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Edith Glaser, Edwin Keiner (Hrsg.): Unscharfe Grenzen - eine Disziplin im Dialog

Rezensiert von Dipl.Päd. Werner Glanzer, 28.09.2015

Cover Edith Glaser, Edwin Keiner (Hrsg.): Unscharfe Grenzen - eine Disziplin im Dialog ISBN 978-3-7815-2007-3

Edith Glaser, Edwin Keiner (Hrsg.): Unscharfe Grenzen - eine Disziplin im Dialog. Pädagogik, Erziehungswissenschaft, Bildungswissenschaft, Empirische Bildungsforschung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 129 Seiten. ISBN 978-3-7815-2007-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.

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Thema

Im Band 37 der Beiträge zur Theorie und Geschichte der Erziehungswissenschaft stellen acht AutorInnen empirische, programmatische sowie historische und vergleichende Perspektiven dar, die die gegenwärtigen Diskussionen um eine Identität der Erziehungswissenschaft nicht endgültig entscheiden oder beenden wollen sondern dazu beitragen, das Ringen um und das Finden einer Antwort transparent und nachvollziehbar zu machen. In einem Querschnitt werden die unterschiedlichen Aspekte und Überschneidungen der Bezugs- und Hauptwissenschaften, wie schon im Titel angekündigt, thematisiert. Dies dient der Anregung einer weitergehenden Diskussion und Argumentation oder, wie es heißt: Der Förderung des Disputs, der Kommunikation und des Dialogs.

Aufbau und Überblick

So finden sich einerseits Beiträge sowohl zur genaueren Beschreibung der unscharfen Grenzen und zur allgemeinen Begrifflichkeit im Diskussionsrahmen (Edith Glaser, Edwin Keiner), andererseits sehr konkrete Ausführungen zur Lehrplanarbeit und Lehrplanforschung (Karin Manz). Dieses Spektrum zeigt bereits die Bandbreite der Beiträge, die in sich wiederum die unscharfen Grenzen und Überschneidungen im komplexen Feld der Disziplin nachvollziehen lassen. Einen bildungshistorischen Blick und daraus abgeleitet eine disziplintheoretische Annäherung diskutiert Andreas Hoffman-Ocon in seiner Frage, ob die realistische Wendung ein geisteswissenschaftliches Projekt sei. Thorsten Fuchs führt dies weiter mit seiner Fragestellung, ob Pädagogik als Disziplin philosophisch oder empirisch oder nichts von beidem sei. Wie schon bei Karin Manz ist der Beitrag von Lucien Criblez eine konkrete Darstellung der Forschung im Bildungsbereich mit den Aufgaben der akademischen Disziplin, den Bildungsplanstellen und Veränderungen in der Schweiz seit 1960er Jahren. Peter Vogel exploriert den Positivismusstreit in der deutschen Erziehungswissenschaft und Renate Girmes geht in ihrem Beitrag darauf ein, worum es bei Erziehung und Bildung und beim Dialog ihrer Wissenschaften geht.

Inhalt

Edwin Keiner geht im ersten Beitrag des Bandes den begrifflichen Differenzierungen nach: Pädagogik, Erziehungswissenschaft Bildungswissenschaft, Empirische Bildungsforschung. Unter Bezugnahme auf die jeweiligen VertreterInnen diskutiert er den Bedeutungszusammenhang, spannt den Bogen zum DGFE Kongress 2014 in Berlin und geht auf Entwicklungen innerhalb der Empirischen Bildungsforschung ein. Damit verbunden ist die Frage nach den akademisch-szientifischen Eliten, wer also will die führende Elite sein, an der sich zukünftige ForscherInnen für ihre Karriere orientieren sollen? Das Ringen um die Beantwortung dieser Frage ist es, das seiner Meinung nach aufzeigt, dass es hier nicht um ‚Schall und Rauch‘ von Selbstbezeichnungen geht (Pädagogik, Erziehungswissenschaft, Bildungswissenschaft, Empirische Bildungsforschung) sondern „auch um Instrumente für die Durchsetzung von Definitionsmacht, Geld und Positionen, die man durchaus auch unter generationenspezifischen Aspekten sehen kann“.

Andreas Hoffmann-Ocon widmet sich in seinem Beitrag dem disziplinären Entstehungs- und Bildungsgefüge der realistischen Wendung, die aktuell unter dem Signet ‚Spannungsverhältnis zwischen Bildungstheorie und empirischer Bildungsforschung‘ innerhalb der Erziehungswissenschaft und der Pädagogischen Psychologie verhandelt wird. Er konzentriert sich hier vor allem auf Heinrich Roth und Walter Guyer und untersucht, wie diese zu einer Neuordnung der pädagogischen Programmatik gelangten, Pädagogik in einem fachlichen und berufsfeldorientierten Gesamtzusammenhang zu sehen. Er zeigt beide als Wegbereiter der realistischen Wendung auf und sieht Guyer eher als Vertreter einer „Nutzungsperspektive“, Roth beabsichtigte den Anschluss der pädagogischen Disziplin an den methodisch elaborierten Forschungsstand der Psychologie und Soziologie mit dem Ziel der empirischen Hebung der Lehrpersonenbildung. Letztlich blieb bei allen Versuchen der realistischen Wendung die Frage nach dem Wissenschaftscharakter der Pädagogik, verbunden mit einem Anerkennungs- und Prestigestatus.

Thorsten Fuchs greift dieses Thema auf mit seiner Frage „Pädagogik als Disziplin: Philosophisch, empirisch, beides oder gar nichts?…“ Auch hier wird Bezug auf Roth genommen und seine Warnung vor einer Bedeutungslosigkeit der Pädagogik, sollte sie empirische Forschungsanstrengungen für unnötig erklären. Theorie und Empirie werden nach Fuchs von Roth als in komplementärer Beziehung gesehen, Empirie ist nicht die zu schluckende Kröte und Theorie ist nicht unnötiger Ballast im Forschungsprozess. Als Weiterführung mit Bezugnahme auf diesen Ansatz nennt Fuchs Dietrich Benner, der bereits 1973 versuchte, eine Verschränkung von Theorie und Empirie voranzutreiben und damit eine Neuausrichtung der erziehungswissenschaftlichen Disziplin zu befördern.

Einer Exploration des Positivismusstreits in der deutschen Erziehungswissenschaft widmet sich Peter Vogel. Er vergleicht den „alten“ mit dem „neuen“ Positivismusstreit. Als Vorläufer sieht er die Kontroverse zwischen Karl Popper und Hans Albert als Vertretern des Kritischen Rationalismus und Theodor W. Adorno sowie Jürgen Habermas als Vertretern der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Erstere traten für eine Wertfreiheit der Sozialwissenschaft ein während letztere für eine gesellschaftskritische und damit wertorientierte Sozialwissenschaft plädierten. Der Beginn einer ähnlichen Debatte in der Pädagogik wird mit der Antrittsvorlesung von Heinrich Roth in Göttingen gesehen, die meist unter dem Schlagwort „empirische Wende“ aufgenommen wurde. Vogel schreibt dies eher den Vertretern der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik zu, die Problemstellungen der dialektischen Gesellschaftstheorie für den Bereich der Erziehungswissenschaft auslegen und sich auch gegenüber einem empirischen Wissenschaftsmodell kritisch positionieren. Beispielhaft sei Klaus Mollenhauer und seine Aufsatzsammlung „Erziehung und Emanzipation“(1968) genannt. Vogel sieht aber bei den Vertretern der Emanzipatorischen Pädagogik ein Empirieproblem, das diese selbst auch wahrgenommen haben. Einerseits die Ablehnung des prinzipiell verdinglichenden und entsubjektivierenden Zugriffs der Empirie auf das Subjekt, andererseits aber das Angewiesensein auf die empirisch-sozialwissenschaftliche Aufdeckung von latenten Herrschaftsverhältnissen und ihren Folgen. Dieser erste Positivismusstreit verlief wirkungslos, irgendwie wurden empirische Verfahren in das erziehungswissenschaftliche Theoriegebäude integriert. Dieses zugrundeliegende und nicht gelöste Theorieproblem komme jetzt im neuen Positivismusstreit wieder an die Oberfläche. Ausgehend vom PISA Schock fand eine enorme Förderung der Empirischen Bildungsforschung statt, das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) wurde 2004 von der Bildungsministerkonferenz gegründet, seit 2006 wird an einem nationalen Bildungspanel gearbeitet (NEPS), 2007 wurde durch das BMBF ein Rahmenprogramm zur Förderung der Empirischen Bildungsforschung aufgelegt. Kritik an dieser Entwicklung beinhaltet z.B. folgende Punkte (S. 94): zu den ersten Opfern des Umsteuerungsprozesses gehören die Hochschulen, die durch den Bologna- Prozess von Stätten akademischer Bildung zu Lernfabriken mit einem kompetenzgesteuerten Output, der im Zeitschema der Kreditpunkte erzeugt wird, verkommen; die Dominanz der empirischen Ausrichtung schlägt auf die Schulpraxis durch, die immer stärker an messbaren Effekten auf der Basis von psychologischen Lern- und Kompetenzmodellen orientiert wird, zu Lasten der Ermöglichung von persönlicher Bildung; weitere Kritikpunkte sind die Vernachlässigung der „Buchforschung“ mit Reputationsverlust derselben, die Anforderungen bei Neuausschreibungen, die Empirische Bildungsforschung voraussetzen und verlangen, Auswirkungen auf die Lehrerbildung. Die Vertreter der Empirischen Bildungsforschung reagieren heute im Gegensatz zu Wolfgang Brezinka nicht sehr laut, aber z.B. durch die Gründung einer eigenen Fachgesellschaft für Empirische Bildungsforschung (GEBF) 2012. Im weiteren Verlauf seines Beitrages geht Peter Vogel auf zwei Argumentationslinien an der empirischen Forschung (Ökonomismus-These, Möglichkeit des erfahrungswissenschaftlichen Zugangs zu „Bildung“). Bei aller dargelegten Argumentation bleibt nach Vogel bemerkenswert, dass die „Empirie-Seite“ sich an der Diskussion schlichtweg nicht beteiligt.

Den Abschluss des 13. Bandes bildet der Beitrag von Renate Girmes: Menschliche Entfaltung in artikulierten Bildungsräumen. Worum es bei Erziehung und Bildung und beim Dialog ihrer Wissenschaft/en geht. Sie beginnt mit der Frage „Wen erreicht das noch, was hier gedacht und argumentiert wird, und was trägt es dazu bei, der Disziplin und ihren Vertretern Gehör zu schaffen und die gesellschaftliche Praxis von Erziehung und Bildung in geeigneter Weise aufgabengerecht zu gestalten?“ (S. 113) Eine nutzbringende Aufgabe sieht sie darin, dass Forschung ein Mehr an Merkmalen, Eigenschaften, Parallelitäten und Widersprüchen aufzuzeigen in der Lage ist als Mensch von alleine würde sehen können. Sie beschreibt drei basale Erschließungen von Welt. Mit Bezug zur systemtheoretischen Denkweise rekonstruiert sie eine „Kontingenzformel“ des Systems und identifiziert eine „operative Fiktion“ die zur Eigenlogik des Systems führt. Vor dieser systemtheoretisch formulierten Arbeitsweise haben die Wissenschaften zu Erziehung und Bildung ihren Gegenstand und das untersuchte gesellschaftliche System als Erziehungswirklichkeit betrachtet und zu theoretisieren versucht. Schließlich führt sie mit dem Slogan „Let´s re-invent education“ zur Thematisierung der Fragestellung der Einleitung, worum sich diese Disziplin eigentlich dreht und drehen könnte bzw. sollte.

Diskussion / Fazit

Die unterschiedlichsten Beiträge zur Verortung und Vergewisserung darüber, was Erziehungswissenschaft leisten könne sind sicher ein Spiegel der dahinterliegenden Frage, wer besitzt Definitionsmacht und was sind förderungswürdige Ansätze, die auch eine wissenschaftliche Karriere ermöglichen. Die zutage tretenden Konkurrenzen im Wissenschaftsbetrieb sind zuerst Fragestellungen im akademischen Feld ohne dass der direkte Zusammenhang zur Forschung und Praxis direkt erkennbar wäre. Letztlich aber besteht genau dieser konkrete Zusammenhang hinter dem Schleier der theoretischen Konkurrenzen, denn sei es Lehrerbildung, Forschungsfragen und damit gesellschaftliche Akzentuierungen und Weichenstellungen für die pädagogische Praxis des Erziehungshandelns oder das damit verbundene Bild vom Menschen und darüber, was er sein soll, sind auch gegenwärtig relevant und zukunftsprägend. Die hier dargestellte Diskussion im wissenschaftlichen Feld ist ein wichtiger Impuls für die Profilbildung der Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung und öffnet die Türen zum weiteren Erkunden.

Rezension von
Dipl.Päd. Werner Glanzer
Dipl.Soz.päd./Sozialarbeiter, Supervisor, Lehrbeauftragter an der ASH Berlin, Arbeitsfeld Schulsozialarbeit
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Es gibt 13 Rezensionen von Werner Glanzer.

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Zitiervorschlag
Werner Glanzer. Rezension vom 28.09.2015 zu: Edith Glaser, Edwin Keiner (Hrsg.): Unscharfe Grenzen - eine Disziplin im Dialog. Pädagogik, Erziehungswissenschaft, Bildungswissenschaft, Empirische Bildungsforschung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. ISBN 978-3-7815-2007-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18060.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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