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Constanze Landerer: Sprachheilpädagogik im Wechsel der politischen Systeme

Cover Constanze Landerer: Sprachheilpädagogik im Wechsel der politischen Systeme. Theorie und Praxis sprachheilpädagogischer Arbeit zwischen 1929 - 1949. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 328 Seiten. ISBN 978-3-7815-1985-5. D: 45,00 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 59,90 sFr.
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Thema

Die Einleitung beschreibt die Sprachheilpädagogik als „eine anwendungsorientierte Fachdisziplin, der es nur punktuell gelungen ist, den Weg der Überlegungen zu Rehabilitation und Therapie zu verlassen, um sich kritisch reflektierend mit ihrem Umgang mit Menschen mit Sprachstörungen auseinanderzusetzen.“ (S. 9). Als wichtigstes Ziel der Arbeit wird die Beschreibung des „Bedingungsgefüges“ sprachheilpädagogischer Arbeit in der Zeit des Nationalsozialismus (NS) genannt, welche auch die unmittelbare Nachkriegsentwicklung beleuchten könne. Als ein Teil diese Bedingungsgefüges wird das stark ausdifferenzierte, segregierende Sonderschulsystem gesehen, welches Deutschland im Gegensatz zu anderen Staaten charakterisiere und heutzutage sogar noch die Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen erschwere.

Die Geschichte der Sprachheilpädagogik beginnt in den 1920er Jahren; die Autorin schildert die komplexe Situation mit Sprachheilschulen und Sprachheilkursen sowie kombinierten Schulen für schwerhörige und sprachbehinderte Kinder; nach dem 2. Weltkrieg wurden sowohl in der BRD als auch der DDR die Sprachheilschulen bevorzugt.

Die Einleitung beschreibt weiter den Forschungsstand, daraus folgende „Überlegungen zu einer Historiographie der Sprachheilpädagogik“ und Fragestellungen, Methodik und Quellen der Arbeit, sowie die Verwendung von Fachtermini.

Aufbau und Inhalt

Kapitel 1, „Theoretische Verortung der Sprachheilpädagogik im untersuchten Zeitraum“, beginnt mit einer Diskussion der verschiedenen Begriffe im Umfeld der Sprachheilpädagogik und leitet dann zum Begriff der „Völkischen Sonderpädagogik“ über, welche als Ziel ihrer Maßnahmen die Befähigung der sprachbehinderten Menschen sieht, Leistungen für die Volksgemeinschaft zu erbringen; diese Auffassung steht in Verbindung mit dem Konzept der „Rassenhygiene“.

Kapitel 2 wertet die „zeitgenössischen gedruckten Quellen“ aus, beginnend mit den Autoren Gerhard Geißler, Adolf Lambeck, Alfred Rösler, Otto von Essen und Herbert Weinert, sowie den „Sprachärzten“ Emil Fröschels und Hermann Gutzmann, denen die einschlägigen Zeitschriften (Die deutsche Sonderschule und die Zeitschrift für Kinderforschung) folgen. Dem schließt sich eine ausführliche Übersicht über die „Veröffentlichungen der Sprachheilpädagogik von 1929 bis 1949“ an, mit Statistiken zu Anzahl, Autoren und Themengruppen. In einer Tabelle fasst die Autorin die Inhaltsanalyse zu den Veröffentlichungen zwischen 1933 und 1945 zusammen, geordnet nach „Dimensionen“ (z.B. „Rasse und Menschenbild“), deren Unterkategorien (z.B. „Sprachstörungen und Rasse“), jeweils versehen mit Textbeispielen, um danach die verschiedenen „Ideologeme“ zu diskutieren.

Kapitel 3 diskutiert im Untersuchungszeitraum vorherrschende „grundlegende Konzepte“ wie „Sprachstörung“, deren Unterklassifikation und Diagnose mit Beschreibung der verwendeten Testverfahren und ihrer Ergebnisse, danach heilpädagogische Konzepte, Lehrpläne und Methoden in der Weimarer Republik, im NS-Staat und in der unmittelbaren Nachkriegszeit. In letzterer stellt sie die teilweise Weiterführung von Inhalten der NS-Zeit fest, die sie in einer Überblickstabelle illustriert. Kapitel 3.4 beschäftigt sich mit dem „Einfluss des Taubstummenbildungswesens auf die … Sprachheilpädagogik“.

Kapitel 4 schildert unter „Wirkungsorte sprachheilpädagogischer Arbeit“ die verschiedenen Institutionen (Sprachheilschule, -klasse, -kurs, Schulen für „hörgeschädigte Kinder“, Sprachheilpädagogischer Kindergarten, Hilfsschule, Beratungsstelle), Kapitel 5 wendet sich dem Thema „Sprachheilschüler“ zu, Kapitel 6 „Sprachheillehrer[n] und ihre[r] Ausbildung“.

Kapitel 7 diskutiert den „Wechsel der politischen Systeme“ und dessen Auswirkungen auf die Sprachheilpädagogik. Hier geht die Autorin insbesondere auf das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ sowie auf die „Gleichschaltungsprozesse“ im Gefolge der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten (Reichsschulgesetz von 1938, NS-Lehrerbund, Schulung bzw. Ausbildung von SprachheillehrerInnen in der NS-Zeit) und die Entnazifizierung, sowie das „Gesetz zur Demokratisierung der Schule“ in der Sowjetischen Besatzungszone ein.

Kapitel 8 bietet als Exkurs die „Wiederaufnahme der sprachheilpädagogischen Arbeit aus Sicht der Akteure“ mit den eindeutig wertenden Untertiteln „Legende vom Neuanfang“, bezogen auf Berlin und Hamburg. Dem folgt eine „Zusammenfassung der Ergebnisse“, die auch Anschlussforschung motivieren will.

Ab Kapitel 2 finden sich am Ende von Kapiteln, teilweise auch Unterkapiteln Zusammenfassungen („Fazit“). Der Anhang enthält Zahlenangaben zu sprachheilpädagogischen Institutionen, Artikel von Gerhard Geißler (welcher auch beim „Neuanfang“ der Nachkriegszeit eine wichtige Rolle spielte) und Paul Bartsch aus dem Jahr 1934 als Beispiel für Texte kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, sowie verschiedene Unterlagen zur sprachheilpädagogischen Arbeit.

Quellen- und Literatur- sowie Tabellen- und Abkürzungsverzeichnis schließen das Buch ab.

Diskussion

Das Buch ist eine sehr sorgfältige und umfangreiche historische Darstellung der Sprachheilpädagogik insbesondere der NS-Zeit. Leider fällt – entgegen der Ankündigung durch den Titel – die Darstellung der Zeit vorher und danach etwas mager aus: Einerseits wäre die Herstellung von Bezügen zwischen den Ansätzen der Weimarer Republik und verschiedenen psychologischen bzw. biologischen Theorien sowie politischen Lagern seit Beginn des 20. Jahrhunderts sehr hilfreich für ein umfassendes Verständnis der Lage in den 20er Jahren, andererseits dürfte die Nachkriegszeit nicht in kurze Unterkapitel und einen recht kurzen (und historisch kontextlosen) „Exkurs“ verbannt werden.

Die Wahl des Endes des Beobachtungszeitraums mit 1949 macht auch die - politisch-ethisch nachvollziehbare – Bezugnahme der Autorin zu aktuellen Aufgaben der Sprachheilpädagogik im Rahmen inklusiver Behindertenbildung schwierig, weil der Zeitraum zwischen 1949 und dem Paradigmenwechsel in Behindertenpolitik und -bildung ab den 1970-90er Jahren zwangsläufig fehlt. Diese Kritik schmälert die Qualität der Arbeit, an der nichts auszusetzen ist, nicht (wahrscheinlich sollte jeder der genannten Epochen eine eigene - mit den jeweils anderen vernetzte - Arbeit gewidmet werden), sie verdeutlicht nur ihren Fokus.

Fazit

Ein sehr gutes Buch, das sowohl als Informationsquelle als auch als Ausgangspunkt für weitere Arbeiten geeignet ist.


Rezensent
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 20.04.2015 zu: Constanze Landerer: Sprachheilpädagogik im Wechsel der politischen Systeme. Theorie und Praxis sprachheilpädagogischer Arbeit zwischen 1929 - 1949. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. ISBN 978-3-7815-1985-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18065.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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