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Yasemin Shooman: »... weil ihre Kultur so ist«

Cover Yasemin Shooman: »... weil ihre Kultur so ist«. Narrative des antimuslimischen Rassismus. transcript (Bielefeld) 2014. 260 Seiten. ISBN 978-3-8376-2866-1. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Das Thema des Buches ist die Darstellung der in verschiedenen Diskursen wiederkehrenden Topoi (Argumentationsmuster), die eine Topographie der vorherrschenden antimuslimischen Narrative (Argumentationsketten) bilden. Die Autorin nutzt für ihre empirische Analyse als Quellen Sachbücher, Artikel aus seriösen Printmedien, das Internet und Zuschriften an muslimische Verbände und an die Türkische Gemeinde in Deutschland.

Autorin

Die Autorin leitet die Akademieprogramme Migration und Diversität der Akademie des Jüdischen Museums Berlin. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Rassismus, Islamfeindlichkeit und Medienanalyse. Das Buch ist die überarbeitete Version ihrer Dissertation. Yasemin Shooman wurde im Jahr 2013 am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin promoviert.

Aufbau

Die Autorin hat ihr Buch in sechs Kapitel gegliedert:

1. Einleitung

  • Theoretische Überlegungen zur Diskursanalyse und zum Topos-Begriff
  • Die Bedeutung der Diskursanalyse für die Rassismusforschung
  • Fragestellung und Auswahl der Quellen

2. Historische Traditionslinien und theoretische Einordnung antimuslimischer Diskurse

  • Vom „äußeren Feind“ zum „Anderen im Innern“.
  • Antimuslimischer Rassismus im Kontext der Migrationsgesellschaft / Aushandlung einer deutschen Identität / Traditionslinien des antimuslimischen Rassismus / Musliminnen und Muslime als Europas Andere
  • Keine Frage des Glaubens. Die Rassifizierung von „Kultur“ und „Religion“ im antimuslimischen Rassismus
  • Deterministischer Kultur- und Religionsbegriff / „Weiße“, „christliche“ und „westliche“ Suprematie / Rassifizierung von Musliminnen und Muslimen / „Klasse“ und „soziale Schicht“ / Antimuslimischer Rassismus und Religionskritik / Fazit

3. Geschlechterbilder in antimuslimischen Diskursen

  • Muslimisch, weiblich, unterdrückt und gefährlich. Stereotypisierungen muslimischer Frauen in aktuellen Islam-Diskursen
  • Der argumentative Rückgriff auf die Religion / Funktionen von Geschlechterstereotypen in antimuslimischen Diskursen / Wessen Stimmen werden gehört und wessen nicht? / Der Topos der „gefährlichen Muslimin“
  • Kronzeuginnen der Anklage? Zur Rolle muslimischer Sprecherinnen in aktuellen Islam-Debatten
  • Betty Mahmoodys „Nicht ohne meine Tochter“: Das Paradigma islambezogener „Opfer-Literatur“ / Muslimische Sprecherinnen als „authentische Stimmen“ aus der Minderheit / Argumentationsstrategien im Diskurs der „Kronzeuginnen“

4. Antimuslimische Diskurse in etablierten und neuen Medien

  • Selbst- und Fremdbilder in der medialen Rezeption der ersten Deutschen Islam Konferenz. Eine Fallstudie zu den Tageszeitungen FAZ und DIE WELT
  • Musliminnen und Muslime als Fremde / „Gute“ und „schlechte“ Musliminnen und Muslime / Kultur als Grenzmarkierung: „Deutsche Werteordnung“ und „Leitkultur“
  • Zwischen Alltagsrassismus und Verschwörungstheorien – Islamfeindlichkeit im Internet
  • Das Internet als Kommunikationsmedium / Internationale Vernetzung der islamfeindlichen Internetszene / Das ideologisch geschlossene Weltbild islamfeindlicher Internetaktivisten / Demografie als Kampfmittel / Rassistische Zuschreibungen / Instrumentalisierung von Menschenrechten / Mobilisierungsfunktion und Auswirkungen der islamfeindlichen Internetdiskurse
  • Die Rezeption des Mordes an Marwa el-Sherbini auf islamfeindlichen Webseiten und in Online-Kommentarforen von Zeitungen
  • Täter-Opfer-Umkehr / Leugnung und Relativierung des Tatmotivs / Dehumanisierung: Musliminnen und Muslime als Hass-Objekte

5. Antimuslimischer Rassismus in der nicht-öffentlichen Kommunikation – Zuschriften an muslimische Verbände

  • Gewalt durch Sprache und verbale Diskriminierung: Sprachphilosophische und rassismustheoretische Überlegungen
  • Sprecherpositionen und Schreibanlässe
  • Dominante Topoi und Argumentationsstrategien
  • Fazit

6 Schlussbemerkung

Ausgewählte Inhalte

In den einzelnen Kapiteln analysiert Yasemin Shooman eine Vielzahl von Topoi, die sich von dem jeweiligen Erzähler zu für ihn sinnstiftenden Narrativen zusammensetzen lassen. Beispiele für die von ihr genannten Topoi sind:

  • die vermeintliche Unterlegenheit des Islams und der Muslime,
  • das evolutionäre Gefälle zwischen dem Eigenen und dem vermeintlich Fremden,
  • die drohende „Islamisierung Europas“,
  • die Unintegrierbarkeit der Muslime wegen ihrer unüberbrückbaren Andersartigkeit,
  • die Hierarchie zwischen „kulturnahen“ und „kulturfernen“ Ausländern,
  • die Inkompatibilität von hermeneutisch in sich abgeschlossenen Kulturkreisen,
  • das parasitäre Dasein,
  • den Nützlichkeitstopos,
  • die unterdrückte Muslimin,
  • den Verhüllungstopos,
  • die Gebärfähigkeit der Muslimin,
  • den Topos des „demografischen“ Kampfes,
  • die Forderung nach Vertreibung bzw. Ausweisung der muslimischen Minderheit,
  • die Gleichsetzung des Islam mit dem Nationalsozialismus,
  • den Topos des übersexualisierten muslimischen Mannes,
  • den Kriminalitätstopos,
  • den Topos der Bildungsferne.

Die antimuslimischen Topoi und Narrative erfüllen laut Yasemin Shooman verschiedene Funktionen wie beispielsweise die Abgrenzung nach außen und die Selbstvergewisserung sowie Identitätsstiftung nach innen, die Abwertung des Anderen und die Aufwertung des Eigenen, die Wahrung von Privilegien und Exklusion, die Externalisierung des eigenen Sexismus, eine Identitätspolitik für die Mehrheitsgesellschaft, das Halten auf sozialen Abstand und das Verweisen auf niedrigere soziale Positionen, den Anspruch auf Dominanz gegenüber den Muslimen, die Erklärung und Rechtfertigung gesellschaftlicher Ungleichheiten.

Die Weblogs schaffen Foren, um sich gegenseitig in der Feindseligkeit zu bestärken und für Aktivitäten jenseits des Internets zu mobilisieren. Sie beeinträchtigen darüber hinaus das Sicherheitsgefühl von Musliminnen und Muslimen.

Fazit

Die Autorin Yasemin Shooman wirft in ihrem Buch einen kritischen Blick auf die historischen Hintergründe, die Merkmale und die Funktionen von antimuslimischen Topoi (Argumentationsmustern), die sich zu Narrativen verbinden lassen, die in einer Art Ausgrenzungsmechanismus Kollektivzuschreibungen vornehmen, um eine vermeintlich homogene Gruppe zu beschreiben.


Rezensentin
Dr. Barbara Mahmoud
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Zitiervorschlag
Barbara Mahmoud. Rezension vom 17.08.2015 zu: Yasemin Shooman: »... weil ihre Kultur so ist«. Narrative des antimuslimischen Rassismus. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2866-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18095.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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