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Lars Geiges: Occupy in Deutschland

Cover Lars Geiges: Occupy in Deutschland. Die Protestbewegung und ihre Akteure. transcript (Bielefeld) 2014. 372 Seiten. ISBN 978-3-8376-2946-0. D: 33,99 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 44,60 sFr.
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Thema

Die Occupy-Bewegung formierte sich 2011, angesichts der Wirtschaftskrise und zunehmender Ungleichheit auch in entwickelten Ländern wurde unter dem Schlagwort „Wir sind die 99%“ gegen die Macht der Wirtschaft und v.a. der Banken protestiert. Die Bewegung war vor allem in den USA prominent, es gab allerdings auch in Deutschland Protestcamps und -aktivitäten. Diese sind Gegenstand des vorliegenden Buches ist.

Autor

Lars Geiges (Dr. disc. pol.), Journalist und Politologe, arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen.

Aufbau und Inhalt

Die Grundlage des Buches ist eine umfassende empirische Erhebung, die Einzelinterviews, Gruppendiskussion und teilnehmende Beobachtungen umfasst, und vor allem an den AktivistInnen und ihren Sichtweisen orientiert ist.

In der Einleitung werden der Stand der Forschung sowie die Forschungsfragen dargestellt.

In Kapitel 2 werden theoretische Reflexionen angestellt und die Methoden erörtert. Der Autor folgt einem „entdeckenden Zugang“, er möchte die Bewegung aus der Sicht der AkteurInnen, von „innen heraus“ erfassen (48). Dem dient ein umfassender, qualitativer und sehr offener Forschungsprozess. LeserInnen, die v.a. an der Bewegung an sich interessiert sind, werden dieses Kapitel vielleicht weniger interessant finden, für jene, die selbst zu Bewegungen arbeiten oder methodisch und theoretisch interessiert sind, ist es eine gute Quelle von Information.

In Kapitel 3 werden Ergebnisse der empirischen Arbeit zur Protestbewegung in Deutschland dargestellt. Dabei geht es um zentrale Fragen der Identität, der Aktivitäten und der Organisationsformen dieser Bewegung. So werden etwa die Verbindungen zur Occupy-Bewegung in den USA und zu anderen Protestnetzwerken dargestellt, das Selbstverständnis der AktivistInnen, und die Organisationsformen. Ein wesentliches Merkmal der Bewegungen, die im Zuge der Wirtschaftskrise neben Deutschland v.a. in Spanien und den USA entstanden, waren etwa die Besetzung des öffentlichen Raumes in Form von Camps, also Platzbesetzungen, aber auch die Organisationsform der Asamblea (Benski, Langman, Perugorría, & Tejerina, 2013). Der aus dem Spanischen entlehnte Begriff Asamblea bedeutet „Versammlung“, meint im Rahmen der deutschen (und der amerikanischen) Bewegung allerdings Versammlungen, die dem Anspruch nach offen, egalitär, öffentlich, konsensbasiert und weitgehend unstrukturiert sind. Sie werden als das Instrument direkter Demokratie gesehen.

Dabei wird auch auf Konflikte eingegangen, die z.B. entstanden, wenn TeilnehmerInnen sich nicht an die selbst-gesetzten Regeln für Asambleas hielten, oder wenn Personen Versammlungen oder Camps störten. Auch die oft geäußerte Kritik, die neuen sozialen Bewegungen wären in ihren Zielen zu verschwommen, vielleicht sogar unpolitisch, wird diskutiert.

Kapitel 4 befasst sich mit den AkteurInnen der Bewegung und mit deren Motiven, ihrem Selbstverständnis und ihren Utopien. Der Autor identifiziert vier Erzählstränge bzw. Themen, nämlich erstens Auseinandersetzungen und Konflikte, zweitens Begründungen für das eigene Engagement, drittens gute Erfahrungen mit anderen Demonstrationen und viertens die Beziehung des jetzigen Engagements zu vorheriger politischer Sozialisation.

Kapitel 5 fasst Ergebnisse zusammen und gibt einen Ausblick. Hier geht es zum einen um vielfältige, parallele Ursachen, die zur Realisierung der Bewegung geführt haben, zum anderen auch um interne und externe Faktoren, die die Bewegung schwächten. Als interne Probleme werden u.a. die Organisation, Kommunikation und Entscheidungsfindung genannt, sowie das nicht ausreichende Reagieren darauf.

Diskussion

Das letzte Jahrzehnt wird insgesamt als Phase weltweiter und umfassender Mobilisierung gekennzeichnet (Kaldor & Selchow, 2013). Es wird argumentiert, dass gegenwärtige Gesellschaften als ‚social movement societies‘ gesehen werden können, charakterisiert durch die wachsende quantitative und qualitative Bedeutung von Protest (Quaranta, 2014). Neben der Bewegung der „Empörten“ in Spanien (Ruth Simsa, Heinrich, & Totter, 2015) war auch die Occupy-Bewegung ein wichtiges Element dieser Zunahme des Protests (Graeber, 2012).

Dass diese Bewegung auch in Deutschland aktive Anhänger hatte, ist weniger bekannt, Lars Geiges schließt mit seiner Untersuchung der deutschen Proteste daher eine wichtige Lücke. Das Buch ist allerdings nicht nur in Bezug auf Deutschland relevant, die Bewegungsforschung – und auch das Buch von Geiges – zeigen ja deutlich, dass zwischen den neuen Bewegungen vielfältige Verbindungen in inhaltlicher Hinsicht bestehen (R. Simsa, 2016). Selbst wenn es um die Bewegung in Deutschland momentan ruhig geworden ist – die Camps sind geräumt –, wird das Buch also über den regionalen und zeitlichen Kontext hinaus interessant sein. Auch Geiges weist auf vielfältige Lerneffekte zwischen unterschiedlichen Bewegungen hin. Das Buch kann – v.a. mit seiner Analyse der internen Hemmnisse – ein Beitrag zu dem über Landesgrenzen hinaus gehenden Lernen der Bewegungen und ihrer AktivistInnen voneinander sein.

Das Buch ist die Druckfassung der Dissertation des Autors. Der Aufbau ist dementsprechend „klassisch“. Dies ist vielleicht nicht ganz so leicht lesbar, wie andere, populistischere Werke, aber insofern hilfreich, als ein sehr guter Überblick gegeben wird über den Stand der Forschung, die Forschungsfragen, Theorien der Bewegungsforschung, die Occupy-Bewegung in Deutschland, sowie ihre AkteurInnen und abschließende Reflexionen. Insofern kann man das Buch durchaus als „Schlemmerbüffet“ betrachten – ein Ausdruck den der Autor zur Beschreibung der vielfältigen Theorienlandschaft in der Bewegungsforschung verwendet.

Man merkt dem Buch an, dass der Autor nicht nur sorgfältig recherchiert hat, sondern dass er auch viel Sympathie für sein „Objekt“ aufbringt, der Text ist flüssig geschrieben, mit viel Sachkenntnis und hoher persönlicher Involviertheit, ohne auf wissenschaftliche Korrektheit zu verzichten oder Konflikte und Probleme zu benennen. Man merkt ihm an, dass es eine Dissertation ist, d.h. viele Passagen sind etwas länger und komplizierter formuliert, als es notwendig wäre, aber insgesamt ist das Buch gut lesbar.

Fazit

Das Buch liefert eine umfassende, seriös recherchierte und spannende Analyse der deutschen Occupy-Bewegung. Es ist damit ein wichtiges Zeitdokument und ein guter Beitrag zur Bewegungsforschung.

Literatur

  • Benski, T., Langman, L., Perugorría, I., & Tejerina, B. (2013). From the Streets and Squares to Social Movement Studies: What Have we Learned? Current Sociology, 61(4), 541-561. doi: 10.1177/0011392113479753
  • Graeber, D. (2012). Inside Occupy. Frankfurt, New York: Campus.
  • Kaldor, M., & Selchow, S. (2013). The 'Bubbling Up' of Subterranean Politics in Europe. Journal of Civil Society, 9(1), 78-99. doi: 10.1080/17448689.2013.784501
  • Quaranta, M. (2014). Collective and Private Resources and the Inequalities of Non-violent Political Protest in European Countries. Journal of Civil Society, 10(3), 294-316. doi: 10.1080/17448689.2014.944684
  • Simsa, R. (2016). The new world of work in Social Movements. The Spanish Case. Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für Angewandte Organisationspsychologie (GIO), 47(1), 53-60. doi: 10.1007/s11612-016-0309-7
  • Simsa, R., Heinrich, M., & Totter, M. (2015). Von der Puerta del Sol ins Europaparlament. Organisationale Ausdifferenzierungen der spanischen Protestbewegung. Neue Soziale Bewegungen, 3, 8-17.

Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 14.09.2016 zu: Lars Geiges: Occupy in Deutschland. Die Protestbewegung und ihre Akteure. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2946-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18094.php, Datum des Zugriffs 29.09.2020.


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