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Veronika Baur, Hilke Lipowski et al.: Inklusion in der Kita

Rezensiert von Prof. Dr. Wolfgang Berg, 21.01.2015

Cover Veronika Baur, Hilke Lipowski et al.: Inklusion in der Kita ISBN 978-3-589-24868-1

Veronika Baur, Hilke Lipowski, Lisa Lischke-Eisinger: Inklusion in der Kita. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2014. 112 Seiten. ISBN 978-3-589-24868-1. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 23,70 sFr.
55 Fragen & Antworten.

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Thema

Der vorliegende Band befasst sich, wie andere Ausgaben in der 55-Fragen-Reihe dieses Verlages auch, mit Fragen der frühkindlichen Bildung, konkret mit der Entwicklung von Kitas in Richtung Inklusion.

Autorinnen

Die Autorinnen sind wissenschaftliche Referentinnen am Deutschen Jugendinstitut in München mit vielfältigen Praxiserfahrungen in Einrichtungen der frühkindlichen Bildung und in der Fortbildung.

Aufbau

Der Band besteht aus 55 jeweils bis zu zwei Seiten langen Einträgen zu einzelnen Stichwörtern, in Frageform gekleidet und lose auf sechs Kapitel verteilt.

Inhalt

Die Autorinnen plädieren vehement für die Inklusion in Kindertageseinrichtungen. Gemeint ist damit, dass Kitas allen Kindern offenstehen und die Vielfalt von Bedürfnissen, Interessen und Biografien gleichberechtigt berücksichtigen. Dieser Ansatz ist allein schon durch die Menschenwürde begründet und in den Allgemeinen Menschenrechten, der sog. Salamanca-Erklärung („Recht auf Bildung für alle”), der Behindertenrechtskonvention und vielen anderen Dokumenten ausformuliert. Praktisch bedeutet Inklusion, dass jedes Kind individuell gefördert wird und an Gruppenaktivitäten, auch Entscheidungsprozessen teilhat.

Inklusion geht von der Tatsache der Diversität aus und will jede Diskriminierung aufheben. Die gängigen Kategorien von Diversity wie Gender, Herkunft, Religion, Schicht etc. sind jedoch aus konstruktivistischer Sicht lediglich Zuschreibungen. Sie verstellen zudem den Blick auf Kompetenzen und Potentiale; Erzieher und Eltern sollen vielmehr wahrnehmen, was Kinder (schon) können.

Die pädagogischen Fachkräfte haben die Aufgabe, die Entwicklung eines Kindes zu begleiten, nämlich das aktuelle Niveau eines Kindes einzuschätzen und den folgenden Schritt in der „Zone der nächsten Entwicklung” (nach Vygotsky) zu unterstützen.

Eine wesentliche Aufgabe besteht darin, die Sprachentwicklung zu fördern. Beim Spracherwerb handelt es sich um einen impliziten Lernprozess, der kontinuierlich, aber beiläufig geschieht. Deshalb sollen die Fachkräfte Interaktionen und Situationen schaffen, in denen Kinder miteinander kommunizieren, alltägliche Rituale, z.B. das Wickeln, verbal begleiten oder das Spielgeschehen kommentieren.

In Richtung auf Inklusion ist einiges zu ändern. Dies beginnt bei den Räumen, die Kindern Gestaltungsfreiheiten eröffnen, Bewegung (Toben, Klettern usf.)und selbstbestimmte Aktivitäten, Entdeckungen ermöglichen sollen. Andere Kinder brauchen Hilfsmittel, wie Sitzkissen oder Armlehnen. Reichhaltige Materialien zum Erkunden und Experimentieren gehören auch dazu.

Inklusive Pädagogik setzt auf Gruppenaktivitäten, an denen sich alle Kinder beteiligen können, wobei die „individuelle Einbringung” anderen Kindern sichtbar gemacht wird: Unterschiede dürfen angesprochen und hinterfragt werden. Auch den Fachkräften muss man anmerken, dass sie Vielfalt wertschätzen.

Diskussion

Die 55 Antworten sind eine überzeugende Einladung zur Inklusion.

Allerdings sind die Adressaten nicht klar definiert. Teils werden „pädagogische Fachkräfte” beschworen, teils die Leser mit einem selbstsicheren „wir” vereinnahmt. Dabei benutzen die Autor_innen gern auch noch weitere geschlechtsneutrale Akteure wie „Inklusive Pädagogik”, obwohl sie eingangs begründen, weshalb sie die besondere Schreibweise (Gendergap?) wählen. Das Ergebnis ist spätestens im Falle eines Dativs arg verquer. Noch ein Punkt: Mitunter werden „Bedingen” und „Bewirken” verwechselt.

Sehr zu begrüßen ist der weite Begriff von Inklusion, der über die körperlichen Funktionen und Leistungen, die Behinderung hinausführt. Die Autorinnen warnen zurecht vor der Reduktion des Menschen auf eine Kategorie (z. B. Migrationshintergrund), sie werben für eine ganzheitliche Sicht auf das Kind, als Individuum mit Eigensinn.

Auch wenn sich die Autorinnen immer wieder mit möglichen Bedenken gegen (zu viel) Inklusion auseinandersetzen, machen sie es sich manchmal doch zu leicht. Diversität hin oder her, „Nicht jeder Unterschied ist erhaltenswert”, heißt es auf S. 8. Was folgt daraus? Zum Fördern gehört also doch auch mal Bremsen, Korrigieren? Man muss es ja nicht Defizit nennen, aber auch bei „Entwicklungspotentialen, die nicht ausgeschöpft” sind oder bei „besonderem Förderbedarf” scheinen Normen und Normalität durch.

Fazit

Warum es genau 55 Fragen und Antworten sein müssen, bleibt ein Geheimnis. Aber Layout, Aufmachung und Stil sind angenehm, heiter. Das Buch ist ein erfrischendes Plädoyer für Inklusion in der Kita, das Einsichten bringt und Motivation schafft.

Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Es gibt 128 Rezensionen von Wolfgang Berg.

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ISSN 2190-9245