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Hussein Hamdan, Hansjörg Schmid: Junge Muslime als Partner

Cover Hussein Hamdan, Hansjörg Schmid: Junge Muslime als Partner. Ein empiriebasierter Kompass für die praktische Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 211 Seiten. ISBN 978-3-7799-2962-8. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema und Aufbau

Der Islam in Deutschland ist in seiner vielfältigen Struktur für Außenstehende nur schwer durchschaubar. Dieses Buch gibt einen Überblick über die Organisationslandschaft des Islams und fokussiert auf die muslimische Jugendarbeit. Es wird die Jugendarbeit von neun muslimischen Akteuren vorgestellt. Die Vorstellung dieser Ansätze muslimischer Jugendarbeit will Einblick in die Jugendarbeit islamischer Einrichtungen in Deutschland gewähren, Orientierung geben für Kontaktaufnahme und Zusammenarbeit und den Dialog anstoßen.

Anhand einer empirischen Studie, die in Kooperation mit der Katholischen Akademie Rottenburg-Stuttgart mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung durchgeführt wurde, werden modellhaft Projekte muslimischer Jugendarbeit in Deutschland vorgestellt. In qualitativen Interviews wurden die Veranstalter der Projekte ausgiebig befragt nach Entstehung und Profil ihrer Arbeit, den Einzelaktivitäten im Projekt, der Zielgruppe und dem Umgang mit der Frage, inwieweit sie Jugendarbeit geschlechtergetrennt oder koedukativ gestalten, welche Kooperationspartner sie haben, inwieweit sie auf haupt- oder ehrenamtliches Personal der Jugendarbeit zurückgreifen, wie es um die Finanzierung bestellt ist und wie sie zukünftige Veränderungsprozesse in ihrer Arbeit sehen. Das Buch greift dann Querschnittsfragen auf, die sich aus der empirischen Forschung ergeben haben, und formuliert abschließend Handlungsempfehlungen für die Weiterentwicklung muslimischer Jugendarbeit in Deutschland.

Die geschieht mit dem Ziel, dass Partner aus der Jugendhilfe, der Jugendarbeit und Jugendbildung für eventuelle Kooperation muslimische Ansprechpartner finden.

Inhalt

Die Einführung erläutert, dass die Muslime in Deutschland ca. 5% der Bevölkerung ausmachen und mit einem Durchschnittsalter von ca. 30 Jahren eine junge Bevölkerungsgruppe darstellen (S. 10).

Mit Bezug auf eine im Rahmen der Deutschen Islam Konferenz entstandenen Studie wird hervorgehoben, „dass der Glaube bei Muslimen in Deutschland einen hohen Stellenwert genießt“ (S. 16). Muslimische Jugendliche fühlen sich häufig diskriminiert und finden dann – so der Islamtheologie Mouhanad Khorchide – in der Religion eine neue beschützende kollektive Identität (S. 17). Die fehlende Partizipation ist neben der Diskriminierung ein zweiter Grund, der einzelne dazu führen kann, sich radikalen Kreisen anzuschließen. Auch die Suche nach einer eigenen Jugendsubkultur spielt hier herein. Das Internet und die sozialen Medien wurden mit Blick auf muslimische Jugend in Deutschland bereits intensiver erforscht, während verbandliche muslimische Jugendarbeit bisher noch nicht im Fokus stand. Der größte türkische muslimische Verband DITIB hat innerhalb weniger Jahre einen Bundesjugendverband mit 15 Landesverbänden auf die Beine gestellt. Die ebenfalls türkisch geprägte Organisation Milli Görus versucht entsprechend seiner konservativen Ausrichtung eine stärker religiöse Jugendarbeit. Da der Verband in einigen Bundesländern vom Verfassungsschutz beobachtet wird, ergeben sich daraus Schwierigkeiten der Kooperation mit nicht muslimischen Jugendorganisationen; die Aufnahme als Vollmitglied im Mannheimer Stadtjugendring ist gescheitert. Mit Schiffauer vertreten die Autoren die Auffassung, dass sich die junge Generation im Verband „postislamistisch“ von den Älteren absetze und eigene Wege gehe. Zumindest auf kommunaler Ebene sollten „mehr Möglichkeiten der Zusammenarbeit und Beteiligung“ (S. 51) angeboten werden.

Der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) – ebenfalls türkisch geprägt – hat einen Schwerpunkt seiner Arbeit in Schülerwohnheimen. Die Frage, ob das dortige Leben in einer türkisch sprechenden Gemeinschaft die Integration der Jugendlichen in die deutsche Gesellschaft hemmt oder ob die Bildungsförderung in den Wohnheimen die Integration fördert, kann, so die Autoren, nicht eindeutig beantwortet werden. Kritisch gesehen wird die rigide Geschlechtertrennung bis hin zur Ebene der Verantwortlichen; außerdem müssten die verantwortlichen Frauen der (wenigen) Mädchenwohnheime an den runden Tischen mit VertreterInnen der Jugendämter teilnehmen; dass diese Vertretung bisher durch Männer geschehe, „verstärkt kritische Anfragen und Misstrauen“ (S. 60).

Der Bund der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland (BDAJ) kennt dagegen keine Geschlechtertrennung. Er gilt als „moderne Alternative des Islams“, hat aber eine Sonderstellung und kann die sunnitischen Jugendlichen nicht vertreten.

Die Muslimische Jugend in Deutschland (MJD) hat sich in Anlehnung an die Young Muslims UK in Großbritannien gegründet und fällt dadurch auf, dass dort kein Erwachsenenverband im Hintergrund Pate steht und dass hier junge Muslime verschiedener ethnischer Herkunft zusammen kommen. Dem Verband der MJD geht es um die Herausbildung einer deutsch-muslimischen Identität. Wegen ihrer Nähe zur Muslimbruderschaft wird die MJD seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet, wogegen die MJD geklagt hat und weiter klagt. Von ihrer Herkunft her ist sie sicher „einem gemäßigt islamistischen Spektrum zuzuordnen“ (S.75). Viele Kooperationspartner bescheinigen der MJD gute Zusammenarbeit (S. 76).

Die Gülen-Bewegung („Hizmet“) versteht sich als Bildungsinitiative, baut keine Moscheen, sondern engagiert sich in Nachhilfezentren, Schulen und Kindertagesstätten. Ihr wird öfters fehlende Transparenz nachgesagt, was die Hizmet-Bewegung durch neue innerverbandliche Strukturen zu beantworten sucht.

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) ist die Gemeinde der pakistanisch geprägten Ahmadiyya, die unter Muslimen als Sondergruppe zählt: Ihr Stifter Mirza Gulam Ahmad (1939-1908) gilt als Messias. Die Jugendlichen der AMJ sind gut gebildet und fallen durch gemeinwesenorientierte Aktionen auf (Neujahrsputz), aber aufgrund innerislamischer Differenzen gibt es keine Zusammenarbeit mit anderen islamischen Gruppen (S. 93).

Die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland (IGBD) steckt mit ihrer Jugendarbeit noch in den Anfängen, hat aber großes Potenzial, weil sie mit ihren deutschsprachigen Angeboten „ein breites Spektrum an Muslimen anzusprechen“ in der Lage sind (S. 98).

Bleiben am Ende noch die eigenständigen arabischen Gemeinden, die meist keinem Dachverband angehören und ihren Fokus stark auf religiöse Unterweisung legen. Es wurden nur vier Gemeinden untersucht, und es wird beispielsweise der Versuch benannt, die Freitagspredigten wenigstens zusammenfassend auf Deutsch wiederzugeben,

Bei den vorgestellten Modellprojekten wird jeweils der Modellcharakter jeder einzelnen Initiative am Ende hervorgehoben und im Fazit werden die Bedeutung der Professionalisierung der Verbandsarbeit und die Einbindung von Prominenten als wichtige Aspekte benannt. Viele Projekte leiden daran, dass sie zeitlich befristet sind und dass es keine Möglichkeit gibt, die geleistete Arbeit nachhaltig in kontinuierliche Formen zu überführen.

In dem Kapitel „Querschnittsthemen“ wird der hohe Rechtfertigungsdruck benannt, dem Muslime unterliegen, und es wird mit Naika Foroutan beklagt, dass der Islam und die Muslime als nichtdeutsch wahrgenommen und konstruiert werden (S. 163). Als zentrales Diskussionsthema wird hier noch einmal die Frage nach geschlechtshomogener oder geschlechtergemischter Jugendarbeit aufgenommen.

In den Handlungsempfehlungen werden Qualifizierungsangebote durch Jugendring oder etablierte Jugendverbände begrüßt (S. 189), und es wird die Bedeutung des innerislamischen Austauschs und Dialogs hervorgehoben. Bei der Frage nach der Überwachung des Verfassungsschutzes wird empfohlen, die „Emanzipations- und Veränderungsprozesse von Jugendlichen … auch von außen wahrzunehmen“ (S. 192). Zur Geschlechterfrage heißt es abschließend: „Ein Dialog über unterschiedliche religiöse und pädagogische Motive für geschlechtshomogene Jugendarbeit sowie über Fragen der Geschlechtergerechtigkeit und Geschlechtervielfalt ist wünschenswert.“ (S.192)

Diskussion

Hamdan und Schmidt legen ein übersichtliches hilfreiches Buch vor, das zu Recht im Titel als „empiriebasierter Kompass für die praktische Arbeit“ bezeichnet wird. Wer sich in die komplizierte Landschaft des Islams in Deutschland einlesen will, findet hier eine gute Lesehilfe, die auch noch durch Hinweise der Autoren am Anfang erleichtert wird, die erläutern, wo man im Buch die Antworten auf unterschiedliche Fragen findet.

Das Buch setzt bewusst einen Akzent dahingehend, dass die in der Öffentlichkeit vorherrschenden Fragen nach Fundamentalismus, Terrorismus, Demokratie- und Frauenfeindlichkeit nicht das ganze Buch beherrschen. Sie werden nicht ausgeblendet, aber stehen nicht im Zentrum. Ganz in dieser Perspektive wird deshalb auch empfohlen, Programme dialogischer Jugendarbeit mitmuslimischen Partnern nicht immer nur unter dem Blickwinkel der Prävention, sondern der Stärkung der Suche nach Identität und Orientierung zu sehen (S. 165).

Dieser Blickwinkel der nicht unkritischen, im Kern jedoch von Sympathie geprägten Dialoghaltung, den die Autoren wählen, ist nicht nur berechtigt, sondern für den Aufbau von Dialog- und Kooperationsstrukturen unerlässlich. Zugleich ist aber auch zu benennen, dass damit nicht die ganze Bandbreite der noch zu leistenden Forschung zur islamischen Community in Deutschland erfasst wird. Offen bleibt beispielsweise die Frage, inwieweit islamische Jugendarbeit unter bestimmten Bedingungen nicht auch den Prozess einer stärkeren Hinwendung zu fundamentalistischen und demokratiefeindlichen Tendenzen fördern kann. Es sei zu erinnern, dass nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in den neuen Ländern der Bundesrepublik mit Franz-Josef Krafelds (missverstandenem) Konzept einer „akzeptierenden Jugendarbeit“ eine Arbeit mit rechts gefährdeten Jugendlichen auf den Weg gebracht und mit öffentlichen Geldern gefördert wurde, die entgegen Krafelds Intentionen faktisch in manchen Fällen den Aufbau von Neonazistrukturen verstärkt hat.

Auch wenn davon ausgegangen werden kann, dass Moscheegemeinden eher dazu beitragen, Jugendliche von einer Entwicklung zu extremistischen Haltungen und Handlungen abzuhalten, kann nicht ausgeschlossen werden, dass demokratiefeindliche und fundamentalistische Predigten in einzelnen Moscheen Jugendliche in noch weitere Radikalisierung treiben können.

Fazit

Das Buch „Junge Muslime als Partner“ ist ein informationsreicher „Reiseführer“ durch die muslimische (Jugend-)Szene in Deutschland und sollte allen an die Hand gegeben werden, die Austausch- und Kooperationsprojekte zwischen muslimischen und anderen Partnern auf den Weg bringen wollen.


Rezensent
Prof. Dr. Josef Freise
Homepage www.Josef-Freise.de
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Zitiervorschlag
Josef Freise. Rezension vom 12.03.2015 zu: Hussein Hamdan, Hansjörg Schmid: Junge Muslime als Partner. Ein empiriebasierter Kompass für die praktische Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2962-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18080.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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