socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Hans-Jürgen Seel: Beratung. Reflexivität als Profession

Cover Hans-Jürgen Seel: Beratung. Reflexivität als Profession. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2014. 269 Seiten. ISBN 978-3-525-40368-6. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 38,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das vorliegende Buch gibt den Versuch wieder, die unterschiedlichen Beratungsansätze mit dem Ziel einer prüfbaren Professionalität auf eine gemeinsame Grundlage zu stellen, von der aus dann auch Qualitätsdifferenzierungen vorgenommen werden können. Solche hält der Autor auch aus seiner Verbandstätigkeit-Sicht heraus für überfällig.

Autor

Der Autor ist promovierter Dipl.Psychologe, war Prof. an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der TH Nürnberg und gehört dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Beratung (GDfB) an. Er hat zudem Erfahrungen in verschiedenen Beratungsfeldern.

Entstehungshintergrund

Beratung spielt in postmodernen Gesellschaften mit ihrer hohen Diversität von Lebensvorstellungen und ihren überbordenden Informationsmengen eine zunehmend wichtige Rolle als Hilfe zur Orientierung von Individuen, Gruppen und Organisationen. Hierzu gibt es eine Vielzahl von theoretischen Zugängen und Methoden- diese will der Autor nicht nachzeichnen, da hier reichhaltige Literatur vorhanden ist. Was dem Autor fehlt, sind Ideen und Vorschläge, Gemeinsamkeiten von bestehenden Ansätzen herauszuarbeiten, anhand derer dann auch Möglichkeiten zur Abgrenzung von un- und semiprofessionellen Angeboten und zur qualitativen Einordnung wirklich professioneller Hilfen entwickelt werden können bis hin zur Formulierung von Ausbildungsmerkmalen und (geschützten) Berufsidentitäten.

Durch seine Verbandstätigkeit ist der Autor seit Jahren mit dieser Diskussion befasst und „wagt“ im vorliegenden Buch diese Diskussion konkret über die Verbandsgrenzen hinaus zu tragen, indem er einen Vorschlag für eine gemeinsame Fundierung von Beratung macht.

Aufbau

Das Buch ist in vier Teile eingeteilt, die ihrerseits untergliedert sind- ein dreiseitiges Inhaltsverzeichnis gibt hierüber Auskunft (vgl. www.v-r.de/de/). Ein Literaturverzeichnis schließt sich an und das Werk ab.

Inhalt

Nach einem Vorwort, in dem der Autor die Grundkonzeption des Buches mit Hinweis auf ihren zur Diskussion motivierenden Charakter und deren Vorläufigkeit hinweist, widmet sich der Teil I der „Beratung als Profession“. Der Autor verdeutlicht hier, dass Beratung im gesellschaftlich-politischen Kontext eingeordnet werden muss, um ihren Stellenwert zu definieren. Er tut dies mit Verweis auf soziologisch-psychologische Modelle und findet hier das Modell der Reflexivität am brauchbarsten und überzeugendsten: mit Verweis auf Beck u.a. sieht er Reflexivität als Charakteristikum der postmodernen Gesellschaft. Beraterische Tätigkeit dient so dem/den (überforderten) Individuum, Dyaden und Gruppen als Mittel der (Selbst-)Klärung. Soll die Vielfalt von verschiedenen Beratungs-Theorien und -Methoden bewusst nicht aufgegeben werden, so stellt sich dennoch die Frage nach gemeinsamen Bewertungs- und Einordnungs-kriterien. Der Autor „sucht“ nach – wie er sagt- einer Brückenterminologie und findet diese quasi als gemeinsame Wissensbasis im Konzept der Symbolisierung. Diese bezeichnet in verschiedenen fundierenden Wissenschaftsbereichen (Philosophie, Soziologie, Sozial-psychologie werden genannt) die „…aktive Tätigkeit des Menschen, weshalb nicht der Symbolbegriff, sondern eben die Verbalform des Symbolisierens verwendet wird. Wir gehen davon aus, dass wir mehr oder weniger ständig symbolisieren, mal mit enger Kopplung an unsere Umwelt durch die Wahrnehmung mal mit allenfalls schwacher Ankopplung wie zum Beispiel in Träumen, Fantasien und ähnlichen Aktivitäten. Außerdem unterscheiden wir zwei verschiedene Modalitäten des Symbolisierens. Die begrifflich-diskursive und die bildlich-ästhetische.“ (S. 39) Der Autor verweist zur weiteren Fundierung auf die Notwendigkeit auf einer Metaebene Beratung zu reflektieren und differenziert hierbei zwischen den konkret-praktischen Beratungsansätzen (z.B. „Beratung organisieren“) und der Nutzung von Beratung zur Reflexion von gesellschaftsrelevanten Prozessen (z.B. Erhebung epidemiologisch relevanter Beratungserfahrungen). (S. 46f).

Im 2. Teil geht es dann um die Symbolisierungen und Symbolisierungspraktiken, wobei zunächst die Symbolisierung mit anderen als Kommunikation dargestellt wird. Seel differenziert auch diese z.B. entlang der angewandten Medien: Sprache, Zahlen und Geld, Bilder-Ikonen-Szenarien sowie Rituale, Tänze, Musik. Symbolisierungspraktiken nehmen einen bedeutsamen Stellenwert innerhalb der reflexiven Beratung ein: Symbolisierungen sind Erscheinungsformen dahinter stehender, allgemeiner Aktivitäten, eben Symbolisierungs-praktiken, je nach Kontext manifestieren sie sich in unterschiedlichen Handlungen- diese führt der Autor am Beispiel von Emotion und Motivation, von Historizität und Biographie, sowie von Handlungen und sozialen Regeln aus.

Teil 3 thematisiert das Subjekt als den Akteur reflexiver Beratung: die Unterkapitel überschreibt der Autor hier mit „Wie wir möglich sind“, „Wer wir sind“, „Was uns möglich ist“ und geht auch auf Phänomen von Macht und Herrschaft, Selbstgestaltung des Individuums und auf das Management reflexiver Prozesse der Subjekte ein.

Da jede Profession sich inhaltlich verständigen muss über gemeinsames Wissen und dessen praktische Um- und Einsetzung im Handeln widmet sich der Autor im Teil 4 des Buches diesem Thema. In verschiedenen Beratungsformen konkretisieren sich der Zusammenhang zwischen Beratung und Wissen unterschiedlich- dementsprechend unterscheidet der Autor zwischen „Beratung transitiv1“ „Beratung tansitiv2“ und „Beratung reflexiv 1“ und „Beratung reflexiv 2“ und führt dies auf den Seiten 208 ff. aus. Geklärt werden muss allerdings auch, woher Wissen kommt und wie es rezipiert wird und welche Rolle hierbei „Wissenschaft“ einnimmt. Schließlich legt der Autor auch seine Sicht der Institutionalisierung von Beratungswissen in einer geeigneten Infrastruktur (z.B. das Setting von Beratung) dar.

Ein 12-seitiges Literaturverzeichnis schließt das Buch ab.

Diskussion und Fazit

Zunächst ist festzustellen, dass Seel eine gründliche und fachlich fundierte Darstellung einer Konzeptionierung von Beratung in verallgemeinerbarer Form vorlegt und so sicherlich den Versuch einer gemeinsamen Bewertung der vielfältigen Beratungsangebote macht. Das hierzu vorgelegt theoretische Gerüst ist nachvollziehbar entwickelt – seine Brauchbarkeit im auch berufspolitisch-gesellschaftlichen Kontext steht aus. Erst mit einer solchen Evaluation erscheint eine Würdigung möglich. Praktiker, die einerseits konkrete Beratungsarbeit in verschiedenen Kontexten kennen und praktizieren und die gleichzeitig Einblick in die Professionalisierungsdiskussionen in verschiedenen Verbänden haben bzw. diese betreiben können dies besser beurteilen, als der Rezensent.

Diese Einschätzung begründet auch den Hinweis, das an inhaltlicher und kritischer Darstellung derzeit bewährter Beratungsansätze in verschiedenen Kontexten interessierte Leser bei der Lektüre des vorliegenden Buches eher enttäuscht sein werden – ein neuer Beratungsansatz etwa i.S. z.B. der Kooperativen Beratung nach Mutzek (so die denn als „neu“ bezeichnet werden kann…) liegt hier nicht vor. Den auch verbandserfahrenen Leser wird das Buch sicherlich interessieren, so er die vorgelegte Konzeptionierung aus Interna nicht schon kennt.

Eine Bemerkung am Rande: Der Autor symbolisiert die weiblich-männliche Form im Text in einer schrift-ästhetisch fragwürdigen Form: z.B. „Wissenschaftler_innen“ oder „Beratungspraktiker_innen“ (S.12 ff) sollte anderen Autoren nicht zum Vorbild werden…


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
E-Mail Mailformular


Alle 83 Rezensionen von Christian Schulte-Cloos anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 26.02.2015 zu: Hans-Jürgen Seel: Beratung. Reflexivität als Profession. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2014. ISBN 978-3-525-40368-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18073.php, Datum des Zugriffs 08.12.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung