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Dirk Jahreis (Hrsg.): Basiswissen Inklusion

Cover Dirk Jahreis (Hrsg.): Basiswissen Inklusion. Bausteine einer Schule für alle. Dr. Josef Raabe Verlags-GmbH (Stuttgart) 2014. 164 Seiten. ISBN 978-3-8183-0719-6. 15,90 EUR.
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Thema

Seit dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 auch in Deutschland ist das neue Leitbild des Bildungssystems der englische Begriff „inclusion“, wonach in ein „Regel“-Bildungssystem alle Schülerinnen und Schüler „eingeschlossen“ sind und somit Behinderte nicht separiert werden. Das individuelle Lernen aller Lernenden mit heterogenen Lernvoraussetzungen in dieser „Regelschule“ rückt „in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit“ – so der Herausgeber und Autor des ersten Beitrages (S. 1). Dies erfordert eine entsprechende Professionalisierung der Lehrenden und die dazu notwendigen institutionellen Rahmenbedingungen, was in diesem Buch bearbeitet und erläutert wird.

Herausgeber/Autor/Innen

Herausgeber und Mitautor ist Dr. Dirk Jahreis, Georg-August-Universität Göttingen. Mitautoren der Beiträge sind

  • Dr. Christina Jahreis, Lehrerin an einer Gesamtschule in Göttingen;
  • von der Universität Köln Gino Casale, Prof. Dr. Thomas Hennemann und Dennis Hövel;
  • von der Universität Duisburg/Essen Prof. Dr. Annemarie Fritz-Stratmann, Gabriele Klüsener und Prof. Dr. Antje Ehlert;
  • von der Universität Rostock Dr. Kathrin Mahlau, Anne Schöning und Marie-Elisabeth Wöhlbier.

Aufbau und Inhalt

Der Herausgeber stellt als Autor des ersten Beitrages vor: „A Bausteine inklusiver Bildung“ (1 ff.). Von zentraler Bedeutung für den erforderlichen produktiven Unterricht sind vier „Heterogenitätsdimensionen: sozio-ökonomischer Status, Migration, Geschlecht und Behinderung“ (2), die – auch im internationalen Vergleich – erläutert werden. Nach einer ausführlichen Vorstellung der vier Bedingungen erfolgreichen Unterrichtens in inklusiven Settings (Diagnose der individuellen Lernvoraussetzungen, Binnendifferenzierung des Unterrichts, evidenzbasiertes Unterrichten und Fördern sowie Kooperation im Kollegium – 7 ff. -) werden im dann folgenden Abschnitt „die Professionalisierung der am Bildungsprozess beteiligten Personen und die Veränderung der institutionellen Rahmenbedingungen als Grundvoraussetzungen benannt“ (22). Das Aufgeben der getrennten Zuständigkeiten von Sonderpädagogen und Lehrenden an „allgemeinbildenden“ Schulen ist notwendig (24).

Das Autorenteam aus Rostock (s. o.) arbeitet in seinem Beitrag „B Intelligenz- und Sprachförderung“ in der Schule heraus (25 ff.). Dabei haben Denktrainingsprogramme zur Förderung des induktiven Denkens auf die Intelligenz besondere Bedeutung (32). Die Programmreihe von Marx & Klauer „Keiner ist so schlau wie ich“ wird ausführlich vorgestellt (33 ff.). Sie umfasst drei Programmhefte für Kinder ab vier bzw. ab fünf Jahren bzw. für das Vorschulalter; die Arbeitshefte können „bis zum Erreichen des achten Lebensjahres eingesetzt werden“ (Preis für die drei Hefte nach Recherche des Rezensenten ca. 48,-- EUR). Diese Denktrainings sind Bausteine zur Förderung kognitiver und sprachlicher Fähigkeiten in der Schule und „sind sowohl für Schüler mit kognitiven Beeinträchtigungen, als auch für Schüler ohne kognitive Beeinträchtigung geeignet“ (41).

„C Schulische Prävention von Gefühls- und Verhaltensstörungen“ ist der Themenschwerpunkt des Beitrags aus Köln (43 ff.). Das Autorenteam „bietet einen Überblick über wirksame Präventionsmaßnahmen zur gezielten Förderung emotional-sozialer Kompetenzen im schulischen Kontext an“ (44). Nach definitorischer Klärung werden Forschungsergebnisse zur Resilienz vorgestellt und Konsequenzen für die Prävention im Kindes- und Jugendalter gezogen (46 ff.) sowie die besondere Bedeutung der Schule für Präventivinterventionen in der Primarstufe (54 ff.) und eine systematische Förderung in der Sekundarstufe I, die dort „besonders günstig“ ist (64). Für die 1. und 2. Klasse wird z. B. das Präventionsprogramm „Lubo aus dem All“ skizziert, das in 30 Stunden „exakt in der angegebenen Reihenfolge durchzuführen“ ist (59); es ist (zuzüglich 23 weiterer Trainingsstunden) 2013 in 2. Auflage erschienen, Preis derzeit 124,-- EUR. Abschließend werden zehn Wirksamkeitskriterien gelingender Prävention identifiziert: z. B. klare Zielformulierung, Transfer in den Alltag, Erziehungspartnerschaften, begleitende Evaluation (69 ff.).

Dirk und Christina Jahreis aus Göttingen betiteln ihren Beitrag wie folgt: „D Diagnose und Förderung der Lesekompetenz im inklusiven Unterricht“ und heben hervor, „dass Lesekompetenz auch in der Sekundarstufe systematisch in allen Fächern weiterzuentwickeln ist“ (73 ff.). Sie stellen ein Konzept zu diesem Thema vor, das zu großen Teilen seit 2009 in Niedersachsen an einer Gesamtschule erprobt und evaluiert wurde. Nach Darlegung theoretischer Grundlagen der Lesekompetenz wird die Frage beantwortet, wie die Lesekompetenz diagnostiziert werden kann (78 ff.). In einem entwickelten Stufenmodell der Unterstützung der Lesekompetenz werden fünf Niveaustufen der Lesefertigkeit unterschieden (80 f.). Der Einsatz evidenzbasierter Methoden der Leseförderung wird beurteilt (82 ff.). Lernverläufe lassen sich durch prozessdiagnostische Verfahren sichtbar machen (91 ff.). Nach einem Beispiel zur Evaluation der Leseförderung wird abschließend im Beitrag das „Haus des Lesens als Element inklusiver Schulentwicklung“ herausgearbeitet (95 ff.).

„Kaum ein Schulfach wird von Schülern und Schülerinnen so emotional und so widersprüchlich betrachtet wie das Fach Mathematik.“ Deshalb bearbeitet das Autorenteam aus Duisberg/Essen in seinem Beitrag „E Diagnose und Förderung mathematischer Kompetenzen in der Grundschule“ (101 ff.). Dazu blicken die Autoren einführend auf den Entwicklungsverlauf im Säuglings- und Kleinkindalter aufgrund von eindrucksvollen experimentellen Studien der letzen drei Jahrzehnte (102 f.). Ein Modell zur Entwicklung mathematischer Konzepte und deren Diagnostik wird vorgestellt (104 ff.). Zwei zentrale Konzepte für die Förderung des mathematischen Konzepterwerbs in der Schuleingangsphase werden skizziert sowie das Diagnose- und Trainingsprogramm Kalkulie ausführlich dargestellt (109 ff.), dessen Ziel es ist, „Kindern des ersten bis dritten Grundschuljahres zentrale mathematische Konzepte zu vermitteln“ (121).

Das Kölner Autorenteam rundet das Thema des Buches mit einem zweiten Beitrag ab: „F Die präventive Schule – eine inklusive Schule“ (123 ff.). Hier werden u. a. vier Empfehlungen gegeben (126 ff.):

  • Prävention konsequent ausbauen,
  • Dezentralisierung sonderpädagogischer Unterstützung und Ressourcen (wie z. B. in Kanada),
  • Ausbau von Lern- und Entwicklungsverlaufsdiagnostik,
  • Gelingenheitsbedingungen für eine qualitativ hochwertige Inklusion und deren prozessbezogene Evaluation auf den Ebenen der Lehrkräfte, der psychosozialen Entwicklung aller Lernenden in den Lerngruppen, der Klassenzusammensetzungen.

Ein ausführliches Literaturverzeichnis sowie Angaben zu den Autorinnen und Autoren enthalten die Seiten 135 ff.

Diskussion

  1. Die berufsbildenden Schulen in Deutschland sind seit Jahrzehnten inklusive Schulen. Denn sie hatten stets auch schulpflichtige Jugendliche als Abgänger aus Sonder- bzw. Förderschulen und Schüler/innen ohne Abschluss einer Sekundarschule zu beschulen. Vor allem aus handlungstheoretischer Sicht wurden ab den l970er Jahren neue Wege der Unterrichtsgestaltung eingeschlagen, die den Rezensenten stark daran erinnern, wenn er die Vorschläge der Autoren für eine inklusive Schule sowie die Schilderung der Praxisberichte aus dem Grundschul- und Sekundarbereich zur Kenntnis nimmt und sehr begrüßt. Warum wird in Deutschland auf der wissenschaftlichen Theorieebene im „allgemeinbildenden“ Bereich nicht auch auf diese Erfahrungen im Bereich der Berufspädagogik aus den 1980er und 1990er Jahren zurückgegriffen sowie auch auf eine handlungstheoretische Fundierung? Auch vergleichbare Theorie- und Praxisberichte aus diesem Bereich der Erziehungswissenschaft liegen vor!
  2. Die Autoren Jahreis/Jahreis schlussfolgern in ihrem Beitrag, dass im Kontext der Förderung der Lesekompetenz die Eltern eine Schlüsselposition einnehmen, „da über sie unmittelbar auf die Lesesozialisation der Lernenden eingewirkt wird“ (96). Gilt dies nicht grundsätzlich, so dass die Eltern stärker als bisher in die konkrete Schulentwicklung aller Stufen und Formen einbezogen werden sollten?
  3. Der Herausgeber konstatiert in seinem ersten Beitrag: Evidenzbasiert unterrichten heißt, dass Lehr- und Lernmethoden sowie Materialien und Programme „nur dann im Unterricht eingesetzt werden, wenn empirische Forschungsergebnisse nachgewiesen haben, dass postulierte Effekte bei der Anwendung tatsächlich eintreten“ (12). Werden mit einer solchen Feststellung der oft situationsangepassten Spontaneität und Kreativität vieler, vieler Lehrenden nicht zu enge Grenzen gesetzt, die auch ein Überschreiten „eingefahrener“, traditioneller Lehr-(und damit Lern-)Wege und somit das individuelle Suchen nach „neuen“ Wegen verhindern?!

Fazit

Inklusion war und ist nicht nur ein Anstoß für eine Weiterentwicklung des Schulsystems in Deutschland, sondern bestätigt bisherige Entwicklungen bei der Unterrichtsgestaltung und regt an, diese Erfahrungen zu erweitern und aufgrund neuester Forschungsergebnisse und Notwendigkeiten auch zu verändern. Wesentliche Bausteine oder „Wegmarken“ der Schulentwicklung zu einer „Schule für alle“ werden in diesem Buch vorgestellt. Damit geht das Buch mit diesem „Basiswissen“ weit über das Thema Inklusion hinaus. Eine interessante Lektüre, die Anregungen für jeden Unterricht gibt – auch, wenn an vielen Schulen aller Schulformen und -stufen bereits in diesem Sinne erfolgreich gearbeitet wird. Eine weite Verbreitung dieser Informationen erhofft der Rezensent aufgrund seiner Recherchen in einigen Bundesländern, weil manchen Grundschulen solche Förderprogramme unbekannt sind.


Rezensent
Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap
Ltd. Regierungsschuldirektor a. D.


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Zitiervorschlag
Klaus Halfpap. Rezension vom 26.03.2015 zu: Dirk Jahreis (Hrsg.): Basiswissen Inklusion. Bausteine einer Schule für alle. Dr. Josef Raabe Verlags-GmbH (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-8183-0719-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18104.php, Datum des Zugriffs 20.01.2019.


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