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Ingeborg Hedderich, Barbara Egloff u.a. (Hrsg.): Biografie - Partizipation - Behinderung

Cover Ingeborg Hedderich, Barbara Egloff, Raphael Zahnd (Hrsg.): Biografie - Partizipation - Behinderung. Theoretische Grundlagen und eine partizipative Forschungsstudie. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 276 Seiten. ISBN 978-3-7815-2004-2. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

„Historical awareness- of one´s own history and the history of orthers -is an important step towards empowerment and, therefore, towards inclusion“ (Atkinson zitiert durch Reisel, S. 71).

Unter den vier Lebensgeschichten von „Menschen mit Lernschwierigkeiten“, die dem Leser im Ergebnis einer partizipativen Forschungsstudie vorgelegt werden, findet sich eine, die unter dem Pseudonym Lea Fadenlauf veröffentlicht wurde. Die bemerkenswerte Geschichte endet mit einem Gedicht, das auf eindringliche Weise eben jene historische Bewusstheit oder Wachheit zu erzeugen, bzw. wecken vermag, von der Dorothy Atkinson mit Bezug auf empowerment und inclusion ausging und die den Möglichkeitsraum emanzipativer, partizipativer und inclusiver Biografieforschung hell ausleuchtet:

„Sozusagen grundlos vergnügt“ (ein Gedicht von Mascha Kaleko, 1907-1975, wiedergegeben auf S. 219/220)

Ich freu mich, daß am Himmel Wolken ziehen
Und daß es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
Daß Amseln flöten und dass Immen summen,
Daß Mücken stechen und daß Brummer brummen.
Daß bunte Luftballons ins Blaue steigen.
Daß Spatzen schwatzen. Und daß Fische schweigen.

Ich freu mich, daß der Mond am Himmel steht
Und daß die Sonne täglich neu aufgeht.
Daß Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl. Da steckt Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freu mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freu mich vor allem, daß ich bin.

In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An solchem Tag erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
Weil er sich selber liebt- den Nächsten lieben.
Ich freue mich, daß ich mich an das Schöne
Und an die Wunder niemals ganz gewöhne.
Daß alles so erstaunlich bleibt, und neu!
Ich freu mich, daß ich…Daß ich mich freu.

Wovon Lea Fadenlauf ebenso wie Mirjam Brandenberger, Andreas Meyer und Simon Diriwächter im Tandem mit ihren Schreibassistentinnen Claudia Spiess, Lea Eichenberger und Luise Arn berichten, ist, wie sie es geschafft haben, das Leben und die mit diesem verbundenen Herausforderungen anzunehmen und (sinnerfüllt) zu bewältigen. Dazu gehörten offensichtlich auch „schwierige Momente,…verbunden mit Demütigung und Ausschluss“ (S. 103). Tatsächlich handelt es sich bei Empowerment und Inclusion um jene „Annahme und Bewältigung menschlicher Vielfalt“, von der auch Raul Krauthausen, Sozialheld und Glasknochenbesitzer, in seinem autobiografischen Buch „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ erzählte. So wie er schildern die nicht „lost voices“ der vier AutorInnen, die auf 170 der 276 Seiten des Buches in (vorwiegend) leichter Sprache zu Wort kommen, wie die allgemeinmenschlichen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Geborgenheit, Anerkennung, Freiheit und Verwirklichung des Selbst auch unter erschwerten Bedingungen individuell ausgedrückt, gelebt und erfüllt werden konnten (und können).

Aufbau, Inhalt und Diskussion

Das Herausgeberwerk besteht aus zwei Teilen.

Mit dem ersten, dem theoretischen, Teil werden die Grundlagen für eine partizipative Forschungsstudie gelegt, die zwischen 2012- 2014 an der Universität Zürich, am Lehrstuhl Sonderpädagogik: Gesellschaft, Partizipation und Behinderung unter der Leitung von Prof. Dr. Ingeborg Hedderich entstanden ist.

In ihrem Eröffnungsbeitrag „Theorie der Biografie: Begrifflichkeit und Bedeutung“ geht Ingeborg Hedderich differenziert auf die verschiedenen (interdisziplinären) Dimensionen der wissenschaftlichen Biografie (pädagogisch, psychologisch und soziologisch) ein und erörtert unter Einbezug konstruktivistischer Grundannahmen zentrale Begriffe der Biografieforschung. Dabei schöpft sie auch aus (eigenen) Erfahrungen von und mit Wirklichkeitskonstruktionen körperbehinderter Menschen, die in ihren Lebensbeschreibungen „subjektiven“ und „individuellen“ Aufschluss auch darüber geben, wie „erschwerende biologische Determinanten und gesellschaftliche Bedingungen“ (vgl. S. 25) konkret erlebt werden.

Erich Otto Graf legt in seinem Beitrag den Schwerpunkt auf die kritisch- konstruktive Erörterung der Frage, wie partizipative Forschung wirklich zu gleichberechtigter Forschung mit Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen werden kann. Dass selbst wohlmeinende Forscherinnen aus dem akademischen Milieu immer wieder Gefahr laufen, sich in die Tasche zu lügen, zeige deren Erstaunen darüber „wie differenziert diese (people with learning difficulties, geistiger Behinderung, kognitiver Beeinträchtigung,…d.A.) Menschen zu erzählen in der Lage sind“ (S. 37). Doch wer weiß schon, wozu Menschen in der Lage sind, wenn sie in ihren Entwicklungsmöglichkeiten und -bedüfnissen adäquat wahrgenommen und unterstützt werden? Als Grunderkenntnis könnte hier gelten: „Was heute an Partizipation möglich ist, findet seine Grenzen nicht an als eingeschränkt bezeichneten kognitiven Möglichkeiten jener Menschen, die nun auch in die Wissenschaft mit einbezogen werden, sondern an den imaginativen Grenzen jener Menschen, die sich bisher einer Wissenschaft verpflichtet haben, welche Menschen, denen kognitive Beeinträchtigungen nachgesagt werden, aus ihrem eigenen Konzept von Vernunft ausgeschlossen hat“ (S. 41).

Den Begriff „geistige Behinderung“ und die grundlegenden Tendenzen im Verständnis von Behinderung (etwa durch die ICF; als soziale Konstruktion, als diskursiv gesellschaftlich hergestellt) reflektiert Katharina Lescow in ihrem Beitrag. Sie kommt mit Bezug auf die Ebene der Betroffenen zu dem (vorläufigen) Fazit, „dass der Begriff ‚geistige Behinderung‘ bis heute sowohl Wege eröffnet, aber auch verschließt“ (S. 57).

Dass Biografieforschung im Bereich der Sonderpädagogik, insbesondere bezüglich der Gruppe von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen im Vergleich zur Erziehungswissenschaft noch in den Kinderschuhen steckt, stellt Monika Reisel in ihrem Überblicksbeitrag fest. Sie bettet damit die vorgelegte partizipative Forschungsstudie in den aktuellen Prozess emazipatorisch- partizipativer und inklusiver Forschungsbemühungen im Bereich Erziehungswissenschaft/ Sonderpädagogik ein.

Mit der Methodologie, den Grundannahmen, Methoden und Gütekriterien partizipativer Forschung befasst sich Florian Mühler. Im Ergebnis dieses und des nachfolgenden Beitrages von

Raphael Zahnd, Barbara Egloff & Ingeborg Hedderich: Die partizipative Forschungsstudie „Lebensgeschichten“ bekommt der Leser einen differenzierter Einblick in die Rahmenbedingungen und den Forschungsprozess selbst, wobei Aussagen zur Auswahl der GeschichtenerzählerInnen, der Interviewsituation, deren Verschriftlichung und Transformation in Erzählungen in einfacher Sprache, zur Validierung in einem gemeinsamen Miteinander zwischen den Erzählerinnen/Autorinnen und deren SchreibassistentInnen sowie der ethischen Sensibilität im Umgang miteinander getroffen werden. So konnte letztlich erreicht werden, dass die erzählenden Personen die volle Kontrolle über ihre eigenen Geschichten behielten.

Besonders gewürdigt werden muss zweifelsohne die Übertragung aller Beiträge, sowohl der grundlagentheoretischen, als auch der lebensgeschichtlichen selbst in Leichte Sprache (vor allem durch Claudia Spiess und Barbara Egloff). Sie ergeben für die LeserInnen einen echten Mehrwert, sowohl in sachlich- inhaltlicher als auch in literarisch- poetischer Hinsicht und das auch und gerade dann, wenn Übersetzungsgrenzen (Authentizität des Erzähl-Ausdrucks) deutlich werden (vgl. S. 101 f.).

Zielgruppen

Lehrende und Studierende vor allem sozialwissenschaftlicher Fakultäten und Studiengänge, an pädagogischer Aktion und Reflexion von gemeinsamen Leben & Lernen Interessierte und schließlich alle, denen eine inklusive Gesellschaftsperspektive am Herzen liegt.

Fazit

Damit soziale Gegebenheiten auch wirklich verstanden und verändert werden können, muss auch (akademische) Forschung ihren originären Beitrag leisten. Dass dies in einem partizipativen, emanzipatorischen und inklusiven Sinne auch „unter erschwerten Bedingungen“ gelingen kann, zeigt die partizipative Forschungsstudie mit ihren grundlagentheoretischen lebensgeschichtlichen Ergebnissen auf eindrucksvolle Weise. Mit ihr wird der interessierten Fachöffentlichkeit ein weiteres Bespiel narrativer, qualitativ- subjektorientierter Forschung im Bereich Erziehungs- und Sozialwissenschaftlichen zugänglich gemacht und zur Nachahmung und Weiterentwicklung anempfohlen.

Literaturverweis:

Aguayo- Krauthausen, Raul, 2014, Dachdecker wollte ich eh nie werden. Das Leben aus der Rollstuhlperspektive. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Jödecke
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Zitiervorschlag
Manfred Jödecke. Rezension vom 29.07.2015 zu: Ingeborg Hedderich, Barbara Egloff, Raphael Zahnd (Hrsg.): Biografie - Partizipation - Behinderung. Theoretische Grundlagen und eine partizipative Forschungsstudie. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. ISBN 978-3-7815-2004-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18062.php, Datum des Zugriffs 23.05.2019.


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