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Jürgen Hartwig, Dirk Willem Kroneberg (Hrsg.): Inklusion - Chance und Herausforderung für Kommunen

Cover Jürgen Hartwig, Dirk Willem Kroneberg (Hrsg.): Inklusion - Chance und Herausforderung für Kommunen. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. - DV (Berlin) 2014. 171 Seiten. ISBN 978-3-7841-2712-5. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Entstehungshintergrund

Die Publikation verdankt sich dem 19. Europäischen Verwaltungskongress 2014 in Bremen und zwar dem dortigen Forum für Inklusion. Die Referentinnen und Referenten haben ihre Beiträge für die vorliegende Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Die Thematisierung der Inklusion ist erforderlich, da seit dem 26. 3. 2009 die UN Behindertenkonvention (UN-BRK) geltendes Recht in Deutschland ist und am 23.3.2011 vom Bundesverfassungsgericht bestätigt wurde. Bereits 141 Staaten haben die UN-BRK ratifiziert. Diese Situation führt auf der Bundesebene, der Länderebene und auf kommunaler Ebene dazu, einen langen und komplizierten Weg einzuschlagen. Über den Beginn dieses Weges für die Kommunen gibt der Band Auskunft. Er ist in der Reihe Hand- und Arbeitsbücher (H 21) des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V. (DV) erschienen.

Aufbau

  • Zwei einführende Beiträge ermöglichen zunächst eine Übersicht zum Thema.
  • Dann folgen die Kapitel „Wissenschaft, Recht und Sozialmanagement“,
  • „Praxisbeispiele aus Kommunen“ und
  • „Erfahrungen in anderen Ländern“ (Niederlande/Österreich).
  • Den Abschluss bildet ein in diesem Fall wichtiger Anhang mit dem Abdruck der UN-BRK, den „Eckpunkten des Deutschen Vereins für einen inklusiven Sozialraum“ und den „Empfehlungen zur örtlichen Teilhabeplanung für ein inklusives Gemeinwesen“ auch vom DV.

Inhalt

Einführende Artikel

Der einführende Artikel von Jürgen Hartwig und Dirk Willem Kroneberg erörtert zunächst die Entstehung der UN-BRK und es finden sich dort auch einige historische Rückblicke auf Europa.

Uwe Hellwig geht dann unmittelbar auf die Situation in den Kommunen ein und beschreibt Gewinne aber auch Gefahren für die kommunale Entwicklung der Inklusion.

Wissenschaft, Recht und Sozialmanagement

Joachim Steinbrück führt mit seinem Beitrag „Inklusion – ein Muss!? Die Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention“ in die Konvention ein und arbeitet wichtige Eckpunkte wie Barrierefreiheit und Schutz der Persönlichkeitsrechte heraus. In seinem Ausblick hält er fest, dass beim Ausbleiben von Vorbereitungen zur Inklusion auf kommunaler Seite, eine unzulässige Diskriminierung von Menschen mit Behinderung vorliegt.

In dem Beitrag „Die Entwicklung inklusiver Gemeinwesen als Chance für Kommunen“ von Albrecht Rohrmann wird dem Inklusionsbegriff nachgespürt. Der Autor folgt der Entwicklung des menschlichen Lebenslaufs und löst sich dadurch von der Bindung der Inklusion an einzelne Organisationsmerkmale. Damit kommt er zu dem Konzept eines inklusiven Gemeinwesens. Hierzu stellt Rohrmann anhand einer Untersuchung in Nordrhein-Westfalen fest, dass über 80 Prozent der kreisfreien Städte und Kreis Umsetzungsbeschlüsse zur UN-BRK umgesetzt haben oder unmittelbar davor stehen. Unter praxisorientierten Gesichtspunkten schlägt er Planungszirkel als Träger von partizipativen und lernorientierten Prozessen vor. Zum Schluss seines des Beitrages stellt er fest: „Es lohnt sich dafür zu kämpfen“ (S. 38).

Das Thema „Inklusion als Aufgabe des kommunalen Sozialmanagements“ dient Stephan Maykus in seinem Artikel zur Skizzierung eines Gestaltungsmodus zur Umsetzung der Inklusion in Kommunen. Vier Bausteine sind dazu erforderlich:

  1. Initiierung – einer Leitidee Gestalt geben,
  2. Sozialplanung – Stand, Bedarf und Ziele fundiert kommunizieren,
  3. Entwicklung und Partizipation – Praxisprozesse greifbar werden lassen,
  4. Kommunales Sozialmanagement – Bauplan für die Bausteine stetig prüfen und bei Bedarf anpassen.

Beispiele aus den Kommunen

In diesem Kapitel werden drei Beispiele dargestellt:

  1. Landkreis Siegen-Wittgenstein (Helge Klinkert/Michael Schäfer),
  2. die Stadt Zeitz (Sabine Langenberg) und
  3. Osterholz-Scharmbeck (Ulrike Baumheier).

Die Beispiele zeigen, auch abhängig vom Startzeitpunkt, unterschiedliche Reichweiten des Inklusionsfortschrittes. Es zeigt sich, dass es recht einfach zu erreichende Ziele gibt wie z.B. Barrierefreiheit oder den inklusiven Besuch von Kindertageseinrichtungen. Kompliziert hingegen sind Schritte hinsichtlich eines inklusiven Zusammenlebens in der Gesellschaft. Für letzteres hat z.B. der Kreis Siegen-Wittgenstein von Mitgliedern des Kreistages geleitete Arbeitsgruppen eingesetzt. Osterholz-Scharmbeck hat schon sehr früh (2008) damit begonnen, ein Lokales Inklusionsnetzwerk mit Bildung im Fokus aufzubauen und hat die vernetzten Bildungsinstitutionen weit entwickelt. Trotzdem findet sich dort die für alle drei Beiträge gültige Formulierung: „Wir sind auf dem Weg, aber noch nicht angekommen“ (S. 79).

Erfahrungen in anderen Ländern

Rick Kwekkeboom beschreibt „Das Experiment „inklusive Gesellschaft“ in Almere (NL)“. Ein Stadtteil in dieser ca. 200.000 Einwohner umfassenden Stadt, versucht sich als inklusive Gesellschaft zu gestalten. Und zwar nicht nur über die Beseitigung physischer Barrieren, sondern auch im Sinne einer umfassenden sozialen Inklusion. Trotz einiger günstiger Anfangsvoraussetzungen kommt dieses Projekt nicht mehr richtig voran. Teilweise gibt es eine Unentschlossenheit der örtlichen Administration, aber auch fehlende Finanzierungen wirken bremsend. Hinzu kommt, dass die Niederlande die UN-BRK noch nicht ratifiziert haben.

Der Bericht „Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Österreich“ von Max Rubisch stellt die vielgestaltige Umsetzung der UN-BRK in diesem Land dar. Hingewiesen wird auf den Staatenbericht an die UN in Genf 2010, den nationalen „Aktionsplan Behinderung 2012-2020“ und auf die erste Staatenprüfung vor dem UN-Behindertenrechtsauschuss 2013 auch in Genf. Der österreichische Förderalismus bereitet zum Teil Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Empfehlungen. Es gibt keine zusätzlich Finanzierung, d.h. die beteiligten Ressorts müssen die Finanzierung aus den zur Verfügung stehenden eigenen Mitteln bereitstellen, was den Prozess ebenfalls nicht beschleunigt.

Diskussion

Aus vielen Blickwinkeln wird das Thema Inklusion unter kommunalen Rahmenbedingungen beschrieben und analysiert. Dabei werden sehr unterschiedliche Akzentsetzungen deutlich, z.B. wenn ein enges oder ein erweitertes Inklusionsverständnis zu Grunde liegt. Da sich die Umsetzung der UN-BRK aber in der Anlaufphase befindet ist dies nicht verwunderlich. Der Band dokumentiert diese Anlaufphase mit theoretischer Reflexion und mit Beispielen aus der Praxis. Dies ist notwendig und die vorliegende Publikation ist ein wichtiger Baustein in diesem Prozess. Dass sich der Deutsche Verein dieser Thematik annimmt, ist außerordentlich begrüßenswert.

Fazit

Eine sehr wichtige Veröffentlichung für die kommunale Politik und kommunale Verwaltung. Aber ebenso für Lehrende und Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen von der Sozialen Arbeit über die Politikwissenschaft bis zur Stadtplanung und zum Bauingenieurwesen. Inklusion ist ein ausgesprochen interdisziplinäres Thema.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 30.01.2015 zu: Jürgen Hartwig, Dirk Willem Kroneberg (Hrsg.): Inklusion - Chance und Herausforderung für Kommunen. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. - DV (Berlin) 2014. ISBN 978-3-7841-2712-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18049.php, Datum des Zugriffs 24.03.2019.


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ISSN 2190-9245

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