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Ulrich Heimlich: Einführung in die Spielpädagogik

Rezensiert von Prof. Dr. Dirk Plickat, 03.07.2015

Cover Ulrich Heimlich: Einführung in die Spielpädagogik ISBN 978-3-8252-4199-5

Ulrich Heimlich: Einführung in die Spielpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 296 Seiten. ISBN 978-3-8252-4199-5. D: 17,99 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,40 sFr.
UTB Bd.-Nr. 4199
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Thema

Dieses anspruchsvolle, kompakte und doch leicht verständliche pädagogische Standardwerk von Ulrich Heimlich stiftet zum Reflektieren über den Stellenwert von Spiel im heutigen Erziehungs- und Bildungswesen an. Wege zu Spiel als pädagogischer Ressource und zu Spielräumen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene werden eröffnet. Spiel ist Kulturproduktion; eine Aussage, die bei F. Fröbel und J. Huizinga ebenso hervortritt wie bei Lektüre dieser systematischen und konsequent didaktisierten Aufbereitung. Obwohl Spiel eine grundlegende Handlungs- und Lernform zivilgesellschaftlicher Entwicklung darstellt und seit der Aufklärung Potentiale der Spielpädagogik zum Grundstock pädagogischer Professionalisierung zählen, sind bis heute Trivialisierungen in institutionalisierten Erziehungs- und Bildungsangeboten weit verbreitet. Zyklische Versuche, den professionellen Blick stärker auf die Spielpädagogik zu richten, scheinen an Dogmen wie „nur kindlich“ und „nicht ernsthaft“ abzugleiten. So ist Spiel bis heute in Bildungsplanungen außerhalb der Geltungsbereiche von Elementar- und Grundschulpädagogik weitgehend ausgeblendet oder wird leichtfertig auf Ventilfunktionen reduziert. Erinnert sei mit einem Augenzwinkern an den P. Oestreich zugeordneten Ausspruch, nachdem „Menschen als Erwachsene gelten, wenn sie ihr Spiel als Arbeit bezeichnen“.

Im Hinblick auf pädagogische Suchprozesse nach Konfliktbewältigungsstrategien, nach Strategien der Förderung von Kreativität ebenso wie von Ausdauer und Konzentration ist Spiel zwar durchaus Thema, allein der Stellenwert wirft Fragen auf. Diese treten deutlicher hervor, wenn die Genese von Kunst und Kultur Erwachsener thematisiert werden. Zusammen mit Vergegenwärtigungen zur Spiele- und Unterhaltungsindustrie können sogar mögliche Schieflagen und Ausblendungen professioneller Pädagogik als Folge von „Erblindungen“ gegenüber Spiel gerade auch im Kontext von Alter, Herkunft und Stand vermutet werden. Was vor diesem kurz skizzierten Hintergrund die, erfreulicher Weise nun in der dritten Auflage erschienene, ‚didaktische Gedankenspielschule‘ für professionelle Pädagogik bietet, wird nachfolgend in dieser Rezension kurz zu umreißen versucht.

Autor

Ulrich Heimlich ist Sonderpädagoge und seit 1994 als Professor für Sonderpädagogik mit dem Schwerpunkt Lernbehindertenpädagogik tätig. Nach Lehrtätigkeiten an den Universitäten Halle a.d. Saale und Leipzig wirkt er seit 2001 an der LMU in München. Über seine Homepage an der LMU und durch Netzpräsenz sind zahlreiche seiner profilierten Beiträge, etwa zu Fragen der Förderdiagnostik, zu Lernschwierigkeiten, zur Didaktik des Unterrichts im Förderschwerpunkt Lernen sowie zu Inklusion und Partizipation, leicht zugänglich.

Aufbau und Inhalt

Nach Vorwort und Einleitung mit Verweisen zur Bedeutung des Spieles für pädagogisches Sehen und Verstehen bietet die Publikation neun ‚runde‘ Kapitel. Diese enden jeweils mit kommentierten Literaturempfehlungen und Spielaufgaben der Aktivierung im Sinne einer spielerischen Schulung des pädagogischen Denkens von, über und mit Spiel. Der Text ist vom Layout sehr übersichtlich gehalten. Die Sprache ist klar. Kernaussagen und Hilfen zum Weiterdenken sind optisch abgesetzt. Eine Reihe eindeutiger und ‚schnörkelloser‘ Grafiken unterstützen das Verstehen. Die wissenschaftliche Fundierung stützt sich auf deutlich über vierhundert (sic!) Literaturhinweise. Die sorgfältige Bearbeitung umfasst zudem noch einen Handapparat mit Sachregister, ausgewählten Kontaktadressen und einem Glossar.

Bereits der äußere Rahmen offenbart, dass Ulrich Heimlich kompakt, bescheiden im Titel als Einführung und im Vergleich auch preiswert, wohl nahezu all das bietet, was sonst von Herausgebergruppen mit unterstützenden Stäben erstellt wird und dann in der Form von umfangreicheren Handbüchern zu finden ist. Der ansprechende Ersteindruck des Durchblätterns und Überfliegens wird bei der Lektüre ohne Einschränkung bestätigt.

Das erste Kapitel „Spiel und Entwicklung – eine multidimensionale Perspektive“ richtet den Blick auf „Spiel als Tätigkeit“, auf „Entwicklung der Spielformen“ sowie auf „Theorien des Spiels“ bevor dann die „Multidimensionalität des Spiels“ zusammenfassend herausgestellt wird.

Nach Anstiftungen zum weiter Denken über Lektürehilfen und Spielaufgaben werden im zweiten Kapitel „Spiel und Lebenswelt – eine ökologische Orientierung“ schrittweise personale, interaktionale und ökologische Perspektiven eröffnet und dann in Kernaussagen zu „Spiel, Spieltätigkeit und Spielsituation“ gebündelt. Lese- und Denkhilfen runden dieses Kapitel ab.

Das dritte Kapitel „Spiel und Erziehung – ein historischer Rückblick“ bietet Kontextualisierungshilfen von der Antike bis in die Gegenwart, wobei die Ausführungen etwas länger bei gewohnten älteren und neueren Klassikern verweilen, bis dann in knapper Form die Gegenwart erreicht wird. Wieder beenden Lese- und Denkanregungen den Abschnitt.

Pädagogik der Spielsituation – eine arbeitsfeldübergreifende Konzeption“ ist die Überschrift des vierten Kapitels. Verhandelt werden „Pädagogik der Spielmittel“, „Pädagogik des Interaktionsspiels“, wobei eigens auch Aggression und Gewalt aufgegriffen werden, „Pädagogik des Spielraums“ „Pädagogik der Spielzeit“ und „Spielen in der Schule“. Einordnungen bietet dann „Spielen in der Moderne“. Lese- und Denkhilfen runden auch dieses Kapitel ab. Diese eher auf Verstehen von Spiel als pädagogischem Potential ausgerichteten Abschnitte werden schrittweise in den folgenden Kapiteln um Perspektiven des professionellen spielpädagogischen Gestaltens erweitert.

Das fünfte Kapitel, „Spiel und Methodik – pädagogische Handlungsmöglichkeiten“, weist „Wirkungen spielpädagogischen Handelns“ aus, erläutert „Prinzipien spielpädagogischen Handelns“, zeigt „Formen spielpädagogischen Handelns“ auf und bietet in „Spiel und Intervention“ positionierende Klärungshilfen. Selbstverständlich bietet auch dieser Abschnitt wieder didaktisierte Lese- und Denkanregungen.

In „Spiel und Didaktik – Hilfen zur Planung und Reflexion“, dem sechsten Kapitel, werden Grundfragen des Planens unter lang-, mittel- und kurzfristiger Perspektive verhandelt und positionierend in „Spielen und Planen“ die scheinbare Antinomie von Spiel und Didaktik auflösend bilanziert. Passend hierzu sind die Lese- und Denkhilfen auf didaktische Anregungen ausgerichtet.

Im siebten Kapitel „Spiel und Beobachtung – Wege zur Spielforschung“ zentrieren die Ausführungen auf erziehungswissenschaftliches Spielbeobachten als Basis von „Spielen und Verstehen“. Lese- und Denkanregungen stiften auch hier wieder zu eigenen Schritten an.

„Spielförderung“, „Spieltraining“, „Spieltherapie“ sowie „Spiel als Inklusion – Inklusion als Spiel?“ werden unter dem Begriff der Teilhabe im achten Kapitel „Spielförderung und Spieltherapie – heil- und sonderpädagogische Aspekte“ ausgewiesen, wobei die Lese- und Reflektionsimpulse den Transfer sonderpädagogisch ausgerichteter Aussageführungen in die pädagogischen Nachbarprofessionen erleichtern.

Im letzten Kapitel, „Spielpädagogik und Qualifikation – vom Spielen-Lernen zum Spielen-Lehren“ erfolgen exemplarische Positionsbestimmungen zum „Spiel im erziehungswissenschaftlichen Studium“ und Konkretisierungen zum „Projekt – ‚Spiel‘ in der Erzieherinnenausbildung“. Gerade der Verweis auf die Erzieherinnenausbildung zeigt, höflich aber deutlich, den Entwicklungsbedarf akademischer Professionalisierung in Sachen Spielpädagogik. Ulrich Heimlich bietet hierfür fünf Merkpunkte kritisch-reflexiver Selbstvergegenwärtigung, die, wie dieses Buch, selbst gelesen werden sollten.

Diskussion

Respekt! In stringenter Ausrichtung bietet dieses Standardwerk eine sorgfältig fundierte und aufbereitete Übersicht zur Spielpädagogik als Indienstnahme von Spiel für pädagogische Zwecke in kompakter sowie leicht lesbarer Form. Eine klare Sprache, eine übersichtliche Strukturierung des Textes mit Lese- und Verständnishilfen sowie sehr pointierte Grafiken und kontextualisierte Literaturhinweise – mehr kann und sollte von einer Einführung in ein Kernfeld von Pädagogik nicht erwartet werden.

Wohl gerade auch weil es Ulrich Heimlich vorbildlich gelungen ist, seine Ausführungen prägnant und damit frei von Ballast zu halten, eröffnet die Publikation Qualitäten, welche über die Einführungsfunktionen hinausreichen: Es stiftet zum Nachdenken über pädagogische Professionalisierung an. Positionierungen von Spielpädagogik „zwischen Staat und Markt“ (DGfE), Fragen der Legitimation im Bologna-Prozess sowie auch grundlegende pädagogische Positionsbestimmungen werden in der Schrift angerissen. Die Fachdiskussionen auf Förderpotentiale fokussierend, spiegelt die Darstellung jedoch auch die Dominanz neo-liberaler Denkmuster didaktischer Diskussionen. Denn Spiel als traditioneller Gegenpol zu Arbeit und Spiel, auch im Sinne Fröbels, als selbstbestimmter, neuhumanistischer, durchaus emanzipativer Lernweg der Humanisierung aller Lebensalter klingen zwar an, werden jedoch der Ausrichtung an klassischen und neueren Konzepten der Aktivierung über Spiel als Strategie des Erreichens und systematischen Förderns Heranwachsender untergeordnet. Wohl gerade durch diese pädagogische Rationalisierung des Spiels gelingt Ulrich Heimlich als Didaktiker seine besonders klare und prägnante Darstellung.

Zu berücksichtigen bleibt, dass vertiefende Diskurse zu kritischen Aufarbeitungen der sozialen Potentiale des „Freien Spiels“ allein schon aus Gründen der thematischen Komplexität nicht Inhalt von Einführungen sind oder sein sollten. Ebenso wenig kann eine kompakte Übersicht den Ort und den Raum für ein Verhandeln von Fragen einer sozial- und generationengerechteren Zukunftsgestaltung in Spielräumen gesellschaftlicher Entwicklung bieten, wo es doch zunächst darum gehen muss, innerhalb von Pädagogik auf das zu verweisen, was professioneller Stand des Wissens der Spielpädagogik ist. Besonders zu würdigen bleibt daher, dass Ulrich Heimlich Maßstäbe dafür setzt, den Stand der Profession im Rahmen einer Einführung in die Spielpädagogik kommunizierbar so zu bündeln, dass sich mögliche diskursive Vertiefungen auf fundierte Grundlegungen stützen können.

Fazit

Dem Standardwerk von Ulrich Heimlich bleibt ein noch wesentlich größerer Rezeptionskreis zu wünschen. Gerade angesichts von neo-utilitaristischen Trends, empirisch basierte, stark defizitorientierte curriculare Nachjustierungen vorzunehmen, eröffnet die Spielpädagogik zu selten mitgedachte Ressourcenorientierungen für alle Lebensalter und Lebenslagen. Zu hoffen bleibt, dass über die Spielpädagogik ein größeres curriculares Eröffnen von Spielräumen für ein phantasievolles, sozial-verträgliches und mehr Selbstbestimmung förderndes und forderndes Verstehen und Umgehen mit den Fragen der Welt erwirkt werden kann.

Rezension von
Prof. Dr. Dirk Plickat
Ostfalia, Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbuettel, Campus Suderburg, Fakultät Handel und Soziale Arbeit, Forschungs- und Lehrfeld: Bildung und Beschäftigung. Nach langjähriger pädagogischer Praxis in Jugendhilfe und Schule als Erziehungswissenschaftler in Hochschule in Schnittfeldern von Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie beruflicher Bildung (auch historisch und vergleichend) tätig
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Es gibt 31 Rezensionen von Dirk Plickat.

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Zitiervorschlag
Dirk Plickat. Rezension vom 03.07.2015 zu: Ulrich Heimlich: Einführung in die Spielpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. ISBN 978-3-8252-4199-5. UTB Bd.-Nr. 4199. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18063.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


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