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Andreas Mairhofer: Nutzerorientierung in der Sozialen Arbeit

Cover Andreas Mairhofer: Nutzerorientierung in der Sozialen Arbeit. Implikationen der Personenkonzepte Klient, Kunde und Bürger. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2014. 264 Seiten. ISBN 978-3-643-12811-9. 34,90 EUR.
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Thema

Thema des Buchs ist die Nutzerorientierung in der Sozialen Arbeit mit den damit verbundenen Implikationen für die Personalkonzepte Klient, Kunde und Bürger.

Aufbau

Diese Veröffentlichung ist wie folgt gegliedert:

  1. Nutzerorientierung und Dienstleistungstheorie
  2. Klientenorientierung
  3. Kundenorientierung
  4. Bürgerorientierung
  5. Schlussdiskussion

Ergänzt werden diese Kapitel durch eine Einleitung, ein Literatur- und ein Abkürzungsverzeichnis.

Inhalt

In der Einleitung bezieht der Autor mit dem einführenden Zitat von Schaarschuch eine klare Position zur Nutzerorientierung, die die Basis für die Entwicklung des Klienten zum Bürger darstellt.

Im ersten Kapitel wird „das“ Dienstleistungskonzept als Basis genutzt, um die Nutzerorientierung aus unterschiedlichen Perspektiven darzustellen. Der Autor diskutiert das Verhältnis der Sozialen Arbeit und der Kategorie Dienstleistung vor dem Hintergrund zweier Diskurszyklen und geht abschließend auf die aktuelle Diskussion, das ökonomische Dienstleistungsverständnis, ein. Aus der Struktur der Dienstleistungsproduktion leitet der Autor die Begründung für die Nutzerorientierung ab. Gleichzeitig weist Mairhofer nach, dass Nutzerorientierung durchaus ambivalent zu sehen ist, bildet sie doch letztendlich das „Mittel zur Erreichung gesellschaftlich definierter Ziele“ (S. 23). Im Schulterschluss mit weiteren Wissenschaftlern betont Mairhofer die aktive Rolle des Nutzers.

Die Klientenorientierung benennt das klassische Personenverständnis innerhalb der Sozialen Arbeit und verweist auf das Ambivalenzverhältnis zwischen Adressaten und professionellen Helfern. Der Autor diskutiert ausführlich Statusdifferenzen, die sich in Machtdifferenzen widerspiegeln. Werden Wissen und Können als Machtquellen identifiziert, identifiziert der Autor sie ebenso als Quelle der Kluft zu Kienten. In Auseinandersetzung mit dem Aspekt der Macht stellt der Verfasser u.a. „Kompetenzanforderungen einer klientenorientierten Professionalität“ (S. 45 ff) vor. Hervorzuheben sind u.a. die kritische Selbstreflexion und die „Einsozialisation in die Praxis“ (S. 47). In Anbetracht neuester internationaler Entwicklungen sind die kritischen Auseinandersetzungen mit den Best Practice Konzepten sowie Evidenzbasierter Modelle Beleg für die Dynamik aktueller wissenschaftlicher Diskussionen. Letztendlich wiederspiegelt dieses Kapitel Ambivalenzen gegenüber der sozialpädagogischen Professionalität.

Im 3. Kapitel wird der Kunde als autonomes, ökonomisches Subjekt als Gegenpol zum Klienten in den Focus der Betrachtungen gerückt. Der „Einzug betriebswirtschaftlicher Denk- und Handlungsmuster“ (S. 12) fordert die Einführung kundenorientierter Strategien. Am Exempel des Persönlichen Budgets wird aufgezeigt und hinterfragt, inwieweit aus dem Adressaten wirklich ein Kunde werden kann. Die Widersprüchlichkeit der Nutzung marktwirtschaftlicher Strukturen und sozialer Dienstleistungen wird unter Bezug auf eine Fülle weiterer Autoren thematisiert und u.a. auf die Machtdifferenzen bezogen. Am Ende bleiben Risiken und Grenzen des marktwirtschaftlichen Denkens und Handelns im sozialen Sektor.

Die Steigerung der Klienten, über Kunden geht hin zu Bürgern. Das Ideal des politischen Subjektes in Bezug zu sozialen Dienstleistungen wird im 4. Kapitel wissenschaftlich analysiert. Ausgehend von einem Abriss zum Bürgerbegriff und -status gilt dieser tatsächlich als Adressat der Sozialen Arbeit. Der Bezug zu den Staatsbürger- und Menschenrechten mündet in direktdemokratische Strategien. Mairhofer diskutiert Strategien der Bürgerorientierung, die in der Endkonsequenz auf die „Bearbeitung des politisch-gesellschaftlichen Rahmens der Sozialen Arbeit abzielen.“ (S. 151) Soziale Arbeit also stärkt den Bürgerstatus von Adressaten und Menschen, deren Bürgerstatus angezweifelt wird bzw. eingeschränkt ist.

In der Schlussdiskussion werden die Personenkonzepte Klient, Kunde und Bürger vor dem Spannungsfeld „zwischen Autonomie/ Freiheit einerseits und Bevormundung/ Gerechtigkeit andererseits“ (S. 13) zusammenfassend skizziert. Eine kritische Würdigung erfährt das „aktivierungspolitische“ Menschen- und Bürgerbild (S. 213). Im Ergebnis der Gesamtanalyse steht das Plädoyer für eine bürgerorientierte Dienstleistungsprofessionalität (S. 231 ff.). Mairhofer endet mit der Erkenntnis und dem Appell: „Will die Soziale Arbeit in ihrer historisch gewachsenen Form überleben, wird sie…nicht umhinkommen, ihren eigenen Fachlichkeits- und Reflexionsanspruch einzulösen und politisch Stellung zu beziehen.“ (S. 235)

Diskussion

„Nutzerorientierung in der Sozialen Arbeit“ geht in die wissenschaftliche Tiefe. Der Autor lenkt seinen analytischen Blick auf die Personenkonzepte Klient, Kunde und Bürger. Und dem Leser wird mit analytischer Schärfe bewusst gemacht, was Nutzerorientierung unter dem Aspekt der Personenkonzepte für die Soziale Arbeit bedeutet. Mairhofer bezieht sich in seiner inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Thematik auf diverse wissenschaftliche Veröffentlichungen und nutzt die Ergebnisse einschlägiger Studien. Die Nutzerorientierung in der Sozialen Arbeit wird auf höchstem wissenschaftlichem Niveau diskutiert und inhaltlich auf eine breite Basis gestellt. Lehrende und Studierende der Sozialen Arbeit müssen diese Abhandlung zum Mittelpunkt des Studiums erheben. Das gesamte Buch und auch einzelne Aspekte wie klientenorientierte Professionalität, Machtdifferenzen, aktivierende Sozialpolitik, moralischer Liberalismus könnten Schwerpunkte ganzer Seminarreihen sein.

Fazit

FachleserInnen finden auf 226 Seiten kompaktes Wissen, und zwar so aufbereitet, dass jede! Zeile die Basis einer wissenschaftlichen Abhandlung sein könnten. Selbst das Literaturverzeichnis ist eine Fundgruppe für weiterführenden Lesestoff. Mit Fachbüchern dieser Art wird die Lust am Lesen, am Studieren, Diskutieren und Weiterforschen geweckt! Ein brillantes Fachbuch!


Rezension von
Prof. Dr. phil. Barbara Wedler
Homepage www.sa.hs-mittweida.de/professuren/prof-dr-phil-bar ...
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Zitiervorschlag
Barbara Wedler. Rezension vom 16.07.2015 zu: Andreas Mairhofer: Nutzerorientierung in der Sozialen Arbeit. Implikationen der Personenkonzepte Klient, Kunde und Bürger. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2014. ISBN 978-3-643-12811-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18081.php, Datum des Zugriffs 04.08.2020.


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