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Beate Laudenberg, Heidi Hahn u.a. (Hrsg.): »Wörter raus!?«

Cover Beate Laudenberg, Heidi Hahn, Heidi Rösch (Hrsg.): »Wörter raus!?«. Zur Debatte um eine diskriminierungsfreie Sprache im Kinderbuch. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 192 Seiten. ISBN 978-3-7799-2982-6. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Anfang 2013 sorgten die Entscheidungen des Stuttgarter Thienemann Verlags sowie des Hamburger Oetinger Verlags, in Werken Otfried Preußlers bzw. in Astrids Lindgrens Geschichten über Pippi Langstrumpf bestimmte pejorative Begriffe wie „Neger“ oder „Zigeuner“ gegen weniger problematische Wörter auszutauschen, für einen großen medialen Aufschrei. [1] Die schon seit längerer Zeit schwelende Debatte über „Political Correctness“ [2] in Deutschland wurde damit erneut entfacht und für einige Wochen bestimmten Diskussionsbeiträge über das Für und Wider des Austauschs diskriminierender Begriffe in Kinder- und Jugendliteratur das deutschsprachige Feuilleton. Diese Diskussion bildete den Anstoß für den hier anzuzeigenden Sammelband „‚Wörter raus!?‘ Zur Debatte um eine diskriminierungsfreie Sprache im Kinderbuch“, der von Heidi Hahn, Beate Laudenberg und Heidi Rösch herausgegeben wurde.

Herausgeberinnen

Alle drei Herausgeberinnen wirken am Institut für Sprache und Literatur der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe; Dr. Heidi Hahn sowie Dr. Beate Laudenberg als Akademische Oberrätinnen, Dr. Heidi Rösch bekleidet dort einen Lehrstuhl für Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik. Alle drei haben einen Forschungsschwerpunkt auf Kinder- sowie Jugendliteratur und sind damit einschlägig ausgewiesen.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband beruht auf der Tagung „Wörter raus!?“, die im November 2013 an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe veranstaltet wurde. Er enthält zehn vorwiegend aus einer literatur- und sprachwissenschaftlichen Perspektive verfasste Beiträge. Ergänzt werden diese Artikel um einen Kommentar des Verlegers Hermann Schulz sowie den Wiederabdruck von Brežnas literarischen „Brief an meinen schwarzen Sohn“, für den sie den Preis gegen Rassismus der Eckenstein Stiftung in Bern erhielt.

Aufbau und Inhalt

Die Beiträge des Sammelbandes sind thematisch nicht weiter gegliedert, sondern folgen nach der Einleitung der Herausgeber ohne offenkundige Systematik hintereinander.

Den Auftakt machen Bettina Kümmerling-Meibauer und Jörg Meibauer, die anhand von drei Normenkonflikten – Meinungsfreiheit vs. Diskriminierungsverbot, Zugänglichkeit des Originaltextes vs. Anpassungen an die Gegenwart und „Recht auf schlimme Wörter vs. Postulat eines pädagogischen Schutzraumes“ (S. 14) – in die Debatte einführen. Anschließend nehmen sie eine Mittlerposition ein, indem sie für die Beibehaltung der Originalbegriffe plädieren, die allerdings durch Fußnoten erklärt und kontextualisiert werden sollen.

Im zweiten Beitrag wendet sich M. Moustapha Diallo entschieden gegen die Verwendung diskriminierender Begriffe in Kinder- und Jugendliteratur und setzt sich kritisch mit den Argumenten für deren Gebrauch auseinander. Er selbst versteht die „Reflexion über das eigene sprachliche Verhalten und die Bereitschaft zur Überwindung festgefahrener Denkmuster“ (S. 39) als Grundvoraussetzung für einen interkulturellen Dialog.

Im dritten Beitrag analysiert Heidi Rösch am Beispiel mehrerer Jugendromane wie etwa Wolfgang Hermsdorfs „Tschick“ oder dem niederländischen Kinderbuch „Wie schön weiß ich bin“ von Dolf Verroen das Potential rassismuskritischer Literatur für den Schulunterricht.

Tatjana Jesch fragt dagegen in ihrem Artikel danach, woher in Deutschland „die Skrupel rühren, den Wortlaut der Originaltexte oder der im deutschen Sprachraum bekannten Übersetzungen punktuell abzuwandeln.“ (S. 66) Am Ende ihrer bisweilen etwas leserunfreundlichen, aber inhaltlich wertvollen Ausführungen weist sie darauf hin, dass sprachliche Modernisierungen schon immer „das Überleben der kinderliterarischen Werke“ gesichert hätten und fragt daran anschließend, warum diese Tradition „ausgerechnet vor rassistischen Worten“ (S. 80. Hervorhebung im Original) haltmachen sollte.

Adressierten diese vier Artikel in erster Linie übergreifende Fragen, die auf die Debatte über eine diskriminierungsfreie Sprache generell zielten, folgen im Anschluss daran vier eher als Fallstudien angelegte Texte.

Roger Meyer beschäftigt sich in seinem Beitrag mit den Afrikabildern in Kinder- und Jugendmedien und Heidi Hahn interpretiert den US-amerikanischen Jugendroman „Der Tag, an dem sie das Buch verhaften wollten“ von Nat Hentoff als eine Form der literarisierten Debatte über den Umgang mit Mark Twains „Adventures of Huckleberry Finn“ in den USA.

Einem anderen Genre wiederum wendet sich Nora Sties zu, die aufschlussreich den interessanten Fall von aggressiven Sprechakten in realistischen Bilderbüchern beleuchtet.

Svenja Blume schließlich widmet sich mit den „Pippi Langstrumpf“ Geschichten der schwedischen Schriftstellerin Astrid Lindgren einem der Klassiker, um den die 2013 ausgebrochene Feuilletondebatte kreiste.

Beate Laudenbergs sowie Uwe-Michael Gutzschahns abschließende Artikel vor den bereits genannten Beiträgen von Brežna und Hermann Schulz sind wieder eher allgemein gehalten – und sie sind diejenigen, die sich am prononciertesten gegen den Austausch diskriminierender Begriffe in Kinder- und Jugendliteratur wenden.

Dadurch gerät der inhaltliche Aufbau des Sammelbandes allerdings etwas aus der Balance. Es entsteht der Eindruck, die Herausgeberinnen wollten sich in der Debatte tendenziell auf der Seite der Kritiker von Eingriffen in den Originaltext positionieren. Laudenberg plädiert in ihrem Beitrag für die Beibehaltung der ursprünglich verwendeten Begriffe. Denn eine „‚Sprachpolizei‘, die Wörter austauscht und damit Diskriminierung vertuscht, respektiert weder die Historie noch den Bildungswert und die Autonomie der Kunst.“ (S. 165) Gutzschahn argumentiert abschließend – allerdings leider ohne ira et studio und ohne seine Argumentation ausreichend zu belegen –, die Klassiker der Jugendliteratur wie Preußlers „Kleine Hexe“ oder Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ seien in einer Zeit entstanden, in der Begriffe wie „Neger“ oder „Zigeuner“ noch eine andere Bedeutung gehabt hätten als heute. Dabei reflektiert er aber nicht, dass sich auch in der Entstehungszeit der genannten Werke gesellschaftliche Exklusionsstrukturen in der Sprache manifestierten und diese Begriffe in den 1940er und 1950er Jahren ebenfalls negativ konnotiert waren.

Diskussion

Der Band „Wörter raus!?“ bietet einen prägnanten und überwiegend gut zu lesenden Überblick über die Debatte um den Gebrauch diskriminierender Begriffe in zeitgenössischen wie historischen Kinder- und Jugendbüchern – in erster Linie aus der spezifischen Perspektive von Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik. Da die Herausgeberinnen des Sammelbands auch gegensätzliche Positionen zu Wort kommen lassen, eignet er sich auch als Einstieg in die Diskussion; macht er doch damit auf gelungene Art und Weise das Spannungsfeld deutlich, in dem sich die Debatte bewegt. Unglücklicherweise verzichten die Herausgeberinnen jedoch – wie in Sammelbänden üblich – auf ein resümierendes Schlusswort oder aber eine umfangreiche, systematisierende Einführung. Es bleibt daher den Lesern sowie Leserinnen selbst überlassen, die unterschiedlichen Beiträge zueinander in Beziehung zu setzen und inhaltlich zu bündeln. Darüber hinaus wäre es wünschenswert gewesen, den Band um weitere Beiträge aus einer historiographischen oder sozialwissenschaftlichen Perspektive zu ergänzen. Die Debatte über den „richtigen“ Umgang mit pejorativen Begriffen in Kinder- und Jugendmedien ist nämlich nicht nur eine literaturwissenschaftliche oder literaturdidaktische, sondern hat eine gesamtgesellschaftliche Dimension, die es zu kontextualisieren und historisieren gilt. Eine begriffsgeschichtliche Auseinandersetzung mit dem Thema könnte beispielsweise deutlich machen, dass Bezeichnungen wie „Neger“ oder „Zigeuner“ zu keinem Zeitpunkt „unschuldig“ waren. Stattdessen waren sie immer Produkt wie Faktor gesellschaftlicher Hierarchien, Machtverhältnisse und Bewertungen. Auch muss diese Debatte nicht notwendigerweise nur als Auseinandersetzung über den „richtigen“ Umgang mit Sprache interpretiert werden. Vielmehr ist sie Teil eines Selbstverständigungsprozesses in der deutschen Gesellschaft; mithin eine von mehreren Reaktionen auf die sozialen Umbrüche der Gegenwart. Von einer Berücksichtigung dieser und ähnliche Aspekte hätte der Sammelband profitieren können.

Fazit

Trotz der vorgebrachten Einwände ist „Wörter raus!?“ ein gelungener Diskussionsbeitrag und gleichzeitig eine gute Antwort der akademischen Literaturwissenschaft und -didaktik auf die Feuilletondebatte Anfang des Jahres 2013. Diese Diskussion ist damit – sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Wissenschaft – freilich noch nicht beendet. Der Sammelband von Heidi Hahn, Beate Laudenberg und Heidi Rösch ist dementsprechend kein Abschluss, sondern ein lesenswerter Bestandteil der weiterhin andauernden Auseinandersetzung mit dem Thema. Indem er unterschiedliche Positionen bündelt und kompakt zugänglich macht, regt er zum Nachdenken und Widerspruch an. Mehr sollte man von einem Sammelband nicht erwarten.


[1] Vgl. u. a. Spreckelsen, Tilman: Wir wollen vorlesen und nichts erklären müssen, in: FAZ online vom 09.01.2013. Online unter: www.faz.net/aktuell [letzter Zugriff am 26.04.2015].

[2] Vgl. Hölscher, Lucian (Hrsg.): Political Correctness. Der sprachpolitische Streit um die nationalsozialistischen Verbrechen, Göttingen 2008.


Rezension von
Sebastian Weinert
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Zitiervorschlag
Sebastian Weinert. Rezension vom 22.05.2015 zu: Beate Laudenberg, Heidi Hahn, Heidi Rösch (Hrsg.): »Wörter raus!?«. Zur Debatte um eine diskriminierungsfreie Sprache im Kinderbuch. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-2982-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18057.php, Datum des Zugriffs 06.08.2021.


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