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Günther Deegener: Risiko- und Schutzfaktoren des Kinder- und Jugendhilfesystems [...]

Cover Günther Deegener: Risiko- und Schutzfaktoren des Kinder- und Jugendhilfesystems bei Prävention und Intervention im Kinderschutz. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2014. 510 Seiten. ISBN 978-3-89967-987-8. D: 40,00 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Autor

Prof. Dr. Günther Deegener, Psychologischer Psychotherapeut, war von 1971 bis 2008 als Diplom-Psychologe an der Abteilung für Kinder und Jugendliche der Universitäts-Nervenklinik Homburg/Saar, später Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, tätig. Er gilt als ausgewiesener Experte zu Fragen der Gewalt gegen Kinder und ist insbesondere Autor eines Standardwerkes zum sexuellen Missbrauch.

Entstehungshintergrund

Die Zahl der Veröffentlichungen zum Kinderschutz ufert immer stärker aus, sodass es selbst dem Fachmann kaum mehr möglich ist, einen Überblick über den gegenwärtigen Stand der diesbezüglichen Praxis und Forschung zu behalten. Der „Praktiker vor Ort“ hat ohnehin schon das Problem, dass er bei seiner Arbeitsbelastung wenig Zeit für ein Literaturstudium zur Verfügung hat. Von daher ist es ein verdienstvolles Unterfangen, in einem Kompendium überblickshaft und in lesbarer Form eine Auswahl der einschlägigen Fachliteratur aufzubereiten, die nach Einschätzung des in diesem Bereich erfahrenen Autors den gegenwärtigen Stand der Praxis und Forschung zum Kinderschutz widerspiegelt.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in acht Teile:

  1. Die letzten 75 Jahre: Was wir heute aus ihnen für uns lernen können
  2. Frühe Hilfen/Frühwarnsysteme zwischen Prävention und Gefährdungseinschätzung
  3. Personelle und strukturelle Risikofaktoren der Helferinnen, des Helfersystems
  4. Probleme des Helfersystems bei Vernetzung und Kooperation
  5. Fehlern vorbeugen und aus Fehlern lernen – aber mit welcher „Fehlerkultur“?
  6. Verbesserte Aus-, Fort- und Weiterbildung
  7. Grundlagen zur empirischen Forschung sowie zur Praxis der Erfassung von Belastungs-/Risikofaktoren und Ressourcen/Schutzfaktoren
  8. Hinderliche gesellschaftliche, politische Rahmenbedingungen für das Helfersystem

Inhalte

Im ersten Teil schlägt der Autor einen Bogen über die letzten 75 Jahre der Entwicklung im Kinderschutz und fragt, was wir hieraus heute lernen können. Er beginnt beim Zeitgeist der 50er bis 70er Jahre, den damaligen gesellschaftlichen Umbrüchen sowie der damaligen Heimerziehung. Er setzt mit den Diskursen um Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Enttabuisierung/Befreiung der Sexualität und sexuellen Missbrauch sowie den veränderten Erziehungseinstellungen und -verhaltensweisen in Elternhaus und Jugendhilfe fort. Ein Exkurs betrifft delinquente, gewalttätige Kinder und Jugendliche. Abschließend thematisiert der Autor die Würde des Kindes bzw. Jugendlichen als grundlegende Haltung und Einstellung in der Erziehung sowie repressive vs. proaktive Sexualpädagogik.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit Frühe Hilfen in ihrer Rolle als Frühwarnsysteme zwischen Prävention und Gefährdungseinschätzung. Der Autor startet mit einem Fallbeispiel und konkretisiert die Probleme exemplarisch an der „Frühen Hilfe für Bochumer Familien“. Dem folgt eine Zusammenstellung von Antworten der Fachwelt und ein Exkurs zur Bedeutung von vertrauensvollen Beziehungen sowie zum Datenschutz für die Kinderschutzarbeit. Sodann setzt er sich mit Problemen der Gefährdungseinschätzung und Diagnostik einer Kindesmisshandlung in der psychosozialen Praxis auseinander, um zum Schluss die Ergebnisse der ersten Metaanalyse zu Frühen Hilfen in Deutschland vorzustellen.

Der dritte Teil setzt sich mit personellen und strukturellen Risikofaktoren der Helfer und des Helfersystems auseinander und beginnt mit einem „Risikoinventar“. Dem schließt sich eine Analyse der Ursachen im Fall Kevin in Bremen an. Es folgen Modellvorstellungen zur Erfassung der Risiko- und Schutzfaktoren bei Klienten/Familien sowie Fachkräften bzw. beim Helfersystem. Danach wendet sich der Autor den Einstellungen und Haltungen bei der Umsetzung der Risiko- und Schutzfaktoren-Modellvorstellungen sowie der Notwendigkeit der Selbstreflexion und des systemischen Denkens zu. „Schwierige“ Klienten und „schwierige“ Fachkräfte führen zu „schwierigen“ Beziehungen, die den Kinderschutz belasten. Dies führt zu der Frage, ob Standardisierungen, Strukturierungen, Verfahrensabläufe, Checklisten, Diagnoseschemata usw. der Verkümmerung der Beziehungen nicht Vorschub leisten? Eine verbesserte Partizipation der Familienmitglieder wäre demgegenüber grundlegend für einen gelingenden Hilfeprozess. Hier haben sich in der Vergangenheit Missverständnisse beim „Paradigmenwechsel“ vom Jugendwohlfahrtsgesetz zum Kinder- und Jugendhilfegesetz gezeigt, während sich heute die Ökonomisierung der Heilberufe negativ auf die Beziehungsqualität und den Hilfeprozess auswirken.

Im vierten Teil zu Problemen des Helfersystems bei Vernetzung und Kooperation konzentriert sich der Autor auf fünf Aspekte: die Notwendigkeit von Vernetzung/Kooperation; die realistische Einschätzung der eigenen Erkenntnismöglichkeiten, insbesondere der notwendigen Achtsamkeit auf Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehler, die Fehlentwicklung von Vernetzungssystemen hin zu „Organisations-Ungeheuern“, die effizienzerhöhenden (Steuerungs-)Merkmale von Netzwerken und die Probleme einer effektiven Vernetzung im überlasteten Jugendhilfe- und Kinderschutzsystem angesichts fehlender personeller und zeitlicher Ressourcen.

Der fünfte Teil widmet sich der Aufgabe Fehlern vorzubeugen und aus Fehlern zu lernen - aber mit welcher „Fehlerkultur“? Zu dem Zweck werden kurz die Geschichte der Fehlervermeidung in Deutschland sowie der systemische Ansatz zur Fehlerentstehung und -vermeidung skizziert. Wer trägt die Verantwortung für Fehl(er)entwicklungen und welche Formen dialogischer Qualitätsentwicklung sowie welche Organisationen unterstützen Fehleroffenheit? Der Teil schließt mit einem Abschnitt zur Kultur der Achtsamkeit in Organisationen.

Der sechste Teil behandelt differenziert Fragen verbesserter Aus-, Fort- und Weiterbildung für Personen, die in der Kinder- und Jugendhilfe, insbesondere im Kinderschutz tätig sind.

Der siebte Teil widmet sich der empirischen Forschung sowie der Praxis der Erfassung von Belastungs-/Risikofaktoren und Ressourcen/Schutzfaktoren. Es wird zunächst eine empirische Untersuchung zur Erfassung von Risikofaktoren für den Zeitraum Früher Hilfen exemplarisch vorgestellt und sodann die Berechnung und Interpretation von Odds-Ratio erläutert. Es folgen ausgewählte Beispiele heutiger Forschungen zu Risikofaktoren und eine Darstellung der Probleme von Screeningverfahren zur Erfassung des Risikos von Kindeswohlgefährdungen/Kindesmisshandlungen. Das Kapitel schließt mit der Erläuterung der Komplexität der Bewertung von Risiko- und Schutzfaktoren im Praxisalltag des Kinderschutzes.

Der achte Teil ist hinderlichen gesellschaftlichen, politischen Rahmenbedingungen für das Helfersystem gewidmet. Im Zentrum der Darstellung stehen drei Aspekte: die überwertige Beachtung des sexuellen Missbrauchs gegenüber den anderen Formen der Kindesmisshandlung, eine Beschreibung des gegenwärtigen Stands und der Zukunftsperspektiven der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Kinderschutz(-Politik) und schließlich das Übergewicht reaktiven, kontrollierend-überwachenden Kinderschutzes gegenüber zu wenig proaktiver, präventiv-unterstützender Kinder- und Jugendhilfe-Praxis.

Die Schrift schließt mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis, in dem auch Internetquellen ausgewiesen werden.

Diskussion

Die Schrift bietet einen breiten Überblick über den aktuellen fachlichen Stand zum Kinderschutz. Das große Spektrum der Fachdisziplinen kommt durch geschickt gewählte, aussagekräftige Zitate unmittelbar zu Wort. Dem Leser eröffnet sich damit die Möglichkeit, sich selbst ein Bild von den differierenden Ansichten, Positionen und Einstellungen zu verschaffen. Dies gibt einen Anstoß, sich mit den zitierten Positionen kritisch auseinanderzusetzen.

Die Ausführungen vermitteln ein differenziertes Bild und driften nicht einseitig in eine defizitorientierte Darstellung der Kinder- und Jugendhilfe sowie des Kinderschutzes ab. Es werden zu Recht auch deren Stärken herausgestellt und die durchweg gelingende Kinderschutzarbeit gewürdigt.

Der Autor verortet die heutige Kinder- und Jugendhilfe in die Entwicklung der letzten 75 Jahre. In ihr hat sich in der Kinder- und Jugendhilfe sowie im Kinderschutz viel getan. Er empfiehlt daher berechtigterweise, diese Entwicklung und den erreichten Stand nun vertieft zu reflektieren, um nicht in ziellosem Aktivismus zu verfallen.

Natürlich würden andere Fachautoren bei diesem und jenem Thema andere Akzente setzen oder zu anderen Schlüssen kommen. Auch wäre wohl die eine oder andere Ansicht des Autors durchaus zu hinterfragen. Eine gewisse Subjektivität lässt sich bei einem solchen Anliegen jedoch gar nicht vermeiden und wird vom Autor auch gleich zu Beginn offen eingeräumt.

Fazit

Wer einen breiten Überblick über den aktuellen fachlichen Stand des großen Spektrums der Literatur zum Kinderschutz sucht, ist mit diesem einzigartigen Kompendium bestens bedient. Es eröffnet dem Leser die verlockende Möglichkeit, sich ein schnelles und aussagekräftiges Bild über die wesentlichen Ansichten und Positionen der schier uferlosen Literatur zum Kinderschutz zu verschaffen, um sich auf dieser Grundlage sodann eine eigene Meinung bilden zu können. Insgesamt kann das Werk uneingeschränkt empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Els
Fachbereich Soziale Arbeit, Hochschule Niederrhein Datenschutzbeauftragter der Hochschule Niederrhein


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Zitiervorschlag
Michael Els. Rezension vom 15.04.2015 zu: Günther Deegener: Risiko- und Schutzfaktoren des Kinder- und Jugendhilfesystems bei Prävention und Intervention im Kinderschutz. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2014. ISBN 978-3-89967-987-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18085.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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