socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Michael Lichtblau, Daniel Blömer u.a. (Hrsg.): Forschung zu inklusiver Bildung

Cover Michael Lichtblau, Daniel Blömer, Ann-Kathrin Jüttner, Katja Koch, Michael Krüger u.a. (Hrsg.): Forschung zu inklusiver Bildung. Gemeinsam anders lehren und lernen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 361 Seiten. ISBN 978-3-7815-1986-2. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Entstehungshintergrund

Der vorliegende Sammelband ist eine Dokumentation der ersten gemeinsamen Jahrestagung der „Kommission Grundschulforschung und Pädagogik der Primarstufe“ sowie der „Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft“. Die Tagung trug den Titel „Gemeinsam anders lehren und lernen – Wege in die inklusive Bildung“. Bevorzugt stellt dieser Sammelband aktuelle Ergebnisse empirischer Forschung vor, während in einem zweiten Dokumentationsband verstärkt theorie- und praxisorientierte Beiträge bereits veröffentlicht sind (VS Verlag).

Aufbau

Die vorliegenden 22 Aufsätze sind nach zwei Grundsatzbeiträgen zu Beginn folgendermaßen gegliedert:

  • Professionsverständnis,
  • Professionalisierung,
  • Schulentwicklung,
  • Unterricht und Didaktik,
  • Schülerperspektive.

Im Folgenden werden aus den genannten Kapiteln ein oder zwei Beiträge im exemplarischen Sinne vorgestellt.

Ausgewählte Inhalte

Grundsatzbeiträge

Der erste einleitende und englischsprachige Beitrag von Petra Engelbrecht (Canterbury Christ Church University, GB) stellt unter dem Titel „International Perspectives on Teacher Education for Inclusion“ die internationale Entwicklung bezüglich einer auf Inklusion ausgerichteten Lehrerinnen- und Lehrerbildung dar.

Der zweite einleitende Beitrag von Fabian Dietrich und Martin Heinrich „Kann man Inklusion steuern? Perspektiven einer rekonstruktiven Governanceforschung“ untersucht Steuerungsmöglichkeiten in Deutschland. Herausgearbeitet wird u.a. an dem Fallbeispiel einer Integrationshelferin und einer Sonderpädagogin welche Probleme bei der Handlungskoordination im Zusammenhang mit der Positionierung der Regellehrkraft bei der Ausgestaltung schulischer Inklusion auftreten.

Professionsverständnis

Frank Hellmich und Gamze Görel untersuchen anhand einer Studie in ihrem Aufsatz „Einstellungen zur Inklusion und Vorerfahrungen aus dem „Gemeinsamen Unterricht“ bei Lehrkräften in der Grundschule“ Einstellungsveränderungen bei Lehrerinnen und Lehrern, wenn diese praktische Vorerfahrungen besitzen sowie an einschlägigen Weiterbildungen teilgenommen haben. Internationale Befunde weisen auf positive Veränderungen hin. Im deutschsprachigen Raum fehlen aber solche Untersuchungen. In der durchgeführten Studie mit 201 Grundschullehrkräften aus Nordrhein-Westfalen zeigen die Autoren, dass Unterrichtserfahrung und Weiterbildung bezüglich der Inklusion signifikant positivere Einstellungen hervorrufen. Die Unterrichtserfahrung bezog sich dabei auf gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf.

Die Studie von Saskia Opalinski „Einstellungen von Lehrkräften in Thüringen und Finnland“ stellt eindeutig negative und kritische Einstellungen zur Inklusion auf der thüringischen Seite fest. Dies auch auf dem Hintergrund das Finnland mit hoher Inklusionsausrichtung sehr gute PISA-Ergebnisse erzielt. Die Inklusionsquote in Finnland beträgt 86 Prozent während Deutschland mit gegenwärtig 25 Prozent zu den Schlusslichtern in Europa gehört. Es stellt sich aber heraus, dass die genannte kritische Einstellungen der thüringischen Lehrkräfte unmittelbar mit der negativen Einschätzung der schlechten Rahmenbedingen (Klassengröße, Personalausstattung, Arbeitsbelastung) in der Schule zusammenhängt und nicht auf einem grundlegenden Ablehnungsmuster gegenüber der Inklusion beruht. Opalinski empfiehlt eine auf Inklusion ausgerichtete Professionalisierung der Lehrkräfte, die durch fallbezogene Bearbeitung und eigenes pädagogisch-didaktisches Handeln in einen umfassenden Reflexionsprozess einmündet.

Professionalisierung

Silke Trampa legt eine Studie im Forschungskontext der dokumentarischen Methode zum Thema „Lehrerprofessionalisierung bei der Übernahme von gemeinsamen Unterricht – Eine Annäherung an inklusive Entwicklungsaufgaben bei Grundschullehrerinnen“ vor. Ausgehend vom bildungsbiografischen Professionalisierungsansatz werden drei Fallbeispiele dargestellt und erörtert. Die drei interviewten Grundschullehrerinnen unterrichten erstmalig Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf in ihren Klassen. Hinzu kommt, dass die jeweiligen Schulen nicht explizit auf den Unterricht mit heterogenen Lerngruppen ausgerichtet sind. So stellt eine Grundschullehrerin eine Sportstunde als gelungenen Inklusionsunterricht dar, weil dort alle Kinder zusammen sind und ein „Regelkind“ mit einem „Inklusionskind“ partnerschaftlich zusammenarbeitet. Solche episodisch-situativen Ereignisse sind aber für Trampa unzureichend, weil eine reflektierte Darstellung mit Miss- oder Gelingensbedingungen nicht vorhanden ist. Letztlich stellt die Autorin fest, dass die Anerkennung der Schülerinnen und Schüler mit ihrem jeweiligen Lernvoraussetzungen sowohl mit dem Menschenbild der Lehrerin korrespondieren, als auch ein tragfähiges Vermittlungskonzept vorhanden sein muss. Dafür ist aber eine Begleitung und Unterstützung der notwendigen Reflexionsprozesse unerlässlich.

Schulentwicklung

Heike de Boer und Anke Spies konzentrieren sich in ihrem Beitrag „Kooperationssettings im Kontext inklusiver Grundschulentwicklungsprozesse“ insbesondere auf eine fehlende oder doch konzeptionell unzureichende Kooperationspraxis in inklusiv arbeitenden Schulen. Die Verschränkung der Mikroebene des Unterrichts mit der Mesoebene der Schule wirft schulorganisatorische Fragen auf, die beispielsweise die multiprofessionelle Zusammenarbeit grundlegend gestalten. Um Vielfalt in der Schule zu ermöglichen ist eben das Ineinandergreifen von Organisationsstrukturen und Lernkulturen eine nicht hintergehbare Voraussetzung. Belegt wird diese These durch zwei Fallstudien (Koblenz, Oldenburg) und dort erfolgter Befragung der an der Schule beteiligten Akteure. Beteiligte Akteure sind in beiden Fallstudien Schulleitungen, Lehrkräfte und Fachleute der kommunalen Jugendhilfe. Einerseits kommt es zu einem produktiven Kooperations- und Arbeitsverständnis zwischen den Akteuren, andererseits treten aber massive Störungen bzw. Herausforderungen auf, die durch das Ganztagsformat der beteiligten Grundschulen und die dortige Umsetzung des Inklusionsauftrages verursacht werden. Der Schulentwicklungsprozess ist nicht hinreichend, so die Autorinnen, mit der kommunalen Bildungslandschaft kompatibel. Erforderlich sind gemeinsame Konzepte von Schule und Jugendhilfe, dort verankerte symmetrische Arbeitsbeziehungen, verbindliche Strukturen zwischen den Partnern und eine ministerielle Flankierung. Dies sind u.a. die notwendigen Voraussetzungen für ein auf Inklusion gerichtetes multiprofessionelles Personal- und Organisationsmanagement.

Unterricht und Didaktik

„Gestaltung inklusiven Unterrichts in den ERINA-Oberschulen – erste Befunde“ stellt einen Forschungsbefund zu vier wissenschaftlich begleiteten Modellregionen in Sachsen vor (ERINA=Erprobung von Ansätzen inklusiver Beschulung von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Modellregionen). In dem entsprechenden Beitrag von Katrin Liebers, Christian Seifert und Stefan Kolke wird der umfängliche Schulversuch umrissen: sieben Grundschulen, fünf Oberschulen, zwei Gymnasien, sieben Förderschulen und ein berufliches Schulzentrum. Der über mehrere Jahre hinweg angelegte Schulversuch verfolgt folgende Fragestellungen:

  • Inklusionsorientierte Einstellung der Lehrkräfte?
  • Selbsteinschätzung der Lehrkräfte hinsichtlich ihrer Unterrichtspraxis?
  • Unterschiede in der Selbsteinschätzung an Grund- und an Oberschulen?
  • Befunde der Befragung im Kontext der Elternbefragung, den Unterrichtsbeobachtungen und den Schülerleistungstests.

Zunächst zeigt sich, dass sich drei Viertel der betroffenen Lehrkräfte nicht beteiligt haben! Die antwortenden Lehrkräfte stehen der Inklusion positiv gegenüber. Allerdings befürchtet die Hälfte dieser Lehrkräfte eine Beeinträchtigung der Lernentwicklung bei Schülerinnen und Schülern ohne sonderpädagogischen Förderbedarf. Und „82 Prozent dieser Lehrkräfte halten eine Abstimmung des Unterrichtes auf unterschiedliche Lernbedürfnisse unter den gegebenen Rahmenbedingungen für nicht leistbar“ (S. 237). Zweifel an der Leistbarkeit von Inklusion kommen verstärkt von Lehrkräften ohne Erfahrung bezüglich heterogener Lerngruppen. Die Einstellung von Grund- und Oberschullehrern zur Inklusion unterscheidet sich kaum. Eltern stehen der Inklusion aufgeschlossener gegenüber als die Lehrkräfte.

In dem Beitrag „Gestaltung gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf in Klassen mit festem Lehrertandem – Dokumentation anhand eines Unterrichtstagebuchs“ beschreiben Elke Inckemann und Wolfgang Dworschak die Zusammenarbeit bzw. die Gestaltung des Unterrichts einer grundschulpädagogischen und sonderpädagogischen Lehrkraft in zwei Klassen (A und B) der ersten Jahrgangsstufe. Bei dem Erhebungsinstrument des Unterrichtstagebuchs handelt es sich um eine sehr strukturierte Forschungsdokumentation welches von beiden Lehrkräften gemeinsam in acht Schulwochen pro Jahr ausgefüllt wird. Für die Inklusion stabilisiert sich das Unterrichtskonzept „gemeinsamer Beginn, dann differenziert“ für beide Klassen. Unterschiede ergeben sich in der Differenzierungsstrategie in den jeweiligen Klassen. Die Klasse A differenziert durch Material und freien Übungssituationen, während die Klasse B auf Differenzierungsgruppen und Einzelförderung setzt. Unterschiede ergeben sich auch in den untersuchten Bereichen der Unterrichtsformen, Arbeit im Tandem, Rollenverteilung, Unterrichtplanung und Zufriedenheit im Tandem. Die Zufriedenheit ist hoch und beide Tandems betrachten die Kooperation als gelungen. Die Untersuchung findet auch in den Jahrgangsstufen 2, 3 und 4 statt und es wird dort später zu untersuchen sein, wie stark die Zusammensetzung der jeweiligen Klasse (z.B. multiple Förderbedarfe) die Arbeit der Tandems beeinflusst.

Schülerperspektive

Eine Studie zum Thema „Inklusion einmal anders – Lehrstandserhebung in einer inklusiv konzipierten Förderschulklasse“ stellen Britta Gebhard und Anne Schröter vor. Beschrieben und analysiert wird der wissenschaftlich begleitete Modellversuch in der Klasse einer Förderschule mit dem Schwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung, ein Konzept zur schulischen Inklusion umzusetzen. Erprobt werden soll eine „Förderschule für alle“. Die Erziehungsberechtigten der Kinder ohne Förderbedarf sehen Vorteile beim Besuch einer Förderschule durch ihre Kinder (z.B. Förderung sozialer Kompetenz, bessere Lernumgebung). Gleichwohl gab es auch Befürchtungen bezüglich nicht erreichbarer Schulleistungen. Ob sich für Schülerinnen und Schüler ohne Förderbedarf in einer Förderschule schlechtere Schulleistungen ergeben ist dabei die in Deutschland nicht hinreichend untersuchte Fragestellung. Im Rahmen einer Längsschnittstudie soll diese Frage beantwortet werden. Dazu wurde zunächst die Leseleistung, die Mathematikleistung und die sozial-emotionale Befindlichkeit (z.B. Selbstkonzept, soziale Integration) durch entsprechend Tests gemessen. Obwohl die kleine Stichprobe keine Generalisierungen zulässt, stellt sich heraus: „Die Befürchtung der Erziehungsberechtigten, dass sich die Schulleistungen schlechter als an einer Grundschule entwickeln könnten, scheint sich nicht zu bestätigen“ (S. 348). Bei dieser Feststellung muss allerdings berücksichtigt werden, dass es sich um den ersten Messpunkt innerhalb der Längsschnittstudie in einer 1. Klasse handelt.

Diskussion

Der Forschungsband zeigt die ganz erheblichen Bemühungen in den Erziehungswissenschaften, die Durchsetzung und Erweiterung inklusiven Wissens, inklusiver Einstellungen und inklusiven Könnens in Schule und Unterricht zu unterstützen. Entsprechend dieser Ausrichtung stellen Professionsverständnis und Professionalisierung einen thematischen Schwerpunkt im Spektrum der Beiträge dar. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf dem Themenbereich Unterricht und Didaktik. Reflektierte Erfahrungszunahme und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern als ein Forschungsergebnis kennzeichnen den zukünftigen Handlungsbedarf.

Zwar steht die bildungsbezogene Inklusionsforschung am Anfang, gleichwohl zeigt sich schon jetzt, dass eine verbesserte Forschungskoordination eine Perspektive sein muss. Das Thema Kooperation, Handlungskoordination, multiprofessionelle Teams und interprofessionelle Kompetenz unterliegt beispielsweise einer zu großen begrifflichen und konzeptionellen Vielfalt. Eine Lücke in dem Band ist, dass der Begriff und die Praxis der sonderpädagogischen Förderung inhaltlich zu wenig ausgefüllt wird. Generell sei angemerkt, dass der Hauptgegenstand der Forschung, die Schülerinnen und Schüler, vermehrter Aufmerksamkeit bedarf.

Fazit

Die Veröffentlichung stellt einen forschungsbezogenen Grundstein für das noch fertig zustellende Schulhaus der Inklusion dar!


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
E-Mail Mailformular


Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Nr.17581


Alle 89 Rezensionen von Erich Hollenstein anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 03.02.2015 zu: Michael Lichtblau, Daniel Blömer, Ann-Kathrin Jüttner, Katja Koch, Michael Krüger u.a. (Hrsg.): Forschung zu inklusiver Bildung. Gemeinsam anders lehren und lernen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. ISBN 978-3-7815-1986-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18091.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung