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Dagmar Hänsel: Sonderschullehrer­ausbildung im Nationalsozialismus

Cover Dagmar Hänsel: Sonderschullehrerausbildung im Nationalsozialismus. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 279 Seiten. ISBN 978-3-7815-1990-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Die zu besprechende Publikation ist eine Analyse der Sonderschullehrerausbildung, „die reichsweite und regionale Entwicklungen in Hamburg, Halle an der Saale, Hannover und München in den Blick nimmt“ (Klappentext). Hierbei handelt es sich um die erste, auf umfangreicher Quellenforschung basierende, Veröffentlichung zur Sonderschullehrerausbildung in der NS-Zeit.

Autorin

Die 1943 geborene Dagmar Hänsel war bis 2008 Professorin für Schulpädagogik an der Universität Bielefeld. Sie entwickelte den in die Allgemeine Erziehungswissenschaft integrierten sonderpädagogischen Studiengang.

Aufbau

  1. Die Anfänge der Sonderschullehrerausbildung
  2. Entwicklungen im Nationalsozialismus
  3. Kontinuitäten nach 1945

Inhalt

„Die gesonderte Ausbildung der Sonderschullehrkräfte stellt […] eine wichtige Voraussetzung für die Sicherung und den Ausbau der Hilfsschule als Sonderschule und mit ihr einhergehend des vielgliedrigen deutschen Sonderschulsystems dar, das seine Schülerschaft vorwiegend durch negative Selektion aus der allgemeinen Schule rekrutiert“ (S. 7).

Die Entstehung des heilpädagogischen Ausbildungsganges ist auf das Jahr 1941 festzusetzen und ist mit der Gründung des Verbands der Hilfsschulen Deutschlands in Verbindung zu sehen. „Mit der Gründung des Hilfsschulverbands, die am 12. April 1898 erfolgte, waren vor allem zwei Ziele verbunden“ (S. 15):

  1. die Hilfsschule als selbstständige Sonderschule zu führen;
  2. die Etablierung der Heilpädagogik und damit einhergehend einer speziellen Lehrerausbildung.

Immer mehr Kinder wurden aus der Volksschule ausgeschlossen. Die sonderpädagogische Kategorisierung erfolgte in Bildungsfähige, Noch-Bildungsfähige und Bildungsunfähige.

Ein besonderer Blick in der Geschichtsschreibung der Entwicklung der Heilpädagogik ist in den Jahren 1922 bis 1932 zu sehen. Diese zehn Jahre gelten als der Höhepunkt in der Heilpädagogikgenese und wird in Anlehnung an Wilhelm Hofmann als das klassische Jahrzehnt bezeichnet. In diese „Hoch-Zeit“ fällt die Forderung nach einer Professur für Heilpädagogik.

Bei der Entwicklung der Sonderschullehrerausbildung widmet sich die Autorin bei der Darstellung der Entwicklungen im Nationalsozialismus den bedeutsamen reichsweiten Einrichtungen – und das sind:

  • die Reichsfachschaft V Sonderschulen im Nationalsozialistischen Lehrerbund;
  • das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung;
  • die Taubstummenanstalt in Berlin-Neukölln.

Die unterschiedlichen Einrichtungen verfolgten z. T. unterschiedliche Interessen in der SonderschullehrerInnenausbildung. Diese unterschiedlichen Interessen sind erkennbar beispielsweise in der Ausbildungs- und Prüfungsordnung für LehrerInnen an Taubstummenanstalten vom 12. Juni 1936 und in der zeitgleich erlassenen Ausbildungs- und Prüfungsordnung für LehrerInnen an Blindenanstalten. Eine gemeinsame SonderschullehrerInnenausbildung war schon damals somit nicht möglich.

Dagmar Hänsel befasst sich mit dem Entwurf der Ausbildungs- und Prüfungsordnung für Hilfsschullehrer von 1941, dem sie eine zentrale Bedeutung zuschreibt und der von der sonderpädagogischen Historiographie bis in die Gegenwart hinein vernachlässigt wurde. Das Reichskultusministerium bestimmte die Städte Hamburg, Berlin, München und Halle/Saale als bevorzugte Ausbildungsstandorte, die die Ausbildungs- und Prüfungsordnung für Hilfsschullehrer von 1941 praktizierten.

Da die Sonderschullehrerausbildung in Hamburg früher als an anderen Orten in der BRD geregelt wurde, wurden demzufolge die Hamburger Ordnungen zur SonderschullehrerInnenausbildung als Richtschnur für die in den anderen Bundesländern in der Folgezeit erschienenen Ordnungen angesehen. „Die Kulturhoheit lag nun bei den Bundesländern, so dass an die Stelle einer reichseinheitlichen Ordnung unterschiedliche Ordnungen in den Ländern der Bundesrepublik und daneben eigene in der Deutschen Demokratischen Republik traten“ (S. 205).

Diskussion

Interessant ist Hänsels Feststellung: „Erziehungswissenschaftliche Forschung tut […] not, […] weil die Sonderpädagogik als inklusive Pädagogik den Anspruch erhebt, wirklich allgemeine Pädagogik zu sein“ (S. 11). Erkennbar ist hier das rhetorische Mittel Oxymeron, da sich Sonderpädagogik und Inklusion gegeneinander ausschließen. Eine sonderpädagogische Inklusion – und die Inklusion wird gegenwärtig aus der Sonderpädagogik betrieben – kann es nicht geben. In einem Beitrag von 1989 spricht Feuser von einer integrativen allgemeinen Pädagogik (vgl. Feuser 2015). Letztgenannter verzichtet korrekterweise auf den Terminus Sonderpädagogik. Eine sonderpädagogische Inklusion oder eine inklusive Sonderpädagogik verbesondert letztlich unter dem Schlagwort Inklusion!

Fazit

Die besprochene Publikation kann mit Hänsels Werk von 2006 zusammen betrachtet werden. Es ist für die an der historischen Sonderpädagogik Interessierte sehr zu empfehlen, da Auswirkungen aus dem Nationalsozialismus bis in die Gegenwart hinein erkennbar sind. So schreibt Hänsel auf dem Klappentext der Veröffentlichung von 2006, „dass die NS-Zeit einen Gewinn für die Hilfsschullehrerschaft darstellt, der bis in die Gegenwart reicht.“ Dasselbe gilt für die Sonderschul- bzw. FörderschullehrerInnenausbildung. Dies zu erkennen lohnt die Lektüre des besprochenen Werks.

Literatur


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 04.03.2015 zu: Dagmar Hänsel: Sonderschullehrerausbildung im Nationalsozialismus. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. ISBN 978-3-7815-1990-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18061.php, Datum des Zugriffs 21.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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