arbeitsalltag bündelt. Leider wird nicht deutlich, warum diese Plattform nur als Informations- und Toolbox, und nicht auch zur Ermöglichung des Aufbaus der Informationskompetenz genutzt wird.

Thomas Behm vom ZPID untersucht das Informationsverhalten im Kontext formeller und informeller Bildungsprozesse. Dabei erweitert er den von den bisherigen Autoren genutzten Kompetenzbegriff im Sinne von Wissen und Fertigkeiten, um metakognitive Kompetenzen zur Selbstüberwachung und -reflexion sowie emotionale und motivationale Kompetenzen, beispielsweise informationsverhaltensbezogene Selbstwirksamkeitserwartungen. Diese Überzeugung einer Person, gezielt und effektiv nach Informationen suchen, diese bewerten und bestehendes Vorwissen zu integrieren sowie den Such- und Bewertungsprozess metakognitiv steuern und reflektieren zu können, werden über die Konstruktion einer Skala zur Erfassung bereichsspezifischer Selbstwirksamkeitserwartungen erfasst.

Benno Homann von der Universitätsbibliothek Heidelberg gibt einen Überblick über die Informationskompetenz-Aktivitäten an deutschen Hochschulbibliotheken in den vergangenen Jahrzehnten. Dabei wird ein deutlicher Wandel, bedingt durch das Internet und neuer Kommunikationstechnologien, deutlich. Trotzdem beschränken sich diese Bildungsmaßnahmen auf Schulungs- bzw. Vermittlungskonzepten. Die selbstorganisierte Kompetenzentwicklung im Rahmen von realen Herausforderungen spielt keine Rolle.

Johannes Peter vom ZPID beschreibt die Konzeption und die Ergebnisse einer Lehrmaßnahme zur Informationskompetenz im Fach Psychologie. Steffen Albrecht vom Medienzentrum der TU Dresden betrachtet vor allem die soziale und zeitliche Einbettung der Nutzung von Informationstechnologien und stellt einige Beispiele für Entwicklung von Informationskompetenzen im Hochschulbereich vor. Er untersucht die Folgen der Digitalisierung der Wissenschaften sowie die Bedeutung des informellen Lernens im Kontext von Hochschulen und leitet daraus Empfehlungen zur Unterstützung des informellen Lernens Studierender mit Social Software ab. Auch danach sollen Kompetenzen mittels Schulungsmaßnahmen entwickelt werden.

Obwohl ich es nach 218 Seiten nicht mehr erwartet hatte, wirklich etwas über Kompetenzentwicklungsmaßnahmen, die über „Wissensvermittlung“ und „Fertigkeiten“ hinaus gehen, zu erfahren, stellt Steffen Albrecht einen Vorschlag vor, der wirklich richtungsweisenden Charakter hat. Im Rahmen seiner Empfehlungen zur Förderung von E-Science stellt er ein Entwicklungskonzept vor, das tatsächlich Kompetenzentwicklung im Rahmen von Forschungsprojekten, also in realen (!) Herausforderungen unter Nutzung einer kollaborativen, sozialen Lernplattform ermöglicht. Damit wird tatsächlich projektorientierte Kompetenzentwicklung im Netz ermöglicht. Deshalb bilden Projekte das wesentliche Ordnungsprinzip für Personen, Ressourcen, Aufgaben und Tools, das Projektmanagement wird zur Kernfunktion. Diese Praxisaufgaben können im virtuellen Raum abgebildet, kontrolliert und kollaborativ sowie ortsunabhängig bearbeitet werden.

Christa Wormser-Hacker stellt im letzten Beitrag die Informationskompetenz der Nutzer einer benutzerfreundlichen Gestaltung bzw. Usability gegenüber. Auch sie kommt zum Ergebnis, dass das bisherige Verständnis, das u.a. die ersten elf Beiträge dieses Werkes prägt, zu kurz greift und entwicklungsbedürftig ist. Die Nutzer werden immer mehr Teil des Informationssystems, das sich zu einem Kommunikationssystem entwickelt. Zunehmende Bedeutung gewinnen professionelle Information-Retrieval-Systeme, die ihre Nutzer mit bestimmten Informationen versorgen. Human-Computer Information Retrieval Systeme (HCIR) nehmen nicht mehr nur in einem linearen Ablauf Dokumente zur Kenntnis, bewerten diese und warten Systemreaktionen ab, sondern bringen sich aktiv und manchmal in unerwarteter Form in den Prozess ein. Benutzeraktionen werden vom System interpretiert und Absichten der Benutzer werden antizipiert. Nicht mehr die Einzelanfrage steht im Fokus, sondern der gesamte Informationslebenszyklus soll bedient werden.

Fazit

Dieser Sammelband spiegelt in sehr deutlicher Weise, vermutlich ungewollt, die aktuelle und überwiegend tradierte Denkweise im Hochschulbereich wider. Der Bologna-Prozess an den Hochschulen hat zwar bewirkt, dass einige überfachliche, berufsfeldorientierte Kompetenzen in die Lehrpläne aufgenommen wurden. Jedoch dominiert dort weiterhin die Praxis einer Wissensweitergabe, die Illusion einer „Wissensvermittlung“. Das wird in diesem Sammelband ganz deutlich. Informationskompetenzen werden durch Wissensweitergaben angeblich entwickelt und mit Tests gemessen.

Seit Bologna ist Kompetenz „…nur dann eine Kompetenz, wenn sie mit einem standardisierten Zeitaufwand an genau bestimmten Lernorten erworben wurde.“ (Tremp, P., Eugster, B., 2006, S. 164). Mit Problemlösungen in den Herausforderungen des Studiums, z.B. in Forschungsprojekten, oder im beruflichen Alltag, mit selbstorganisierter, kreativer Handlungsfähigkeit hat das wenig zu tun.

Der Begriff des Kompetenzlernens könnte Falsches assoziieren: Dass man Kompetenzen wie Wissen weitergeben, auch sie als Wissensbröckchen verfüttern könne. Versteht man Kompetenzen im Sinne von Erpenbeck und Heyse, der Kompetenzdefinition, die sich vor allem im beruflichen Bereich weitgehend durchgesetzt hat, als die Fähigkeit, Problemstellungen in Projekten oder in der Praxis selbstorganisiert und kreativ lösen zu können, dann findet sie immer im Kontext der Lebens- und Arbeits- bzw. Forschungswelt statt. Deshalb gewinnen Instrumente aus dem Bereich der Social Software im privaten und beruflichen Bereich auch im Lernbereich eine zunehmende Bedeutung.

Steffen Albrecht fasste im vorletzten Artikel als Einziger die Anforderungen an eine Konzeption der Informations-Kompetenzentwicklung in diesem Sinne zusammen. Danach kann Informationskompetenz nicht allein in Form des Erlernens bestimmter Standards zur Erreichung vorgegebener Ziele vermittelt werden. Vielmehr erscheint es notwendig, die Lernenden in die Lage zu versetzen, nicht nur auf dem Stand der Informationstechnologie kompetent zu agieren, sondern auch zukünftige Entwicklungen zu reflektieren und ihr Handeln entsprechend anzupassen. Weiter führt er aus, dass Informationskompetenz in den alltäglichen Praktiken der Studierenden und Wissenschaftler sowie ihrer sozialen Bezugsgruppen und Communities zu kontextualisieren sind.

Diesem Ansatz gehört, insbesondere auch unter dem Aspekt der Entwicklung zu Human-Computer Information Retrieval Systemen (HCIR) die Zukunft. Es macht jedoch sehr nachdenklich, dass er mit dieser Sichtweise, die durch die aktuelle Kompetenzforschung getragen wird, in der Hochschullandschaft eine Außenseiterposition einnimmt.

Rezension von
Prof. Dr. Werner Sauter
Blended Solutions GmbH
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Es gibt 66 Rezensionen von Werner Sauter.

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Zitiervorschlag
Werner Sauter. Rezension vom 25.08.2015 zu: Anne-Kathrin Mayer: Informationskompetenz im Hochschulkontext. Interdisziplinäre Forschungsperspektiven. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2015. ISBN 978-3-95853-010-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18048.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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