socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wolfram Friedel, Cornelia Petz: Pflege und Betreuung

Cover Wolfram Friedel, Cornelia Petz: Pflege und Betreuung. Eine Orientierungshilfe für Angehörige. C.H.Beck Verlag (München) 2015. 2. Auflage. 56 Seiten. ISBN 978-3-406-68029-8. 5,50 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

In Politik und Medien beginnt man seit Kurzem das Thema pflegende Angehörige zu entdecken, den „größten Pflegedienst der Nation“. Neben guten, beglückenden (häuslichen) Pflegesituationen, ist aber überwiegend zurecht von den Belastungen die Rede, besonders wenn die pflegebedürftigen Menschen von einer Demenzerkrankung betroffen sind und wenn die Pflege lange dauert. Selbst die Kassen entdecken und benennen die Bedeutung der familiären Pflege. Jürgen Graalmann, ehemaliger Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes, sagte z. B. auf dem Deutschen Pflegetag 2015 zur volkswirtschaftlichen Bedeutung der informellen Pflege durch Angehörige, Freunde, Nachbarn und Ehrenamtliche: „Legt man beispielsweise für deren durchschnittlichen Zeitaufwand den Mindestlohn zugrunde, so käme man auf eine Arbeitsleistung von rund 29 Milliarden Euro. Die Ausgaben der Pflegeversicherung insgesamt umfassen aktuell rund 23 Milliarden Euro.“ (www.aok-bv.de/politik/reformaktuell/index_13382.html. Der Link ist nicht mehr aktuell). Man beginnt auch zu verstehen, dass sie in all den Leistungen der Pflegeversicherung, deren Voraussetzungen und den Reformgesetzen drohen, die Orientierung zu verlieren, bzw. diese tatsächlich verlieren, denn selbst die Beratungsmöglichkeiten dazu sind nicht eindeutig bezeichnet und erkennbar. Pflegestützpunkte, die dem abhelfen sollen, sind nicht „wohnortnah“ eingerichtet und diese und die Pflegeberater*innen der Pflegekassen werden nicht von jeder Pflegekasse offensiv beworben. Letztere stehen dazuhin im Verdacht, nicht unabhängig zu beraten. Deshalb gibt es nun ebenfalls zunehmend Veröffentlichungen, die dem abhelfen sollen.

Autor und Autorin

Die AutorInnen dieser Broschüre betreiben das Online Portal www.senporta.de, ein Service für Firmen zu den Themen „Vereinbarkeit von Pflege und Beruf“ und „betriebliche Gesundheitsförderung“. Eingebunden ist eine Seite speziell für betreuende Angehörige – www.hilfeportal.de/ – die allerdings, da das Portal nicht finanziert wird, größtenteils nur noch für die Mitarbeiter*innen der beteiligten Firmen zugänglich ist. Wolfram Friedel, errichtete dieses Portal, weil er die Probleme berufstätiger pflegender Angehöriger am eigenen Leib erfahren hatte, als sein weit entfernt lebender Vater plötzlich betreuungs- und pflegebedürftig wurde. Senporta und das Hilfeportal soll deshalb, ähnlich einer Suchmaschine, alle notwendigen Informationen übersichtlich bündeln, Antworten auf alle Fragen und Lösungsvorschläge anbieten – genau das, was er vermisst hatte.

Aufbau und Inhalt

In den ersten neun Kapiteln (I. Was kommt auf mich zu? II. Pflegeberatung, III. Ratschläge zur Pflege, IV. Organisation der Pflege und Betreuung in der eigenen Wohnung, V. Diagnose Demenz, VI. Leistungen der Pflegeversicherung, VII. Leistungen für vollstationäre Pflege (Pflegeheim), VIII. Leistungen für häusliche Pflege und IX. Zusätzliche Leistungen) wird alles angesprochen und mehr oder weniger kurz erläutert, was betreuende Angehörige wissen und nutzen sollten, wenn sie konkret mit einer Betreuungs- und Pflegesituation konfrontiert sind, oder sich schon darin befinden.

Dazu gehören auch noch das XII. und XIII. Kapitel: „Demenzkranke im Krankenhaus“ und „Nach der Entlassung“.

Alle anderen sieben Kapitel (X. Finanzen und Versicherungen, X. Krankenhausaufenthalt, XIV. Vorsorgeregelungen, XV. Übersicht über Festlegungen, die vorsorglich getroffen werden sollen, XVI. Freizeit gestalten, XVII. Todesfall – was tun? XVIII. Testament) beschäftigen sich mit Themen, die nicht nur pflegende Angehörige, sondern eigentlich uns alle angehen, wenn wir eigene Krankheit und Pflegebedürftigkeit vorausschauend bedenken wollen.

Im Anhang findet man Checklisten: „Plötzlicher Pflegefall“, „Orientierungszeiten zur Pflege (Pflegetagebuch)“, „Feststellung von erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz“, „Auswahl eines Pflegeheims“, „Plötzlich ins Krankenhaus“, „Kosteneinsparung (Kostenvergleich)“, „Formular Aufbewahrungsort Testament“, „Plötzlicher Todesfall“ und ein Register.

Im Vorwort weisen die Autoren darauf hin, dass dieser Ratgeber nur einen allgemeinen Überblick verschaffen wolle und daher kompetente Fachberatung nicht ersetzen könne. Bei nahezu jedem Abschnitt gibt es als „Tipp“ Hinweise auf weiterführende Informationen.

Diskussion

Wer diesen Ratgeber – leider erst – im Fall des Falles zur Hand nimmt, wird vermutlich von der Fülle der Informationen und den Begrifflichkeiten, wie es schon das Inhaltsverzeichnis zeigt, zunächst ‚erschlagen‘. Hilfreich ist es da, dass die Broschüre mit der Situation beginnt, in der eine Familie (so es sie gibt) mit dem Pflege- und / oder dem Betreuungsbedarf von Angehörigen konfrontiert ist. Es geht dann möglichst rasch um Entscheidungen (z B. wer pflegt wo), Überlegungen die bei dieser Entscheidung helfen, welche Voraussetzungen dann geschaffen werden, oder gegeben sein sollten und nicht zuletzt, wie die finanzielle Situation aussieht. Gleich zu Beginn wird dann auf die Sinnhaftigkeit von Beratung hingewiesen, auf Entlastungsmöglichkeiten und Pflegekurse. Erst dann geht die Broschüre ins Detail.

Die Broschüre hat fünf Pluspunkte, beim ersten gibt es dabei trotzdem einen Fehler, beim zweiten und fünften wäre noch ein Stichwort, bzw. Angaben wünschenswert.

  1. Die Broschüre gehört zu den ganz wenigen, die die „Zeitorientierungswerte“ aufführen (S. 41 ff), die der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) bei der Begutachtung zu Grunde legt, um den Pflegekassen eine Zuordnung zu den drei Pflegestufen zu empfehlen. Leider gibt es dabei dann einen Fehler, denn es heißt dazu: „Bei der Einstufung in eine Pflegestufe wird nicht der tatsächlich benötigte Zeitaufwand anerkannt, es werden vielmehr nur die festgelegten Orientierungszeiten in Ansatz gebracht“ (S. 41). Dies ist falsch, das Gegenteil ist richtig! Orientierungszeiten sind nur das und können, je nach der individuellen Pflegesituation, nach unten oder oben abweichen. In den Begutachtungsrichtlinien heißt es hierzu gleich zu Beginn: „Für die Feststellung der Pflegebedürftigkeit und die Zuordnung zu einer Pflegestufe ist allein der im Einzelfall bestehende individuelle Hilfebedarf des Antragstellers maßgeblich. Insofern können und sollen die Zeitorientierungswerte für die Begutachtung nach dem SGB XI nur Anhaltsgrößen im Sinne eines Orientierungsrahmens liefern.“ (Richtlinien des GKV-Spitzenverbandes zur Begutachtung von Pflegebedürftigkeit, S. 111, im Internet www.gkv-spitzenverband.de/pflegeversicherung). Kennt man diese Zeitorientierungswerte, muss man ‚nur‘ bei den Pflegetätigkeiten, die man ausübt überprüfen, ob diese Zeiten für die eigene Pflege stimmen. Es wird damit gleichzeitig deutlich, welche Tätigkeiten überhaupt Beachtung finden. Danach ist es eine einfache Additionsaufgabe, um die Pflegestufe zu errechnen. In der Regel ist zu diesem Thema in Ratgebern immer nur von „Pflegetagebüchern“ die Rede, selbst diese Broschüre nennt dies an anderer Stelle. Die dazu von den Kassen ausgegeben Vordrucke sind nicht sehr nutzerfreundlich. Kennt man die Zeitorientierungswerte, kann man sich diesen Aufwand sparen – pflegende Angehörige haben besseres zu tun.
  2. Beim Kapitel V: „Diagnose Demenz“ (S.12 f.) wird erneut eindringlich darauf verwiesen, wie wichtig Beratung und Information über die Krankheit ist, dazu sind die Alzheimer Gesellschaften die richtigen Adressen. Es wäre wünschenswert wenn hier noch das Stichwort „Validation“ fallen würde. Validation („Wertschätzung“) vermittelt Kenntnisse zum Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen und kann deren Pflege und Betreuung für beide Seiten enorm erleichtern. 1- oder 2-tägige Seminare dazu werden allerdings leider nicht überall angeboten.
  3. Die Broschüre gehört zu den wenigen, die bei der „Verhinderungspflege“ auch auf die „stundenweise“ Verhinderung an einem Tag hinweist.
  4. Im Zusammenhang mit der Patientenverfügung wird erfreulich deutlich gemacht, dass der Bevollmächtigte (und der Betreuer), den Gesetzestext übernehmend, dem Willen des Patienten Geltung zu verschaffen hat und seine Festlegungen gegenüber Ärzten und Pflegepersonal durchzusetzen hat.
  5. Die Broschüre will nur eine Orientierungshilfe sein, dies verstärkt den Rat, dass sie keine kompetente Fachberatung ersetzen kann, diese zu beanspruchen wird einem nachdrücklich nahegelegt. Wünschenswert wäre hier trotzdem auch noch der Hinweis auf ausführlichere Ratgeber und eine Linkliste zu hilfreichen Informationen im Netz.

Fazit

Bis auf wenige Einschränkungen bietet diese „Orientierungshilfe“ wirklich alle Stichworte, die einem bei der Pflege und Betreuung von An- oder Zugehörigen begegnen können und nach denen man fragen könnte, besser sollte. Im weiten Feld der Pflege ist es leider nicht selten Zufall, ob man im richtigen Moment die richtige Information bekommt. „Das hätte man mir doch auch früher sagen können“ ist ein mehr oder weniger wütender Ausruf, den man bei guter Beratung oft zu hören bekommt. Hier ist diese Broschüre hilfreich, weil sie es einem ermöglicht, überhaupt Fragen zu stellen, denn besonders beim plötzlichen Pflegebedarf weiß man gar nicht, was man fragen soll.

Auch wenn ab 2017 die drei Pflegestufen durch fünf Bedarfsgrade ersetzt werden, um das Ausmaß an Unterstützungs- und Pflegebedarf zu bestimmen und damit die Leistungen der Pflegeversicherung, bleibt diese Orientierungshilfe damit weiterhin wertvoll.

Die Broschüre stellt so in der Tat eine „Orientierungshilfe“ dar – aber auch nicht mehr – und würde sich dafür eignen, in Krankenhäusern und von Pflegediensten empfohlen zu werden.


Rezensentin
Dipl. Päd. Barbara Riethmüller
Seniorensprecherin im Landesverband Baden-Württemberg des Deutschen Berufsverbands für Soziale Arbeit e.V. (DBSH), www.dbsh-bawue.de; Landesansprechpartnerin Baden-Württemberg von wir pflegen – Interessenvertretung begleitender Angehöriger und Freunde in Deutschland e. V. www.wir-pflegen.net; Mitglied im Kreisseniorenrat Freudenstadt und Ludwigsburg,
Homepage www.wir-pflegen.net
E-Mail Mailformular


Alle 10 Rezensionen von Barbara Riethmüller anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Barbara Riethmüller. Rezension vom 17.08.2016 zu: Wolfram Friedel, Cornelia Petz: Pflege und Betreuung. Eine Orientierungshilfe für Angehörige. C.H.Beck Verlag (München) 2015. 2. Auflage. ISBN 978-3-406-68029-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18083.php, Datum des Zugriffs 26.07.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!