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Elisabeth Erndt-Doll, Hilke Lipowski: 55 Fragen & Antworten (Raumgestaltung Kita)

Cover Elisabeth Erndt-Doll, Hilke Lipowski: 55 Fragen & Antworten. Gestaltung von Räumen in der Kita. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2014. 86 Seiten. ISBN 978-3-589-24808-7. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 23,70 sFr.
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Thema

Die Pädagogik dachte immer schon gerne darüber nach, was für das gedeihliche Aufwachsen der Kinder gut und von Bedeutung sei. Genau das war ja überhaupt ihr Entstehungsgrund. Was nun wirklich unter den Wirkfaktoren den größten Einfluss auf Kinder ausübt – z.B. Inhalte, Methoden, Umgebung oder „der Erzieher“ –, diese Frage kam vor allem mit der empirischen Pädagogik auf. Aus dieser Sicht wäre auch zu fragen, welche Bedeutung „der Raum“ bei Bildung und Erziehung tatsächlich hat und haben kann. Nach der Häufigkeit der Beschäftigung in der Literatur auf dem derzeitigen Markt, müsste der Raum eine überaus große Bedeutung haben; die Verlage publizieren derzeitig gerne über die Raumproblematik in der Pädagogik.

Autorinnen

Der Cornelsen-Verlag veröffentlichte „55 Fragen und Antworten. Gestaltung von Räumen in der Kita“ von Elisabeth Erndt-Doll (Diplom-Sozialpädagogin (FH) und Erzieherin) und Hilke Lipowski (Erzieherin und Kindheitspädagogin).

Aufbau und Inhalt

Das Büchlein (86 Seiten; DIN A 5) ist in vier Kapitel eingeteilt. Diese beziehen sich auf:

  1. Grundlagen der Raumgestaltung
  2. Was Raumgestaltung alles bewirken kann,
  3. Wie Räume im Alltag erlebt werden,
  4. Sogenannte kleine Dinge mit großer Wirkung.

Zunächst hält das Buch, was es verspricht, nämlich 55 Fragen. „Die Frage“ ist in der Pädagogik gängig geworden. Sie scheint den Imperativ ersetzen zu sollen. Dieser ist normativ und will Vorgaben machen – auch Vorschriften. Jene kommt höflicher daher – scheinbar. Die Frage kann auch ein Zeichen für Selber-nicht-wissen sein, muss es aber nicht. Die beiden Autor-Erzieherinnen geben meistens auf ihre Fragen gute Auskünfte, wobei dem Werk auch eine andere Form als die 55 Fragen gut getan und weniger eintönig gewirkt hätte.

Die Autorinnen haben sich vor allem in der Reggio-Pädagogik umgeschaut und betonen somit die Bedeutung des Spiegels (S. 16, 39, 73): Spiegel-Wagen, Spiegel-Würfel, Boden-Spiegel, Spiegelzelt, Wickelspiegel, Zerrspiegel, Spiegel im Raum (S. 74 f.). Aber auch von anderen Raumkonzepten ließen sie sich inspirieren, z.B. Pikler, Freinet, Montessori.

Diskussion

Was eine Bewertung des Büchleins anbetrifft, so ist positiv hervorzuheben, dass die Autorinnen sich anschicken, von den Bedürfnissen des Kindes auszugehen. Allerdings ist zu fragen, ob der Bedürfnisbegriff zutreffend verstanden wird (einige zentrale Bedürfnisse werden nicht genannt, S. 9). Außerdem ist positiv hervorzuheben, dass die Autorinnen aktuelle Fragen, wie z.B. Gender- und Inklusionspädagogik, nicht auslassen. Auch den Aussagen über Erzeugung und Gestaltung von Atmosphäre (S. 27 f.) kann man nur beipflichten und der Beachtung empfehlen.

Daneben sind aber auch einige kritische Anfragen an das Büchlein bzw. die Position der Autorinnen zu stelle, z.B.: Welchen Bildungsbegriff vertreten sie? Soll „Bildung“ in gleicher Bedeutung wie „Lernen“ verstanden werden? Dann das Problem mit dem „offenen Kindergarten“: Wie steht man wirklich dazu? Es reicht nicht aus, in ziemlicher Harmlosigkeit zu formulieren: „So haben die Eltern ein Recht darauf, als Start in den Kita-Tag gut informiert zu sein. Wer ist heute da? Wer betreut welchen Schwerpunkt im offenen Haus? Wer ist für mich und mein Kind beim Ankommen und Abholen zuständig?“ (S. 58) Außerdem ist zu fragen, ob das Schöpfen aus der Reggio-Pädagogik in diesem Maße, wie es die Autorinnen tun, berechtigt und ausreichend ist. Immerhin können Praktikerinnen und Praktiker in dem Büchlein auch lernen, was eine „Remida“ ist (S. 79), wobei gleich das Bekenntnis stattfindet: „Eine Remida ist eine riesige Restekiste.“ (S. 79)

Dass dem Raum und dessen Gestaltung in Erziehung und Bildung Bedeutung zukommt, ist nicht zu bestreiten. Allerdings ist er nach allgemeiner erziehungswissenschaftlicher Auffassung und nach meiner Auffassung nicht der „dritte Erzieher“, wie es im besprochenen Büchlein auf S. 10 heißt. Dieses Bild ist nicht zutreffend und nicht hilfreich, weil es den wahren Erzieher (die Erzieherin) herabmindert. Der Raum kann etwas beitragen, aber nicht „erziehen“. Der Raum sollte in der erziehungswissenschaftlichen Fachsprache als Sozialisationsfaktor betrachtet und bezeichnet werden und möglichst nirgendwo mehr in dieser unerlaubtermaßen personifizierten Form „Erzieher“ genannt werden. Der Raum wird niemals „wirklich zum Erzieher“ (S. 10).

Fazit

Dennoch: Ich empfehle das Büchlein mit seinen 55 Fragen und allergrößtenteils gelungenen Antworten einer anregenden und inspirierenden Lektüre.


Rezension von
Prof. Dr. Norbert Huppertz
Homepage www.wibeor-baden.de/huppertz/
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Zitiervorschlag
Norbert Huppertz. Rezension vom 29.07.2015 zu: Elisabeth Erndt-Doll, Hilke Lipowski: 55 Fragen & Antworten. Gestaltung von Räumen in der Kita. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2014. ISBN 978-3-589-24808-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18102.php, Datum des Zugriffs 23.01.2021.


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