socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Simone Seifert: Der Umgang mit Sexualstraftätern

Cover Simone Seifert: Der Umgang mit Sexualstraftätern. Bearbeitung eines sozialen Problems im Strafvollzug und Reflexion gesellschaftlicher Erwartungen. Springer VS (Wiesbaden) 2014. 386 Seiten. ISBN 978-3-658-05704-6. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 62,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Autorin

Die Autorin Simone Seifert ist Diplom-Soziologin und war mehrere Jahre in der Strafvollzugsforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätig, vorwiegend in einer Projektgruppe, die sich mit der Evaluation von Sozialtherapeutischen Justizvollzugsanstalten befasst. Sie kann als Autorin oder Mitautorin einige Beiträge zur Behandlung von Straftätern in einschlägigen Fachzeitschriften vorweisen.

Enstehungshintergrund

Bei dem 386 Seiten starken Band handelt es sich um die Dissertation der Autorin. Das Buch ist nach einer kurzen Einleitung in drei Teile gegliedert.

Aufbau und Inhalt

Teil 1 (Kapitel 2 & 3) behandelt auf 40 Seiten die Theorie sozialer Probleme. Vom US- Soziologen Robert K Merton erstmals formuliert, entwickelte der deutsche Politik- und Sozialwissenschaftler Michael Schetsche auf Basis dieser grundlegenden Theorie ein ‚Kokonmodell sozialer Probleme‘, auf das sich Simone Seifert im vorliegenden Band bezieht.

Seifert verfolgt die Frage (die die meisten Veröffentlichungen über sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kindern übergehen), wie es kommt, dass dieses Thema in den letzten Jahrzehnten eine solche ‚Karriere‘ gemacht hat, während viele andere unerwünschte und veränderungsbedürftige soziale Sachverhalte bei weitem nicht so hohe Aufmerksamkeit erhalten. Seifert zeigt, wie soziale Bewegungen das Thema aufgriffen, als nicht hinnehmbar skandalisierten und erfolgreich in die Medien brachten. Medien sorgten dann – in Rückkopplung mit ihren Konsumenten – für die erfolgreiche Thematisierung des Problems in der Öffentlichkeit, was Politik und Verwaltung unter Handlungsdruck brachte.

Die Theorie sozialer Probleme dient Seifert dann zur weiteren Analyse der Problemkarriere von Sexualdelikten: ausgehend von der Frauenbewegung in den USA wurde sexuelle Gewalt als „normale männliche Verhaltensweise“ definiert; das Thema gelangte in den 1980er Jahren nach Deutschland. Seine besondere soziale Sprengkraft bestand darin, dass es die bürgerlich-patriarchalische Familie als Ort des Schutzes und der Geborgenheit für schwache Familienmitgliedern in Frage stellte. Die Frauenbewegung definierte diese Problemdeutung erfolgreich in der Öffentlichkeit und erklärte sich als zuständig für die Behandlung des Themas. In der Folge entstanden qualifizierte Arbeitsplätze für Frauen. Medien sorgten für einen ständigen gesellschaftlichen Diskurs, der rasch auf Fachzeitschriften übergriff. Parteien und Verbände nutzten das Thema und boten sich für die Bearbeitung der Probleme an. Jede neue Straftat sorgte für eine weitere Skandalisierung.

Der 2. Teil von 85 Seiten (Kapitel 4 – 7) befasst sich mit kriminologischen Erkenntnissen über Sexualdelikte und Sexualstraftäter und stellt dabei drei Selektionsebenen dar, mittels derer Sexualkontakte zwischen Erwachsenen und Kindern/Jugendlichen gesellschaftlich als `sexuelle Gewalt´ definiert wurden: die erste ist die Dunkelziffer, die dafür sorgt, dass nur ein Teil der Täter (gerichts)-bekannt wird. Seifert konkretisiert, welche Erwartungen die interessierte Öffentlichkeit (sprich Akteurinnen und Medien) an das Sexualstrafrecht haben. Der Staat reagierte auf den Lösungsdruck mit symbolischen Maßnahmen, die eine zweite Selektionsebene darstellen: verschärfte Gesetze und Instrumente, die speziell auf Sexualstraftäter zugeschnitten sind. Repression und Kontrollen wurden verschärft, aber auch besondere Behandlungsmaßnahmen ausgebaut, die für diese Tätergruppen verpflichtend sind – sofern denn ausreichend Behandlungsplätze vorhanden sind. In Kapitel 6 beschreibt die Autorin die Entwicklung des Sozialtherapeutischen Strafvollzugs und schildert die Bedingungen für eine Verlegung von Straftätern in diese therapeutisch ausgerichtete Vollzugsform mit besserer personeller Ausstattung. Hier liegt, so Seifert, eine dritte Ebene der Selektion, die bestimmte Gruppen von Sexualstraftätern von der Therapie ausschließt. Angesichts zu knapper Plätze gelangen anscheinend Sexualstraftäter mit hohem Rückfallrisiko gerade nicht in die Sozialtherapie. Vielmehr erfolgt die Auswahl der Täter nach Kriterien wie ausschließliche Sexualdelinquenz, langes Strafmaß, durchschnittliche Intelligenz und gute Therapiemotivation. Gerade junge Täter, Rückfalltäter, verleugnende und wenig therapiemotiviert wirkende Täter fallen durch das Auswahlraster.

Teil 3 stellt die empirische Untersuchung der Autorin auf 150 Seiten (Kapitel 8 – 11) dar. Seifert vergleicht die Sexualstraftäter in einer sozialtherapeutischen Haftanstalt mit den Sexualstraftätern, die sich im Regelvollzug befinden. Die zahlreichen Tabellen und Beschreibungen sind eine Fundgrube für Leser und Leserinnen, die die Vollzugspraxis in Sachsen-Anhalt studieren bzw. Vergleiche zu Sexualdelinquenten in anderen Bundesländern anstellen wollen. Es finden sich Angaben zu Alter, Bildung, Nationalität, Familienstand, Zahl der Vorstrafen sowie zu den begangenen Delikten. Diese Fakten werden durch einen 45 Seiten starken Tabellenteil im Anhang abgerundet und sollen hier nicht schon aus Platzgründen nicht dargestellt werden.

Fazit und Ausblick von Seifert fallen ernüchternd aus: die öffentliche Wahrnehmung von Sexualdelinquenz fußt auf wenig Sachkenntnis. Politische Akteure und eine erregte (ein doppeldeutiger wie erhellender Begriff) Öffentlichkeit zwingen mit medialer Unterstützung die Politik, sich des Sozialen Problems anzunehmen, der Staat demonstriert Handlungsfähigkeit. Die Strafvollzugpraxis richtet sich aber nach ganz eigenen Kriterien und den begrenzten finanziellen Ressourcen aus. Bei aller Vorsicht der Autorin – so die Begrenzung ihrer Kritik auf das Bundesland Sachsen-Anhalt – fällt sie ein kritisches Urteil. Die derzeitige Ausgestaltung der Sozialtherapie für diese Tätergruppe sei eine Vergeudung von (personellen und finanziellen) Ressourcen, weil die Behandlung nicht die Zielgruppen erreicht, für die sie gedacht war.

Diskussion und Fazit

Aufbau und Gliederung der Arbeit entsprechen üblichen Anforderungen an eine Dissertation; hierzu gehören eine ausführliche Darstellung der angewandten Methoden und statistischen Verfahren, Bezüge zu anderen Studien und detaillierte Darstellung aller (statistischen) Bezüge. Ein kleines Ärgernis: Von 446 Quellenangaben stammen 121 aus der Zeit vor 1999, weitere 80 sind sogar älter als 25 Jahre; Selbst wenn es sich zum Teil um Klassiker handelt, hätte sich der Rezensent einige aktuellere Quellen gewünscht.

Das schmälert aber nicht den Gewinn, den der Rezensent aus der Lektüre gezogen hat und den Leser haben können. Seifert wünscht sich im Vorwort, dass ihr Buch dazu beiträgt, Diskussionen über die Behandlung von Sexualstraftätern anzuregen. Ihr vorgelegtes Material fordert geradezu dazu auf. Seifert löst sich von der vorherrschenden psychiatrisch-psychologisch verengten individualisierenden Sichtweise auf Straftäter, die alle sozialen Bezüge und politische Rahmenbedingungen ausblendet. Sie weist auf das große Potenzial der Soziologie (und der Sozialwissenschaften insgesamt) beim Verstehen von Sexualdelinquenz hin. Gerade ihr theoretischer Teil bietet mit der Darstellung von Sexualdelikten als `Soziales Problem´ eine Möglichkeit, sich von der herrschenden medialen Skandalisierung und Dämonisierung der Sexualdelinquenz zu distanzieren und mehr Sachlichkeit in die Debatte unter Fachleuten einzubringen. Die Lektüre des ersten Teils macht gerade jüngeren Lesern deutlich, wie sich die Problemwahrnehmung entwickelt hat und bietet hierzu eine plausibel erscheinende Bezugstheorie an. Dem Buch ist gerade deshalb eine weite Verbreitung unter wissenschaftlich Tätigen und Praktikern in Straf- und Maßregelvollzug und ambulanten Diensten der Straffälligenhilfe zu wünschen.


Rezension von
Dr. biol. hum. Michael Stiels-Glenn
Kriminologe & Polizeiwissenschaftler M.A. Integrativer Therapeut M.Sc. Supervisor (DGSv)
E-Mail Mailformular


Alle 10 Rezensionen von Michael Stiels-Glenn anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Michael Stiels-Glenn. Rezension vom 11.03.2015 zu: Simone Seifert: Der Umgang mit Sexualstraftätern. Bearbeitung eines sozialen Problems im Strafvollzug und Reflexion gesellschaftlicher Erwartungen. Springer VS (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-05704-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18074.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung